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Full text of "Archäologischer Nachlass aus Rom"

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ARCHÄOLOGISCHER MC 



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AUS ROM 



VON 



EDUARD GERHARD 



ü N D I) R S S K N F R E U N 1) K N. 



BERLIN, 1852. 

DRUCK UND VERLAG VON GEORG REIHER. 



3 



DEM 



HERZOG VON LVYNES 



IN BEKANNTER VEREHRUNG 



ZUGKEfGNET. 



Vorrede. 



SSeit vor bald zwanzig Jahren ein erster Band ,,hy|)erbo- 
reisch-römischer Studien für Archäologie" von mir heraus- 
gegeben ward, ist die Benennung römischer Hyperboreer 
zugleich mit dem Freundeskreise veraltet, der vormals sich 
ihrer bediente: das archäologische Institut am Tarpejafels 
hat sie vergessen gemacht, und wenn, eines nie vergesse- 
nen Rückstandes wegen, ein zweiter Band jener „Studien** 
noch erfolgen sollte, so war dies kaum anders als durch 
eine Sammlung eines aus römischen Arbeiten deutscher 
Archäologen zusammengesetzten „römischen Nachlasses** 
möglich. Meinerseits besteht dieser Nachlafs aus drei auf 
Faunus, Venus-Proserpina und auf die Hermen bezüglichen 
Abhandlungen, welche theils nur italiänisch gedruckt, theils 
noch unveröffentlicht waren; eine zu gleichem Behuf vor- 
behaltene Abhandlung über Endymion ward, nachdem Otto 
Jahn die Konstdarstellungen dieses Gegenstands ausführlich 
behandelt hatte, zurückgelegt. Eben so gab ich die auf 
Kunstgeschichte und Kunsterklärung bezügliche Fortsetzung 
meiner im ersten Bund dieser „Studien"' enthaltenen „Grund- 
züge der Archäologie'* gegen die frischere Zulhat ver- 
wandten Gegenstands auf, welche Emil Braun durch den 
an die Spitze dieses Bandes gestellten Aufsatz über üeuk- 



VIII 



inälerkunde mir bot. Indem ich diesen Ersatz einem Freund 
danke ^ dessen nun bereits vieljährige römische Wirksam- 
keit veranlafst zu haben nicht selten als bester tievvinn 
und Nachlafs meiner römischen Lustra mir erscheint, bleibt 
eine andre Schuld zu erwähnen^ die weniger leicht und 
genügend zu tilgen war. Auf dem Titel des ersten Bandes 
dieser „Studien" wurden Beiträge von Stackeiberg ver- 
sprochen, am Schlufs der Vorrede desselben Bandes deren 
Ausbleiben beklagt; nachdem dieser edle Freund dahin ge- 
schieden ist, hätte ich gern auch aus seinem Nachlafs einen 
seines Namens würdigen Beitrag gegeben, am liebsten 
aus jener weiland ihm unversiegbaren Fülle reproductiven 
Kunstgefühls, welche für Griechenlands Kunst- und Ideenwelt 
unter den Lebenden vielleicht nur der Herzog von Luynes 
mit ihm Iheilt. Allzu wenig gereifte Arbeiten sind von 
Stackeiberg übrig geblieben; indefs werden auch die Reli- 
quien, die wir als Probstücke seiner Mythologie und Perie- 
gese, mit einigen biographischen Notizen vereint, am Schlufs 
dieses Bandes geben, günstigen Lesern nicht durchaus un- 
willkommen sein. 
Berlin, 25. Juli 1852. 

£• Gerhard. 



^. 



Inhalt. 



Seile 

I. Grundrifs der Denktnalerkonde yon Emil Braun .... 1 

IL Ueber Faanns und dessen Genossenschaft yon E, Gerhard 77 

III. Venus-Proserpina von E, Gerhard 119 

IV. Ueber Ursprung, Bedeutung und Anwendung der Hermen 

von E. Gerhard 197 

V. Aus Stackelherg^s Nachlafs 285 

1. Mythologisches Gedicht 287 

2. Die Reise zum Styx 293 

Biographischer Anhang 298 



Grandzöge der 



Einleitung. 

1. Das Ausdrucksvermögen, zu welchem die Griechen 
1 allen GeislesofTenbarungen gelangt waren, hatte sich zu 
iner solchen Macht entwickelt, dafs alle Lebensäufserungen 
on derselben beherrscht erscheinen. Sowie in der Natur 
er Thautropfen der am frisch erschlofsenen Blumenkelch 
aftet, die Harmonie des ganzen Weltalls abspiegelt und 
e Krystalle des Sandkorns die Gesetze des Vernunftzu- 
immenhangs, dem sich alles Erscheinende unterordnen mufs, 

ihrer ganzen Macht offenbaren, so läfst jedweder, auch 
;r roheste Stoff, den eine Griechenhand berührt, von der 
jrklopenmauer bis zu dem Wundergefüge des Hekatompe- 
\n der AkropoUs, oder von dem ältesten Schriftzug bis zu 
in Gebilden des Phidias hin, diesen überall hervortreten- 
5n Schönheitssinn wahrnehmen. 

2. Diese Thatsache, welche der allgemein verbreiteten 
iperstition zu Grunde hegt, dafs nur das Antike den Werth 
it, welchen es auf den ersten Anblick in Anspruch nimmt 
id dafs die geschickteste moderne Fälschung gegen die- 
n Zauber nicht Stich zu halten vermag, sichert allein der 
enkmälerkunde selbständiges Leben. 

3. Dem Grundsatz zufolge, dafs alle Erzeugnifsc grie- 
ischer Hand einer gewissen Realität theilhaftig geworden 
id, dürfen >vir jedes Denkmal jener merkwürdigen Epoche 






4 BRAUN 

des Menschengeisles für diese iinsre Wissenscliaft in Anspruch 
nehmen. Auch schriftliche Denkmäler gehören demnach 
wenigstens einem Theil ihres Daseins nach zu dem Bereich 
der Denkmälerkunde, mögen sie immerhin dazu bestimmt 
sein nachmals den Auslegern der Sprachdenkmäler und den 
Geschichtsforschern in Beziehung auf ihren Inhalt übergeben 
zu werden. 

4. Der Zweig der Denkmälerkunde, welcher uns be- 
schäftigt ^ befafst ausschUefslich das Griechenthum und die 
Gebilde griechischer Hand. Dafs indefs darin die Denk- 
mäler Etruriens und der Römerzeit mit inbegriffen sind, ist |t 
folgerecht. In beiden offenbart sich dasselbe Kunstvermö- *= 
gen, dort nur in absichtlich festgehaltener Beschränktheit, i 
hier in seiner Abschwächung. 

5. Aber nicht blos römischer Prunksucht hat die 
griechische Kunst gedient, auch den Völkern Asiens bat sie 
eine Anleitung gegeben ihren Gedanken künstlerischen Aus- 
druck zu verleihen, ja sogar auf die Colossalgebilde Aegyp- 
tens hat sie rück\virkend Einflufs geübt, und obwohl dieser 
Einfiufs vom Standpunkt der in dem Nilthal heimischen 
Kunst aus ungünstig zu nennen ist, so ist es doch schon 
ruhmreich selbst jenen starren Bildern das Siegel grieclii- 
scher Weltansicht aufgedrückt zu haben. 

6. Die griechische Kunst ist aber zu einer absoluten 
Weltherrschaft gelangt und man kann sagen, dafs heutzu- 
tage ihr alle höhere Kimstäufserung entweder untergeben 
oder doch für ihr bestes Theil verpflichtet ist. Sowie die 
christUche Glaubenslehre vom Apostel Paulus bis auf unsre 
Tage von griechischer Philosophie und Poesie nicht unbe- 
theiligt blieb, so ist auch die christHche Kunst für ihre 
herrlichsten Offenbarungen den Griechen verpflichtet. 

7. Die höchste Erkenntnifs griechischer Kunst ist aller- 
dings die geschichtliche. Sie begreift die Entwicklung des 
Keims und die Entfaltung der Blüthe; nur der welcher die- 
ser wunderbaren Entfaltung des Menschengeistes von An- 
fang bis zu Ende zugeschaut hat, vermag es auch den 

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ist 

Um- 

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I 



GRÜNDZ«GE DER DKNKiMALKRKUNDE. 5 

Werth und die Bedeutung der in Folge derselben gereiften 
und tausendfältig verschiedenen Früchte zu beurtheilen. 

8. Diese Erkenntnifsweise ist indefs selbst eine sehr 
vermittelte. Sie ist das Endergebnifs aller wissenschaftlichen 
Erforschung der Denknüälerwelt Sowie das Studium der 
natürlichen Erscheinungen mit einer sogenannten Natura 
geschichte beginnt, die Geschichte der Natur aber das 
fetzte Ziel bildet, auf welches die Meister lossteuern, so 
dürfen zwar auch bei der ersten Bekanntschaft mit der 
Denkmälerwelt gewisse kunstgeschichtliche Allgemeinheiten 
mitzuiheilen nicht vergessen werden, das Studium der Wis- 
senschaft selbst aber kann mit der Kunstgeschichte zwar 
aufhören, aber nicht beginnen. 

9. Niemand wird so thöricht sein, den Unterricht in 
den alten Sprachen mit griecliischer und römischer Littera- 
turgeschichte beginnen zu lassen, sondern den Knaben in 
jene Ringschulen der praktischen Geistesentfaltung senden, 
aus welchen die Helden der Gedankenfreiheit hervorgegan- 
gen sind. Ebenso mufs die Denkmälerkunde mit jener 
systematischen Uebung des Bhcks beginnen, welche dazu 
führen soll Eindrücke die auf die Anregung gemeiner Sin- 
nenlust berechnet sind, rasch zu vernichten imd die Wunder 
des Tiefsinns und die höchsten Aeufserungen der Sittüch- 
keit auch unter befremdlicher Hülle und unter Formen, die 
für das moderne Gefühl verletzend erscheinen, mit Sicher- 
heit zu entdecken. 

10. . Bis zur Ausbildung dieses sicheren Tacts, zur 
völligen Entfaltung des Kennervermögens bedarf es aber 
langer und ununterbrochener Anstrengungen sowohl von 
Seite des Lehrenden als des Lernenden. Der Täuschungen 
liegen auf diesem Wege gar viele und sehr oft sehen wir 
selbst diejenigen, welche zu wahrer Kennerschaft vorge- 
drungen sind, für den Kern die Schale nehmen. Eine 
solche falsche Bewerthung von einzelnen Kunstwerken und 
ganzen Gattungen ist meist nicht mit einem absoluten Irr- 



^ BRAUN 

thiun des Uriheils verbunden, sondern durch das einseitige 
Verweilen bei Aeufserlichkeiten veranlafst. 

11. Eine allgemeine Kenntnifs der gesammten Kiinst- 
welt gewährt zwar die Vortheile weiter Umsicht, macht 
aber die genaue, tiefeindringende Virtuosität in der Kenner- 
schaft des Einzelnen ebenso unmöglich wie in der Littera- 
tur. Jede einzelne Gattung von Kunstwerken nimmt mehr 
oder minder ein ganzes Menschenleben in Anspruch. Um 
allen Anforderungen der Kritik zu genügen, reicht häufig 
sogar angeborenes Talent und mächtig anstrebender Ernst 
nicht aus, sondern es werden Erfahrungen verlangt, die 
nur ein langes Leben, vielfache Gelegenheit und beständige 
Uebung gewähren. 

12. Die Schwierigkeit solchen Studiums hat bei der 
grofsen Menge, die wie immer die höheren Lebenstendenzen 
verhöhnt, die Meinung hervorgerufen, zur unumstöfslichen 
Wahrheit, zu einem einstimmigen Urtheil liefse sich in der 
Untersuchung und Bewerthung von Kunstwerken ebenso 
wenig gelangen, wie zu einer alles befassenden Ueberzeu- 
gung in der Philosophie; und in der That sehen wir die 
Kunstansichten in raschem Laufe die Farbe wechseln wie 
die philosophischen Systeme. Jede kommende Generation 
tritt der vorangeschrittenen meist schroff entgegen und eine 
Aussöhnung scheint durchaus unmöghch. Für denjenigen, 
welcher in einer solchen Polarität der Ansichten den In- 
differenzpunkt nicht aufzusuchen den Muth und aufzufinden 
das Geschick hat, mufs diese Thatsache freilich etwas sehr 
Betrübendes haben und daraus erwächst bei Künstlern wie 
bei Beschauem jene Gleichgültigkeit, welche diese nur nach 
flüchtigem Sinnengenufs haschen läfst und jene veranla(st 
aus ihrer edlen Kunst ein gemeines auf Täuschung und 
Trug gerichtetes Gewerbe zu machen. 

13. Kunstwerke sind wie alles Irdische der Mode un- 
terworfen. Die römischen Sarkophage und ReKefs, welche 
vSanti Bartoli als die Wunderwerke der ewigen Stadt in 



GRUNDZÜGB DUR DENKMÄLURKUNDK. 7 

begeistertem Kunstvortrag publizirt hat> sind heutzutage ein 
Gegenstand vornehmer Geringschätzung. Dem grofsen Mei- 
ster in der Radiernadel macht man es zum Vor^vurf, dafs 
er die augenfälligsten Fehler jener Denkmäler verschwiegen 
und von ihrem Character willkührUch abgewichen sei. Selbst 
die Brennpunkte des Winckelmannschen Enthusiasmus sind 
mehr zu Gegenständen der Kritik als der Bewunderung ge- 
worden. Nur das Griechische hat fortan Werth, und auch 
unter den Werken griechischen Meifsels giebt man den Wer- 
ken des Phidias vor denen des Apollotempels von PhigaUa 
den Vorzug. Die sogenannten Puristen gehen noch weiter 
und machen den streng architektonischen Charakter der 
archaischen Kunst geltend, ja der Hochpunkt des Prinzips^ 
welches alle Kunst beherrschen soll, liegt für sie jenseits 
der Gränzen des Griechenthums in den Thälem des Ganges 
und des Nilstroms. 

14. Bei allen Widersprüchen die sich hier unauflöshch 
aneinander zu drängen scheinen, läfst sich dennoch eine 
gewifse Stufenfolge entdecken, welche allezeit eine perspec- 
tivische Aussöhnung verspricht. Es mufs einen Standpunkt 
geben, von welchem aus eine jede der im Fortgang der 
Zeit und der wachsenden Geistesbildung hervorgetretenen 
Ansichten in ihrer Einseitigkeit als wahr erscheint, ja wo 
sie selbst die Abtönung der verschiedenen Gründe jener 
grofsen Gesammtansicht bewerkstelligt, auf welche alles 
Kunststudium zuletzt hinarbeitet 

15. Um eine blos vorläufige Verständigung, mn eine 
Ausgleichung der verschiedenen Ansichten, wie sie allenfalls 
für gesellige Verträglichkeit wünschenswerth sein könnte, 
ist es dabei in der Wissenschaft freilich nicht zu thun. Hier 
müfsen wir nahe herantreten an das Einzelne, mülsen mit 
Maals und Gewicht den spezifischen Gehalt jeder Erschei- 
nung zu ermitteln suchen und die Difierenzpunkte an der 
Stelle aufzufinden wissen, an welcher sie ihren Sitz haben. 
Nur dadurch ist eine Aussöhnung bleibender Art möghch 



8 BRAUN 

und mit ihr ist zugleich das Resultat einer gründlichen 
Vermessung der Gränzgebiete der Wissenschaft übergeben. 



I. Uebersicht der Kunstgattungen. (Styl.) 

16. Die Kunstwerke zerfallen zunächst in eine Reihe 
grofser Massen nach ihrem Stoff, der niemals sein Recht 
ganz aufgiebt und mit dem sich der Künstler nur abfinden 
kann durch geschickte und tactreiche Beobachtung des Na- 
turgesetzes, welches ihn so geartet und nicht anders ins 
Dasein treten liefs und welches für ihn zum Stylgeselz 
wird. In dieser Sphäre hat dasselbe vorerst nur rein for- 
melle Geltung, allein auch in solcher übt es eine gebietende 
Gewalt und die manichfaltig schattirten Abweichungen von 
demselben liefern die Berechnung des spezifischen Werths 
einzelner Kunstwerke und ganzer Gattungen in Rücksicht 
auf ihr körperliches Dasein. 

17. Die griechische Kunst, in allen ihren Verzweigun- 
gen und bis in die Zeiten später Entartung herab, hat auch 
in dieser Beziehung die Segnungen eines strengen Elementar- 
imterrichts offenbart. Die in jenen frühen Kunstschulen 
Griechenlands mit feinem Gefühl erfafsten Grundsätze sind 
in Folge ununterbrochener^Tradition bis zur Epoche herein- 
brechender Barbarei festgehalten worden; freihch nicht mit . 
jener Frische des lebendigen Verständnisses, aber immer 
mit einer gewissen Strenge, die die Abweichung von dem 
Prinzip nie ganz gestattete. Kunstwerke aus demselben 
Stoff zeigen daher in allen Epochen des Griechenthums 
etwas Gemeinsames und dürfen wie eine Gattung von We- 
sen, wie die Natur sie schafft, betrachtet werden. 

18. Dieser Umstand macht es nicht blos zulässig, son- 
dern sogar wünschenswerth und räthUch die Denkmäler 
nach Gattungen und Arten zusammenzuordnen, und obwohl 
bei einer solchen Zusammenstellung die Erzeugnisse der 



GRUNDZÜGE DER DENKMÄLERKUNDE. 9 

flausten Jahrhunderte und der spätesten Zeiten verhältnifs- 
mäfsig sehr nahe an einander herantreten, so wird durch 
eine solche Anordnung für feine und richtige Unterschei- 
dung doch mehr gewonnen, als durch die subtilsten kunst- 
historischen Bestimmungen. Das Prinzip einer solchen wis- 
senschafthchen Anordnung ist zuerst von Zoega aufgestellt 
und durchgeführt worden; es wieder aufgenommen und 
festgehalten zu haben ist Gerhardts Verdienst. 

19. Diese grofsen Massen, welche die Kunstgattungen 
bilden, stehen unter einander selbst wieder in einer gewis- 
sen, nicht blos zufaUigen Verbindung. Ursprünglich haben 
alle ihren gemeinsamen Mittelpunkt in der Architectur. So- 
wie sich aber die in der Epoche der Freiheit erschaffenen 
Wesen der Natur mehr und mehr von dem Felsengerüste 
der Erde ablösen und zuletzt jede Beziehung zu diesem 
Grund und Boden ihrer Existenz aufzugeben scheinen, so 
zeigen auch die schönen Künste ein gleiches Streben sich 
überall von den strengen Gesetzen dieser Mutterkunst zu 
befreien, bis sie zuletzt zu einer solchen Selbständigkeit 
und Unabhängigkeit von ihr gelangt sind, dafs man nirgends 
mehr versucht ist an ihre gemeinsame Herkunft zu denken. 

20. Es wäre demnacli das NatürUchste mit der Be- 
trachtung der architektonischen Denkmäler zu beginnen und 
in der That wird das engere oder weitere Verhältnifs, in 
welchem die bildenden Künste zu diesen stehen, das rich^ 
tigste Prinzip der Aufreihung derselben abgeben. Die Bau-* 
denkmäler bilden aber eine für sich abgeschlofsene Welt, 
welche den Gegenstand einer besonderen Wissenschaft aus^ 
macht. Dieser also mufs die eindringlichere Untersuchung 
derselben vorbehalten bleiben, wohingegen für unsem Zweck 
die Anwendung der Hauptergebnisse derselben und die Er- 
wähnung der Bauten, auf welche sich einzelne Bildwerke 
oder ganze Reihen beziehen, genügt. Auch die Botanik 
und Zoologie ist alle AugenbUcke veranlafst auf geologische 
und klimatische Verhältnisse anzuspielen, ohne sich auf die 



10 BRAUN 

wissenschaftliche Erörterung der einschlagenden Thatsachen 
einlassen zu können. 

21. Diesem Grundsatz zufolge beginnen wir mit dem 
Relief^ welches die erste Kunstaufserung ist, der wir auf 
architektonischem Grund und Boden begegnen. Nicht blos 
das Individuum, selbst ganze Völker haben mit dieser Weise 
des bildUchen Vortrags begonnen. Von den Aegyptern hat 
Winckelmann mit Recht bemerkt, dafs selbst ihre Statuen, 
ja ihre Colosse immer noch mit der Narbe versehen sind, 
welche die Stelle ihrer Verbindung und Ablösung von der 
Architectur bezeichnet. Sie sind als Hochreliefs zu betrach- 
ten und als solche behandelt. Dafür würde man sie an- 
sprechen dürfen, auch wenn jenes pfeilerartige Band an 
der Rücklehne jeder ägyptischen Figur bis zu den kleinsten 
Amuletfigürchen herab nicht so unvertilgbar stehen geblie- 
ben wäre. Sie zeigen den Reliefstyl in seiner mächtigsten, 
aber auch starrsten Ausbildung und in dieser Welt der er- 
habensten architektonischen Strenge tritt una der Stylbegriff 
in einer anderen höheren Bedeutung entgegen als da wo 
blos von der Aussöhnung des Stoffs mit der bildUchen Form 
die Rede war. 

22. Der Uebergang von dem ReHef zur Statue bildet 
einen sehr bedeutmigsvoUen Moment in der Entwickelung 
des menschlichen Kunstvermögens. Auch bei den Griechen 
gab es Statuen lange bevor von einer Auffindung des sta- 
tuarischen Prinzips die Rede sein konnte. Diesen gewalti- 
gen Fortschritt legt die Sage dem Dädalos bei, der jenen 
starren Bildungen zuerst Leben und Athem einhauchte, ihre 
Augen öffnete und ihren Schritt entfesselte. Damit war die 
Freiheit gegeben, welche die bildende Kunst gegen die 
Architectur fortan genofs und deren sie sich nachmals bis 
zur Zügellosigkeit bedient hat, so dafs eine Aussöhnung mit 
der Mutter, die ihr das Leben gegeben, kaum mehr möglich 
gewesen ist. 

23. Der Stoff, dessen sich die primitive Kunstbildung 
bediente, an dessen Uebervvindung und Umbildung sie sich 



V 



GRUNDZÜGE DER DENKMÄLERKUNDE. 11 

zuerst gewagt, ist hartes Felsgestein. In dem Kampf mit 
dieser selbstsüchtigen Materie, welche ihre rohe Massen- 
haftigkeit nur unter der gröfsten Widerspenstigkeit gegen 
die Formen eines' höheren Bildungsprinzips aufgiebt, ist der 
Arm der Kunst erstarkt; diesem verdankt sie jene grofs- 
artigen Erfahrungen, an denen nachmals Jahrtausende ge- 
zehrt. In Folge desselben hat sie sich mit diesem Stoff auf 
eine so tiefeindringende Weise versöhnt, dafs wir harten 
Marmelstein sich der Künstlerhand fügen sehn wie in un- 
sem Tagen Thon und Erde dem Fingerdruck des vollen- 
deten Meislers. 

24. Nachdem eine solche Schule durchgemacht worden 
war, konnte die Kunst, ohne Gefahr sich zu verweichlichen, 
auch bildsamere Stoffe wie weiches Gestein und nafsen 
Thon zu behandeln wagen. Hätte sie mit diesen begonnen, 
so würde sie leicht auf Abwege gerathen sein, \vie jeder 
Künstler noch heute an sich in Erfahrung bringen kann. 
Die schönsten Gedanken diesen allzu bildsamen Stoffen an- 
vertraut verflüchtigen sich gar zu leicht und eine grofse 
Idee verlangt eine würdige Wohnstatt. Femer eignen sich 
aber auch diese unedleren Stoffe nicht zu vollendeten Kunst- 
werken; weiches Gestein widersteht zu wenig den Ein- 
flüssen der Atmosphäre und bedarf deshalb eines farbigen 
Ueberzugs; der genäfste Thon dagegen würde in sich selbst 
zerfallen, wenn man ihm nicht durch Sonnenglut oder Feuer- 
brand einen inneren Halt verschaffen wollte. 

25. Die Werke aus gebrannter Erde bilden einen 
der umfassendsten Zweige der alten Kunst, welche von 
diesen flüchtigen Erzeugnissen der Künstlerhand die sinnigste 
und geschickteste Anwendung zu machen gewufst hat. Man 
ist nie darauf ausgegangen mit Steingebilden in solchen 
Arbeiten zu wetteifern; man hat nicht mehr in dieselben 
gelegt als sie befassen konnten. Ihre Ausführung ist geist- 
reich aber anspruchlos. Sie sind gemacht wie um auf die 
IVoducte der Reife hinzuweisen, deren herrüche Offenba- 
rungen sie in lesbar derben Zügen entwerfen. 



12 BRAUN 

26. Und in der That ist der Mensch bei diesen Ge- 
bilden seiner Hand nicht stehen gebUeben. Durch den 
Metallgufs werden sie gleichsam in einen edleren Stoff 
umgesetzt. Ohne Thonmodelle und ein zweckmäfsiges Form- 
verfahren ist dieser gar nicht mögUch; dagegen haben Erz- 
bilder mit den Werken aus gebrannter Erde die meiste 
Verwandtschaft in Styl und Wesen beibehalten. Diese Er- 
findung, welche, wenn wir sie vor unsem Augen jetzt neu . 
entstehen sähen, den Anblick des gröfsten Naturwunders 
bieten würde, ist in der alten Kunst zu einer so universellen 
Herrschaft gelangt, dafs wir aufser Stande sind uns von 
ihr einen niu* einigermafsen concreten Begriff zu bilden. 
Das Colossalste wie das. Kleinste, das Kostbarste wie das 
Geringfügigste, die zartesten Aeufserungen des Künstlersinns 
wie die gewöhnüchsten Bedürfnifse des Lebens, ja alles 
was nur irgendwie mit bildender Kunst zusammenhängt, ist 
mit dem Metallgufs gleichfalls in Verbindung zu denken. 
Wie tief die Alten in die Naturgeheimnifse eingedrungen 
waren, von denen dieser Prozefs abhängig ist, beweist nicht 
blos die Trefflichkeit ihrer Güsse, sondern ganz besonders 
deren allen Glauben übersteigende Zahl. Von Lysippos 
allein werden nah an tausend Erzgüsse genannt. 

27. Früher noch als der Gufs oder wenigstens gleich- 
zeitig fällt die Bearbeitung des Erzes nut dem Hammer oder 
die getriebenen Arbeiten, welche wir nicht blos in den 
ältesten Künstlergeschichten erwähnt finden, sondern von 
denen auch Beispiele aus sehr alter Zeit auf uns gekommen 
sind. Häufig mag diese Verfahrungsweise mit dem Gufs 
Hand in Hand gegangen sein; jedenfalls hat man sie da oft 
zu Hülfe gerufen, wo das Gufswerk entweder auf Schwie- 
rigkeiten traf oder zu grofse Kosten in Anspruch zu neh- 
men schien. 

28. Da wo es sich nun darum handelte häufig wieder- 
kehrenden Schmuck in getriebener Arbeit zu üefern, liefe 
man eine Rlodification eintreten die auf alle Technik den 
gröfsten Einfluls geübt hat. Statt das Metall mit dem Ham- 



GRUNDZÜGE DER DENKMÄLERKUNDE. 13 

mer zu treiben, stellte man Bunzen her, mit deren Hülfe 
dasselbe Mjuster leicht ins Unendliche vervielfältigt wer- 
den konnte. 

29. Die höchste Ausbildung erhält dieses Verfahren in 
dem Münzgepräge. Dieses verhilft zu den edelsten Bil- 
dungen, deren das Erz fähig ist. Aus den vertieft geschnit- 
tenen Formen tritt das erhabene Bild glanzvoll und mit 
einem Mal we unter der Wirkung eines Zauberschlags her- 
vor. Die Metallarbeit culminirt in diesem Kunstzweig. Fast 
sollte mdn es für unmöglich halten, dafs die Sculptur nach 
dieser Seite hin noch einer höheren Veredelung fähig wäre 
und doch hat der Mensch durch Anwendung dieses Prinzips 
auf ein Material, edel wie Metall nur immer sein kann, 
diesen letzten Fortschritt zu erreichen gewufst. 

30. Die vertieft geschnittenen Steine sind Münz- 
stempel, nicht bestimmt Metall sondern WaVhs zu prägen. 
In diesen hat die bildende Kunst ihren höchsten Triumph 
gefeiert. Das unendhch zarte und doch so harte Material 
der von der Natur mit magischer Farbenpracht ausgestatteten 
Gemmensteine hat den Künstlergeist mächtiger herausge- 
fordert als die Granit- und Porphjrrblöcke Aegyptens und 
die Colossaldimensionen des rhodischen Sonnengottes. Hier 
liegt eine Welt poetischen Zaubers begraben, welche frei- 
lich nur wenigen zugänglich zu sein pflegt. Denn sie zu 
schauen verlangt ein geistiges Mikroskop, mehr als gemeine 
Kunstbildung und die Gabe im kleinsten Raum die Wir- 
kung der höchsten Kraft zu fühlen. Zu der wunderbaren 
Veredelung des Formenvortrags gesellt sich nun auch noch 
die magische Wirkung der Farbe, deren Bedeutung in der 
Natursymbohk die Alten bei der Wahl der Gegenstände 
sehr berücksichtigt zu haben scheinen. 

31. Diese Farbenpracht haftet an dem Steinschnitt, auf 
den Abdruck geht natürUch nichts davon über. Dieser ist 
farblos und bringt nur die abstracte Form wie bei Statuen 
der Gypsabgufs zur Anschauung. Da nun aber das erhabene 
Bild auch bei Steinschnitten letzter Zweck ist, so konnte 



14 BRAUN 

die Kunst hiebei nicht stehen bleiben. Auch erhabene Ar- 
beiten sollten in dieser Pracht des Farbeuschimmers^ deren 
Träger jene zarten Steingewebe sind, hervortreten. Auf 
diese Weise entstand der Cameo oder die Reliefgemme. 

32. Wenn es für uns den Anschein hat als könne die 
Bildnerei mit solchem Farbenschmuck nur in den engen 
Gränzen der Miniatursculptur auftreten, so beruhigte sich 
das griechische Genie dabei nicht. Ebenso colossal als hier 
winzig tritt uns das colossale Goldundelfenbeingebilde oder 
Chryselephantinon des Phidias aus der kunstgeschicht- 
lichen Ueberüeferung entgegen. Alle Elemente der Sculptur 
wie wir sie der Reihe nach bis dahin betrachtet, treten in 
jenen Wundergebilden, welche die Welt nur einmal ge^hen 
hat, uns zu einem schön gegUederten Ganzen verbunden 
entgegen, nur sehen wir das gemeine Erz mit dem edelsten 
aller Metalle Vertauscht, den Marmor mit dem schönsten 
Stoffe des thierischen Körpers, mit dem Elephantenzahn. 

33. Die Bearbeitung des letzteren führt uns in das 
graueste Alterthum kunstgeschichtlicher Vorzeit zurück. In 
dieser hatten sich die Griechen zur Behandlung eines so 
widerspenstigen Stoffes durch die Holzschnitzereien vor- 
bereitet, welchen ihre ältesten Cultusbilder das Dasein ver- 
dankten. Auch die Holzsculptur bietet weit gröfsere Schwie- 
rigkeiten dar als man gemeinhin vorauszusetzen pflegt Hier 
ist es nicht so wohl die Härte und Sprödigkeit des Materials 
als vielmehr seine Zähigkeit, welche eine sehr feste Hand 
und Sicherheit des WoUens erheischt. Jeder Schnitt mufs 
sitzen, quälen läfst sich dieser Stoff nicht. Dafür bietet es 
bei verständiger Behandlung grofse Mürbigkeit und eine 
Textur dar, die namenthch mit Metallgebilden in Gegensatz 
gebracht, eine wahrhaft staunenswerthe Wirkung, etwa wie 
die verschiedenen Lagen eines orientalischen Onyx, hervor- 
bringen mulste. 

34. Auch die Anfänge der Malerei hängen ursprüng- 
lich mit der Architectur zusammen. Ihre erste Aeufsenmg 
besteht in Färbung einzelner Gliederungen im Gegensatz zu 






GRUNDZOGE DER DKNKMÄLERKUNDE. 15 

ganzen Massen und in diesem Sinne begleitet sie auch die 
frühesten Bildungen der Seulptur. Diese scheinen bei allen 
Völkern durch Farbenangaben nicht blos geschmückt, son- 
dern 80 zu sagen ergänzt gewesen zu sein. Wo der plasti^ 
sehe Ausdruck wie bei Augen, Lippen, Brustwarzen u. dgl. 
unzureichend erschien, suchte man ihn durch aufgesetzte 
Farbentöne gleichsam zu kräftigen. 

35. Malerei im engeren Sinne entsteht erst dann, wenn 
der künstlerische Vortrag diese Gemeinschaft mit der Seulp- 
tur aufgiebt und die plastische Form möglichst demateriali- 
«rt Letztere findet fortan nur in der Umrisslinie ihren 
Ausdruck und wird dem sinnlichen Auge nur in Beziehung 
auf ihre Lichtwirkung veranschaulicht. Das Prinzip, wel- 
ches durch die so gewonnene Richtung ins Leben tritt, ist 
viel ideellerer Art als das der Bildhauerei, welche allezeit 
dem sinnlichen Auge weit gröfseren Halt darbietet; die 
Malerei dagegen ist von vorn herein auf Illusion angewiesen 
und spricht vernehmbarer für den geistigen Blick. 

36. Die erste selbständige Leistung der Malerei besteht 
in der Ausschmückung der Spiegelflächen von Wänden. 
Sie wird dabei von der Architectur, welche ihr dieses Be- 
reich zur Lehne giebt, noch streng überwacht. Nicht blos 
in Besdehung auf die Linien und Massen, ganz besonders 
auch in Rücksicht auf die Farbe muls sie sich an die grofs- 
artige Einfachheit ihrer älteren Schwester eng anschhefsen. 
Dal^r bewegt sich die Farbenschilderung der ältesten Wand- 
gemälde in den drei oder vier Grundfarben, welche den 
HauptUnien, auf welche die Architectur alle Formen zurück- 
fuhrt, entsprechen. Manche Farben erhalten bei dieser Ver- 
fahrungsweise nur einen conventionellen Ausdruck, an Halb- 
töne kann dabei gar nicht gedacht werden. 

37. Dieses Prinzip eines streng stylisirten Vortrags 
wird auch in den Zeiten der freiesten Entwickelung aufrecht 
erhalten. Die Mauergemälde leisten allezeit auf die Ver- 
gegenwärtigung gewisser Zufälligkeiten der Erscheinung, die 
die Genremalerei auf die zarteste Spitze treibt, Verzicht. 



1 6 BRAUN 

Darin besteht ihr architektonischer Character, welcher nicht 
blos an die Freskomalerei und nicht blos an den äufser- 
heben Umstand geknüpft ist, dafs nm* Malereien auf frischem 
Kalkbewurf mit der Architectur gleichsam untrennbar ver- 
bunden sind. 

38. In seiner grofsartigsten Pracht erscheint diese 
monumentale Malerei in der Mosaik, welche Fufsböden, 
Wände und Nischen schmückt. Bei der richtigen Erfafsung 
der Stylgesetze derselben fallt jede Abweichung von jener 
Richtung von selbst hinweg. Einfache grofse IVIassen treten 
uns hier mit einer imposanten Pracht entgegen, an die kein 
andrer Kunstvortrag heranreicht. Nicht das Mühsame der 
musivischen Arbeiten, wodurch dieselben so kostbar werden, 
leiht ihnen dieses Ansehn, sondern die Macht welche sie 
auf den BUck aus weiter Feme ausüben, ihre imposante 
Wirkung und die Innigkeit zu welcher sie mit den bauhchen 
Umgebungen verschmelzen. 

39. Dasselbe streng arcliitektonische Prinzip finden wir 
aber auch in der engen Räunüicfakeit bescheidenen Schmuk- 
kes festgehalten, welcher sich allen Geräthen und Gefäfsen, 
ja aller fahrenden Habe mittheilt. Die Vasenmalerei hat 
durchweg den streng architektonischen Character der Wand- 
malereien und in ihr wird nicht blos die Form, sondern 
auch die Farbe als etwas ganz Abstractes angesehn und 
behandelt. Mohren erscheinen darin mit rother Färbung 
auf schwai-zem Grunde und die Umrisse verheren selbst in 
den Zeiten gröfserer Freiheit des Vortrags nie eine gewisse 
Conventionelle Härte. Dagegen sind diese Malereien mit 
den Gefäfsen die sie schmücken so eng verbunden wie in 
der mythologischen Bildung des Centauren der Menschen- 
leib mit der Pferdegestalt. Während die architektonische 
Form durch diesen malerischen Schmuck nirgends beein- 
trächtigt wird, zeigt sich dieser von derselben untrennbar. 
Sowie die Figuren von derselben unvermittelt abgenommen 
werden, treten sie uns als Zerrbild entgegen. 

40. Die Alten sind noch einen Schritt weiter gegangen 



■^ 



GRUNDZÜGE DER BENKMÄLERKÜNDE. 17 

und haben bei der Ausschmückung farbloser Bronzegeräthe 
sogar die Farbenandeutung aufgegeben. Die Graffilzeich- 
nungen, mit welchen wir etruskische Spiegel und Schmuck- 
kästen ausgestattet sehen, liefern das Resultat dieser letzten 
Abstraction. Die Kunst tritt uns keineswegs embryonisch 
aus diesen zarten Umrissen entgegen, sondern diese Uefem 
den Beweis, dafs selbst die dürftigsten Mittel der höchsten 
geistigen Wirkung fähig sind und dafs die höchste Offen*- 
barung der Kunst nicht durch Pracht und Reichthum be- 
dingt ist. 

41. Den strengsten Gegensatz zu allen diesen ver- 
schiedenen Entfaltungen der Malerei von architektonischem 
Charakter bUdet die illusorische oder Genremalerei. Ihre 
Richtung ist zunächst durch ihr gänzliches Ausscheiden aus 
der monumentalen Umgebung bezeichnet. Sie bewacht ihre 
Selbständigkeit mit der gröfsten Eifersucht. Dafs die Alten 
auch in dieser Richtung Staunenswerthes geleistet haben 
mögen, wissen wir nur vom Hörensagen und die Analogie 
gewisser verwandter Erscheinungen der Scidptur läfst darauf 
schUefsen. Erhalten ist kaum etwas, das zu einem con- 
creten Begriff' von diesen Leistungen verhelfen könne. 



II. Uebersicht der Kunstdarstellungen. 

A, Die zwölf Götter. 

42. Nach dieser Betrachtimg der formellen Seite der 
griechischen Kunst, wendet sich der Blick dem geistigen 
Gehalt derselben zu. Wozu war alle diese Herrhchkeit? 
— so fragen wir — was birgt sie? Ist sie nur ein Gegen- 
stand des Luxus und der Sinnenlust, oder umschhefst sie 
einen Kern, der eine so glänzende Hülle als ein seinem 
Werthe zustehendes Gewand trägt? Hat diese Welt der 
Erscheinung einen geistigen Träger? Hat solche Heiterkeit 
und Anmuth auch jenen ernsten Hintergnmd, ohne welchen 



18 BRAUN 

nichts Irdisches mehr zu sein vermag als ein Blendwerk der 
Hölle, höchstens ausreichend den flüchtigen Augenblick zu 
täuschen^ aber bei den Besten selbst eine Leere und Ekel 
zurücklassend? Hierauf erhalten wir zur trostreichen Ant- 
wort, dafs wenn irgend eine sinnliche Erscheinung von 
geistigem Inhalt erfüllt ist, dies von der griechischen Kunst 
gilt. Ja sie umschUefst nicht blos wie die Natur ein Leben 
das sich nach dem SelbstbeAvufstsein sehnt imd doch von 
sich selbst nicht loskommen kann, sondern Aeufserungen 
jenes Selbstbewufstseins selbst, welches die Griechen über 
alle Völker der alten Welt erhaben hinstellt. Sowie diese 
Aegypter und Inder, ja alle Nazionen des Heidenthums 
durch Freisinnigkeit und Menschhchkeit überbieten, so steht 
auch ihre Kunst jener Riesenwelt des Orients als eine Him- 
melstochter gegenüber. Während hier die Götter selbst 
thierische Fratzenbilder umhüllen, wird unter der Hand der 
Griechen die ganze Natur, Stein, Pflanze und die Thierwelt 
vermenschlicht. 

43. Den Gipfel dieser poetischen Welt bezeichnet der 
Olymp mit seinem Götterstaat. Zeus als das Haupt 
desselben ragt zwar mächtig in demselben hervor, aber 
sowie die Götter alle und alle Mächte der Natur seiner 
Kraft nicht gewachsen sind, so ordnet er sich doch seiner- 
seits dem einen Prinzip des von ihm regierten Staates still- 
schweigend unter, — dem Fatum. Sein Ideal ist zur Zeit 
des höchsten Glanzes von Athen in einer Weise ausgeprägt 
worden, dafs spätere Zeiten nicht blos kein neues Moment 
hinzuzufügen im Stande gewesen, sondern von jener so 
mächtig verkörperten Idee nie wieder haben loskommen kön- 
nen. Es hat sich unverwüstUch gezeigt wie jedes Werk des 
Genie's und selbst unter den Händen des ärmlichsten Künst- 
lers haben seine Züge Kraft und Ausdruck behalten. Er 
erscheint in voller Herrschermajestät, in der Fülle der Jahre, 
gewaltig und unwiderstehbar gebietend, aber gleichzeitig 
reich an Gnaden. n 

44. Als rechtmäfsige Gemahlin und Königin ist ihm H 



, grundzOge der denkmälerkundk. 19 

r 

Hera beigegeben, die Vertreterin der Rechte des Weibes, 
i Dafs auf ihr das Wohl der Staaten, auch des Götterstaats 
i beruhe, weifs sie, ihre Rechte überwacht sie mit Eifersucht 

Dur Ideal zeigt die höchste Entfaltung weiblicher Schönheit, 
» aber der feste Charakter, den sie überall behauptet, leiht 
X ihr mehr den Ausdruck der Erhabenheit als der Anmuth. 
n 45. Zwischen diesem Götterpaar steht ein Wesen mii- 

n ten inne, welches keineswegs als die Frucht dieser Götter- 
^n ehe angesehen wurde, sondern mutterlos aus dem Haupte 
-r des Zeus geboren, und jedem mütterlichen Gefühle fremd 
^ die Rechte, ja man kann sagen die Macht des jungfräulichen 
US Daseins yertritt Es ist Pallas Athene, deren Ideal 
ht gleichzeitig mit dem des Zeus zur Ausbildung gekommen 
n- und in unendlicher Manichfaltigkeit wiederholt worden ist 
)st Was die Griechen unter' diesem kühnsten aller mythologi- 
ier sehen Bilder verstanden haben, würde uns ewig fremd ge- 
elt blieben sein, wären nicht schöne Marmorbilder von dieser 

Göttin vorhanden, deren Wesen die herrlichsten Dichter- 
ler, stellen nicht ganz zu erschöpfen vermögen. Sie ist darge- 
ipt stellt als wehrhafte Jungfrau, ihre Stirn ist der Sitz cen- 
)er braler Urtheilskraft, ihre Lippen athmen Milde. 
^^^ 46. Als Zeus Kinder treten uns Apollon und Artemis 

'^~ entgegen, Zwillinge in denen die eine Idee der jugendlichen 
^' Gottheit in zwei Hälften gespalten erscheint. Beide ver- 
-it gegenwärtigen jene zwei grofsen Hälften des Lebens, in 
^ welche die ganze organische Welt zerfallt. Sie sind un- 
Dt trennbar verbunden, zu zweien und doch nur ein Wesen; 
50 jene Einheit nach welcher sich der Mensch in den heiligsten 
a- Regungen der Liebe sehnt, ^vii'd in diesem Geschwisterpaar 
M als eine Realität offenbart. In dem Apollo, der des Bogens 
l- mächtig ist, tritt uns die jungfräuüche Schwester entgegen, 
^r wenn er im langen Sängergewand mit der Leier daher- 
e, schreitet und Artemis, die Tanz und Mädchenfreuden liebt, 
i^ durcheilt einem Jüngling gleich mit dem goldenen Bogen 

die Bergeshöhn und übt mannhaftes Waidwerk. Beider 
vüf Ideale sind uns in schönen Götterbildungen erhalten. Sie 



c\ * 



20 BRAUN 

schildern uns den höchsten Zauber der Jugend^ jene Be- 
geisterung die nur dieser Lenz des Lebens kennt und fest- 
hält und gewähren den Anblick der vollkommensten Har- 
monie des Daseins. 

47. Den schärfsten Gegensatz zu diesem delischen 
Götterpaar sowohl als zu der Athene Parthenos bildet die 
meergebome, Leben und Liebe athmende, zauberartig alles 
beherrschende Göttin Aphrodite. Sowie Pallas von der 
Höhe der Stirn aus allem gebietet, so wirkt Aphrodite mit 
Wundergewalt aus den Tiefen des Herzens. Anmuthreich 
aber nicht Ehrfurcht gebietend ist ihr Wesen, erhaben aber 
an alles sich mit x\nspruchslosigkeit hingebend. Unter dem 
wSchein der Milde imd Versöhnlichkeit weckt sie die mäch- 
tigsten Contraste, hat sogar Gewalt über den unbeugbaren 
Sinn des Zeus und macht sich alle Götter wenn auch nur 
für Augenblicke der Reihe nach unterthan. Aber nicht 
blos dieses Feuer der Leidenschaften zu entzünden ist sie 
fähig, sie weifs dieselben auch zu versöhnen und nach ihren 
letzten Zwecken mufs man diese hehre Göttin beurtheilen, 
nicht nach ihrem unmittelbaren Treiben, welches aller Uebel 
Quelle zu sein scheint und Staaten zerstört und Länder 
verheert, wenn man sich von diesem edlen Gebilde griechi- 
scher Phantasie einen richtigen Begriff verschaffen will, f 
Sie ist uns aufbewahrt in zahllosen Bildern, alle aber selbst " 
diejenigen, welche am wenigsten von jener Weihe erhalten 
haben, die die Poesie der Griechen ertheilt, lassen unter 
der Hülle blos sinnHcher Lust jenen tieferen Charakterzug 
durchblicken. 

48. Alle die bisher betrachteten Götterwesen haben 
vorzugsweise die Höhen des Olympos zu ihrem Wohnsiti. 
Poseidon dagegen eröffnet die Reihe von Gottheiten, 
welche die Erde zum Schauplatz ihres Treibens haben und 
auf, dieser grofse Gebiete als ihr Eigenthum in Anspruch 
nehmen. Er ist der Gott der Gewässer, nicht blos der 
Salzfluth, sondern auch alle Flüsse und Quellen erkennen 
in ihm ihren Gebieter. Die Wogen sind seine Pfade, die 

I 
\ 



t 



GRUNDZÜGE DER DENKJVIÄLERKUNDE. 21 

Winde sein Gefolge. Er beherrscht die Meeresstüruie und 
offenbart sich als mächtiger Gott in der Meeresstille, die sein 
Wort entstehen läfst. Sein Ideal ist das eines Seemanns: 

m 

breite Brust, gedrängter Gliederbau, ernster und strenger 
Blick^ feuchtes Haupthaar machen ihn kenntUch. An Hoheit 
• - und Majestät steht er dem Zeus nahe und erweist sich ihm 
ebenbürtig. 

49. IVIit ihm theilt sich in das Reich der Erdoberfluche 

■ Demeter die Göttin des Saatkorns, die Gründerin des 

i Ackerbaues, die Urheberin der CivUisazion. Güte und ülilde 

sind der Grundzug ihres Wesens. In ihrer Hand rulit die 

Fülle des Reichthums und ihn zu spenden ist ihr Frohgenufs. 

1 Die Alten haben sie mütterUchen, ehrbaren und adehgen 

Ansehns gebUdet. Aber ihre Hoheit ist weder streng wie 

. die der Hera, noch in sich abgeschlossen wie die der beiden 

X jungfräulichen Göttinnen Athene und Artemis, noch endUch 

• blos Liebreiz und schmeichelnde Anmuth wie Aphrodite, son- 

* dem in ihr wird zuerst die Würde der Hausfrau, die Mut- 

1 ler der Kinder verherrlicht. Obwohl sie lauter Wohlwollen 

^1 ist, so hält sie doch streng auf ihre Wüi'de und man kann 

1 sagen, dafs ihr Auftreten ebensoviel Strenge gegen sich 

1 selbst zeigt als Nachsicht und Güte für andre. BUder die 

•j ihr Wesen leibhaftig veranschaulichen könnten wie das der 

11^ bisher betrachteten Gottheiten giebt es von ihr leider nicht; 

1. wir müssen uns ihre Züge aus weitumher zerstreuten An- 

1. deutungen zusammenlesen. 

^j. 59. Dir Erbfeind ist Ares, der Gott rauher Kampflust, 

der Führer des Schlachtenglücks, der keinem zu Lieb ist 

1^^ und allen zu Leid. Allen steht er gegenüber und mit allen 

-^ kämpft er, nur im blutigen Handwerk findet er Genugthuung; 

1 der Menschen Wohlstand und Friede auf Erden sind ihm 

im innersten Herzen verhafst. Sowie aber rauhes Erz in 

Feuergluthen schmilzt und der blutigste Kampf die Saaten 

1 des Friedens hinter sich aufkeimen lassen mufs, so sehen 

, wir auch ihn einer Macht weichen, die auf den ersten An- 

1 blick einem so gewaltigen Streiter am wenigsten gewachsen 



22 BRAUN 

erscheint. Aphrodite wird zur Bändigerin seines Herzens, 
sein Feuerauge und sein zornschnaubendes Antlitz werden 
zum Sitz süfsen Liebesverlangens, er tritt uns mit Zügen 
der Wehniuth und tiefer Scham entgegen wie in mehreren 
alten Kunstwerken. Sowie aber der Regenbogen des Wel- 
ters Ungestüm in mächtigen Contrasten vor die Seele führt, 
so blickt auch mitten durch die Liebeständelei , Sehnsucht 
und Erröthen, der finstere Grund seines Wesens um so 
grofsartiger hindurch. Häufig haben ihn die Alten wohl 
nicht gebildet, zur vollkommenen Ausbildung ist indessen 
auch sein Ideal gelangt. 

5L Die dritte und unterste Region dieser sichtbaren 
Welt hat Hephästos zum Sitz. Sowie Zeus in Donner 
und BHtz sich offenbart und Poseidon den Wogen gebietet, 
so schürt er das Erdfeuer. Die rauchenden Schlöthe feuer- 
speiender Berge bezeichnen seine Behausung und die me- 
tallenen Adern der Erde behüten seine Schätze. Hinkend 
und verkommener Bildung, obwohl himmlischer Abkunft 
stellt ihn die Sage und die bildende Kunst dar. Scharfsinn 
und Geschicklichkeit zeichnen ihn aus. Er ist unverdrossen 
thätig, trotz scheinbarer GebrechUchkeit kräftig und stark, 
gutmüthig und doch verschmitzt und Herr unsichtbarer ge- 
heimer Naturmächte, die die Sage von den Kabiren mit 
Scheu nennt. 

52. Sowie Hephästos allein des Feuers verzehrende 
Gluth zu bewältigen versteht, so ist Hestia die Hüterin der 
sanft lodernden Flamme des häuslichen Herdes, um welchen 
auch die Himmlischen vereinigt zu denken sind. Sie tritt 
ims weder in spröder JungfräuUchkeit entgegen wie Athene 
und Artemis, noch mit jenem mütterlichen Wohlwollen das 
die Demeter auszeichnet, viel weniger noch nut der anmuth- 
reichen Hingebung jder Aphrodite, sondern in einer Eigen- 
thümUchkeit des Wesens, welches die jungfräuliche Ver- 
schlossenheit und die Würde der Frau auf eine wunderbare 
Weise verschmikt. Ihre Bilder gehören zu den seltensten; 



s 



GRÜNDZÜGE DER DENKMÄLERKÜNDE. 23 

sie erscheint in denselben verschleiert, ernst und voll tiefer 
Sammlung. 

53. Den AbschluTs dieser Zwölfzahl bildet eine Gott- 
heit, welche alle gleichsam wie ein gemeinsames Band zu- 
sammenhält. Es ist Hermes der Bote des Zeus imd der 
Hera, der allezeit dienstfertige Gehülfe der Athene, und so 
der Reihe nach mit jeder einzelnen Gottheit in manichfacher 
Wechselbeziehung stehend. Sein hohes Götteramt, welches 
ihn unmittelbar mit dem Herd der Hestia, dem Centrum 
des Götterstaats in Verbindung setzt, ist das eines Opfer- 
herolds. Sein Ideal bildet eine Vereinigung der Eigenschaf- 
ten der andern Olympier aller. Er ist der Repräsentant des 
obersten Gottes, wetteifert mit Athene an Weisheit und 
Thatkraft, gleicht an Jugendfiille und Frohsinn dem delischen 
Zwillingspaar, ist süfseinschmeichelnd wie Aphrodite, hat 
die Herrschaft des Meeres wie Poseidon, ist haushälterisch 
wie Demeter, kühn wie Ares, scharfsinnig und geschickt 
wie Hephästos und naht dem Opferherd mit heiliger Prie- 
sterstimmung wie Hestia. 

B. Abgeschiedene Götter. 

54. Diese heitere harmonische Welt des olympischen 
Götterstaats ist selbst das Resultat grauenhafter Revolutio- 
nen, welche die griechische Sage mit wenigen aber kräftigen 
Zügen schildert. Die bildende Kunst bleibt bei der Dar- 
stellung des Eltempaares des Zeus stehen und geht nicht 
darüber hinaus. Kronos tritt uns mit Zügen seines Soh- 
nes entgegen, nur finsteren Sinnes und argwöhnischen Ty- 
rannenblicks. Aber das Gewaltige welches diese Gestalt 
der Sage umschliefst war die griechische Kirnst kaum dar- 
Kustellen fähig. Dazu waren die Griechen selbst zu sehr 
an Bilder der Freiheit gewöhnt; an eine Herrschergewalt 
wie die des Kronos reichte kaum ihr Grauen vor asiatischer 
Sklaverei heran. Ebenso haben sie uns von der Rhea der 
grofsen Göttermutter, die den Gemahl den Kindern opfert, 
nur ein unvollkommenes Bild hinterlassen. Beide lagen 



24 BRAUN 

gleichsam jenseits der Gränzen ihres BevvuTstseins^ das von 
jenen grofsen Gestalten und Umwälzungen der Vorzeit so 
wenig ein deutHches Vorstellungsvermögen hatte als fromme 
Seelen von den Greuelgestalten der Hölle. 

55. Pluto ist wie Kronos in die Verborgenheit zurück- 
gedrängt und sein Erscheinen in Kunstwerken von einiger 
Selbständigkeit, in solchen nemlich, wo er nicht blos an 
der dargestellten Handlung Theil nimmt, ist verhältnifsmäfsig 
selten. Sein Typus ist in späteren Werken meist in die 
Serapisbildung mit eingeschmolzen, die nur Elemente seines 
Wesens- in einer neuen Idealverbindung durchbUcken läfst 
Die wenigen Darstellungen, welche seinen Charakter ziem- 
lich rein von fremdartigen Zuthaten schildern, lassen eine 
dem Zeus ähnUche Kopfbildung wahrnehmen, aber tiefen 
finstem Ernst im Ausdruck. Sein Haar fallt etwas wild von 
der Höhe der Stirn herab und erhöht den trotzigen Aus- 
druck, der seinem wilden unversöhnUchen Sinn etwas Starres 
leiht. Einen um so liebUcheren Gegensatz bildet mit ihm 
seine mit Gewalt entführte Gattin, die Proserpina, das 
Bild jungfräulicher Milde und Güte, durch die man die fin- 
stere Welt des Ha^es mit dem Hebten Reich der Sonne 
auszugleichen gewufst hat. Sie ist des Schattenfürstes ge- 
horsame und in ihrer Ergebenheit über ihn vielvermögende 
GemahUn imd zu gleicher Zeit der Demeter in kindlicher 
Liebe und Zärtlichkeit treu anhängende Tochter. Auch ihr 
Erscheinen aufserhalb gröfserer Composizionen, als selb- 
ständiges Charakterbild ist selten, wo wdr ihm aber begeg- 
nen, tritt es uns mit den zartesten Zügen weibücher Anmuth 
und Hingebung entgegen. 

56. Vollendeter und leibhafter ist das Bild welches sie 
sich von dem Titanen Prometheus geschaffen haben, ob- 
wohl vdr bisher kein Bildwerk besafsen, welches nur einen 
fernen Abglanz des äschyleischen Charakters Uefert und ein 
eben erst entdecktes Vasenbild ihn uns trotz seiner hohen 
Vollendung nur allzu typisch vor Augen führt. Die Sym- 
boUk von der wir ihn umgeben sehn und die beziehimgs- 



GRÜNDZÜGE DER DENKMÄLERKUNDE. " 25 

reichen Composizionen deren Mittelpunkt er bildet, müssen 
diesem Mangel abhelfen. Dafs er es ist, welcher mit Zeus 
in Spannung treten kann ohne augenbUckUch vernichtet zu 
werden, ist ein so erliabener Gedanke, dafs jeder schwache 
Zug dieser mythologischen Gestalt für uns die höchste Be- 
deutung haben mufs. 

57. ENe nächste Beziehung zu dieser Gestalt hat Atlas 
der Träger des Himmelsgewölbes, von dem vnr die Reste 
einiger bedeutungsvollen Darstellungen besitzen. Er ragt 
aus den Tiefen jener Urwelt wie Felsenklippen aus Meeres- 
abgrund hervor und bildet mit seiner Riesenlast auf den 
Schultern den schroffsten Gegensatz zu dem freien lebens- 
frohen Dasein der Olympier. Auf solchen Säulen ruht ihre 
Herrschaft, die Fluth der Zeiten aber bedeckt sie, so wie 
die Fundamente der Erde der vom Frühlingsgrün und den 
Reichthümem der Cultur ^viderstrahlende Boden und der 
Mantel der Gewässer deckt. 

C. Die Heroenwelt 
im Gegensatz zu den Göttern der Vorwelt. (Herakles). 

58. Der Vermittler zwischen solcher titanischer Ur- 
kraft und der Herrlichkeit der Olympier ist Herakles, die 
concreteste Erscheinung der Kunstmythologie. Von seinem 
Vater Zeus hat er den Adel seines Geistes, die Freiheit der 
Gesinnung und den majestätischen Ausdruck, auf welchem 
sich Fülle des Gemüthes und der Güte abspiegelt, geerbt, 
von den Kindern der Erde die Riesenkraft seiner GHeder, 
welche in einem mehr gedrungenen und bei aller Regel- 
mäfsigkeit und Gröfse zwerghaft gebildeten Bau als in einem 
schlanken Leibe niedergelegt ist. Sein Haupthaar fällt nicht 
in Locken herab wie die stolz aufsteigende Löwenmähne 
des Zeus, sondern ist kraus imd stramm. Obwohl zum 
Herrschen geboren, ist er ein Sohn des Gehorsams wie kein 
andrer und harrt aus bis zum Ende. Von keinem Gott und 
keinem Heros sind soviel Bilder vorhanden wie von ihm. 



26 BRAUN 

/>• Dionysos und Mischgestalten. 

59. Die Weltherrschaft, für welche er als Gründer 
hellenischer Cultur siegreich kämpfte, ist den Schilderungen 
der Kunstwerke zufolge seinem Bruder Dionysos mühelos 
und in weitester Ausdehnung zu Theil geworden. In der 
Kunstmythologie bildet Dionysos den Mittelpunkt einer ganz 
eigenthümlichen Welt, deren Umfang gröfser ist als das 
Bereich aller andern Göttergestalten zusammengenonunen. 
In ihm sind alle drei Reiche des Götterdaseins so zu sagen 
versöhnt. Er thront bei den Olympiern, Poseidon und 
Demeter nehmen ihn auf dem Erdenrund in ihre Mitte und 
ihm allein gelang es den aus dem Himmel verstofsenen und 
grollenden Hephästos in den Olymp zurückzuführen. In ihm 
sind die Eigenschaften aller Götter vereinigt, ja sogar über 
den Geschlechtsunterschied ist er erhaben hingestellt und 
auf seinen Zügen prangt die Milde und Aimiuth der lieb- 
lichsten Göttinnen neben der Erhabenheit des Zeus und 
seiner Söhne. 

60. Aber nicht blos in den drei Reichen des Himmels, 
der Erde und der Unterwelt wird er heimisch gedacht, son- 
dern er beherrscht auch die drei grofsen Epochen aller Zeit. 
Als Gott von ehedem tritt er bärtig und mit dem Ausdruck 
gereifter Weisheit uns entgegen, als Freudengeber und Herr 
der Gegenwart erblicken wir ihn in Jugendprangen, und 
als Gott der Zukunft wird er, als kleines Kind schon, mit 
dem Jubelruf der harrenden Menge begrüfst. Satyrn wiegen 
ihn in der mystischen Schwinge und sein Erscheinen gilt 
allen für die anbrechende Morgenröthe der glücklichsten 
Tage. 

61. Dem Dionysos dient die ganze Natur, aus welcher 
das Leben allüberall mit unwiderstehlichem Drang hervor- 
bricht. Sein Erscheinen ruft jenen wundersamen Kreis von 
Doppelbildungen ins Dasein, welche in der Sehnsucht 
der Wesen ihren Grund haben ihm nicht blos unterthan zu 
sein, sondern ihm menschlich und mit Bevvufstsein zu die- 



GRÜNDZÜGE DER DENKMÄLERKUNDE. 27 

nen. Der Thierleib geht mit der Menschenbildung eine un« 
zertrennbare Verbindung ein und obwohl in den schönsten 
und gezeitigtsten Gestaltungen dieser Art die geheinmifsvoUe 
Entstehungsweise, der sie das Dasein verdanken, kaum ent- 
deckt wird, so Yermögen sich die Spuren derselben doch 
dem kundigen Bück nicht zu verbergen. Die thierische 
Abkunft läfst sich stets auch da nachweisen, wo alle Glieder 
des Leibes bereits in die menschUche Bildung übergegan- 
gen sind. 

61. Letzteres ist bei einem Theil der Sil ens gestalten 
der Fall, die trotz ihrer vollständigen Umwandlung in den 
Menschenleib, doch ihr thierisches Wesen als den Grund 
ihres Daseins deutlich zur Schau tragen. Auf diesen deutet 
vor allem der thierische Ausdruck der Gesichtszüge, die 
stumpfe Nase, die verschobenen Winkel in welche die Kno- 
chenmassen der Schädelbildung gerathen sind. Sein Leib 
ist mit zottigem Haar bedeckt, eine Andeutung des Thier- 
fells mit welchem er von Anbeginn bekleidet gewesen. Bei 
anderen kommen noch die Thierohren hinzu, welche auch 
wo sie menschUche Form erhalten haben, lappig und roher 
BUdung sind. 

62. Obwohl bei den Satyrn die Jugendschöne ihre 
thierische Art mehr noch verschleiert und vergessen macht 
als bei den Silenen, so tragen sie doch die Abzeichen dieser 
Herkunft deutUcher noch zur Schau. Aufser den Ziegen- 
ohren, die vsdr schon bei den Silenen bemerkt haben, sind 
sie mit einem kleinen Schwänzchen versehen, welches als 
die letzte Andeutung von dem Fell stehen gebUeLen ist, 
welches dem Thierleib aus dem sie hervortreten zur Hülle 
dient. Geht man nun von den Resten dieser früheren Da- 
seinsform aus, so entdeckt man bald auch in ihrem geistigen 
und Characterausdruck die eigenthümhche Mischung von 
menschlichem Adel und thierischem Gelüsten. Ein geheimer 
Zug des Spotts geht durch alle diese oft sehr hebüchen, 
sinnigen, ja von melancholischer Schönheit beherrschten 
Wesen hindurch. 



28 BRAUN 

63. Weniger noch ist diese Thiernatur uiit der Men- 
schenbildung in den Satyrkindern verwachsen, welche die 
unvermittelte Rohheit gemein sinnUcher Triebe naiver noch 
zur Schau tragen. Das borstige Haupthaar tritt hier noch 
greller hervor, die Thierohren erscheinen übergrofs, der 
Ausdruck hat bei aller Lieblichkeit etwas Grinsendes und 
am Halse hängen gevrisse Warzenbeutel herab, die die Zie- 
gennatur recht lebhaft vergegenwärtigen. 

64. Materieller noch tritt dieser Thierleib in den Pa- 
nisken, die zu den Pansgestalten in einem ähnlichen Ver- 
hältnifs stehn wde die Silensbildung zur Satyrbildung, hervor. 
Aufser den übrigen Abzeichen, die sie mit den Satyrn ge- 
mein haben, spriefsen über ihrer Stirn kleine Homer hervor, 
durch welche sie ihre Verwandtschaft mit dem Stiergeschlecht 
bezeugen. Sonst ist ihr Ausdruck mehr edler Art als bei 
den Satyrn, die sie überragen wie der Stier den Geifsbock. 
Höherer Adel der Seele malt sich in ihren Zügen, das Be- 
wufstsein ihrer niederen Abkunft tritt mit dem Aufstreben 
ihres Geistes in einen stärkeren Conflict, dieser spricht sich 
in einem Zug der Trauer und süfser Wehmuth aus, der 
ihnen einen so eigenthümüchen Zauber leiht. 

65. In der Pansgestalt tritt nun diese Doppelbildung, 
welche wir bisher nur in der Analyse haben nachweisen 
können, zuerst unverkennbar und mächtig hervor. Hier ist 
der Menschenleib auf Thierfüfse gesetzt und je nachdem 
diese entweder in das Bocksgeschlecht fallen oder stierartig 
sind, zerfallen sie in Aegipane oder Bocksfülsler und Pane 
schlechtweg: beide ein ausgelassenes Geschlecht, von roher 
Lust beherrscht, neckisch und zudringUch, aber nicht ohne 
Gutmüthigkeit und bei aller Schreckhaftigkeit ^) ihres Aus- 
sehens selbst höchst furchtsam und unbeholfen. 

66. Eine Stufe höher noch, in Beziehung auf die Roh- 
heit deren sie fähig sind, gleichzeitig tiefer, in die Thier- 



*) Der Panische Schrecken wird von einem Windsgeräusch her- 
geleitet, das man dem Gebirgsgott zuschrieb. t\ G, W, 



GRUNDZÜGE DER DENKMÄLERKUNDE. 29 

bildung versenkt ^ehen die Kentauren, die vollkommenste 
Doppelbildung welche die Kunstmythologie zu Stande ge- 
bracht hat. An ihr haben der Pferde- und der Menschen- 
leib Reichen Antheil. In ihnen scheint die Rofsnatur ver- 
menschlicht, und ihrer selbst bewufst. Der Wille, welchen 
des Reiters Zügel dem Pferd zu leihen weifs, ist ihm hier 
einverleibt; Mäfsigung und Vernunft, welche Zucht zu er- 
theilen vermag, tritt hier bis zur Weisheit ent^vickelt hervor, 
die sich besonders in Musikliebe und der niederen, instinkt- 
mäfsigen Heilkunde offenbart. Sie lieben den Wein wie das 
Rofs, dem man ja bekanntlich durch dieses berauschende 
Getränk übermäfsige Arbeitslust mittheilen kann, und wenn 
dieser die thierischen Triebe, die in ihrem Innern schlum- 
mern, entfesselt, dann gleicht an Rohheit ihnen kein anderes 
Wesen; sie werden wild und raufsüchtig und ihrer Wucht 
würde nichts zu widerstehen im Stande sein, wäre es dem 
menschUchen Verstand nicht gegeben, sie unter ihrer eigenen 
Last zu begraben und ihre Riesenkraft zur Besiegung ihrer 
selbst zu verwenden. 

67. Die Flufsg Otter zeigen auf einem Stierleib ein 
bärtiges Menschenhaupt. So erscheint namenthch der be- 
rühmteste aller Flufsgötter, der Achelous. Diese Formation 
bezeichnet die niedrigste Stufe thierischer Doppelbildungen. 
Sie ist sehr häufig, wird aber von vielen auf Dionysos selbst 
bezogen und als Bacchus Hebon angesprochen. — Spätere 
Darstellungen von Flufsgöttem treten indefs ganz aus dieser 
Doppelbildung heraus und erscheinen rein menschUcher 
Gestalt. Die gi*öfseren unter denselben zeigen eine IModifi- 
cation des Zeusideals, sind bärtig gebildet imd kommen fast 
ausschliefslich in liegender Stellung vor. 

68. Eine zweite Classe von Doppelbildungen befafst 
die Zusammensetzung der menschlichen Gestalt mit 
dem Vogelleibe. Eros eröffnet die Reihe derselben. Seine 
Schultern sind befittigt. Er ist nicht an die Scholle gefesselt, 
sondern bewegt gleich der Menschenseele und mit ihr mit 
Leichtigkeit sich dahin und dorthin. Das Gefieder in wel- 



30 BRAUN 

chem er prangt ist gleiclizeitig Abzeichen seiner himmlischen 
Herkmift. Die Kunst hat von diesem mit seiner Gestalt 
verwachsenen Symbol vorzüglichen Nutzen zu ziehen ge- 
wuTst, indem sie es für die ganze Schaar kleiner Eroten in 
Anspruch genommen und zur Ausfüllung der leeren Stellen^ 
welche so zarte Kinderwesen häufig in der Composizion 
lassen würden, zu verwenden verstanden. Der gemeine 
Sprachgebrauch nennt diese geflügelten Kinder nach mo- 
demer BegrifTsweise Genien, während der eindringhche For- 
scher auf anderweitige Unterscheidungen und dadurch ver- 
anlafste Benennungen dringen mufs. 

69. In ältester Zeit waren vielleicht alle Gottheiten 
beflügelt, wie der Vergleich etruskischer Götterbilder es 
glaubUch macht. Später hat man dieses Abzeichen auf den 
Eros imter den männlichen Wesen und unter den weiblichen 
auf die Nike beschränkt. Sowie man bei allen geflügelten 
Kindergestalten der freien Kmistentwickelung auf die vor- 
läufige allgemeine Benennung von Eroten dringen mufs, 
so thut man gut alle weiblichen Flügelwesen einstweilen 
unter dem Gattungsbegriff der Niken zusammenzufassen, da 
der Typus derselben allen gemeinsam zu Grunde hegt und 
die Unterscheidung meist nur in Folge der genaueren Un- 
tersuchung des Zusammenhangs, in dem sie auftreten, mög- 
lich ist. Der Sieg welcher den Schaaren der Tapferen 
vorauseilt, hat in diesem mythologischen Bild einen sehr 
einfachen und schönen Ausdruck gefunden. Die Flügel 
pflegen der schlanken Gestalt das Ansehn der Fülle zu 
leihn, ohne den Eindruck ätherischer Leichtigkeit und Zart- 
heit zu benachtheiligen. 

70. Bei der Psyche ist das' Bildungsprinzip dasselbe, 
nur hat man zur Andeutung des zarteren Seelengewebes 
Schmetterlingsflügel an die Stelle der derber gearteten Vogel- 
fittige treten lassen. Diese Modification mag sowie die 
ganze Fabel der Psyche einen verhältnifsmäfsig späten Ur- 
sprung haben. Analog ist die Darstellung der Eifersucht 
nut Fledermausflügeln. 



GRUNDZÜGE DER DENKMÄLERKUNDE. 31 

71. Geflügelt wird auch die Medusa gebildet und 
iwar in den Darstellungen der älteren Kunst mit Schulter- 
Dügeln. Später als die Künstlerphantasie die grauenvoll 
hafelichen Züge in jenes Ideal des mit dem Zauber der 
Schönheit übergofsenen lieblichsten melanchoUschen Tiefsinns 
umwandelte^ beschränkte sie sich fast ausschliefslich auf die 
Darstellung dieser Züge des verklärten Todesschmerzes und 
sollte das Attribut der Flügel nicht ganz aufgegeben wer- 
den, so sah man sich veranlafst es an die Schläfe zu ver- 
setzen: ein Auskunftsmittel das auch auf einige andere Bil- 
dungen der Art übertragen worden ist. 

72. Bei den bisher betrachteten Gestalten erscheinen 
die Flügel nur als symbolischer Ausdruck der hinunlischen 
Abkunft,, der Schnelligkeit oder Avie bei der Psyche auch 
des Strebens nach Oben und des flüchtigen YerweUens im 
Erdendasein. Der Anthropomorphismus tritt uns in seiner 
ganzen Kraft wieder entgegen in der Reihe von Bildungen, 
^velche die Sirenen eröfihen. Diese sind die personiüzirte 
Sangeslust der Vögel. Sie sind eine den Kentauren und 
Panen ganz analoge DoppelbUdung: der Menschenleib ruht 
auf einem Vogelkörper. Diese Verbindung erscheint nun 
in verschiedenen Denkmälern mehr oder minder lose. In 
späteren Zeiten ist der Frauenleib zu vollkommen mensch- 
lichen Formen entwickelt, denen die Vogelfüfse nur zur 
Grundlage dienen; ältere Formationen zeigen die unver- 
änderte Vogelgestalt mit einem Frauenkopf versehen. 

73. Aber nicht blos gesangUebend ist das buntgefiederte 
Geschlecht der Vögel, auch blutdürstige Grausamkeit wohnt 
unter ihnen. In der Sage von den Sirenen ist dies ange- 
deutet, sie hausen auf Inseln die Todtengebein bedeckt, 
locken die Schi£fer durch ihren Gesang in klippige Untiefen 
und verzehren mit Gierde ihren so gewonnenen Raub. Die 
Kunst sowohl als die Sage hat diesen Zug der Grausamkeit 
und der Raubgier aber noch weiter ausgebildet. Die Har- 
pyien vergegenwärtigen die Raublust wie die Sirenen die 
Musikliebe des Vogels. In ihrer äufseren Bildung la^^ctv «äVv 



32 BRAUN 

die einen von den andern kaum unterscheiden. Nur der 
Zusammenhang weist diese Doppelbildungen der einen oder 
anderen Bedeutung zu. | 

74. An diese Reilie von Wesen schliefst sich noch ein j 
Dreigebilde, welches eine Verbindung des Thierleibs mit ' 
der Vogelschwinge durch Beifügung des Menschenhaupts 1 
vermenschlicht zeigt. Es ist dies die Räthselgestalt der | 
Sphinx. Ursprünglich ward sie flügellos gebildet. Die j 
Schwingen sind wahrscheinlich aus synunetrischen Gründen * 
beigefügt worden. Das Ungeheuer erscheint so weniger | 
kahl und componirt besser. Eigentlich gehört daher diese ' 
Gestalt unter die Abtheilung der Kentauren und verwandter 
Doppelbildungen; da indefs die rein äufserliche Bedeutung 
der angefügten Flügel erst nach Betrachtung der oben auf- 
geführten Wesen richtig verstanden werden kann, so scheint 
die Einschaltung an dieser Stelle geeigneter. Es ist ein 
tiefsinniger Gedanke dafs die Alten die Löwengestalt er- t 
koren haben um dem Menschen sein Verderben durch Pest / 
und alles verschlingenden Tod so recht leibhaftig zu ver- ^ 
gegenwärtigen. Aber nicht wie er brüllend umhergeht und 
sich die Beute erspäht, die er würge, ist er dargestellt, son- 
dern den Menschen das Räthsel des Daseins vorlegend, 
dessen Erfassung allein ihn von den Folgen des eingetrete- f 
nen Zwiespalts befreien kann. Indem Oedipus das Räthsel 
löst und in dem hülflos geborenen Kiiid und dem hinfälligen 
Greis am Stabe den Menschen erkennt, legt er im Namen 
der ganzen Menschheit das Bekenntnifs der tiefsten Demuth 
ab und vernichtet somit die Macht des animaUschen Lebens, 
welches mit ihm um das Dasein und die Oberhand streitet 

75. Die Kinder der Tiefe sowolü der Erde als des 
Meeres sind durch Doppelbildungen vergegenwärtigt, in 
welchen die Menschengestalt entweder mit Schlan- 
genleibern oder mit Fischkörpern verwachsen er- 
scheint. Die bekanntesten unter ihnen sind die Giganten. 
Sie kriechen auf ihren Schlangenschwänzen, in welche sich 
die Beine unter dem Leibe verwandeln, daher und ver- 

I 



GRUNDZÜGE DER DENKMÄLERKUNDE. 33 

egenwärtigen gewaltige Urzeit, in welcher die Kräfte, die 
ttzt unter Bergen und Felsen begraben scldafen, noch leben* 
ig waren und mit den Mächten hereinbrechender Freiheit 
inen bewiiüsten Kampf führten. Ihre Bildung gehört zu 
en kühnsten, bei deren harmonischer Durchführung die 
riechische Kunst ihr Vermögen die Gesetze der Schönheit 
uch bei den häfslichsten Gebilden, ja bei vollkommenen 
[onstruositäten geltend zu machen, in seiner ganzen Pracht 
ntfaltet hat. Die Natur selbst scheint diese Gestalten der 
^unst überantwortet zu haben. So trefflich ist GUed an 
rlied gefügt und doch gewährt ein so harmonisches Gebilde 
ie Idee des Ungeheuren. 

76. Eine analoge Verbindung des Schlangenleibes mit 
ler Menschengestalt, aber auf einer viel niederen Entwicke- 
ungssiufe zeigt die Echidna, bei welcher auf dem Schlan^ 
^enkörper ein Menschenkopf aufgesetzt erscheint ähnlich wie 
^ei der älteren Bildung der Sirenen. Diese Formation ist 
meh ähnlich wie jene zu beurtheilen. Die Schlange erscheint 
lier nicht blos beseelt, sondern mit Bewufstsein erfüllt. 

77. Die Triton en zeigen eine Verbindung von Fisch^ 
md Menschenleib, welche durch die Einfügung von Pferde- 
ülsen zum Abschlufs kommt Die Oberfläche des Meeres 
8t der Schauplatz ihres bunten, lustigen Treibens. Die 
^oge der Rosse ist dem Südländer ein geläufiges Bild, 
ivelches wohl zu der Ausbildung dieser phantastischen We^ 
ten die erste Veranlassung hergegeben haben mag. Die 
Pferdefüfse, welche übrigens nicht in Hufe sondern in Flos- 
lenbündel, wie die der Robben und ähnücher Wasserthiere 
luslaufen, sind daher eine nothwendige Zuthat. Ohne die- 
selben vmrde ihr Bau zum Schwimmen im Wasser, aber 
nicht zum Beschreiten der Meeresfläche geeignet scheinen. 
Dieser Theilnahme an der Kentaurengestalt entsprechen die 
Satyrohren, mit denen sie ausgestattet sind. Besonders 
charakteristisch erschehit ein Zug der Trauer, welcher die- 
sen Weseo Quitten in der ausgelassensten Freude anhaftet. 
£r ist allen Wasserbewohneni eigen und von den soge- 



34 BRAUN 

nannten Meenveibchen erzählen ja die Schiffer noch j. 
dafs sie beim Verlust ihrer Freiheit Thränen vergiefs^nr. 

78. Einen bemerkenswerthen Gegensatz zu dieses? ^r 
Wogen wandelnden Gefolge des Poseidon bieten diejenij 
Wesen, welche an irgend einer Stelle, in irgend ei« 
Winkel des Meeres festgebannt sind. Skylla, die grausai 
Hüterin tückischer Untiefen in der Sikelischen Meerescaj^ 
ist das bekannteste unter ihnen. Ihr Leib endet in Fiscl 
schwänze, die die Stelle der Schenkel vertreten wie k 
den Giganten; ihre Hüften aber sind umgürtet von Huni« 
köpfen, welche die Schiffezermalmenden Kinnbacken M 
Felsklüfte jenes Meeresstrudels, in dem sie haust, verg^ 
wärtigen. Während diese heifshungingen Thiere den schÄ 
brüchigen Piloten gierig verschhngen, pflegt sie ihr gewaltig^ 
Ruder über den Häuptern der Unglücklichen zu schwinget 

79. Seltener als sie .kommt ihr Geliebter GlauM 
vor, der ihr in der Bildung aber sehr ähnlich ist. Zud 
ist er leiehtbeweglicher als diese in ihrer Behausung gleid! 
sam festgewurzelte Tochter des Meeresschreckens, aber an 
seine Hüften sind mit zwei Hunds- oder Wolfsköpfen bi 
wehrt. . Auch diese können die KUppen, welche er als Fi«l 
warten bewohnte und die der Seemann nicht vermeiAi 
konnte ohne in die Fallen der Skylla zu stürzen, recht jä 
send vergegenwärtigen. ' 

80. Sowie wir bei den Darstellungen der Medusa p 
sehn haben, dafs die Künstler sich häufig, ja in der besU 
Zeit fast ausschliefsUch auf die Darstellung ihrer melanch 
lisch schönen Gesichtszüge beschränkt haben, so ist ai^ 
die Tritonenbildung am meisten in der Darstellung vi 
einzelnen Köpfen oder Masken zum Ausdruck gekomnri 
An den Stellen wo die Haarpartieen sich häufen wie an I 
Bartlinie unter den Wangenknochen und über dem Kil 
blättert sich die Haut in Fischschuppen ab, aus welcM 
auch die Augenbrauen gebildet sind. Femer kommt es 4 
dafs über der Stirn Krebscheeren wie Hörner hervorsprieM 
und dem Prinzip nach ist es möglich, dafs alle AttriM 



grundzOgh: der dknkmälerkünde. 35 

es Leibes dieser und aller übrigen Meerdämonen auf das 
resicht und die Maske übertragen vorkommen können. 

81. Selbst mit der Pflanzenwelt geht die mensch- 
che Gestalt Doppelverbindungen ein. Allerdings sind die 
Vasen die auf diesem Wege entstehn mehr rein phantastisch 
ind bleiben fast ausschliefsUch auf das Gebiet der Arabeske 
«schränkt 9 allein da sie mit den bisher betrachteten my- 
hologischen Gestalten die strengste Analogie zeigen^ so 
erscheinen sie inmitten und neben denselben vollkommen 
ibenbürtig. Sie bilden gleichsam den poetischen Rahmen 
iu diesen Darstellungen einer höheren Gedankenwelt. Am 
läufigsten geht die £rotengestalt solche Verbindungen 
lüt Pflanzenformazionen ein, die selbst wieder in phantasti- 
iche Linienschwingungen aufgelöst werden. 

82. Es giebt aber auch eine bacchische Dendriten- 
lildung, die nicht blos einem solchen Scherz ihr Dasein 
verdankt. Alte knorrige Baumstämme nelmien unter der 
i^erbindung mit bärtigen Dionysosmasken gleichsam menschl- 
iches Leben an. Die Bedeutung dieser Doppelgestalt uird 
ieutlicher durch den Vergleich der Bildung des Ampelos, 
lessen Oberkörper mit einem Weinstock verwachsen ist, 
KK^ mehr aber durch die eines Satyrkopfes, dessen Bart- 
laar in Weinlaub ausläuft älmlich wie das der Tritonen in 
Fischschuppen. 

83. Den Besclilufs dieser langen Reihe von vennensch- 
iichicn Naturgebildcn machen die Hermen, weiche in jenen 
^om Himmel gefallenen Steinen, den Bätylen und andern 
IjötiUch verehrten Steinmassen ihren Grund haben. Wäh- 
rend andere Völker gerade das vollkommen Bildungslose in 
denselben anbeteten, hellenisirten sie die Griechen, indem 
■ie denselben den Phallus und das Menschenantlitz anfügten. 
Dies ist die ursprüngUche Bedeutung der Herme. Dafs 
dieselbe bei der späteren unendlich manigfaltigen Verbrei- 
faiDg dieser Form fast günzUch verwischt ward, beweist 
■lidits gegen diese Ableitimg. 

3* 



36 BRAUN 

84. Zu dieser ganzen Welt von vermenschlichten Thier- 
und Pflanzenwesen, bildet innerhalb der Grunzen griechischer 
Kunst und Weltanschauung den schärfsten Gegensatz die 
Gestalt des Minotaur. Dadurch dafs ein Stierkopf auf 
menschlichen Schultern ruht, erscheint er gleichsam ent- 
menscht. Bei den Aegyptem treten zwar selbst die Götter | 
in dieser zoomorphistischen Weise auf, bei den Griechen 
aber ist sie der Ausdruck der- tiefsten natürUchen Verkehrt- .| 
heit. Innerhalb der griechischen Kunst- und Sagenwelt |i 
steht diese Bildung ziemlich einzig da und ihr Ursprung 

i 

I 



[ 



liegt jedenfalls jenseits der Gränzen des helleilischen Be- 
wufstseins. Dafs sie in Kreta, dem Vermittelungspunkt 
griechischer Entwickelung und orientalischer Sitte heimisdi 
ist, darf jedenfalls nicht für zufallig erachtet werden. 

85. Zu einer Gattung von Wesen, die man unter der 
Benennung von MifsbUdungen begreifen kann, gehört der 
Kyklops. Der Sage zufolge hat er, sowie seine Brüder j 
die Kyklopen, nur ein Auge mitten auf der Stirn. Zu die- \ 
ser wörtlichen Uebertragung des mythischen Witzes in die |r 
Kunstwelt hat sich das griechische Gefühl für Wolülaut 
der Formen nicht verstehen können. Der DuaUsmus der 
menschlichen Schädelbildung würde dies auf keine Weise 
zugelassen haben. Um nun die Angabe der Sage mit dem 
Bild der Kunst zu vereinbaren, hat die Genialität der grie- 
chischen Phantasie, die im heiteren Spiele die schwierigsten 
Aufgaben zu lösen weifs, einen Ausweg gefunden, auf dem 
dieser Widerspruch sich leicht ausgUch. Ueber dem Augen- 
paar hat man mitten auf der Stirn ein drittes sehr groises 
Auge angebracht, welches der Sage ihr Recht läfst und 
mehr symbohscher Weise beigefügt erscheint, ohne die Grund- 
formation des menschlichen Schädels zu benachtheiligen. Die ji 
übrige Leibesbildung des Kyklops ist silcnartig häfslich. Ji 

86. Ebenfalls zu den Mifsbildungen gehören die Pyg-I 
mäen, Zwerge nicht ohne Kampflust und Muth, denen ji 
aber Kraniche schon wie Ungeheuer entgegentreten. Sie 1 
haben ybermäfsig grofse Köpfe, starke Leiber auf kurzen! 

\ 



GRUNDZÜGE DER DENKMÄLERKUNDE. 37 

ungestalten Beinen ruhend und mit unverhältnifsmärsig ent- 
wickelten Phallen versehn. Ihre Bildung ist demnach durch- 
aus rhachitisch, aber trotz ihrer HUrslichkeit tritt sie uns 
aus den Kunstwerken mit vieler Naivität und sogar einer 
gewissen Grazie entgegen. Man hat gefühlt dafs der Bil- 
dungstrieb bis XU dem letzten Moment nach Herstellung der 
ursprünglichen Harmonie, zu welcher alle Theile des ani- 
malischen Baues im Körper verbunden sind, strebt und 
seine eigenen Verirrungen mitten in dem Ge^virre der Con- 
traste zu mildem sucht Sowie in der Natur bei Winsen 
dieser Art die zartesten Linien in jene ungestalten Massen 
gleichsam eingesprengt sind, so läfist sich auch in diesen 
Krüppelbildungen der Fabel ein ähnUcher Grundzug der 
edleren Natur unterscheiden. Die Spitzfindigkeit ihres Gei- 
stes bildet SU ihrer verunglückten Körperbildung einen Ge- 
gensatz, der nicht Ekel sondern Rlitgefühl erregt 

87. Trotz der Leichtigkeit, mit welcher die griechische 
Phantasie den Uebergang der Menschen- in die Thierbildimg 
bewerkstelligte, gehören die Darstellungen von Verwand- 
lungen verhältnifsmäüsig zu den seltensten. Aus der Blü- 
thenzeit griechischer Kunst lassen sich vielleicht nur die in 
Delphine verwandelten Seeräuber an der Laterne des De- 
mosthenes in Athen nachweisen. Sonst pflegt sich die Kunst 
fast ausnahmslos mit sjrmbolischen Andeutungen zu begnü- 
gen. Dies ist selbst bei dem Untergang des Aktäon und 
den Qualen der lo der Fall, auch bei der Ueberraschung 
der Daphne durch Apoll oder bei dem Tod des Kyparissos. 
Ejn sehr vereinzeltes Beispiel, welches die erstere in dem 
Augenblick, wo ihre menschlichen Formen sich in Lorbeer- 
iweige auflösen, darstellt, dient eher dazu nachzuweisen, 
daüs den Griechen Darstellungen dieser Art eigentUch zu- 
wider waren. 

88. Mit mn so gröfserer Leichtigkeit und wahrem Na- 
turgefiihl haben sie die verschiedenen Thierbildungen zu 
verschmelzen gewufst und sind dabei verfahren als hätten 
tte von der grolsen Allmutter selbst die Geheimnisse dieses 



38 BRAUN 

wunderbaren Formationsprinzips durch unmittelbare Traditio! 
empfangen. Wenn irgendwo das Schaffen im Sinne 
Natur sich miter der Menschenhand sichtlich offenbart, 
ist es in diesem heiteren Bereich des Phantasus. Von oe* 
pierender Nachahmung der Naturgebilde kann liier 
mehr die Rede sein. Diese Verbindungen sind so üb€^ 
raschender, gleichzeitig so tiefsinniger Art, dals sie gleichsaii 
nur die menschliche Einbildungskraft zu Stande zu bringet 
vermochte. Allerdings war ihr in dieser ftlisehung der F<fr 
mcn die Natur selbst vorangegangen, indem es Thiere giditp 
die so zu sagen die Verbindung zweier sonst ganz getraut* 
ter Ra^en wahrnehmen lassen. So zeigt der Büffel eine 
Mischung der Stier- und Schweinenatur, der Ur oder 
Auerochse soll zum Theil den Eindruck eines Löwen, zun 
Theil eines Stiers machen. Um die '^Tiefe der Analogie 
würdigen zu können, welche die Alten in allen derartigei^ 
Bildungen vor Willkühr und ungeschickten Einfallen, & 
jedes vernünftigen Grundes ermangeln, schützte, müfste vM 
die Kenntnisse und den Scharfblick eines vergleichende! 
Anatomen besitzen, dem es leicht werden würde nach»- 
weisen dafs auch die Phantasiegebilde alter Kunst ausnahm»* 
los rationell sind. 

89. Am häufigsten sind thierische Doppelbildungen i 
dem Reiche des Neptun, welches auch in der wirUicbei 
Natur dergleichen zwitterhafte Zusammensetzungen am häo- '^ 
figdten ^vahmehmen läfst. Die Hippokampen, eine Ve^ 
bindung von Rofs und Fisch, lassen das Prinzip dieser 
Zusammensetzungen am deutlichsten und vollständigirted|B 
wahrnehmen. Wenn man mit Recht die Weisheit dew* 
Schöpfers bewundert, welcher jedes Thier so mit allem au»- ^ 
gerüstet hat', was Clima, Lebensweise, Bestimmung erhei-^ 
sehen, ja wie es sich auch in seinem äufseren Erscheinen 
der ganzen Umgebung gleichsam stylgemäfs anschliefst, so 
nimmt eine ähnliche Bewunderung hier das Gebilde 
Menschenhand in Anspruch. Das Rofs, das Thier des Fe* 
lands, steht mit einem Male vor unseren Augen als 



GRUNDZÜGE DER DENKiMÄLERKUNDE. 39 

l^asserthier da, welches nur für dieses Element geschaffen 
U sein .scheint Es ist aber nicht blos ein accliuiatisirter 
^asserbewohner geworden, sondern ein Wesen ganz eigener 
jriy welches, was weder das Rofs, noch der Fisdi von dem 
8 den Leib mid den Flofsfedersclmiuck geliehn, für sich 
Uein vermag, die Oberdüche des Meeres beschreitet wie 
as ihm angewiesene Element. 

90. Eine ternare Verbindmig von Thierleibern zeigt 
ie Chimäre, ein Wesen, welclies nicht ein so primitives 
rebilde der Künsllerphantasie ist wie andere derartige For- 
lationen, sondern miter dem sichtUchen Einflufs der Poeten 
nd witzelnder Etymologie zur Ausbildung gekommen ist. 
Hie Löwengestalt bildet die Basis dieser monströsen For- 
lation, ihr ist der Widderkopf angefügt, geschickt zwar 
ber ohne die Gesammtgestalt wesentUch zu beeinträchtigen, 
nd so hat auch die Schlange, in welche der Schweif aus- 
iufl keine besonders hervortretende Bedeutung. Dagegen 
it nicht in Abrede zu stellen dais diese drei Leiber uüt 
reschick in einander eingefügt, ja sogar verschmolzen sind. 

91. Weit günstiger hat die Künstlerphantasie auf die 
.usbildung der Kerberosgestalt eingewirkt. Die drei 
!öpfe welche aus dem gewaltigen Hundeleib zumal sich 
ervordrängen, leihen diesem Wesen weit mehr den AnbUck 
es Ungeheuren, Gefräfsigen und FürchtcrUchen. Natur- 
emäfser aber noch tritt uns die Hydra mit ihren sieben 
chlangenköpfen, die polypenartig aus dem dicken Leib 
srvorwachsen, in den Kunstwerken entgegen. Im Allge- 
leinen aber ist die Kunst der vollendeten Entwicklung an 
>lchen zusanmiengesetzten Thiergebilden weniger reich als 
ie ältere, namenthch etruskische, indem später alles gleich- 
im zur Theilnahme an der Menschennatur drängt, wie wir 
ereits oben gesehen haben. 

92. Dagegen hat sie in der freisten komischen Aus- 
ela^senheit die Menschengestalt vsriederum in das Reich 
üerischer Bildungen zurückgeschleudert und in den soge- 
aimten Grillen einen Heichthum der witzigsten Einfälle 



I 



40 BRAUN 



niedergelegt, welche alle Lächerlichkeiten der niederen Men- 
schennatur auf eine ebenso bizarre als wahre Weise schil- 
dern. Bald verwirren sich alle möghchen Thiergebilde in 
einem einzigen Vogelleib, bald richten sich die zarten Fa- ^ku 
denbeine der Fliege und Heuschrecke n«ich Menschenweise 
auf, schleppen ein menschlich sich gebälu'dendes Insect um- 
her und man meint leibhaftige Menschen vor sich zu sehen, 
ohne dafs auch nur eine Spur eines menschlichen Gliedes 
an diesen närrischen Wesen wahrzunehmen ist. In allen 
diesen Scherzen oflfenbart sich indessen ein ebenso feiner 
Sinn als tiefe Naturbeobachtung. 

93. Eine Reihe von Doppelgestalten ganz anderer Art 
eröffnet Janus, jenes Räthselwesen altitalischer Mythologie, 
der in Kunstvorstellungen ebenso selten ist, als er von 
Aelteren und Neueren häufig erwähnt wird. Seine Erschei- 
nung ist fast ausschliefslich auf Münztypen beschränkt und 
es ist rein willkührlich, wenn man diese Benennung auch 
auf andre Doppelköpfe überträgt. Da indefs ein jeder bei 
zwei zusammengekuppelten Köpfen sofort an Janus denkt, 
so wird man diesem altverjährten Vorurtheil wenigstens so 
viel zugestehen dürfen dafs man alle Doppelköpfe unter der 
gemeinsamen Benennung der Janusbildung begreift. 

94. Bei weitem die Mehrzahl dieser so verbundenen 
Köpfe beziehen sich aber auf ein ganz anderes Verhältnis. 
Obwold diese Gattung von Kunstwerken so gut wie gar 
nicht untersucht ist, so läfst sich doch so viel als sicher 
annehmen, dafs man auf diese Weise entweder den engen 
Bezug, der zwei verschiedene Götterwesen an einander i 
kettet, oder die gemeinsame Grundbeziehung, die sie auf 
eine Linie stellt, hat ausdrücken wollen. Erster^ beweisen 
zahlreiche Dionysoshermen, letzteres mehrere so verbundene 
Bildnifskopfe, wie die des Homer und Archilochos, des He- 
rodot und Thukydides. 

95. Diejenige Bildung, in welcher die Idee des Janus- 
kopfs am reinsten durchblickt ist die des Argos, des die 
Eifersucht der Here vertretenden Schülers. Obwohl dieser 



GRUNDZÜGE DER DENKMÄLRRKUNDB. 41 

nach einer mehr hieroglyphisirenden orientalisdien Auffas- 
sungsweise mit Augen am ganzen Körper bedeckt dargestellt 
vnrdj so kommen doch auch Beispiele vor, wo er als der 
AUesschauer mit vor- und rückwärtsblickendem Antlitz er- 
scheint. Der Januskopf mit greisem und jugendlichem Ant- 
litz, wie man sich ihn gewöhnUch vorstellt, dürfte mit Sicher- 
heit in den Monumenten kaum nachzuweisen sein. 

96. Daran läfst sich am schickUchsten eine andre Dop- 
pelformation höheren Naturbezugs anknüpfen, welche wir 
die Hermaphroditenbildung nennen können. Es be- 
greift dieselbe keineswegs blos jene weichlichen Zwitter- 
gestalten der späteren rafGnirten Kunstepochen, welche im 
Gegensatz zur androgynen Erhabenheit des Apollo und der 
Artemis, die eine höhere nicht geschlechtslose aber ge- 
schlechtsfreie Natur zeigen, auf die männUche wie auf die 
weibliche SinnUchkeit einen gleich erregenden und verfüh- 
rerischen Eindruck machen, sondern eine ganze Reihe von 
uralten Götterwesen, die meistens dem Cultus angehören. 
Unter diesen ragt einerseits Priapus, andrerseits die soge- 
nannte Fortuna virilis hervor. Von dieser ist in altitali- 
schen Gülten häufig die Rede, jener zeigt zwar eine" rein 
asiatische Göttersubstanz, ist aber durch die griechische 
Kunst so durchgreifend hellenisirt worden, dafs es Aufmerk- 
samkeit verlangt um jene Doppelnatur zu unterscheiden. 
Gewöhnlich wird über der grob sinnlich hervorgehobenen 
Männhchkeit die andre weichUche und weibische Seite sei- 
nes Wesens übersehn. Diese ist nicht blos durch den Tur- 
ban und Endromiden, sondern auch durch rein weibUche 
Bekleidung und Frauenbrüste angedeutet Auch in der Ge- 
sichtsbildung, obwohl sie mit Bart bedeckt ist, läfst sich 
dieser weibische Charakterzug unterscheiden. 

97. Die Bedeutung solcher contrahirter Doppelbil- 
dungen tritt uns fafsbarer entgegen da wo sie in aufge- 
löster Form erscheinen. Es ist die paarweise Verbindung 
zweier im Grunde sich vöUig gleicher Wesen, die nur durch 
ihre polare Trennung einen Gegensatz mit einander eingehen. 



42 BRAUN 

Da dieses Verhälinifs in dem Dioskurenpaar am schärf- 
sten ausgeprägt ist, so kann man alle ähnlichen Heldenpaare 
miter dieser Formation einreihen. Es kommen deren sehr 
viele vor, aber meist nur in schwachen Andeutungen; am 
deutlichsten hat sich diese polare Paarung in der pränesti- 
nischen Doppelfortuna erhalten, nach deren Vorbild Verblö- 
dungen wie die von Honos und Virtus gemodelt sein mögen. 

98. Sowie übrigens in der Sprache der Dual eine 
ältere Form des Plural zeigt, so scheinen auch in der My- 
thologie diese dualistischen Verbindungen älter zu sein als 
die temaren und mehrzahligen. Die Hören sowohl als die 
Musen werden in der Zweizahl erwähnt und bei ersteren 
taucht dieser Dualismus später wieder auf, indem die Vier- 
zahl derselben sich leicht auf eine doppelte Paarung zurück- 
führen läfst. Obwohl sich diese Formation nicht gut be- 
trachten läfst ohne auf mythologische Fragen einzugehui so 
läfst sie sich beispielsweise durch Figuren wie Deimos 
und Phobos, Schrecken und Furcht, vergegenwärtigen. 

99. Der Janusbildung ganz analog ist die Hekate- 
bildung. Sie besteht in dem Dreiverein von Göttergestidten, 
welche alle auf ein und dasselbe Wesen zurückgeführt wer- 
den müssen. Um diese Einheit der Substanz auszudrücken, 
haben die Alten alle drei Gestalten gleichsam zu einem ein- 
zigen GötterbUd verschmolzen. Da der dieser Formation 
zu Grunde liegende Begriff zu den tiefsinnigsten gehört und 
ohne speculative GeistesthäUgkeit kaum einer Auffassung 
fShig ist, so ist es natürlich, dafs er selbst im Alterthum 
nur selten zum Ausdruck gekommen und meist nur als ge- 
läufige Formel wiederholt worden ist Dreiköpfige Hennen 
welche hierher gehören würden, sind zwar selten, konmien 
aber vor. 

100. In der Auflösung «nd dagegen die ternar^n Ver- 
bindungen um 80 häufiger und am meisten durch den Drei- 
verein der Grazien geläufig. Die schön verschlungene 
Gruppe > in welcher diese aufzutreten pflegen, veranschau- 
licht diese substantielle Einheit der drei Schwestern «^uf 



GRUNDZÜGE DKR DENKMÄLERKUNDE. 43 

eine sehr sinnige Weise und erleichtert und sichert das 
Verständnifs von ähnlichen Dreivereinen vne dem der Hören, 
der Parzen und selbst der Musen. Dafs diese später in der 
Neunzahi auftreten, macht nichts gegen das Prinzip, indem 
sie ja auf diese Weise nichts anders als drei solche temare 
Verbindungen darstellen. Uebrigens begegnet man diesem 
Ternar in der griechischen Mjiihologie aller Orten und die 
Gorgonen, Sirenen, Harpyien, selbst die Furien und viele 
andere derartige Wesen treten in dieser bedeutungsvollen 
Zahl in Kunstwerken selbst dann auf, wenn bei Dichtern 
von einer Mehrzahl die Rede ist. 

K Halbgötter. 

101. In einer Luftschicht, welche unmittelbar an jene 
höheren poetischen Regionen anstöfst, deren Bewohner wir 
bis dahin betrachtet haben, begegnen wir einem gütigen 
Wesen, welches der Menschennatur blos deshalb näher zu 
treten scheint, um ihr hülfreicher zur Seite stehen zu kön- 
nen. Es ist dies Asklepios, der Linderer der Schmerzen, 
der weise Beistand gegen Krankheit und Tod innerhalb der 
Gränzen menschUchen Schicksals. Wenn wir die Griechen 
bewundem müssen wie sie vermocht haben die Idee des 
Göttlichen in einer Reihe von olympischen Gestalten» so bis 
zur Sättigung zu verkörpern, so müssen wir nicht weniger 
die bis zu den Gränzhöhen der Gottheit veredelte Menschen^ 
natur in dem Asklepios anstaunen. Sein Antlitz gleicht so 
sehr dem des Zeus, dafs man leicht V€A*sucht sein wird ihn 
mit dem Haupt der Olympier zu verwechseln, aber der 
Geist, der in jenen erhabenen Bildungen herrscht, ist ao 
spezifisch verschieden, dafs man sich unwillkührUch zu die- 
sem Mann weisen Raths und Zutrauen erweckender Güte 
hingezogen fühlt, während Zeus auch da wo vorzugsweise 
seine Gnade sich offenbart, immer Ehrfurcht gebietend unsem 
Blicken entgegentritt. Mitleidvjoll und theilnehmend bUckt 
er in die Drangsale und Leiden menschlichen Elends hinein, 
sein Auge verkündet dafs er deren geheimen Ursprung wohl 



44 BRAUN 

verstehe, dafs er Macht habe über alle diese Wirren, aber 
in seinen Zügen spricht sich fast wehmuthsvoll das Bewufst- 
sein aus, dafs es ihm nicht vergönnt sei wie ein Gott hel- 
fend und die Uebel bannend zvnschen das arme Menschen- 
geschlecht und dessen Leiden in die Mitte zu treten, sondern 
dafs ihm nur belassen sei durch weisen Rath die Erdenkinder 
gegen sie mächtig zu machen, aber dafs dieser sein guter 
Rath meist nicht beachtet, oft nicht verstanden werde. 

102. Mit dem Asklepios ist aufs innigste verbunden 
Hygiea, die gütige Pflegerin der Leidenden, welche den- 
selben die heilsame Arznei mit Liebe und Sorgfalt bereitet 
und sich in allem vorzugsweise seinen Befehlen gehorsam 
enveist. Die Theilnahme der weibüchen Natur, welche dem 
Menschen wie eine höhere Macht gegen Krankheit und Lei- 
den beisteht, offenbart sich in diesem hehren und doch 
so ganz menschlich sich behabenden Wesen auf eine an- 
betungswürdige, den gerührtesten Dank in Anspruch neh- 
mende Weise. 

103. Die Pflege, welche Asklepios der leidenden Mensch- 
heit zuwendet, erhält die Gartencultur durch Vertumnus, 
ein Götterwesen welches wie jener ursprüngUch wohl eine 
höhere Bedeutung und darauf gegründeten Cultus gehabt 
haben mag, aber in der Kunst an das Geschlecht der Sterb- 
lichen näher herantritt. Seine Bildung gleicht der der Sa- 
tyrn. Sein Ansehn ist das eines gereiften Mannes, sein 
Ausdruck ist voll Gutmüthigkeit. 

104. Dun entspricht die Flora, welche sich mit den 
Erzeugnissen des Frühlings gerade so schmückt als jener 
mit denen des Herbstes. Beide vergegenwärtigen die zwei 
grofsen Jahresphasen. Ihr AntUtz erscheint jugendUch und 
heiter und ihr Kopf ist wahrscheinlich dem Typus der Pro- 
serpina entlehnt worden. 

F. Heroen. 

105. Eine ganz andre Welt eröffnet sich unsern BUcken 
bei dem Eintritt in den Kreis griechischer Heroen. Obwohl 



GRUNDZÜGE DER DENKMÄLERKUNDE. 45 

es im Wesentlichen dieselben Züge sind, welche wir bereits 
aus der Betrachtung der Götterideale kennen, so ist doch 
das Maafs des Geistes, welches sie erfüllt, ein ganz spezi- 
fisch verschiedenes. Mit Worten läfst sich der ebenso feine 
als bedeutungsvolle Unterschied nicht ausdrücken oder auch 
nur andeuten, welcher hier von dem tiefen Kunstsinn der 
Alten mit wunderbarem Tacte durchgeführt erscheint. Win- 
ckehnann hat Um trefflich angedeutet, indem er auf die ver- 
klärende Metamorphose aufmerksam machte, die der ver- 
götterte Herakles nach seiner Aufnahme in den Olympos, 
nach überstandenen Erdenmühen erfahren. Es ist der nem- 
liche Unterschied, den wir im Leben täglich zwischen 
himmelanstrebenden Talenten und der mit göttUcher Ruhe 
alles beherrschenden Macht des Genie's beobachten können. 
Praktisch läfst sich dieser Unterschied nur durch langen und 
andächtigen Verkehr mit den Gebilden alter Kunst erlernen. 
Durch äufsere Merkmale dürfte er kaum wahrnehmbar zu 
machen sein. 

106. JNicht alle Heldencharaktere, die wir aus den 
Dichtungen der Alten mehr oder minder genau kennen, sind 
in der bildenden Kunst zu einer gleich leibhaftigen Ausbil- 
dung gelangt, indem nicht jeder Heros seinen Künstler ge- 
funden wie Achilles seinen Homer. Die meisten kennen 
wir nur aus gröfseren, zusammenhängenden Darstellungen, 
in denen die Schilderung des individuellen Lebens sehr 
häufig dem Ganzen zum Opfer gebracht ^vird oder so mi- 
kroskopisch ausgefallen ist, dafs wir zur Auffassung desselben 
meist unfähig sind. Nur statuarische Darstellungen, Ge- 
mälde, unter Umständen BasreUefs und vorzügliche Gemmen- 
bilder pflegen unserm Gefühl' substanzielle Eindrücke zu 
liefern. Aber selbst bei solchen Kunstwerken höheren Rangs 
pflegt sich der gesuchte Unterschied sehr häufig in da^ an- 
tike Ideal zu verflüchtigen. Es ist die Frage, ob es je 
möglich sein wird diesen Zauber zu lösen, welcher dem- 
jenigen zu vergleichen ist, welcher unsre Augen beim Ein- 
tritt in den Kreis einer fremden Nation, wo wr kaum das 



46 BRAUN 

mannliche Geschlecht von dem weiblichen zu unterscheiden 
im Stande sind, gefangen hält. Wenn man aber bedenkt 
dafs jeder Hirt seine Kuh, jeder Gänsejunge seine Gans 
kennt, während uns aller Unterschied im Eindruck der Gat- 
tung untergeht, so sollte man hoffen können, dab es dem 
Menschen beschieden sein dürfte auch mit jenen idealen 
Gebieten einer untergegangenen Weltanschauung gleich ver- 
traut zu werden. 

107. Theseus tritt unter den Heroen an Herakles 
zunächst heran. Da er diesem in seiner ganzen äufseren 
Bildung auffallend gleicht, auch das Attribut der Keule mit 
ihm gemein hat, so sind beide in Kunstvorstellungen oft 
schwer zu unterscheiden. Es würde selbst kaum möglich 
sein den inneren Unterschied, welcher zwischen der Natur 
beider obwaltet, nachzuweisen und festzustellen, gäbe uns 
nicht der Mythos dazu die nöthigen Mittel an die Hand. 
Denn obwohl man mit einigem Grund sagen könnte, The- 
seus der Heros des ionischen Athens verhalte sich zum do- 
rischen Herakles wie der ionische und dorische Volksstamm 
überhaupt, so dürfte dieser Vergleich doch insofern nicht 
erschöpfend sein, als dabei Theseus dem Herakles gleich- 
gestellt erscheinen würde. Während aber dieser ein Sohn 
des Zeus ist, rühmt sich als Vater des Theseus Poseidon 
und der Unterschied welcher zwischen beiden Olympiern 
stattfindet, läfst durchweg auch auf diese zwei von ihnen 
entsprossenen Heroen eine Anwendung zu. Im Theseus 
spiegeln sich aber allerdings auch alle Eigenthümlichkeiten 
des athenischen Volks. Er hat ein schmuckes, jugendliches, 
oft fast mädchenhaftes Ansehn. Seine Heldenkraft äufsert 
sich meist in staunenerregender Gewandheit. Obwohl sein 
ganzes Wesen nicht von ferne an die Allgewalt des Herakles, 
an diesen Helden der Urzeit heranzutreten scheint, so ist 
doch auch der Fortschritt der Cultur nicht zu verkennen, 
auf die er schon durch sein äufseres Erscheinen hinweist. 
Leider sind die Darstellungen des Theseus verhältnifsmäfsig 
eben so selten, als die des Herakles überhäufig, weshalb 



GRUNDZÜGE DER DENKMÄLBKKUNDE. 4? 

mch für jetzt wenigstens, wo viele derselben noch unter 
den vor der Hand auf letzteren bezogenen Monumenten 
verstreut liegen mögen, diese feinen Untersclüede in der 
Theorie leichter als in der Praxis nachweisen lassen. Wird 
man aber dereinst im Stande sein diese Ausscheidung mit 
sichern! Erfolg zu bewerksteUigen, so dürfte die oben an- 
gedeutete Parallele wohl auch Fundament gewinnen. 

108. Der telamonische Aias, unter allem Griechenvolk 
vor Troja nach dem Achilleus der gewaltigste Heros , zeigt 
ein hercuHsches Aeufsere. Die Kunst hat in den vollendet- 
sten Darstellungen dieses von dem fürchterUchsten IVIifsge- 
schick heimgesuchten Helden ihn ganz dem Herakles gleich 
gebildet Aber während er von diesem den kräftigen Kör- 
perbau und alle Tugend der Mannheit ererbt, ist er seiner 
Gottesfurcht und Ergebenheit in einen höheren Willen ver- ' 
lustig gegangen. Diese geistige Verschiedenheit hat die 
Kunst sehr schön und zart angedeutet. 

109. Der Held, in welchem sich dieses geistige Ele- 
ment mit götterähnhchen Körpereigenschaften wiedermn ver- 
söhnt zeigt, ist der Peiide Achilleus. Als ihn gleiches 
Weh getroffen wie den ruhmdürstigen Aias, da nimmt 
er die Leier zur Hand und besänftigt das wildstürmende 
Herz in der zottigen Brust Alle seine Handlungen sind 
nach dem Willen der Götter bemessen, von ilmen nimmt 
er selbst den frühen Tod dahin, obschon er keinem schreck- 
Ucher erschien als ihm. Obwohl die Verherrlichung, welche 
er in den Kunstwerken erhalten hat, gering zu nennen ist 
im Vergleich mit dem unsterblichen Ruhm, zii welchem 
ihn das Lied des mäonischen Schwans erhoben, so spiegelt 
sich doch sein wunderbar tiefer Charakter auch hier wie 
ein hoher Bergwald in einem stillen von Felsenhöhn rings 
eingeschlossenen Alpensee. Die gewaltigen Contraste welche 
sein fast weiches Gemüth mit seinem nur dem Götterwillen 
weichenden Charakter eingeht, die fast mädchenhafte Naivi- 
tät, mit der er im Frauengemach des Lykomedes nach den 
Waffen greift, die Rührung welche ihn beim Anblick des 



48 BRAUN 

greisen Priainos, seines Todfeindes, ergreift, der unendliche 
Schmerz mit dem er die Briseis ziehen sieht und dabei 
seine Scheu vor dem Völkerrecht, lassen uns ihn als einen 
Heros anstaunen, der nimmer seines Gleichen gehabt. — 
Das Ideal des Achilleus ist für uns aus Mangel an Bild- 
werken, die ihn zum Gegenstand einer selbständigen Dar- 
stellung gemacht, nicht so leicht festzustellen als man wohl 
glauben möchte. Im Alterthum gab es ganze Reihen kleiner 
Kriegerstatuen, die Achilleische hiefsen; ^vir haben kaum 
eine sicher nachweisbare. So viel läfst sich indessen vor- 
läufig feststellen, dafs er eine sclüanke in allen Theilen har- 
monisch ausgebildete Heldengestalt darbietet. Sein Antlitz 
zeigt das herrlichste Ebenmaafs in allen Zügen. Im Aus- 
druck hat er eine gewisse Weiche und Milde die mit seinem 
stürmisch aufregbaren Charakter Avunderbar contrastirt. Das 
Haupthaar trägt er kurz geschoren, nur von der Stirn hän- 
gen einige über dieselbe hereinfallende Locken herab. Das 
Kinn ist glatt; die Wangen schmückt ein leicht angedeute- 
ter Backenbart. 

110. Menelaos bietet insofern einen bedeutungsvollen 
Gegensatz zum Achilleus dar, als er die Macht des Ares in 
der gereiften Kraft des Mannesalters darstellt, während in 
diesem nur Jugend, die herrüchste edelste Blüthe der Jugend 
ihre Pracht entfaltet. In einer der schönsten Gruppen, die 
wir aus dem Alterthum übrig haben, ist er in dem ver- 
hängnifsvoUen Augenblick dargestellt, wo er den Leichnam 
des Patroklos den Feinden, die ihn dicht umdrängen, zu 
entreifsen sucht Da offenbart sich seine ganze Heldenkraft, 
aber zugleich auch sein in den Willen der Götter ergebner 
Sinn. Ihnen wendet er sich zu im Gebet um Hülfe, er der 
gerade hier seine glänzendste Grofsthat vollbringt. — Wäh- 
rend solche Darstellungen uns die tiefsten Blicke in den 
Charakter einzelner Heldennaturen, wie sie die Kunst uns 
vorführt, thun lassen, machen dieselben es gleiclizeitig sehr 
schwierig, das Schema der einzelnen Helden, die uns in 
solchen AugenbUcken gewaltiger Bewegung entgegentreten, 



GRUNDZÜGR DER DKNKMÄLERKüNDß. 49 

auf feste Umrisse zurückzuführen. Wie weit wir noch von 
dem sichern Verstündnifs solcher Kunstvorstellungen entfernt 
sind, beweist der Umstand dafs man gerade in diesem Bilde 
des^ Menelaos den specifisch davon verschiedenen Helden- 
Charakter des telamonischen Aias zu erkennen geglaubt hat. 

111. Eine der in dem Kreise homerischer Helden her- 
vorragenden Gestalten ist Philoktetes. Auch seine Indivi- 
dualität offenbart sich in der Kunst wie die des Aias in- 
mitten des schwersten Leidens. Dieses besteht nicht sowohl 
in der fürchterlichen Körperplage , die das Schicksal ihm 
auferlegt, sondern in dem Seelenschmerz, in jener Ungeheuern 
Sehnsucht, die den Menschen erfafst, wenn er der Mensch- 
heit sich entfremdet sieht. Auf den Ausdruck dieses namen- 
losen Wehs hatte die bildende Kunst alle ihre IVIittel con- 
centrirt und jenes körperliche Leiden verhältnifsmäfsig nur 
leise angedeutet. Voll Menschenhafs und Mifstrauen treffen 
wir ihn auf einsamer Insel, wüste und roh von Aussehn, 
aber unendlicher Sehnsucht voll hinausscliauend auf die öde 
Flache des Meeres^ 

112i Nicht durch Zufall scheint die Sage dem Philok- 
tetes, der seinem eigenen sich selbst benagenden Charakter 
zur Beute wird, den Odysseus, der inmitten weit gi'öfserer, 
wenigstens drohenderer Gefahren nie rathlos bleibt, gegen- 
übergestellt zu haben. Ihm gelingt die Ausgleichung des 
herbsten Geschicks mit den Bedingnissen der Aufsenwelt 
und des eigenen Daseins jeder Zeit, freilich nicht ohne der 
Götter Beistand. Nächst dem Herakles ist wohl kein 
Heroencharakter so scharf ausgeprägt als der des Odysseus. 
Obwohl seine Darstellungen verhältnifsmäfsig nicht häufig 
sind, so steht er doch leibhaftig vor unsern Augen, als hät- 
ten Mdr irgendwie persönlich mit ihm verkehrt. Eine kurze, 
gedrungene Schiffergestalt, in allen Bewcgiuigen des Kör- 
pers nicht weniger gewandt als stämmig und festen Tritts, 
scheint er seine königliche Abkunft eher zu verbergen, als 
mit derselben zur Unzeit hervorzutreten. Sogar die ange- 
bome Schlauheit weifs sein Antlitz unter beredter, Zutrauen 

4 



50 BRAUN 

erweckender Freundlichkeit zu verslecken. Bart und Haare 
zeigen eine gewisse Nachlässigkeit der Anmuth, aber wäh- 
rend er sich mit dem Ausdruck der Jugendlichkeit begnügt, 
zeigt die prall gewölbte Stirn den erfahrenen weisen Mann, 
dessen durchdringender BUck selbst Ungeheuer bändigen 
würde. 

113. Die Betrachtung einer so scharf ausgeprägten 
mythologischen IndividuaUtät lehrt uns nun aber ganz be- 
sonders wie mangelhaft unsre Kenntnifs von den verwand- 
ten homerischen Heldengestalten ist. Ihr bloses Vorkommen 
in irgend einer Composizion kann dieselbe auch dann nicht 
wesentHch fördern, wenn die Umstände, sprechende Sym- 
bole oder sogar Namensbeischriften ihre Bedeutung aufser 
Zweifel setzen. In gar vielen Darstellungen treten sie uns 
entgegen wie in der Tragödie die Helden, deren äufsere 
Erscheinung zwar auch etwas Imposantes hat, wobei sie 
aber nur die Träger der dramatischen Poesie, mit der sie 
für kurze Augenblicke belehnt erscheinen, sind. Dies ist 
zum grofsen Theil der Charakter der Vasenumrisse, ja selbst | 
der Gemmenbilder und vieler Reliefs. Von mehreren der 
kervorragendsten homerischen Heldencharaktere hat uns da- 
her die Kunst ohne alle innere, tiefere Kunde gelassen. So 
fehlt ja selbst von Agamemnon ein leibhaftiges Bild; so ist 
unsre Bekanntschaft mit der Weise wie Nestor, Dionaedes 
und Palamedes in Kunstdarstellungen auftraten trotz dem 
dafs sie in mehreren Composizionen eintreten, nur gering 
und unbefriedigend zu nennen. Selbst Protesilaos, obwohl 
ihm ganze Sarkophagschilderungen gewidmet sind, hinter- 
Uifst uns den Eindruck einer flüchtigen Erscheinung, welche 
nur die Composizion zu heben und die darauf bezügliche 
poetische Tradizion verständlich zu maclven im Stande ist. . 

114. Zu jenen von der Kunst bevorzugten Heldenge- \ 
stalten gehört Meleagros. Von ihm besitzen \vir eine be- | 
rühmte trefflich erhaltene Statue mit einigen Repliken und i 
darauf bezüglichen Gemmenbildern. Hier haben wir \vieder t 
einen jener bedeutungsvollen Heroencharaktere vor uns, die 



GRÜNDZÜGE DER DKNKMÄLERKÜNDE. 51 

uns alle Schicksale eines glorreich bestandenen Lebens mit 
einem Blick überschauen lassen und uns offenbar machen, 
was in der Brust verborgenen Tiefen sich still vorbereitet 
and einem gewissen, unentrinnbaren Scliicksal entgegenreift. 
Unwillkührlich wird man an Achilles erinnert, mit dem die« 
ser göttergleiche Jüngling das grofsartige Selbstgefühl, den 
schlanken GUederbau, und bei der edelsten Männlichkeit die 
zarteste Schönheit gemein hat. Aber welcher unendliche 
Unterschied, wenn wir beide mit einander im Einzelnen ver- 
gleichen. Statt der langherabwallenden Locken hat der 
ätolische HeldenjüngUng kurzes, krauses Haar, sein Körper 
hat, dem entsprechend, mehr das Ansehn des Stämmigen 
als jene schlanke Behendigkeit des fufsschnellen AchiUeus. 
Auch dieser ist Jäger wie Meleagros, aber sowie der Löwe 
seine Beute in ganz andrer Weise annimmt wie der Bär 
oder Wolf, so scheinen beide auch in dieser Beziehung ein- 
ander polar entgegenzutreten. Besonders aber spricht sich 
der Unterschied in der Anschauung des Lebens mit seinen 
Gütern aus: während AchiUeus den Preis seiner Thaten 
hoch hält, schenkt Meleagros die Haut des Ebers, die herr- 
lichste Siegestrophäe, in jugendlicher Unbefangenheit hinweg 
und findet allen Lohn in der glorreich bestandenen That, 
über die er mehr mit Selbstzufriedenheit als mit Selbstge- 
fälligkeit hinwegzuschauen scheint, gleichsam als suche sein 
rascher, scharfer Waidmannsblick nach irgend einem andern 
Wagestück, von dem er nichts hinwegzutragen beabsichtigt 
als das frohe Gefühl der kühn und erfolgreich bestandenen 
That. 

115. Sicherlich hatte die alte Kunst Heldencharaktere 
wie die eines lason, Oedipus oder Kadmos in ähnlicher 
Weise durchgebildet, uns aber ist von solchen Darstellwigen 
entweder nichts übrig gebUeben oder noch fehlt uns das 
Verständnifs der etwa davon auf uns herabgekommenen 
Reste. Wer würde z. B. es wägen in dem Kopf der vor- 
herbetrachteten Statue, wenn dieser allein und ohne Attri- 
bute erhalten wäre, einen Meleager mit Sicherheit zu er- 

4^ 



52 BRAUN 

kennen? Jetzt da wir ihn als solchen unserer Phantasie 
eingeprägt, würden wir auch viel geringere Reproductionen 
dieses Ideals in diesem Sinne zu verstehen im Stande sein. 
Die Physiognomie des lason glaubt man nun zwar durch 
eine in mehreren Wiederholungen vorhandene Sfatue zu 
kennen, allein bis jetzt ist so wenig für die Analyse dieser 
so verstandenen Züge geschehn, dafs zu fürchten steht, man 
sei mehr mit der Uebertragung seines Charakters wie ihn 
die Dichtung liefert auf das Kunstwerk als mit letzterem 
beschäftigt, wenn man ihn zu besprechen versuchen wollte. 

116. Auch Amphiaraos, Kapaneus und Tydeus 
wandeln nur in flüchtigen Bildern an uns vorüber. Obwohl 
die Composizionen, in denen sie erscheinen, ilir ganzes We- 
sen mit sprechenden Zügen schildern, so gehen sie doch 
zu sehr in denselben auf, um von ihnen abgesondert und 
einer Einzelbetrachtung unterworfen zu werden. 

117. Von Bellerophon ist eine Reliefdarstellung in 
Marmor übrig, die, obwohl sie sich einer so vollendeten 
Statue wie der des Äleleagros nicht von ferne vergleichen 
läfst, doch einigermafsen seinen der Einsamkeit ergebenen 
Tiefsinn, der sich nachmals plötzlich zu Hochmuth umgc- i 
staltet und ihn zum Flug nach den Wohnungen der Un- j 
sterblichen verführt, kenntUch macht. Viel dürfen wir frei- 
lich nicht hineinlegen in diese Züge weil sie zu sehr von 
dem Ganzen der Composizion abhängig sind und in anderm 
Zusammenhang eine ganz andre Betonung erhalten dürften 
und würden. 

118. Etwas feiner und individueller ausgebildet treten 
uns in einer ähnlichen ReUefdarstellung die Züge des Per- 
seus entgegen, den namenthch jener ritterUche Anstand 
auszuzeichnen scheint, der den kühnen Abenteuerer mit so 
zarten Sitten in einen sehr anziehenden Gegensatz bringt. 
Sein Gesammtschema scheint allerdings nach dem Bilde des 
Hermes gemodelt zu sein, dem er in seiner äufseren Er- 
scheinung unter den Heroen am meisten nahe kommt. Seine 
Glieder sind voll Anmuth in jeder Bewegimg und von einer 



GRUNDZÜGE DER DENKMÄLERKUNDE. 53 

Zartheit in der Bildung, die die Heldenkraft in ähnlicher 
Weise vergegenwärtigt wie zartgegliederte Thiere die in- 
tenfflve Kraft des animalischen Lebens darstellen. 

119. Hippolytos, dessen leibhaftige Erscheinung, in- 
sofern sie in den geistig belebten Zügen des AntUtzes cul- 
minirt, wir weniger kennen, bietet einen interessanten Gegen- 
satz zum Hipponoos oder Bellerophon dar. Während dieser 
von hohen Dingen träumt, hat der Sohn des Theseus eine 
so unbesiegbare Unschuld der Seele, dafs ihn keine Art von 
Verführung der keuschen Göttin Artemis, welcher er er- 
geben ist, untreu und abw^idig zu machen vermag. Diese 
frische Jugendlichkeit, diese unbewufste Tugend scheint be- 
sonders in den Darstellungen die wir von ihm besitzen und 
die auf ein vollendetes Urbild hindeuten, durchzuschimmern. 
Sein ganzes Wesen athmet Kühnheit, raschen JüngUngsinn 
und Keuschheit und spiegelt besonders in letzter Beziehung 
die schönsten Zeiten der griechischen Palästra ab. 

120. Obwohl wir kein sicheres, scharf ausgeprägtes 
Bild des Orestes besitzen, so läfst sich doch aus den ver- 
schiedenen zum Theil sehr prägnanten Darstellungen, die 
wir von dem ohne alle- eigene Schuld durch das Fatum so 
schwer belasteten Sohii des Agamemnon haben, ein Ideal 
ableiten, welches als Grundzug jenen zum Weltschmerz ver- 
edelten Wahnsinn hat, den Apollo auf sein Haupt geworfen 
um ihn von der Schwester heilen zu lassen und damit das 
Haus des Tantalos vom Fluch zu befreien. Welche Tiefen 
der menschlichen Seele ein Kunstwerk des vollendeten Styls 
in der Darstellung des schuldlosen fluchbeladenen Mutter- 
mörders offenbart haben würde, können wir kaum ahnden; 
dafi^ aber eine solche alle pathetischen Darstellungen des 
Alterthums weit überboten haben müfste, läfst sich nach 
den schwachen, halb verloschenen Zügen, die uns die Auf- 
fassung dieses fürchterlichen Seelenleidens andeuten, kühn 
behaupten. Dadurch dafs die polare Spannung, welche 
zwei durch Blutsbande oder Freundschaft an einanderge- 
kettete Persönlichkeiten wahrnehmen lassen, auch in der 



54 BRAUN 

bildenden Kunst einen Ausdruck gefunden hat^ wird die 
Erscheinung des Orestes doppelt interessant. Wir besiiien 
kein Denkmal des von der Convenienz befreiten Siyls wel- 
ches uns den Patroklos in ähnlicher Weise dem Achilles J 
gegenüberstellte^ wie Pylades dem Orestes in den Darstel- 
lungen verbunden erscheint, welche diesen in die Arme des 
ersteren ohnmächtig zurückgesunken zeigen. Die Darstellung 
der Schaale des Sosias, in deren Innerem wdr den verwun- 
deten Patroklos unter der Pflege des Achilleus erblicken, 
scheint unsere Bemerkung zu widerlegen, in Wahrheit aber 
erhält sie durch diesen Vergleich erst ihren wahren Werth. 

121. Während die Reihe kriegerischer Heroen, die die 
Alten wahrscheinlich zu einem sehr schön abgeschlossenen 
System vereinigt hatten, für ims vielfache Lücken hat, ist 
die der durch Jugendschöne ausgezeichneter Knaben und . 
Jünglinge, welche Götter und Göttinnen zu sich herabzogen^ 
verhältnifsmäfsig um so vollständiger auf uns gekonunen. 
Ganymedes der Liebling des Zeus, nimmt unter diesen 
billig den ersten Platz ein. Von ihm ist eine grofse Anzahl 
von Kunstdarstellungen vorhanden, die alle in der Schilde- 
rung der naivsten Knabenunschuld übereinstinmien. Diese 
behauptet sich selbst in dem verhängnifsvoUen Augenblick, j 
wo der Adler ihn in seinen Klauen nach den Höhen des 
Olympos emporträgt. Nachdem er aber dem obersten Len- 
ker des Götterstaats unterthänig geworden und mit dem 
Mundschenkenamt belehnt worden ist, da tritt uns dieselbe 
in jenem edlen Zug wohlgearteter Naturen entgegen, wel- 
cher in dem Glück dem Würdigsten dienstbar sein zu dürfen 
die höchste Wonne des Daseins durchbUcken läfst 

122. Hylas, der Liebling des Herakles, steht schon 
auf einer späteren Stufe der Entwickelung. Seine sidi zu 
edler stolzer Männlichkeit entfaltende Jugend berührt die 
Nymphen y deren Behausungen er beim Wasserholen naht, 
mit dem Zauberschlag der Liebe. Hier offenbart sich die 
Unschuld nicht mehr in der Naivität wie beim Ganymed, 
sondern sie nimmt einen positiven bewufsten Charakter an. 



GRÜNDZÜGE DER DBNKMÄLERKUNDE. 55 

&Iit keuschem Widerstreben reifst er sich aus ihren Um- 
armungen los und gewährt das schönste Bild eines den 
Lockungen der Wollust mit angebornen Tugendgefühlen 
entgegentretenden Heldenjünglings. 

123. Kephalos, den die Göttin des Frühroths in ihren 
Armen hinwegträgt, mufs eine ähnliche Erscheinung darge- 
boten haben nur mit dem Unterschiede, dafs in dem Schrecken 
eines so plötzlichen DahingeraStseins sich die jugendUche 
Zaghaftigkeit ebenso schön abspiegelte wie dort Uner- 
schrockenheit in dem Zögling des Herakles selbst im Un* 
tergang glorreich hervortrat 

124. Auf ihrem Höhepunkt erscheint diese Keuschheit, 
in welcher selbst die Alten den herrlichsten Schmuck der 
Jugendschöne erkannten, in der Gestalt des Endymion. 
Bei der vollkommensten Entwickelung der Jugendblüthe 
offenbart sich das gänzUche Aufgeben seiner selbst, jene 
rückhaltslose Hingebung an ein Höheres nirgends herrlicher 
als in der von Anmuth übergossenen Gestalt des wonnigen 
Schlafers. Die Liebe zu einem solchen Bild der Reinheit 
und Tugend konnte selbst der keuschesten Göttin, der Ar« 
temiSy »iemen. Ea ist einer der genialsten Zfige der alten 
Mythologie, dafs sie den Endymion in Schlaf versenkt, um 
die Liebesbegeguung der jungfräulichen Göttin mit ihrer un- 
verletzten Keuschheit auszugleichen. Im Schlaf ist keine 
Sünde: diese Wahrheit offenbart sich hier in ihrer sinnigsten 
Anwendung. 

125. Die Krone dieser in der Jugendblüthe dahinge« 
rafften Götterlieblinge bildet Adonis, eine Heroengestalt 
die in dieser Sphäre der Mythologie ganz dieselbe hohe 
Bedeutung hat wie in einer andern Herakles. IVIit ihm steht 
er in einem vollkommen polaren Gegensatz. Sowie sich 
gewisse Pflatizengattungen leicht, gewisse andere dem rau- 
hen Abendlande gar nicht acciimatisiren lassen, so treten 
auch gewisse Gestalten orientalischer Weltanschauung in 
der giiechischen Kunstwelt wie eine larte exotische Pflanze 
auf- Wenn wir den liefen vSinn, der der Festfeier der Ado- 



56 BRAUN 

niazusen zu Grunde lag, in Betracht bringen ^ so gehört die 
Kunsterscheinung des Lieblings der Aphrodite zu der Gat- 
tung der letzteren. Ist man mit der tieferen Bedeutung 
seines Wesens unbekannt, so wird man leicht in den weni- 
gen von ihm vorhandenen Kunstdarstellungen die Grundzüge 
übersehen, welche es von anderen Erscheinungen gleicher 
Art unterscheiden, eben weil sich hier das Liebesabenteuer 
mit der Aphrodite mehr in den Vordergrund gedrängt hat 
Adonis hat den schlanken Gliederbau, die reine Schönheit 
der Gesichtszüge, den männlichen Thatendrang, der sich in 
der Liebe zur Jagd ausspricht, mit andern Götterjünglingen 
dieser glückUchsten Lebensepoche gemein, aber der tiefste 
Weltschmerz in der höchsten Erdenwonne spricht sich in 
keiner mythologischen Persönlichkeit so mächtig aus wie 
bei ihm. 

126. Kyparissos ist das Widerspiel des Adonis. Wäh- 
rend dieser in den wonnigsten Tagen des Jahres, wenn der 
Frühling seinen Vollglanz erreicht, dahinwelkt, von der 
Aphrodite und allen Liebesgöttern bejammert, haucht der 
Liebling des Apollo, der zartfühlende Knabe Kyparissos 
einsam sein Leben aus in den Umarmungen des Lieblings- 
hirsches der mit dem Todespfeil in der Brust in denselben 
Schutz gesucht Man hat dem Alterthum vom einseitig 
christlichen Standpunkt aus den Vorwurf gemacht, es habe 
sich Bilder des Todes mit feiger Siimenlust fem gehalten 
und den Schmerz, den Gott in demselben der Menschheit 
auferlegt, nicht fühlen mögen: die beste Widerlegung einer 
bei dem Tiefsinn den sie vor sich herträgt, so flachen An- 
sicht, Uefert der Mythos vom Kyparissos, der von eben die- 
sem Schmerz über das dahinschwindende Leben des getiebten 
Thieres, in dem sich alle Creatur spiegelt, so mächtig er- 
grifl'en wird dafs er das eigene Dasein nicht mehr zu tragen 
vermag. Seine Seele soll in der melanchoUschen Stille eines 
Cypressenbaums Ruhe gefunden haben, desjenigen Baumes, 
welcher im Sommer trauert und die winterliche Oede mit 
dem Hoffnimgsgrün seiner Blätter zu beleben scheint. Die 



grundzOge dkr denkmälkrkundb. 57 

Darstellungen, welche wir von diesem zartesten aller Phan- 
tasiegebilde des Alterthums kennen, geben freilich einen nur 
schwachen Begriff von dem was eine ihrer Absichten be- 
wufste Kunst in den Tagen ihrer Kraft in ähnlichen Schil- 
derungen niedergelegt haben mag. 

127. Narkissos bringt den Cyclus, den die bisher 
befrachteten Gestalten beschreiben, zum Abschlufs. Seine 
Erscheinung liefert von jenen allen erst das wahre Ver- 
standnifs. Die höchste, ja überschwengliche Freude welche 
er an dem Spiegelbild der eigenen Gestalt empfindet, genügt 
ihm so wenig dafs sie im Gegentheil die Quelle einer Sehn- 
sucht wird, die nur das Aufgeben des eigenen Daseins xu 
stillen vermag. Sowie jeder Künstler in allen seinen Schöpfun- 
gen immer sich selbst wiederbringt, in der einen aber mehr, 
in der andern weniger die eigenen Erfahrungen und Erleb- 
nisse hervortreten, so scheint sich das heidnische Bewufstsein 
in diesem Mythos selbst zur Darstellung gebracht zu haben. 
Die höchste Schönheit des physischen Daseins, ja selbst die 
herrlichste Entfaltung menschlicher Geistesblüthen bei ewi- 
gem Sehnsuchtsdrang, bei der verzehrenden Betrachtung 
seiner eigenen Wundergebilde und seiner eigenen Schönheit 
und Gröfse, kann durch kein Bild besser vergegenwärtigt 
werden als durch den Mythos des Narkissos. Die Darstel- 
lungen, welche wir von ihm haben, lassen jenen Zug der 
Wehmuth und tiefsten gemüthhchen Zerrissenheit mitten 
durch die kindische Freude an dem Wasserspiegel, der ihm 
sein eigenes Bild zurückwirft, hindurchblicken. Sie ist von 
jener Freudentrauer des Adonis wesentlich verschieden und 
wenn wir diesen Unterschied in den davon erhaltenen Bil- 
dern nicht so spezifisch wiederfinden, so liegt dies in der 
UnvoUkonunenheit der Kunstwerke, welche von den Origi- 
nalen nur wenig gerettet haben und noch mehr in der flachen 
Auffassung dieser Nachbildungen in den modernen Stichen. 

128. Dafs der Mensch, um von diesem Zauberbann, 
der in der Bespiegelung des Narkissos geschildert ist, erlöst 
zu werden, von der Gewalt der Sinneneindrücke selbst bc- 



58 BKAIN 

freit, ja über den Trieb fleisclüicher Lüste erhaben hinge- 
stellt werden uiufs, entging dem tiefen Naturgefühl der Alten 
nicht. In der wunderbar gearteten Persönlichkeit des Ti- 
resias hat uns die Mythologie einen von der Wirkung ge- 
mein sinnlicher Eindrücke unberührten, durch sein gleichet 
Verhalten gegen beide Geschlechter, über die Triebe welchen 
sie dienstbar sind erhabenen Menschen geschildert Die 
Fabel drückt das letztere durdi seinen alle sieben Jahre 
9ich wiederholenden Wechsel seiner Natur, ersteres wie bei 
Homer durch sein Erblinden aus. Die Kunstwerke deuten 
beides an, indem sie ihn nicht blos zum Theil blind dar- 
stellen, sondern uns den Mann von sieben Menschenalteni 
in der Blüthe der Jugend, welche die Trennung beider Ge- 
schlechter noch unbemerkbar läfst, vorführen. Solche An- 
deutungen können uns allein auf die Spuren von den weit 
erhabeneren Kunstdarstellungen leiten, die so untergeordne- 
ten Werken als Vorbild gedient haben mögen. 

129. Aber nicht blos frei gegen die Anforderungen der 
Natur, sondern auch als Herrn und Gebieter über dieselbe 
finden wir den Menschen dargestellt in der Person des 
Orpheus, welcher nicht durdi rohe Gewalt und unge- 
wöhnUche physische Kräfte der Geschöpfe des Waldes iumI 
aller rohen Uncultur Meister wird, sondern durch die Macht 
der Töne die ganze Schöpfung beherrscht. Von diesem 
wunderbaren Menschen haben uns die Kunstwerke manche 
schönen Zug erhalten. Wir erbUcken ihn namentlich in 
einem Marmor, der das letzte Wiedersehn seiner Gattin 
Eurydice schildert, voll des tiefsten Ausdrucks der Liebe 
und Milde. Wenn wdr jedoch bedenken, dafs der gröGste 
Maler des Alterthums in dem gefeiertsten seiner Werke diese 
gewaltige Persönlichkeit in dem Augenblick ihres hödisten 
Triumphs, mitten in dem Tartarus, der sich ihm auch unter- 
thänig zeigt, geschildert, so müssen wir selbst dieses lieb- 
liche Bild nur für einen Scbattenrifs von dem halten, was 
dort sich in der Fülle des Geistes offenbarte. 



GRUNDZÜGE DER DENKMÄLERKUNDE. 59 

130. Mit ihm bringt die Sage zwei andre Heroen in 
Gegensatz, die weil sie sich dem Dionysos wid der Einfüh- 
rung seines Cultus widersetzten, mit ihm gleiches Schicksal 
hatten, den Pentheus und den Lykurgos. So wie nem- 
lieh jener alle sich feindlich widerstrebenden Kräfte, welche 
Natur und Geist in Spannung halten, versöhnend beheiTscht, 
so zeigt sich der Zwiespalt welcher in der Wirklichkeit sich 
überall offenbart, in beider eigene Brust übertragen. Sie 
werden von blinder Wuth und thörigter Raserei ergriffen, 
der sie erliegen. Dieser grausenvolle Wahnsinn findet sich 
mit wenigen, aber ergreifenden Zügen geschildert. Bei der 
Darstellung des Pentheus scheint man sich an den Typus 
des Orestes, bei der des Lykurgos an den des Aias gehalten 
SU haben. . >-< : 

131. Das Widerstreben gegen ein höheres Bildungs- 
prinzip, welches sich hier in der mortolischen Sphäre in sei- 
ner Rückwirkung offenbart, tritt nun leibhaftiger noch in 
denjenigen Gestalten hervor, welche das barbarische Element 
gegen die grofsen Heroen griechischer Cultur zum letzten 
Male und ^olglos vertheidigen, in dem Antäos, Syleus 
und Skiron. In allen dreien tritt das Rohe und Unge- 
schlachte mit einigermafsen derben Zügen aus den Kunst- 
werken uns entgegen. Antäos läfst denselben Gegensatz des 
barbarischen Athleten gegen den Zögling der hellenischen 
Paläfitra wahrnehmen wie Amykos, der ebenfalls hierher 
gehört. Seine nur physische Gewalt ermangelt des Steuers 
der Bildung und erliegt der in der Schule griechischer Gym- 
nastik geübten Kraft des Herakles. Syleus zeigt eine rohe 
Satymatur, die in einem ungeschlachten, haarigen Leibe 
wohnt und dem freien Griechen Ungebührliches zumuthet. 
Solcher barschen Despotie tritt ebenfalls Herakles mit hel- 
lemsdiem Selbstgefühl entgegen und würgt den Unterdrücker. 
Beim Skiron haben wir ganz den gleichen Fall und es liefsen 
sich die andern Gegner des Theseus und des Herakles daran 
reihen, wäre bei diesen das rohe Gewebe ihres Leibes in 
den Kunstwerken auf eine gleich materielle Weise zur Dar- 



60 BRAt'N 

Stellung geLouinien. Die meisten derselben erscheinen inde(is 
nur in symbolischen Andeutungen und wollte man sie aus 
ihrer Zusammenstellung mit Theseus oder ähnlichen Helden 
herausnehmen y so würde Niemand an unhellenische Wesen } 
denken. Von Amykos haben wir in Beziehung auf den 
Ausdruck dieses rohen barbarischen Uebermuths und wilden, 
auch nach der Besiegung unbeugsamen Sinns die vollkom- 
menste Darstellung übrig, welche uns den bedeutungsvoUen 
Gegensatz roher Naturgewalt zu der behenden Kraft der ^ 
Dioskuren in dem schärCstep Lichte beobachten labt 

132. Nur äulserUch, d. h. nur in Beziehung auf die 
Elrscheinung reiht sich in ironischem Widerspiel an diese 
Naturwesen die schUchte Gestalt des Dädalos an. Auf den 
ersten AnbUck würde man fast versucht sein ihn für einen 
Nichtgriechen zu nehmen. So ganz anspruchslos, sein selbst 
vergessend und unscheinbar tritt er uns «itgegen. Aber 
wenn wir auf die Gebilde die seiner Hand entstehen, wenn 
wir auf die geistige Spannung einen Blick werfen, mit der 
er seine Werke zimmert, da lernen wir das Walten jenes 
ächthellenischen Kunstgeistes ahnden, der ganz in die Ver- 
borgenheit zurücktritt um im vollen Glänze seiner Herrhdi- 
keit aus den Gebilden seiner Hand wie der Phönix aus der 
Asche wieder hervorzutreten, hi Rücksicht auf solche An- 
spruchslosigkeit und schüchtes Wesen mögen die Alten, wo 
sie von der persönUchen Erscheinung des Phidias reden, 
ihn einen banausischen Werkmeister nennen. 

133. Obwohl den Griechen das orientalische Element 
allezeit fremd geblieben und obwohl sie bei der Darstellung 
asiatischer Götter- und Heldenwesen nie über das Spiegel- 
bild ihrer eigenen Nazionalität hinausgelangt sind, so haben 
sie doch innerhalb der Gränzen dieser relativ subjectiven 
Auffassungsweise die Bedeutung jener ihnen mit riesenmälsi- 
gen Schranken gegenüberstehenden moralischen Welt mit 
wenigen, aber tiefsinnig erfafsten Zügen zu schildern ge- 
wufst. Am mächtigsten ragt unter den Gestalten des Bar- 
barenihums Sardanapalos, der Prototyp asiatischen Despo- 



GRUNDZÜGR DER DRNKMÄLRRKUNDE. 61 

tenthiuns und ungriechischer Weiclilichkeit hervor. Sowie^ 
wenn Darstellungen des Agamemnon von einiger Bedeutung 
vorhanden wären, diese den Zeustypus mit den einer heroi- 
schen Persönlichkeit entsprechenden Modificationen wieder- 
bringen würden, so haben sie sich bei der Bildung eines 
orientalischen Alleinherrschers' an den Typus des bärtigen, 
sogenannten indischen Bacchus gehalten. Er vergegenwär- 
tigt uns nicht blos einen Gewaltherrscher, der nur Sklaven 
zu seinen Füfsen sieht, sondern einen Gebieter, der nicht 
zur Freiheit seiner eigenen Person gelangt ist. Der home- 
rische Zeus zeigt sich dem Grundprinzip des Götterstaats 
und der Weltordnung gehorsam und gelangt dadurch zu 
jener Unabhängigkeit von sich selbst, die ihn und alles was 
ihm untergeben ist, vor thörigter Willkühr schützt Frei 
herrscht er über Freie und bietet so den höchsten Ausdruck 
der Weltregierung innerhalb der Gränzen der Vernunft dar. 
Ganz anders sehen wir den Abglanz dieses orientalischen 
Götterwesens uns entgegentreten. Auf ihm lastet der Druck 
jenes Prinzips der Unfreiheit schwerer und härter als auf 
einem jeden seiner dienstwilligen Creaturen. Am meisten 
spricht sich dies in der tiefen Bedürftigkeit aus, die ihn 
mitten in der Fülle seiner Reichthümer von Sklaven, die 
jedem seiner Wünsche zuvorzukommen suchen, abhängig 
macht. Während der Grieche die ganze Welt beherrscht 
in der Biegsamkeit seines Wesens und in der Kraft, die 
Entbehrung und Bedürfnifslosigkeit gewähren, ist der ge- 
waltige Beherrscher des Orients an die Scholle die ihn ge- 
boren und an sich selbst festangebannL 

134. Eine andre Gestalt, die die Griechen vorwaltend 
nasional erfafst haben, ist Busiris, der Mohrenkönig, wel- 
cher Menschenblut am Altar vergofs und an Herakles selbst 
las Opfermesser anzulegen wagte. Der Blutdurst des Sü- 
lens, tief gesunkene Menschlichkeit und stupider Aberglaube 
)ind in ihm mit ebenso scharfen als vielsagenden Zügen 
gezeichnet. Obwohl die Griechen auch bei dieser rohen 
äarbarennatur ähnlich wie bei den Darstellungen der Thier- 



62 BRAUN 

weit verfahren sind, indem sie sie veredelten und recht 
eigentlich durch Aufnahme in das poetische Reich der Kunst 
vermenschlichten, so haben wir doch in diesem Bilde eine 
so treue und wahrhaftige Schilderimg der afrikanischen Skla- 
verei und moraUschen Nichtigkeit, welche zu der freien 
Weltanschauung des Hellenismus einen noch schärferen Ge- 
gensatz bildet als selbst der furchtbarste asiatische Despo- 
tismus. Wozu eine ihrer selbst nicht mehr mächtige, im 
Laufe der Jahrhunderte zum Lavinencolofs angewachsene 
Hierarchie führen kann, das wird dem flüchtigen Blick bei 
Anschauung des Busiris klar, besonders in der Weise wie 
er vor dem Herakles, dem freien Griechensohn, erbebt. 

135. Dolon dürfte noch den Heldenliguren beizuzählen 
sein, in welchen das Barbarenthum wenigstens in Tracht 
und Behaben am meisten hervorgehoben erscheint. Alle 
übrigen Helden dieses Sagenkreises sind so stark hellenisirt, 
dafs sie nur in ihrer Umgebung . vsde Memnon, den zwei 
Mohren begleiten, oder durch Andeutung der Barbarentracht 
wie Thoas, Tereus und Pelops erkannt werden können; 
zuweilen fehlen auch diese äufseren Kennzeichen und der 
Zusammenhang der ganzen Darstellung allein mufs ihnen 
ihre Bedeutung sichern. 

136. Selbst Hektor tritt rein griechisch auf und Pria- 
mos sogar läfst wenigstens in manchen Darstellungen keine 
Spur seiner orientaUschen Herrschermacht durchblicken. Hier 
ist das ethische Element jedem andern Bezug vorangestellt 
worden und nirgends vielleicht oiTenbart sich die Wirkung 
eines ungeheuren, alles erdrückenden Geschicks so ergreifend 
als in dieser grofsartigen Königsgestalt. Die Mittel mit wel- 
chen die Alten einen solchen Charakter der Heldenurzeit 
zur Darstellung gebracht haben, sind so einfach, ja möchte 
man sagen, so gering, dafs es, wenn irgendwo, hier schwie- 
rig ist von den Elementen einer ähnhchen Schilderung Rechen- 
schaft zu geben. vSein greises gewaltiges Haupt, sein finstrer, 
Trauer aber «luch Fassung zeigender Bhck und seine selbst 



GRUNDZÜGH: der DENKiMÄLERKUNDK. 63 

• 

von der Last der Jahre und der Fülle des Wehs nicht ge- 
beugte hocherhabene Gestalt gehören zu den Hauptzügen 
dieser in aller Poesie und Kunst einzigen Heroennatur. 

137. Paris erscheint zwar auch ganz hellenisirt^ allein 
in seinem lieblich weichlichen Wesen ist ein Element zur 
vollendetsten Darstellung gekommen , welches wenigstens 
den früheren guten Zeiten des eigentlichen Hellas durchaus 
fremd gewesen sein mag. Asiatisches einschmeichelndes 
Wesen, Liebreiz bis zur Süfslichkeit, alle Gaben der Aphro« 
dite sind in ihm verkörpert Wie eine exotische Pflanze, 
die in wunderbar fein schattirtem Farbenschmuck fast be- 
scheiden gekleidet dasteht, aber in lieblichen Wohlgerüchen 
Betäubung und Sinnenrausch um sich verbreitet, so tritt 
sön Bild uns in der Kunst entgegen. Wäre nicht sein 
Charakter durch die homerischen Dichtungen so schrecklich 
gebrandmarkt und begegneten wir ihm in Darstellungen 
vollendeter Kunst ohne zu A\issen w er er sei, er würde uns 
göttlicher Abkunft scheinen und den herrlichsten Bildungen 
der Menschenhand beigezählt werden. So wunderbar ab- 
gerundet ist seine Erscheinung, so anspiiichlos und Mitge- 
fühl weckend ist sein Wesen und so gütig sein Blick. 

138. Im Laokoon ist jeder nazionale Bezug vor der 
Darstellung jenes ungeheuren Leidens, das Götterzorn über 
ihn verhängt, zurückgewichen. Selbst das Ethische seiner 
Erscheinung ist ganz im Pathetischen aufgegangen. Ohne 
den Widerstand, ^ den sein Riesencharakter in dieser Krisis 
leistet, ^vül•de ein so unerhörtes Greuelgeschick mit augen- 
blicklicher Vernichtung enden imd der Kunst allen Stoff ent- 
»ehn. Die grofsartige Haltung aber, mit welcher er in- 
raitten de» furchtbarsten Seelenschmerzes und gi^ausamer 
kaum menschlicher Weise zu ertragender Körperpein dasteht, 
hat ein Kunstwerk in's Leben gerufen, welches in dieser 
Richtung vielleicht für alle Zeiten als das Gröfste dasteht. 
Gerade der Umstand dafs er in jedem Bezug trostlos der 
Vernichtung entgegengeht, macht sein Leiden zu dem tragisch- 



64 BRAUN 

sten aller Vorgänge *). Die Reinigung der Gefühle^ welche 
die Kunst bezweckt, fallt hier ganz in das Kunstwerk selbst 
zurück; keine Hindeutung auf eine Freude verheifsende Schluls- 
krisis findet sich hier vor, nichts was eine Auflösung so mäch- 
tig gegen einander andringender Conflicte hoffen lieCse; nur 
die Avunderbar edle Haltung, die das Menschengeschlecht 
über sich selbst erhebt und mit der er sein Leiden als ein 
im tragischen Sinne selbstverschuldetes trägt, gewährt des 
Beschauer jene erhabenen Tröstungen, die vom moralischen 
Standpunkt aus die höchsten sind, deren der Mensch theil- 
haflig werden kann. 

G. Heroinen. 

139. Der Kreis heroischer Frauenwesen ist in der 
Mythologie nicht weniger abgeschlossen und eigenthümlieh 
geartet als es die Frauenwelt im Alterthum überhaupt war. 
Die Beschränktheit, in welcher sie durch die vorchristliche 
Weltanschauung gehalten wurde, hat ihr gerade zu ein» 
Selbständigkeit und einem so scharf ausgeprägten Charakter 
verholfen, wie er sonst kaum wieder vorkommt Daher 
begegnen ^vir auch in griechischer Sage und Kunst Fraueor 
gestalten, die uns durch ihr blosses Dasein in Erstaun«! 
setzen müssen. Es ist gewifs bezeichnend dafs derjenige 
Cultus, welcher mit der Zeit alle andern gleichsam ver- 
schlang oder doch überbot, der bakchische, in der weiblichen 
Natur seinen Hochpunkt erreichte. Diese Erscheinung steht 
keineswegs vereinzelt da; überall sehen wir die religiöse 
orgiastische Begeisterung die weibliche Natur zu ihrem 
Ausgangspunkt nehmen und die tiefe Bedeutung dieses Prin- 
zips, in welchem die ganze Schöpfung sich selbst krönt, ist 
von den Alten in ihrer ganzen IMacht und Herrlichkeit in 
Poesie und Kunst oITenbart worden. Dabei haben sie es so 



') Eine Tragödie Hekabe (mit Polyxena und dem zu Polymestor 
gefluchteten Sohn) war von einem guten Bekannten einst als Seitea- 
stück zum Laokoon gedacht und in Trimetern ausgeführt. F. O. ir. 



GRUNDZÜGE D^ DENKMÄLBRKüNDE. 65 

wenig einseitig erfafst, dafs sie im Gegentheil bis zur An- 
schauung derselb|/w in der Polarität — allezeit die Probe 
gründlicher Erkenntnils — durchgedrungen sind. Letztere 
ist in der Darstellung der Amazonensage gewonnen. 

140. Von alten Erdentöchtern wird der höchsten^ nem- 
lich vollgültig göttlicher Ehren Ariadne theilhaftig. Sie 
entspricht in dieser Beziehung ganz dem Herakles. Als des 
Dionysos rechtmäfsige Gemahlin nimmt sie im bacchischen 
Thiasos nach ihm den ersten Platz ein. Sie zeigt neben 
hoher weibücher Schönheit und Anmuth einen Zug tiefsin- 
niger Wehmuth, der auf eine Zukunft hinweist, in welcher 
all ihr Hoffen zur Zeit noch verborgen Hegt, ti dieser Be- 
ziehung unterscheidet sie sich von allen andern weiblichen 
Götteridealen 9 die in sich abgeschlossen vor uns dastehn. 
Der Zug der Trauer, welchen Demeter bUcken läfst, ist 
wesentlich von jener bacchischen Wehmuth ^ verschieden : 
er bezieht sich auf bereits erhttenen Schmerz. Bei Ariadne 
wie bei Köra beginnt so zu sagen das Dasein mit Sehn- 
sucht. All ihr Hoffen ist an die Zukunft eines Knaben ge- 
knüpft, welcher alle Welt beglücken soll. Sie ist daher 
Mutter im vollen Sinne des Worts, nicht eine verwaiste wie 
Demeter. So bedeutungsvoll diese hocherhabene Erschei- 
nung ist, so selten pflegt man in der Kunstwelt des Alter- 
thums zu deren Anschauung zu gelangen, nicht bloss weil 
würdige Vorstellungen dieser Göttin in der That selten sind, 
sondern auch weil man ihr hehres Wesen häufig in Folge 
vorgefafster Meinungen übersieht. Sowie die edelsten Me- 
talle häufig in gemeines Gestein eingesprengt sind, so ist 
auch dieses Götterideal nicht selten von allerhand mytholo- 
gischen Aftergebilden umsponnen, die namentlich in den Zei- 
len späterer religiöser Ideenmischung entstanden sind. 

141. Latona und Semele, die Mütter des delischen 
Götterpaars und des Dionysos, obwohl beide durch Zeus's 
Liebe geehrt, nehmen dennoch den Platz nach der Ariadne 
ein. Ihr Erscheinen ist verhältnifsmäfsig selten: da wo sie 

o 



66 BRAUN 

nachweisbar sind, schliefsen sie sich an den Charakter ilirer 
Kinder an, denen sie den Adel ihres Daseins verdanken. 
Latona zeigt erhabene Entschlossenheit, die namentlich in 
dem edelsten Selbstgefülil ihren Grund hat, während in Se- 
mele die Ueberschwenglichkeit der Liebe, die Tod und Grab 
überdauert und die Schranken der Unterwelt durchbricht, 
verherrlicht erscheint. 

142. Danae und Leda, Töchter der Sterblichen, 
welche sich der Umarmungen des höchsten Gottes, des Zeus 
selbst erfreuen, zeigen eine Verzückung des weiblichen See- 
lenvennögens, die von gemeiner Wollust so weit entfernt 
ist, Avie der gottbegeisterte Rausch der Bacchantinnen von 
roher Trunkenheit. Das was dem modernen Gefühl in die- 
sen Darstellungen anstöfsig erscheint, berührt die Empfin- 
dungen ächter Schaamhafligkeit so wenig, dafs von Ver- 
letzung der Gesetze des Anstands eigentlich gar nicht die 
Rede sein kann. Freilich kann man heutzutage nur bei 
sehr wenigen auf solchen Ernst bei der Kunstbetrachtung 
rechnen, welcher nur das Wesentliche und den geistige 
Gehalt in's Auge fafst und sich vor jeder Berührung mit 
rein äufserlichen Auffälligkeiten sicher weifs. Dem sinnigen 
Blick des Geweihten Avird sich hier eine Regung der Seele, 
ein Zustand der Begeistigung und eine Hingebung des weib- 
lichen Individumns offenbaren, welche nur in dieser uner- 
forschbaren und unbegreiflichen Tiefe der Naturverhältnisse 
möglich ist. Der christlichen Kunst wäre es zu wünschen 
gewesen, dafs sie sich in der Darstellung analoger Zustände, 
welche insofern von den berührten wesentlich verschieden 
sind, als ihnen eine absolute Reinheit des Gedankens zu 
Grunde liegt, auf gleicher Höhe der Sittlichkeit zu halten 
gewufst hätte. Dafs die Alten, welche solche Gedanken ih- 
rer Stellung nach immer vom rein natürb'chen Standpunkt 
aus behandeln mufsten, zu einer solchen Auffassung gelangt 
sind, gehört zu den gröfsten Wundem der Kunst, das sich 
nur durch den mächtig anstrebenden Ernst erklärt, mit wel- 



GRUNDZÜGE DER DENKMAL ER KUNDE. 67 

cliem die Griechen tiberall der Wahrheit entgegengesteuert 
sind und jede heuchlerische ümmäntelung des zu ergründen- 
den Gedankens kühn verschmäht haben. 

143l Europa und lo lassen uns die Folgen jener 
göttlichen Vereinigung wahrnehmen. Denn auf der Höhe je-> 
ner Seligkeit kann sich der Mensch nicht halten, seine Sehn- 
sucht erhält eine um so düsterere Färbung als er sich der 
Welt über sein genossenes Glück nicht mittheilen kann, als 
er sich im Gegentheil überall dem Holm ausgesetzt sieht. 
Dieser Zustand der Gottverlassenheit nach überirdischer Be- 
glückung ist namentlich in den Darstellungen der lo auf 
eine ergreifende Weise geschildert, während in der Europa 
mehr die mädchenhaft^ Unschuld, mit der sie dem Gotte 
naht und der Heimath entrückt wird, in Kunstwerken her- 
vorgehoben ist. 

144. Ganz das Gegentheil von allen bisher betrachte* 
ten Frauengestalten, in welchen die völligste weibliche Er- 
gebung dem Göttlichen gleichsam den Eintritt gestattet, läfiit 
uns der Stolz und das verwegene Selbstgefühl der Niobe 
wahrnehmen. Dadurch dafs sie sich über die Mutter des 
vom Zeus erzeugten Zwillingspaars zu erheben wagt und 
diesem ihre sieben Söhne und sieben Töchter entgegenstellt, 
zieht sie das fürchterlichste Geschick welches die Sage 
kennt, auf sich herab. Sie sinken alle vor deh schwirren- 
den Geschossen der beleidigten Zwillingsgeschwister und in 
der erhabenen Einsamkeit ihres frevelnden Gefühl3 vom 
Ueberglück steht sie da unfähig fortan die Last des eigenen 
Daseins zu ertragen. Wie wenn Ei*z in Feuersgluthen seine 
Selbstsucht aufzugeben genöthigt. ist, so sehen wir diese 
stolze Frauenseele gleichsam schmelzen, ein Zustand wel- 
^ chen die Sage nicht anders auszudrücken gewufst hat als 
^ durch die Verwandelung in einen ewig thränenden Stein. 
^ Dafis christliche Künstler die H. Jungfrau in dem Augen- 
' blick der Verklärung mit den typischen Zügen der Niobe 



68 BRAUN 

dargestellt haben, ist der kolossalste Mifsverstand der sich 
denken läfst. 

145. Hieran reiht sich schicklich die Betrachtung der 
Königstochter von Kolchis, der Medea welche in ihrer 
Gattenliebe selbstsüchtiger Leidenschaft voll ist wie Niobe 
in der Mutterliebe. Sowe die Physik uns mit Erscheinun- 
gen bekannt macht bei welchen im Augenblick der heftig- 
sten Wärmeentwickelung Wasser zu Eis gefriert, so zeigt 
uns die verstofsene Geliebte des lason in der höchsten Gluth 
eifersüchtiger Leidenschaft eine Erkältung, ja eine grauen- 
erregende Erstarrung aller menschlichen Herzensregungen, 
an die unsre kühnsten Gedanken nicht heranreichen wür- 
den. Die Alten haben diesen weltverkehrenden Gemüths- 
zustand in so meisterhaften Kunstdarstellungen geschilderte 
dafs es schwer sein würde zu entscheiden, ob unsre Ent- 
rüstung über ein solches Ungeheuer gröfser sein müsse oder 
unser kaum zu versagendes Mitgefühl über den schauder- 
erregenden, ja man kann hinzufügen alle Gedanken beneh- 
menden Seelenschmerz dessen Beute die betrogene Betrü- 
gerin, diese herrlich geartete so grundlos versunkene Frauen- 
natur wird. 

146. Und doch hat sich die Phantasie noch einen Schritt 
weiter gewagt und die Darstellung einer Leidenschaft unter- 
nommen, von der wir zum Glück nur durch die Berichte 
der Sage Kunde haben. Pasiphae durch Poseidon mit 
Liebesraserei an einen Stier gebannt läfst uns einen Blick 
in Abgründe der Menschenseele thun, welcher sich allein 
dem in plötzlich trocken gelegte Meerestiefen mit fürchter- 
Uchem Gethier vergleichen läfst. Auch sie erfüllt uns bei 
ihrem Anblick mit tiefer Rührung durch die Naivität mit 
welcher der unerhörte Wunsch in ihren edelgearteten Cha- 
rakter einbricht und durch die Tiefe der Melancholie, mit 
der sie in die so finstre Thierwelt voll rasendem Liebes- 
verlangen hinabgetrieben wird. 



I 



\ 



GRUNDZÜGE DER DENKMALERKUNDB. 69 

147. Die Gränzen weiblicher Entartung bezeichnet 
Phädra. Obwohl die Unmoral hier weniger crass zu Tage 
liegt, so offenbart sie sich doch um so stärker in ihrer In- 
tensität, und zwar an der Trägerin dieser unseligen Leiden- 
sehaft selbst Mitten im SchooCse des Unrechts erwacht ihr 
sträfliches Liebesverlangen schon mit den Qualen des ge- 
folterten Gewissens. Ed scheint sich daher überall wo es 
sich zeigt mehr nach innen und gegen das eigene Herz, 
welches ihm das Leben gab, verzehrend zu wenden. Sie 
wagt daher nicht sich mit dem frevelnden Antrag an ihren 
keuschen Sohn zu wenden, sondern nimmt Brief und Ver- 
mittlerin in Anspruch. Die Kunst hat diesen Zustand der 
höchsten Angst und doppelter Folter mit wenigen Zügen 
so treffend vergegenwärtigt, dafs dieselben sogar in späten 
handwerksmäCsigen Repliken nicht ganz haben verwischt 
werden können. 

148. Ktytämnestra würde hierher gehören, wenn 
sie zum Gegenstand selbständiger Darstellungen geworden 
wäre. Sie bildet aber meist nur ein dramatisches Element 
gröCserer Composizionen, in welchen die Rache die der Sohn 
an ihr nimmt, den Blick in ihr vielfach gequältes Innere 
verdeckt. Sowie die Alten in ihren Dichtungen sowohl wie 
in ihren Kunstdarstellungen ein Bild plötzlich abbrechen und 
es in einem ganz andern Gleichnifs zu Ende führen, so 
scheinen sie auch zur Vergegenwärtigung gewisser Charak- 
tere und Seelenzustände in dem einen Stadium dieser, in 
einem andern jener mythologischen Persönlichkeit den Vor- 
zug gegeben zu haben. Die Qualen einer tief verschuldeten 
Seele schildern am ergreifendsten die Danaide n. Während 
die Sage die denselben auferlegten Qualen als endlos be- 
zeichnet, hat die Kunst daraus nur die Symbolik des ewig 
müfsigen Wasserträgergeschäfts entlehnt, aber um so er- 
greifender auf die herzverzehrende Wehmuth hingedeutet, 
die hier als der Reue nachgeborene Tochter auftritt. 



70 BRAUN 

149. Prokris, das Opfer unzeiliger Eifersucht, tritt 
uns in dem Todesmoment auf eine rührend schöne Weise 
entgegen. Sie sinkt zu Füfsen des Geliebten, welcher der 
argwöhnischen Lauscherin den tödtlichen Wurf beig^racht 
hat und jetzt herbeistürzt, um Zeuge des Todeskampfe zu 
sein, der sich ihrer bereits bemächtigt. Es ist als könne 
man in der Weise wie diese entblätterte Blume ihr schö- 
nes Haupt senkt die Reue noch unterscheiden über den 
wankenden Treuglauben, der sie zu Falle gebracht. 

150. Andere durch Liebe unglückliche Frauen we 
Canace, Scylla und Myrrha würden hier schicklich ei- 
nen Platz finden, wären von den Kunstvorstellungen £e das 
Älterthum davon gewonnen hatte, mehr als schwache An- 
deutungen in Copieen aus der Epoche des Verfalls auf uns ge- 
kommen. H)Lpsipyle, die unglückhche Geliebte des lason, 
liefse sich noch daran reihen, deren liebenswürdige Schwäche 
die Alten sehr schön durch die Wahl eines späteren Lebens- 
moments, der alle früheren mit einem klaren Streiflicht be- 
leuchtet, zu schildern gewufst haben. Als Sklavin finden 
wir die vormals mächtige Königstochter wieder und zwar 
bei der von einer Schlange gewürgten Leiche ihres Pfleg- 
lings Opheltes. Zu spät bemerkt sie dais ihre Schritte un- 
bewacht gewesen und daCs trotz der Warnungen des Orakel- 
spruchs ihr Leichtsinn den zarten Knaben dem Geschick 
geopfert hat. Mit gewaltigem Entsetzen lodert die Reue 
aus ihrem acht weiblichen Busen hervor. 

151. Durch günstigai Erfolg geadelt tritt die Theil- 
nahme der Hippo^amia an derThat des Pelops in einem 
Weniger gehä^ssigen Lichte uns entgegen. Wie ein junges 
Thier zum SchUditopfer geführt wird, so folgt sie mä 
mädchenhafter Naivität dem Freier, ohne zu fragen warom 
und wozu? Die Bedeutung des Trennungsmomentes ver- 
hüllt sich ihr gana unter ^en süfsen Einflüsterimgen der 
Aphrodite. E^nen schöqen GegensatK zu ihr bietet KnAxu- 
meda dar, deren Liebesverlangen sich in gleicher Anmuth 



GRUNDZÜGE DER DENKMÄLERKUNDE. 7f 

und Natürlichkeit unter den mächtigsten Contrasten herein* 
brechender und plötzlich wie durch Wundergewalt besei-r 
tigter Todesgefahr offenbart. Sie wendet dem Perseus, ih* 
rem Befreier sich zu wie eine in nächtlichem Frühlings^ 
frost erstarrte Blume den ersten Strahlen der aufbrechen-^ 
den Sonne. 

152. Die zartesten und gleichzeitig mächtigsten Re- 
gungen treuer Gattenliebe haben die Alten in dem tra- 
gischen Ueberglück der Eurydike geschildert. Denn 
menschlicher Seligkeit ist wie der Sonne ihre Bahn und 
ihr Hochpunkt vorgeschrieben. Hat das stolze Himmels^ 
gestim diesen berührt, so muTs es wieder zurückweichen in 
die öden Nächte eines langen Winters. Eurydike folgt den 
Tritten des Gatten, der durch die Allgewalt der Töne sie 
sogar dem Orcus abgewonnen, da wendet dieser in unwi- 
derstehlicher Sehnsucht nach ihr sich um und der Moment 
des glücklichsten Wiedersehns ist der letzte ihres Beisammen- 
seins. Ein zarteres Seelengemälde als das der Gemahlin 
des Orpheus in dem Trennungsmoment hat das Alterthum 
nicht geliefert 

153. Analog in der Situation, aber mehr dramatisch 
in der Anlage ist die Schilderung einies ähnlichen letzten 
Wiedersehns zwischen Protesilaos und Laodamia. Bei 
ihr verläuft der Trennungsschmerz mehr in raschem Affect. 
Er hat etwas wundersüchtiges. Der Schatten des Gatten 
mvSa heraufbeschworen werden, ehe sie Ruhe gewinnt. 
Dami aber legt sich der Sturm wie in der Natur nach ei- 
nem starken Gewitterregen. Dieses Drängen und Toben 
des weiblichen Herzens und dessen sanfte Beschwichtigung 
i^ in den Kunstdarstellungcn herrlich angedeutet. 

154. Das weibliche Herz in seiner ganzen Macht und 
Schwäche culminirt in Helena. So anmuthreich und pran- 
gend tritt sie uns entgegen, auch sind tugendhafte Regun- 
gen ihrem Herzen nicht fremd, aber dem Liebreiz der Jugend 
und den süfsen Einflüsterungen der Aphrodite vermag sie 



72 BRAUN 

nicht zu widerstehn und das Gefühl der Pflicht verläfst sie 
im Augenblick wo auf diese das ganze ethische Dasein ge^ 
stellt war. Zur gemeinen Buhlerin ward sie nie^ aber die 
GröCse ihres Vergehens hatte sich vervielfältigt mit seinen 
grauenhaften^ völkerverheerenden Folgen. Da hat audi 
zAvischen ihr und Menelaos, ihrem rechtmäfsigen Gemahl 
ein Wiedersehn statt, welches wenn wir es mit der letz- 
ten Begegnung des Orpheus und der Eurydike zusammen- 
halten, den grofsartigsten Contrast darbiet, der sich denken 
läfst. Schon ist das Schwert der Rache gegen sie gezückt, 
da tritt die Liebe mit ihrer Allgewalt zwischen beide in die 
Mitte. Der Mordstahl entgleitet der Hand des betroge- 
nen Gatten und Aphrodite mit der Peitho feiert den herr- 
lichsten Triumph in dem Erwachen menschlicher Herzens- 
regungen. 

155. Den entschiedensten Gegensatz zur vielumworbe- 
nen, vielgescholtenen Helena bildet die treue Penelope, 
welche die alte Kunst auf eine sehr würdige Weise zur 
Darstellung gebracht hat. Sie tritt uns mit den Zügen sin- 
nender Trauer entgegen, welche zum tief verhüllten Kern 
süfse Hoffnung hat. Sie erscheint anspruchslos bei hoher 
Frauenwürde und auf ihr BUd mag mancher Zug von 
dem Ideal der Hestia übertragen worden sein. 

156. Hekabe scheint keineswegs als ein betagtes, un- 
ter der Last der Jahre keuchendes Weib dargestellt wor- 
den zu sein, sowe wir die Amme des Odysseus, Eury- 
kleia oder Aethra, die Mutter des Theseus und Sklavin 
der Helena und die Begleiterinnen junger Frauen gebildet 
finden, sondern in der Blüthe der Jahre, liebevoller Sorg- 
falt voll, aber kaum durch einen leisen Zug der Trauer als 
die Mutter eines untergehenden Heldengeschlechts gekenn- 
zeichnet» 

157. Dagegen wird uns der Schmerz um den frühe 
zum Orkus gesandten Gemahl in der Trauer der Andr^- 
mache auf eine rührend schöne Weise vor die Augen ge- 



GRUNDZÜGE DER DENKMÄLERKUNDE. 73 

führt. Man sollte beim Anblick dieses Bildes ohne Trost 
meinen, es erseheine so in sich abgeschlossen, daCs es gleich* 
sam durch keine Seelenbewegung mehr von sich selbst los- 
zukommen im Stande sei. Da sehen wir aber in der Nacht 
von Troia^s Untergang ihre Mutterhebe mächtig aus der 
Gattenliebe hervortreten und als Astyanax von des Vaters 
Erbfeind ergriffen eu werden in Gefahr ist, da wird die 
schwache Frau zur gewaltigen Heldin und wirft sich jenem 
mit muthig geschwungener Mörserkeule in den Weg. 

158. Einen Hintergrund verwandter Art, aber sehr 
verschiedener Färbung hat der Schmerz der Elektra. 
Heftige Rachegefiihle hegen in düsterer Trauer verhüllt, 
welche bei der Erscheinung des Orestes, des langersehnten, 
>vie junger Wein in der Traubenblüthe die Fesseln zu spren- 
gen sucht, in die ihn Menschenhände gelegt. Obwohl sich 
dieser Zustand gebundener Hoffnung dem der Penelope äu- 
fserlich sehr angleicht, so ist er doch wesentUch von jenem 
süfsen Gefühl der Treue, die ihres Lohnes gewifs ist, ver- 
schieden. So weibUch sie auftritt, so hat ihr Charakter et- 
was Mannhaftes und in solchem Bezug vermag sie sogar 
dem bereits sinkenden Muth des Orestes nicht bloss eine 
Stütze, sondern selbst einen mächtigen Antrieb zum Rache- 
werk zu gewähren. 

169. Iphigenia, des Agamemnon zarte Tochter, das 
schuldlose Opfer eines blutigen Todes, bietet in ihrer Hin- 
gebimg an das Karte Geschick eine Erscheinung dar, die 
mn so ergreifender wirkt, als die frischeste Jugend, die sich 
eben erst zur hebUchen Blüthe entfaltet, mit dem zittern- 
den Todesbangen oder auch mit dem bereits entseelten 
Kindesleib die rührendsten Contraste bildet. Später treffen 
wir die in heiliger Tempeleinsamkeit auferzogene Jungfrau 
als Priesterin der Artemis wieder, ähnUch einer Pflanze die 
unter dem Märzschnee ihren sanft duftenden Blüthenkelch 
erschlossen hat. Sie ist der jungfräuUchen Göttin heblich- 
stes Widerspiel. 



74. BRAUN 

160. Ak ein Muster der Hingebung und zwar bewub- 
ier Darbringung seiner selbst zum Opfer für den Gatten, 
zeigt Alkestis die höchste Entwickelung des weiblich«! 
Charakters in dieser Richtung. In den Kunstdarstellungen 
scheint sie sich am meisten der Eurydike, der frühe verbli- 
chenen Gemahlin des Orpheus, goiähert zu haben. Dir Ab- 
schiedsschmerz vom Leben ist geadelt durch die Zuversicht 
und Ruhe, mit der sie die lange Wanderung antritt und in 
gleicher Fassung sehen wir den Herakles sie zum Licht des 
Tages zurückgeleiten. 

161. Eine ganz andre Gattung von Frauenwesen be- 
zeichnet und eröf&iet Atalante, die kühne Ringerin und 
die ruhmreiche Siegerin im Wettlauf. Hier entäufsert sich 
die WeibUchkeit ihrer heiligsten Gefühle, indem sie dem 
Mann sich nicht bloss gleichstellt, sondern ihn noch zu über- 
bieten sucht an Kraft, Schnelligkeit und Muth. Letzterer 
scheint sich indels mehr in mädchenhafter Keckheit geäu- 
fsert zu haben, als in wilder Kampflust und kühner Todes- 
verachtung. Es schimmert vielmehr jene jungfräuliche Sprö- 
digkeit hindurch, welche alles aufbietet um die Spannkraft 
der Jugend ungebrochen und den Ansprüchen des Mannes 
gegenüber in seinen Rechten zu bewahren und zu be- 
haupten. 

162. Ganz anders geartet ist die Erscheinung der 
Amazone. Die Jungfräulichkeit ist nur ihr mythologisches 
Prädicat. Ihre Bildung zeigt die vollkommenste weibliche 
EntwickeUmg, welche bereits in die dritte Lebensepoche 
eingetreten ist Aber unschuldige Mädchenfireude und stil- 
JLer Frauensinn hat sich ihr in des Lebens finstersten Ernst 
verkehrt. Nur im blutigen Handwerk des Kriegs hat sie 
sich den Lebenj^beruf erlesen und in diesem feiert sie ihre 
grausame Wollust. Sowie wir mythologische Dämonen 
kenne» geb^mt haben^ die vom Menschen die Bildung, von 
den grauidgsteii Ungeheuern aber den Sinn enUehnt, so würd^ 
man von diesen fin3teren und doch so erhabener Aiuoutb 



6RÜNDZ06B DER DENKKÄLBRKUNDB. 75 

reichen Frauengestalten sagen können , dafe sie von dem 
zarteren Geschlecht nur den schlanken , edlen GrUederbau, 
vom Ares aber die Kampflust ererbt hätten, träte nicht die 
weich gebildete Frauenseele aus dem Todesschmerz hervor, 
mit welchem vnr sie luiter den Händen der Männer sinken 
sehen, welcher allerdings aber mehr mit Schaam über die 
erhtte^ne Schmach als mit Wehmuth über das schwindende 
Leben gefärbt ist. 

163. Die letzte Ausbildung des Frauenideals nach die- 
ser Seite hin, zeigen die Bacchantinnen. Von der Macht 
orgiastischer Begeisterung, die in diesen wunderbar gearte- 
ten Wesen uns so befremdlich entgegentritt, können wir 
uns in unsem zahmen modernen Zeiten kaum einen an- 
schaulichen Begriff bilden. Nur wenn man die Ueherzeu- 
gung festhält, dafs weder die Poesie noch die Kunst der 
Alten sich je mit leeren Zerrbildern beschäftigt haben, son- 
dern dafs ihre Bildungen allezeit eine höhere Lebenswahr- 
heit enthalten, kann man durch langes und sinniges Betrach- 
ten dieser für uns so grauenvollen, für die Alten so erhe- 
benden Erscheinung zur annähernden Erfassung solchen 
fast übernatürlichen und doch nicht widernatürlichen Da- 
seins gelangen. Es scheint eine Thatsache dafs die Alten 
durch das Eintauchen in diese hochüberwallende Begeiste- 
rung zu einer ähnlichen geläuterten Lebensanschauung zu 
gelangen, meinten wie durch die Reinigung der Leidenschaf- 
ten bei der Tragödie. Die Kimstdarstellungen lassen aller- 
dings nicht bloss gemeine Lust an Spiel und Tanz wahr- 
nebmen, sondern zeigen diese Frauenwesen so zu sagen 
dem irdischen Dasein durch die Begeisterung, welche sich 
ihrer bemächtigt, vollkommen entrückt. Von gemein sinn- 
Ucher Lust, von rohem Scherz und unedler Gemeinheit 
zeigt sich nirgends eine Spur. 

164. Diesen Typus stürmisch erregter Weiblichkeit 
hat die alte Kunst verwendet um die gewaltig tragische 
Erscheinung der gottbegeisterten aber gottverlassenen Kas- 



76 BRAUN, GRUNDZÜGE DER DENOIÄLERKUNDE. 

Sandra zur Darstellung zu bringen. Mit wild gelösten 
Haaren, krampfhaft zurückgeworfenem Haupt und zittern- 
der Bewegung aller Glieder sehen wir sie zu dem Stand- 
bild der Pallas gleichsam hinfliegen, wo sie vergebens vor 
dem ungezügelten Andringen des Aias eine Freistatt sucht. 
Mit ihr sind wir an den Gränzen der Weiblichkeit und aller 
MenschUchkeit angelangt. Jeder Schritt weiter führt zur 
Vernichtung beider. 



II. 



U e b e r 



den Gott F a ii ii n 8 

und 

dessen Genossenschaft. 



• » 



I 

Von 



Eduard Gerhard. 

1825. 



Ueber 



Fauniis und dessen Genossenschaft. 



Wenn man von griechischen Texten ausgehend den 
mkmälern griechischer Kunst sich zuwendet, so wird man 
m bacchischen Wesen nicht vorzugsweise geneigt, am 
migslen aber gewilligt sein neben Silenen und Satyrn 
ch römischen Landgöttern wie Faunus eine erhebliche 
eile im Bereich unsrer Kunstmythologie einzuräumen, 
isre Museen jedoch führen bei wenig Ueberresten grie- 
ischer Künstlerhand eine solche Fülle römischer Sculp- 
ren, und unter ihnen ein solches Uebermafs bacchischer 
irstellungen uns vor, dafs auch der Mifsgriff, in ihre Er- 
irung den Faunus eingemischt zu haben , dadurch begreif- 
herund diese letztere zugleich zu beleuchten geeigneter wird. 

Faunus, ein wohlbekannter (*) Gott des alten Italiens ('), 
rd dem Janus (^) Lupercus (*) und Silvanus C^), am 
ihersten aber dem Pan, wenn nicht dem ägyptischen (*), 
ch um so mehr dem griechischen, namentlich arka- 
;chen C) Berggott, gleichgesetzt. Die Uebereinstimmung 
ider Götter gibt zunächst in ihrer Abstammung (^) von 
^mphen 0^ sodann im Verhältnifs des Faunus als König 
Juppiter Picus seinem Vater (*°) sich kund: denn der 
;sem Namen verknüpfte DoppelbegrifT eines zugleich 
ireckbaren und milden Gottes, eines fjniog ni%dg C% ent- 
rieht durchaus wohl dem Doppelbegriff lärmend tosen- 



80 GERHARD 

der und zugleich freundlicher Hirlengölter, wie Faunus so- 
wohl als auch Pan es sind; in gleichem Sinne ist auch der 
dem Picus gleichnamige Specht ein bald verwegner bald 
freundlich weissagender Vogel, ein Vogel des Kriegsgotts 
der ebenfalls Vater des Faunus hiefs (**). Faunus galt aber 
auch für Merkurs Sohn (*'), ganz wie auch Pan von Hermes 
oder Apoll (**) mit Penelope oder Dryope erzeugt sein sollle. 
Selbst dafs nach Nonnus der König Faunus ein Sohn Posei- 
dons {^^) von Circo der Sonnentochter -war, bietet zu neuer 
Vergleichung des Faunus mit Pan sich dar, nämlich dem meer- 
entsprossenen Aegipan ("). 

Aber auch abgesehn von Faunus dem König, bietet 
Faunus als Gott oder Dämon zu vollständiger Vergleichung 
mit dem arkadischen Pan sich dar. Theils als jagender 
und prophetischer Berggott, theils als Hirten- und Wald- 
gott ist Pan bekannt (*''), in beider Beziehung auch Faunus. 
Das wilde Gelöse panischen Schreckens ward in Italien dem 
Faunus beigelegt (*®), und wenn der grofse Naturbegriff des 
Pan im latinischen Faunus zum nächtlichen Schreckensgott (*^) 
entartet war, so ist deshalb eine höhere Geltung des Faunus 
nicht in Zweifel zu stellen. Wenn Uranos und Satumus 
Väter des Pan ('®) sowohl als des zweiten und dritten 
Zeus (**) heifsen, so wird dem Faunus, wie unter Cicero's 
Juppitern dem ersten, in gleichem Sinne die Abkunft vom 
Aether (**) beigelegt. Wie Pan mit Zeus zugleich das Ly- 
käongebirg beherrschte, sind Juppiter, Picus und Faunus (") 
zu Rom vereinigt. Zu geschweigen dafs Pan sowohl als 
Faunüs auch als Planetengötter (**) und den Daktylen (**) 
vergleichbar sich finden; dem Picus und Faunus lassen 
sonst auch Picummus und Pilumnus (*®) sich vergleichen. 
Im Uebrigen ist es* mit solcher Gleichgeltung beider Gölter 
nicht schlechthin unverträghch, den griechischen Pan dann 
und wann neben dem römischen Faunus (*'), allenfalls auch 
die Schaar der Bocksfüfsler gleich Pan neben der Schaar 
der Faune (") oder der Satyrn (") genannt zu finden; auch 
wh-d es bei Nonnus Niemanden verwundern, wenn der Gqü 



ÜBER FAÜNÜS UND DESSEN GENOSSENSCHAFT. 81 

Pan mit Panisken, König Faunus jedoch ohne mythische 
Schaar erwähnt wird '°). 

Vom Faunus wenden wir uns zu seiner Gemahlin und 
Tochter, der Göttin Fauna. Die ungleich bekanntere 
Bona-Dea, die als identischer Doppelausdruck jener Göt- 
tin bezeugt wird '*), gewährt in zahlreichen Götternamen, 
in denen Plutarch und Macrobius sie nachweisen, den Ge- 
samtbegriff einer Erd- und Unterweltsgottlieit. Es ist dies 
der Fall wenn Bona-Dea als Erde, als Cybele, als Mutter 
des Midas'*), wenn sie im Namen Ops, Damia *^) und in 
dem einer Frauengöttin '*) erkannt wird — , Namen mit de- 
nen die gleichfaUs vorhandenen Deutungen auf Venus und 
Marica ^% und selbst der auf Juno ^®) als oberste Erd- und 
Himmelsgöttin nicht unvereinbar sind. Mit überwiegendem 
Bezug auf Unterwelt ist eben jene Erdgöttin gefafst, wenn sie 
Proserpina, Hekate, Medea- Angitia, wenn sie auch Mutter 
des Bacchus hiefs '^) und eben sowohl durch bacchische Be- 
ziehung auf Wein*®) als durch Schweinsopfer **) cerealischer 
Sitte gefeiert wurde. Diesem räthselhaflen Ge\virr von 
Namen und Gebräuchen, welche im hochgefeierten Geheim- 
dienst einer einzigen Göttin das Mysterium kosmischer Fort- 
pflanzung versinnUchen sollten, ist nun der grobsinnUche My- 
thos von Fauna's Ehe mit Faunus ihrem Vater keineswegs 
widersprechend, wie denn in gleichem Sinne auch grie- 
chische Sagen das Nalurgeheimnifs heiliger Ehen, von Bru- 
der und Schwester *°) , von Vater und Tochter**) gefeiert, 
ungescheul uns berichten. Augenfällig wird in solchem Zu- 
sammenhang des Faunus und seiner Fauna Bedeutung als 
eines kosmischen, mit infernalem Geheimdienst verknüpften 
Götterpaars; sie liegt noch deutHcher vor, wenn die lasci- 
ven Frauenscherze des Bona-Dea -Festes einerseits in den 
Lupercahen, anderseits aber in der uralten Sitte griechischer 
Thesmophorien wiedergefunden **) und die dabei betheilig- 
len Götterpaare Faunus und Fauna, Lupercus und Luperca *'), 
aber auch der „lykäische" Pan und dessen Despöna einan- 
der gleichgesetzt werden. Nicht nur Faunus und Pan be- 

6 



82 GERHARD 

währen somit uns die Gleichheit arkadischen und latinischen 
Götterdienstes; als gleichgeltende Göttinnen geben auch ihre 
Beisitzerinnen, hier Fauna, Luperca, Februa, Bona-Dea, dort 
als Gemahhn des Pan die geheimnifsvolle Despöna **) sich 
uns kund, und gleichwie die Doppelbilder von Faunus und 
Fauna *^) den Mangel gesicherter Einzelbilder der Bona-Dea **) 
uns ersetzen, wird die Verbindung der „guten Göttin" mit 
Faunus durch die arkadische Benennung des Pan als des 
insonderheit „guten Gottes" '*^) gesichert. 

Nach dieser Feststellung des für Faunus und Pan ge- 
meinsamen Götterbegriffs ist, ohne in müfsiges Namensspiel*®) 
uns zu verlieren, die sprachhche Bedeutung beider Götter- 
namen nicht ganz aufser Acht zu lassen. In aller Kürze 
berühren wir die zwar alte aber gewifs nicht ursprünghche 
Gleichsetzung jenes arkadischen Götternamens mit dem 
gleichlautenden Ausdruck (nav) des gesammten Naturalls *'). 
Erheblicher sind zwei mit einander verträgliche Ableitungen, 
in denen beiden der griechische wie der lateinische Götter- 
name seine Erklärung findet: nach einer derselben ist die 
prophetische Stimme des Pan und des Faunus, nach der an- 
dern die Bedeutung des Lichtgolts hervorgehoben. In jener 
ersten Bedeutung eines weissagenden Redegottes lassen 
sich beide Namen von (pdo), (pavai, reden (vgl. fori, 
fanumß fatum) ableiten, dergestalt dafs die Lautverwand- 
schaft des Pan zugleich mit Nebenformen des Faunus, fa- 
tuus und faiuellus, dafür beweisen, ohne dafs im Namen 
Pan die mangelnde Aspiration ^°) oder im Faunus der ein- 
gelretneDiphthong***) dagegen spräche. Eben so unverwerf- 
lich ist aber auch eine zweite Ableitung beider Namen, 
welche gleichfalls von q)d(a, aber in der Bedeutung des 
Leuchtens und Offenbarens (vgl. (paog, q)aiv(o)y in Pan und 
Faunus uns Lichtgötter zeigt — , einen Götterbegriff, wel- 
cher hauptsächlich für Pan wohl bekannt ist "). Bei sol- 
cher Gültigkeit beider Ableitungen ist die Ueberzeugung 
nicht unwesentlich, dafs Wortstamm sowohl als Grundbe- 
griff beider ursprünglich dieselben sind. Von gxiog, qxxto, 



ÜBER FAUNUS'ÜND DESSEN GENOSSENSCHAFT. 83 

den erstlein Ausdrücken von Licht, Klarheit und Lehre, sind 
sowohl fari und q)aivio als auch ndw, navco abhängig, wie 
denn eben dahin auch in ursprünghcher Verwandtschaft die 
Götternamen Phanes und Phales gehören ^'). Eine Zusam- 
menstellung drei einander ähnlicher Wortslämme — qxxw, a(o, 
xaio — und ihrer Derivata beweist dies hinlängHch; man ver- 
gleiche nur qpaw, q)al6g, (DaXfjg — , q)av6g, (Ddvrjg, fa* 
num — , g>avlog, 0avvog, mit aio, avog, avXog und mit xaöi, 
i xcfAog, canns, candidus. Sind nun diese Analogien sprach- 
I gemäfs, wie denn auch ihre Bedeutung dafür spricht **), so 
I darf die von uns vorangestellte und aus dem Begriff beider 
V Götter vorausgesetzte Gleichheit des Fan und des Faunus 
, nun auch für sprachlich erwiesen gelten. 

Wenn somit nach allem Bisherigen Pan und Faunus für 
' eine und dieselbe Gottheit zu hallen sind, so liegt die Vor- 
aussetzung nahe, dafs auch das Gefolge beider Gottheiten ' 
einander entspreche. Und in der That heifsen die Faune 
^ nicht weniger als Faunus ihr Vater arkadisch "), ihre Stimme 
sowohl als die seinige läfst sich als Schlachtruf vernehmen **), 
und in der Geltung von Land- und Erd- Dämonen *^) wird 
diese Schaar in ganz ähnlicher Weise betrachtet wie ihr 
^ ursprüngUches Haupt ^®). Demnach ist auch niemals be- 
'' zweifelt worden, dafs Faune und Pane einander oftmals 
identisch sind; doch ist diese Gleichsetzung, wie bereits 
" *" Lanzi gerügt hat, im antiquarischen Sprachgebrauch bis zur 
^ Ungebühr auf eine durchgängige Vermischung der Pane 
' sowohl mit den Satyrn als auch der Satyrn mit den Faü- 
*' nen ausgedehnt worden. Durch das Verdienst jenes gelehr- 
^ len und gründÜchen Erläuterers des bacchischen Thiasus ist 

* diese Verwirrung im Wesentlichen gelöst, namentlich darin, 
" ^ dafs sich die Satyrn als menschliche Bacchusgefährten von 

* der thierischen Schaar bocksfüfsigcr Pane entschieden tren- 
^ y nen. Da jedoch Lanzi's Kritik mit einer bei so verjährten 
8 Irrungen leicht begreiflichen Schonung verfuhr, so blieb 
^ seine Untersuchung theils darin mangelhaft, dafs er die rö-' 
*» ^ mische Darstellungs weise der Satyrn allzuwenig be schränktet 



84 GERHARD 

Iheils aber auch darin, dafs er die Frage über die Faune ^ 
nicht abschlofs. Der vorhersehende Sprach- und Kunstge- 
brauch des Alterlhums, den er vortrefflich nachwies, war 
ihm nicht entscheidend genug, um einige rückständige Wi- 
dersprüche danach auszugleichen; er zog es vor, den ver- 
schiedenen Ansichten früherer Gelehrten darüber ein glei- 
ches Recht zu belassen, und für die Sache selbst den Aus- 
spruch des ungläubigen Cotta, obwohl in verändertem Sinn, 
zu erneuen: Pannus omjiino quid sit nescio **). 

Zwischen griechischer Kunst und Religion und der 
ähnhchen Sitte Latiums sind wesentliche Unterschiede vor- 
handen, ohne dafs manche darauf gestützte Willkür sich bil- 
ligen läfst. Die von Lanzi ausgesprochene Ansicht, als seien 
bereits zur Zeit des Augustus Faune und Satyrn verwech- 
selt worden, fällt solcher Willkür anheim ; sie widerlegt sich 
hinlängUch durch den Kunstgebrauch, der bis in die späteste 
Zeit römischer Bildnerei beiderlei Wesen wohl unterschei- 
det. Zu den zahlreichen Bacchanalen römischer. Sarkophag- 
reliefs sind für edlere Bildung der Faune eben so wenig 
als für etwanige bocksfüfsige Bildung der Satyrn Belege 
zu findeft; steht dies aber fest, so läfst sich gebildeten rö- 
mischen Dichtem nicht, wie Lanzi duldete, einerseits die 
Gleichheit der Faune und Pane, andererseits deren Vermi- 
ßchung mit Satyrn und deren völlige Unterscheidung von 
Satyrn sowohl als von Panen aufbürden. Die Verwechse- 
lung von Faunen und Satyrn, die in der Erwähnung bocks- 
füfsiger Satyrn ®®) sich kund gibt, sah auch Lanzi mifstrauisch 
an; da er jedoch den gangbaren Irrthum theilte, als sei die 
römische Satyre aus der griechischen Satyrpoesie **) ent- 
sprungen, so ward aus der möglichen Vermischung der 
Faune und Satyrn im ländlichen Festgedicht nebenher eine 
durchgängige römische Gleichsetzung der Satyrn und \ 
Faune **) ihm glaubHch. Lanzi ging aber noch weiter, in- • 
dem er die Ansicht aufstellte, dafs Faune, Satyrn und Pane '• 
dreierlei Wesen seien: diese durch eine Stelle des Auso- /'' 
Dius *') veranlafste Meinung verfolgte er so weit, dafs er '^ 



tTBER FAUNUS UND DESSEN GENOSSENSCHAFT. 85 

die rohesteh Satyrn für Faune^ gelten liefs und als solche 
von den übrigen Satyrn unterschied; wobei ihm der Um- 
stand zu statten kam, dafs jene bäurische Satyrn gemein- 
hin mit ländlichen Früchten versehen sind, wie sie den 
Faunen als Landgottheiten itahschen Dienstes wohl zukom- 
men würden. Zu geschweigen, dafs solches Beiwerk den 

I Satyrn als Dienern des ländUchen Bacchus nicht weniger 
als den in Wald, und Feld hausenden Faunen zusteht, 
wird auch jene letztere Meinung des trefflichen Forschers 
handgreiflich dadurch widerlegt, dafs jene vermeintHchen 
Faune sowohl in römischen Skulpturen ^*) als auch im grie- 
chischen Ausdruck der ihnen eigenthümhchen Warzen®*) als un- 

^ zweifelhafte Satyrn sich bekunden können; sie können demnach 
unsre oben begründete Ansicht nicht umstofsen, nach wel- 
cher in Faunen und Panen Ursprung sowohl als Wesen die- 
selben sind. Diese Ansicht wird sich nun weiter begrün- 
den lassen, wenn wir nach Anleitung bildlicher Darstellun- 

^ gen einerseits die Bildung von Pan und Faunus, Panen und 
Faunen, andrerseits aber die Bildung Silens und seiner 
Söhne der Satyrn dem Leser vor Augen legen. 

Der Gott Pan sowohl als der ihm gleichgellende Fau- 

^ nus, wird gleich dem zeugungslustigen Bock mit Bockshör- 
nern, meistens auch mit bockähnlichen Schenkeln und Bei- 
nen gebildet ®®); zugleich wird seine Hirtennatur durch 
Bocksfell, Hirtenstab und Hirtenpfeife angedeutet, statt de- 
ren er auch wol bacchische Cymbeln führt; diesen seinen 
bekanntesten Attributen sind als seltnere ®^) Keule oder Gei- 

'\ fsel hinzuzufügen. Faunus und dessen Söhne ®®) die Faune 

" sind als gleichgellend ihm anzureihen. 

Mit jener Bocks- und Hirtenbildung des Pan hat Sile* 

^* nus, der dem Pan höchstens in überschwenglichster Ausbil- 
dung beider verwandt sein konnte®^), zwar einige Aehnlichkeiti 
welche hauptsächlich in den regelmäfsig ihm zugetheilten 
spitzen Ohren sich kund gibt; ungleich mehr jedoch ist bei 
ihm, dem weisen Erzieher des Dionysos, die Quellnatur der 
im Feuchten wirkenden Produktion ausgedrückt und seiner 



86 GERHARD 

' Bildung daher in griechischem Kunstgebrauch der Schweif 
des Pferdes als anerkanntesten Wassersymbols zugetheilt. 
Der Charakter des Pan ist demnach ungleich entschiedner 
als der des Silenus: in jenem ist Bocksnatur mit der mensch- 
lichen verbunden, in dieser bei überwiegender menschlicher 
Bildung Pferdenatur und Bocksnatur vermischt ^°). 

Dieser durchgreifende Unterschied beiderseitiger Bil- 
dung ist bei allem Wechsel künstlerischer Observanz der 
Hauptsache nach unverändert gebheben. Die verfeinerte 
griechische Kunst konnte den Gott P<m zum schönen Jüng- 
ling erheben, einer Andeutung seiner Hörner jedoch ihn 
nicht berauben, und wenn im Silen Gesichtszüge dem So- 
krates ähnlich, wenn in seinen Söhnen, den Satyrn, Bartlo- 
sigkeit und Bocksschwänzchen die ursprüngliche Rofsnatur 
ihres vollbärtigen Ahnherrn verdrängten, so bheb die ur- 
sprüngliche Silensbildung wenigstens im Pferdeschweif stets 
kennthch. Sonstige Abweichungen von jener regelmäfsigen 
Bildung sind so gering, dafs sie eher zur Bestätigung als 
zur Beschränkung des herschenden Kunstgebrauchs dienen. 
Dahin gehören die Hörner, welche in der Beschreibung 
bacchischer Feldzüge bei Nonnus den Silenen und Sa- 
tyrn ^*) wie auch den Kentauren^*) gegeben werden; fer- 
ner wenn Pan sehr ausnahmsweise ohne Hörner erscheint, 
wie solches bald durch kleinen Mafsstab des Kunst- 
werks, bald durch wilderen Charakter von Haar und Ohren 
des Gottes '^) erklärhch wird. Abweichungen so seltener 
Art wollen gegen die von uns bezeichnete regelmäfsige Bil- 
dung nicht mehr besagen als das Künsllerspiel, durch wel- 
ches die bacchische Stierbildung dann und wann mit der 
Bocksnatur des Pan ^*) oder auch mit der vereinten Bock- 
und Rofsnatur der Silene und Satyrn ^^) sich verband. Uni- 
somehr läfst sich glauben, dafs in den folgenden Sätzen die 
übhche Bildung richtig bestimmt sei, welche in den ver- 
schiedenen Zeiten der alten Kunst für Pan sowohl als für 
Silen samt deren beiderseitigem Gefolge staltfand. 

1. Pan und dessen Gefolge, Pane, Paniske und Faune, 



ÜBER FAUNÜS UND DESSEN GENOSSENSCHAFT. 87 

erscheinen durchgängig in vereinigter Menschen- und Bocks- 
geHalt^^), welche letztere hauptsächlich in Ohren, Hörnern 
und Schenkeln^ aber auch in Gesicht und Bart sich zu er* 
kennen gibt. 

2. Diese Bildung ward neben Bart und Hörnern auch 
mit fncHsc/iUcher Schetikelbildung noch in altgriechischer 
Zeit '^) verbunden. 

3. Pan erscheint aber auch durch griechische Verfei- 
nerung in durchaus menschlicher bartloser Bildung, der- 
gestalt dafs nur Ansätze von Hörnern seine thierische 
Natur noch bezeugen. Noch von Zoega '®) ward diese ver- 
feinerte Bildung des Pan in Zweifel gesetzt; doch ist sie 
aus Münzen '*) und Vasenbildern ®°) unzweifelhaft und viel- 
leicht selbst aus Sculpturwerken '*) nachzuweisen. 

4. Ob Pan auch bartlos erscheine, während ihm die 
Bocksbildung unterwärts bleibt, wird ebenfalls vielleicht be- 
stritten werden; doch ist diese Verbindung an jungen Pa- 
nisken ^'}^ nicht selten nachweislich, und seltne Beispiele 
weiblicher Panisken oder Fauninnen "') mit thierischen Hör- 
nern und Hüften treten bestätigend dafür ein. 

Silen und dessen Gefolge, die Silene und Satyrn, ha- 
ben fast ohne Ausnahme'*) spitze Ohren und Ro/i- oder 
Bocks ' Schwänze f woneben als ganz vereinzelte Besonder- 
heit •*) auch Pferdefüfse sich finden. Sonstige Verschieden- 
heiten ihrer Bildung ergeben sich aus PoUux®*), der bei 
Erwähnung der Satyrmasken deren sonstige Gleichheit, ab- 
gesehn von den durch ihre Beinamen gegebenen Besonder- 
heiten, ausdrücklich bezeugt '^). Hiebei wird mit Einschluls 
des einen berühmtesten und beliebtesten aller Silene die 
sämmtliche Schaar desselben nach einem auch sonst be- 
kannten Sprachgebrauch ®^) zu den Satyrn gerechnet, die 
unter einander als greise, vollbärtige und bartlose unter- 
schieden werden, dergestalt dafs im Ganzen vier Hauptgat- 
tungeii dieser dämonischen Bacchusgesellen sich ergeben. 

1. Der greise Silen {2dTVQog noliog). Im sceni- 
schen Kunstgebrauch ward diese Person wie es scheint mit 



88 GERHARD 

kahler Stirn®'), weifsem und spärlichem H^ar und mit ge- 
stülptem '°) Antlitz gebildet. Diese Merkmale sind auf den 
Vasenbildem allen alten Satyrn gemein; in der ausgebilde- 
ten Kunst jedoch beschränken sie sich auf den sokratischen 
Charakter des als Bacchuserzieher bekannten weisen Altva- 
ters Silen. Die Verkümmerung seines Haares und Ange- 
sichts wechselt zuweilen mit edleren menschlichen Zügen ®*), 
andremal aber auch mit bocks- und afFenähnUcher Verzer- 
rung ''*). In einem wie in dem andern Fall ist sein Haar 
reichhch, selbst wenn es gebleicht und mit kahler Stirn an- 
gegeben ist. 

2. Der bärtige Silen, 2aTVQog yeveiuiv, unterschei- 
det sich von dem vorigen durch volleres Haar und durch 
ein minder gestülptes Profil; als zweite Altersstufe der bac- 
chischen Schaar mag diese Bildung jener ersleren auf der 
attischen Bühne noch überwiegend gewesen sein, wie denn 
auch in den Vasengemälden die erstbezeichnete Bildung 
ebenfalls seltner ist als diese zweite *'). 

3. Der unbärtige Satyr, ayiveiOQy bezeichnet die 
dritte Altersstufe des satyresken Bacchusgefolges. Aufser 
der Bartlosigkeit scheint auch ein struppiger Haarwuchs von 
den älteren Satyrn ihn zu unterscheiden; im Uebrigen aber 
lassen griechische Marmorwerke selbst den Rofsschweif der 
Quellsilene **), Vasenbilder wol auch das gestülpte Antlitz •^) 
und die haarlose Stirn **) der älteren Bacchusgenossen an 
diesen jüngsten Satyrn bemerken, die erst im vollendeten 
Kunstgebrauch praxilehscher Bildung und römischer Sculptur 
in ihrer typischen, mehr oder weniger vermenschlichten, 
Bocksnatur, durch spitze Ohren und kurzen Schwanz am ent- 
schiedensten kenntlich, erscheinen. 

4. Papa-Silen, Seilrjvog nctnnog oder naTtnooai" 
XfjvoQj ist von Pollux als überwiegend ihierische Silensge- 
stalt bezeichnet, und eine doppelte auf Haar- oder Heube- 
deckung bezügliche Tracht findet in Zeugnissen und Bildne- 
reien jener Bestimmung entsprechend sich vor. Selten er- 
scheinen diese zottigen Gestalten in einer Mehrzahl ; viel- 



ÜBER FAÜNÜS UND DESSEN GENOSSENSCHAFT. 89: 

mehr ist ihre übliche Vereinzelung entscheidend um bald 
den Silen als Erzieher des Dionysos ^''), bald auch den My-p 
steriendämon Akratos '®) darin zu erkennen. Dafs übrigens 
eben diese zottige Bildung dann und wann auch auf die 
nächsten Verwandten jenes bacchischen Hauptes Silenus- 
Akratos übertragen wird '*), darf um so weniger befremden 
je mehr auch die Bildung der Pane dem Vater und Haupt 
dieser Schaar gleichmäfsig erschien. 

Die Angaben des PoUux beruhen lediglich auf der 
Sitte des griechischen Theaters, und wenn die Bildwerke 
griechischer Kunst sich daraus erklären, so ist damit das 
satyreske Gefolge römischer Bacchanalien noch nicht erle- 
digt. Um jedoch die Abweichungen römischen Kunstge- 
brauchs festzustellen, genügt es einen hauptsächlichen Un- 
terschied anzugeben. In der griechischen Kunst findet zu-^ 
weilen ein junger Satyr den ältlichen Satyrn oder Silenen 
sich untermischt, dagegen in römischen Darstellungen ne- 
ben dem greisen und kahlen Vater Silen fast lauter junge 
und unbärtige Satyrn erscheinen, denen nur selten ein Sa- 
tyr reiferen Alters und bärtigen Angesichts beigesellt ist *°®). 
Im Ganzen entspricht dieser Wechsel der Darstellungsweise 
dem ähnlichen Uebergang der gereiften Kunst vom bärtigen 
Dionysos zum jugendlichen. Seitdem es vorhersehend blieb, 
die vollbärtige Bildung der früheren Kunslgestalten zum Ephe- 
benalter herabzurücken, war für das Bacchusgefolge der schaf- 
fende Künstlergeist hauptsächlich darauf verwiesen mit der 
verschiedenen Bildung der jungen Satyrn zu spielen; hierin 
mag denn ein Hauptgrund hegen, warum in römischen Bild- 
nereien sowohl die edle Bildung des praxitelischen Satyrs 
als auch die bäurische des durch Warzen entstellten ihren 
Platz finden konnte. Wir haben vorher gegen Lanzi be- 
merkt, dafs diese letztern nicht Faune, sondern in der That 
ebenfalls Satyrn waren, wie denn ihre Warzen schon von 
Hippokrales den Satyrn beigelegt werden. Wir haben fer- 
ner gezeigt, dafs unter den verschiedenen Bildungen des 
Pan die eines zierhchen Jünglings, dem nur spitze Ohren 



90 GERHARD 

und Hörnchen als thierisches Merkmal blieben, in griechi- 
scher Sitte nicht selten war. Es blieb dabei nicht unbe- 
rührt, dafs bei solcher Abglättung auch die Züge des Ange- 
sichts verfeinert erschienen, woraus sich denn abnehmen 
läfst, dafs einem unbärtigen Satyr römischen Brauches ein- 
zig die Hörner fehlten, um anerkannten Bildungen des Pan 
^und der Faune zu gleichen. Uebergänge zwischen Bildun- 
gen versucht zu haben, die einander so nahe lagen, wird 
man der Kunst nicht ganz abstreiten dürfen: Faunus und 
Fauna können durch Weglassung ihrer Hörner verfeinert, 
die bäurischen Satyrn dann und wann durch Behömung zu 
Faunen geworden sein; über den festen und durchgrei- 
' fenden Unterschied der Schaaren des Pan und Faunus von 
denen des Silen und der Satyrn kann darum dennoch kein 
Zweifel verbleiben. Vollends dafs späte Dichter wie Nonnus 
auch wol das ganze bacchische Kriegsheer sich gehörnt den- 
ken konnten, vermag die Grenzen künstlerischer Darstellung 
und den Satz nicht aufzuheben, dafs der übliche Unterschied 
ungehörnter Satyrn und gehörnler Pane oder Faune bis in 
die Zeiten der spätesten Kunstgebilde des Alterthums fest- 
gehalten wurde — , ein Satz in welchem der gründlichste 
Kenner römischer Reliefs, Zoega *^*), der hiemit ausgeführ- 
ten Ansicht bereits voranging. 



ÜBER FAUNUS UND DESSEN GENOSSENSCHAFT- 91 



Anmerkungen. 



^) Diese Schrift ward im Jahr 1825 zu Neapel abgefafst und mit 
Zueignung an den Herkulanischen Akademiker Don Gaspare Selvaggi 
gedruckt, ohne dafs andere erhebliche Vorarbeiten als Lnnzi de* 
▼asi antichi dipinti (zu Neapel 1801 in einer Zeitschrift, und in Se- 
paratabdrack daraus erschienen) und Creuzer*s Symbolik (Ausg. 1) 
zur Hand gewesen wären; selbst Vossens Mythologische Briefe und 
Crenzers Abhandlung über Silen in den Studien II, U^\ if. mnfsten 
damals unbenutzt bleiben. Aufser diesen und aufser den in MüUer's 
Handbuch §. 385tf. gegebnen Belegen, denen hauptsächlich GesnerU 
(De Silenis: Comm. Soc. Götting. IVp. 35ss.) und Heyne^s Abhand- 
lungen (Ueber Faune, Silene, Satyrn und Pane: Antiquar. Aufsätze 
II, S. 53 if.) angehören, und die „antiquarisch-philosophische Abhand- 
lung" eines ungenannten „üeber den Pan und sein Verhältnifs zum 
Sylvanus'* (Biel 1794. 8.) nur der Vollständigkeit wegen, übrigens 
als ungelehrt und abgeschmackt, hinzuzufügen ist, kommt als selb- 
ständige Arbeit noch eine Berliner Promotionsschrift von Marc. 
Motty (De Fauno et Fauna sive Bona-Dea ciusque mysteriis. Berol. 
1840) in Anschlag. Eine gründliche Aeufserung über Pane und Sa- 
tyrn gab Zoega Bassiril. II, p. 148. 

') Faunus italisch* Wie Plotarch sagt (Num. cap. 15): 
lUxov rnl *Pavvov thqiUvcu ttjv *Ij(tUttv. Sonst können Ausdrücke 
wie der Antcnoreus Faunus bei Martial (IV, 23. Lanzi Vasi dip. p« 
101) dem Faunus eben so wenig die Geltung eines allgemein italischen 
Gottes verbürgen, als seltne Pansbilder etruskischer Spiegel (Ger- 
hard Etr. Sp. I, 92, 5) einen etruskischen in ihm nachzuweisen ver- 
mögen. Als Gott der Aboriginer aber (Anm. 12) gehört er vorzugs- 
weise nach Latium. 

*) Faunus ist Innus. Serv. Aen. VI, 776: Inuus laiine appel^ 
latur, grnece Ilav: natu ^EifiukTng graece, latine Incubo, Idem Fitu*- 
nuSy idem Faiuus, Fatuellus. 



92 GRRHARD 

*) Faunns ist Lnpercas. Jastin. XLITI^ T: In Palatini rndi- 
cihus femplum Lycnei, quem Graeci Pana, Romani Lupercum apftel- 
Innt, Vgl. Dion. Hai. I, 79 (vom Lupercal): lliyero ifk ITavos i2vm 
j6 vanog. (Vgl. Plut. qu. Rom. 68). Virg. Aen. VIII, 343 : Parrhasio 
dictum Panos de more Lycaei. Wie der Name Luperens mit Recht 
als Wolfswehr oder Wehrwolf (von Jupus und arceo: Motty De Fauno 
p. 32) gedeutet wird, so fallt er zusammen mit dem von Jahn (Sachs. 
Ges. 1847 S. 416 ff.) wohl erläuterten des Lykoros oder Lyko- 
reus, der als Sohn des Apoll (S. 416), als Bergheros des Parnafs 
(Schol. Find. Ol. IX, 70. Jahn S. 417 f.), aber auch als Ortsgott- 
heit des römischen Asyls (Serv. Aen. II, 760) und als identisch mit 
dem dort verehrten Vejovis bezeugt wird — , als ein Gott der Fluch- 
tigen, ein (fv$iog, wie Zeus und Apollo in Arkadien und Delphi 
waren, und wie das Symbol des Wolfs als solche sie anschaulich 
machte. Vgl. Klausen Aen. II, 847. 

^) Faunus ist Silvanus. Aur. Vict. 4 : Faunum pleriquey etiti- 
dem Sihanum n silvis^ quidam etiam Pana vel Pan esse dixerunt, 
Gud. Inscr. LV, 6(echt?): Fauno Silvnno sanctum» Isidor. 1030, 10: 
Pan dicunt Graeci, Latini Silvanum deum rusticor^m. In noch spä- 
terem Sprachgebranch sagt ein von Meursius (Fort. Athen. 3) citir- 
ter Biograph des Dionysius Areopagita: sccunda regio Athenis est.., 
Ilnvbs ndyos a nomine Silvani et Fnuni. Graeci enim Silvanum Pa- 
usm vocitant. Ebenso wird Pan dem Silvan gleichgesetzt in der 
Sage von Valerius und dessen Blutschande (Plutarch. parall. 22* 
Unten Anm. 41). Vgl. auch Vofs Myth. Br. II, S. 253. 

*)Pan ägyptisch als Gott von Panopolis (Steph. Byz. s. v.) 
oder Chemmis, nach Herod.11,46 (vgl. 42): rag Jf J^ alyag xal TOvgjQa- 
yovg TtavSe tXvtxa ov d-vovai AiyvmCMV ol itQrjjuivot ^ tov Ilava ttav 
6x7(0 d-eaiv XoyC^oviai ilvai ol Mtv^rjatot . . . yQtt(fOvaC t€ cfjj xal 
yXvrfOvai ol ^(oyQMfoi xal ol ayalfzarOTTOiol tov Ilavbg tMyalfiay xaTtc- 
TTiQ "JEXXrjVtg , «tyoTiQogcjnov xal TQayoaxe?Ja* ovri toiovjov vo^^ov- 
Tfg ilvuC fAiv, aXX^ o/zoiov roTöi liXXoiai xheoTai , ortv (T^ tllvixte toiov- 
jov yQttifovav ccvTov, ov (aoi ^Jidv ioTi Xiytiv» Dazu die Beschrei- 
bung des Gottes von Panopolis bei Stephanus Byz. (v. Tlavog noXig): 
tan öh xal tov &€ov ayaXfjLu fA^ya . oQ&ittxov ex^v t6 aidotov €ig knTU 
daxTvXovg (?), inaCon te fAuariya t^ Je^i^ ZiXrjrri rjg tfdtoXov ifamv 
elvtti [(faal mtCuv] tov JlCtvtt. Dem hiemit vermuthlich gemeinten 
ihyphallischen Gotte Khem (Diod. I, 18. Wilkinson Manners IV, 257 ss. 
pl. 26 mit Sykomorenbaum p. 260, vgl. Bunsen Aegyptens Stelle 
I, 441) entspricht Herodots Beschreibung zwar darum> weil derselbe 
den acht grofsen ägyptischen Gottheiten angehört; dagegen ist die 
von Herodot ausgesagte Bildung für keinen ägyptischen Gott nach- 
weislich. Den dabei vermuthlich zu Grunde liegenden Irrthum führt 



ÜBER FAUNUS UND DESSEN GENOSSENSCHAFT. Ö3 

Wilkinson (Y, 31 ss.) aaf den ithyphallischen Gott Mendes-Mandoo 
zurück. Champollion (Pantlieon p1. 3) gab einen Gott mit Widder- 
nnd KSfergestalt zugleich als Nouter-Pan nnd als Kneph. Vgl. 
Crenzer Symb. II, 199. IV, 59 f. N. A. Roth ägypt. n. zoroastr. 
Glaubenslehre Anm. 111. 

"0 Faunus einer und derselbe mit Fan: mit Fan, der 
troiscli, phrygisch, böotisch, attisch, hauptsächlich aber arkadischer 
Gott ist (Creuzer Symb. IV, 209 ff. Ausg. 3). Horat. Carm. I, 17 r' 
Lucretilem tntttal Lycneo Faunus. Ovid. Fast. 11, 268: Fauni sacra 
hicornis (vgl. 271: Pnna dcum pccoris, 361: cornipcile Fauno). V, 99: 
semieaper coleris vinctutis Faune Li^ercig. Hieraus ist begreiflich, 
dafs Virgil (Georg. II, 494), ohne den Faunns zu nennen, seine 
deo8 ngrestes als Pann Silvanumque senem Nymphasque 8orores zusam- 
menfaÄst. Vgl. Vofs iMyth. Briefe 11, 253. Klausen Aencas U, 
1141 f. Merkel zu Ovid. p. CCIII. 

®)Pan's Abstammung, in vielfachen Sagen zwischen Zeus 
und Hermes als Vätern (Vgl. ix noXkiov^ Anm. 49) und zwischen 
zahlreichen Namen der Nymphe, die ihn geboren^ wechselnd (SchoL 
Theoer. I, 3. 123. Jacobi mytb. Wörterbach: Fan), heifst vorzugs- 
weise ein Sohn der Thymbris (Arg Find. Fyth. tov Ilttvog^ ov tov 
*EQfiov xnl UrivfXoTirig, aXXä rov ^log xal Svfjßofwg. Vgl. Apollod. I, 
4, 1). Diese Thymbris kann nach der Lesart "YßQetog in den Hand- 
schriften des Apolloder und Tzetzes Lycophr. 772 auchThybris hei- 
fsen , wie ja umgekehrt Thymbris auch Doppel form für den Tiber- 
strom ist (Dion. Ferieg. 353). Eine prophetische und Gesangs- 
nymphe in dieser Pansgeliebten, so gut als in der Canens des Fau- 
nus zu erkennen, berechtigt noch insonderheit theils die Verwandt- 
schaft ihres Namens mit dem dardanischen Apollo Thymbräos (Klau- 
sen Aeneas I, 184 ff.), theils auch der Doppelname des Tiberstroms, 
Albula (Virg. Aen VIII, 332), dem wiederum Albunea*s prophetische« 
Verhältnifs zum Faunus (Virg. Aen. VII, 81 ff.) entspricht. 

*) Faunus ein Nymphensohn: von Picus und Canens: 
Ovid. Metam. XIV, 333 ff. 

^") Juppiter Picus. Suidas v. 'Pauvogy vlog IKxov rov xal 
/liog (Anm. 23). Vgl. Plutarch. Num. 15: fxvOokoyovai y«^, üg rov 
lAßevrtvov Xoipov . . . if>oiiC<v Ji/o Jatfiovicg, llixov xal ^Pavvov • ovq 
rä. fjikv ttXXu ZarvQüiv uv rig xal IJdvtov yivii TTQogeixdaeity SvvdfAn 
dk (paQfJtdxtov xal öiivorriji rijg ttcqI t« d-da yotjreCag Xfyovrai, raviti 
rolg ifif *EXXriv(ov TZQogayoQevOetßtv *l6a(oig ^axrvXoig aoifi^ofitvoi m^* 
QÜivai rr^v *lraXiav . . rovjovg (faal x^iQojaaad^at rov Novfxav . . . VgU 
Klausen Aeneas II, 843 ff. 872. 

>») "ÄTtOff mxogi Creuzer Symb. IV, 366 N. A. 



94 GERHARD 

") Faunus des Mars Sohn: *'AQE(ag unoyovog nach Bionys. 
Hai. I, 24. — Orakel des Mars durch den Specht {picus ebd. J, 14. 
Härtung Rel. d. Römer II, 173. Klausen Aen. II, 845. Picenum 
ebd. 872). 

") Pannus Merkurs Sohn; Plutarch. Parall. 315 B, 

*^) Pan des Hermes Sohn: Hom. H. Pan. 35. Schol. Theoer. 
I, 123. Philargyr. zu Yirg. Ecl. U^ 32: hie nutem natus est Mercu- 
rio in arietem converso et Penelope uxore Vlyssis, ItW. derselben 
Stelle nennt ein andres Schollen den Pan als SoJin Apollo *s Yon 
Penelope. 

*') Faunus Neptuns Sohn. Nonn. XXXVII, 414: najql 
Iloau^itüivi xai 'HtX((p a4o Tiannaj, Poseidon, nicht Zeus, {ßv&ios Kqo^ 
vCfov ebd. XIll, 330) ist des Faunus Vater von Kirke. 

**) Aegipan neptunisch. Bei Vergleichung der von Salma- 
sius Exerc. Plin. p. 293 ff. gesammelten Stellen ergibt sich eine 
doppelte Bedeutung des Aegipan. Zum Theil ist derselbe iden- 
tisch mit dem Bocksfüfsler Pan, und diese seine bekannteste Be- 
deutung^ für welche Salmasius, Lanzi (Vasi p. 88), Vo£b (Mytb. Br. 
I, 78) und Andere mehr (Motty p. 14, 3) sich erklären, ist, nament- 
lich aus den Erzählungen fabelnder Geographen (Anm. 30), yielbe- 
zeugt. Anderntheils aber ist Aegipan auch als fisch leib ig er 
Meergott unzweifelhaft: die Sage yon Pan, der durch sein tosenr 
des Muschelhorn (Eratostb. 27. Hygin. Astr. II, 28) die Titanen er- 
schreckt und in Netzen den Typhon gefangen habe (Schol. Soph. 
Aj. 704. Suid. y. aXCnXayxxog)^ wird auf Aegipan zuriickgeführt, der 
zugleich als Himmelsgestirn in yereinigter Bocks- und Fischbildung, 
nämlich als Steinbock, prangt. Huius effigics similis est Aegipani^ 
sagt yon demselben Hygin. Die neptunische Gewalt dieses Aegipan 
ward aber auch dem Berggotte Pan nkht abgesprochen, wenigstens 
nicht yon den Oiphikern (Hymn. X) und in der Sage yom Pansfisch 
(Ptol. Heph. p. 318. 339), dem Helena ihre Zaubermittel entnahm; 
yermuthlich gab erst das Bemühen die uniyerselle Bedeutung Pan des 
„Allgottes** auszumalen hiezu die Begründung, dergestalt dafs son- 
dernde Mythologen auch füglich den Aegipan als Vater des Pan be- 
trachten durften (Eratosth. 27). Vgl. Schwenck mythol. Skizzen S. 37 ff. 

*'') Pan und Faunus sind Berg- und Waldgötter, mit 
dem Symbol des siebenfachen Hirtenrohrs ^ welches Faunus (Isidor. 
Origg. III, 20) oder, der Syrinx zu Liebe, Pan erfand und neckischen 
Hirtenknaben gutmüthig yorspielt (Calpurn. X, 13 ss. Vgl. Propert. 
IV, 13, 45. — Fistuln dulcissima Fnnno: Calpurn. IV, 60. Depen- 
iet fistula Fauno: ebd. VIII, 14). Insonderheit gibt die Ueberein- 
stimmung beider Gottheiten auch in ihrer Befreundnng mit d^ii 
Ntfmphen sich kund {NvfjKpai xaX liäveg Paus. Vlll, 37» 1* Unten 



ÜBER FAUNUS UND DESSEN GENOSSENSCHAFT- 95 

nnu 55. 63. Müller Handb. 387, 4), wie diese ja auch darch Ab- 
ammung (Anin. 8. 9) mit ihnen verwandt sind: an Quellen ward, 
ie Yotiyreliefs es anschaulich machen (Anm. 63), Pan zugleich mit 
in Nymphen verehrt, oder anch allein als Schlaochreiter darge- 
eilt (Mas. Borb. IIl, 28). Weiter ausgeführt ist jener weitschich- 
ge Begriff des Landgottes Pan in der Sage zweier Pane, eines 
rophetischen Gebirgs- und Jagd%oite% Agretis , Sohnes der Oreade 
OSO von Hermes, und eines gleichfalls von Hermes mit Penelope 
rzeagten Hir/ewgottes Nomios (Nonn. XIV, 87 ff.). 

^'*) Panisches Schrecken, mit dem Begriff Pans als furcht- 
aren Kriegers (Zoega Bass. II, p. 146 ss. Müller Handb. 387, 6) 
erknüpft, verbreitet auch Pannus. Dion. Hai. Y, 16: rovTtp yäg 
vaTi&^ctat T(f dtt(fiovi 'Pcj/iaioi tä Ilartxa xal oaa (puafxaia, Cic. 
. D. H, 2, 6: $aefte Faunorum voces exauditae. Vgl. Klausen 
en. H, 845. 

*•) Faonus ein Erdgeist. Serv. Aen. VII, 11: Fauntts in- 
mus cHcttur deus et congrue ; nnm mhil est terra inferius in qua 
ibitat Fnunus, Nach Suidas (v. 'Pavvog) galt Faunns als Metallarg 
r einen Reichthomsgeber {nlovio^OTtis). 

^") Pan als Himmelsgeburt aufgefafst hiefs Sohn des Ura- 
>8 von der Erde, oder des Aethers Sohn von der Nymphe Oeneis 
»choL Theoer. I, 123); auch Sohn des Kronos nennt ihn Earipides 
Ihes. 35 : Kqoviog Jldj'). 

'*) Pan gleich dem Zens. Namentlich ist der arkadische 
eus, in Cicero's Ordnung der erste und zweite, ein Himmelskind 
ich doppelter Genealogie: der erste war Sohn des Aethers und 
ater von Bacchus und Proserpina, der zweite Sohn des Uranos und 
rseuger Minervens (Cic. Nat. deor. lil, 21). 

") Faun US des Aethers Sohn. Calpurn. I, 33: fiiit iuga 
*i siivns tueor, satus aethere Faunus haec popuHs Ventura cano. 

^') Zeus und Pan, Picus und Faanas: ein drittes ent- 
^rechendes Götterpaar gewährt der Tempel Jovis et Fauni bei 
itrav III, 1- Womit die varronische Zasammenstelluug der Fmnii 
atesque (L. L. VII 36) wohl stimmt. 

^^) Pan and Faunns, Planetengötter. Vom Pan helfst es 
Steph. Byz. v. IJavog nolis): fon cF< xal rov -d^eov ayaXfm fiiya^ 
Q&tttxov e/ov ro aiiSoTov tts ima ^axrvXovg, In der Mitte von Zodia- 
alzeichen zeigen ihn Gemmenbilder ( Gall. dl Firenze IV, 19, 1. 
nghir. Mon. etr. VI, L 4. Tassie 3137. 3138. Müller Handb. 387, 8), 
ind in Bezug auf diese Himmelsherrschaft gibt ihm Nonnus XIV, 72 f. 
;wdlf Söiine. Vom Faunus (Snid. v. ^avvog): vlog HCxov xal Jtog^ 
ly *EQfi^ ixdliaav eig avofia rov nlavrixov aa%iQog* Sg r^v aatQopo^ 



96 GERHARD 

[jLog xttl fxhnXltt dl itffVQC, Hiemit hängt an.ch der Begriff des Pan 
als Tänzer (/OQfvTtjs Pind. Fragm. 67. Müller Handb. d. Arch. 
387, 4) zusammen. 

'*) Den Daktylen werden Picus und Faunus von Plutarch 
(Nnm. 15: oben Anm. 10) wegen ihrer Zauberkraft verglichen. Aehn- 
lieh ist der Faune und Satyrn Zusammenstellung mit den Laren bei 
Ovid (Ibis 82). 

'^'^jPicumnusundPilumnus sind, jener yon picus als Waldgott, 
zugleich aber als Satnrns oder des Stercutius (Serv. Aen. X, 76) Sohn 
auch als Feldgott gefafst, dieser von j)ilum in der Bedeutung eines Ge- 
treidegotts abgeleitet, ein Paar von Feldgottheiten, welches dem ge- 
meinhinalsWaldgottheitengedachten Picus und Faunus wohlentspricht; 
die Idee ländlicher Götterwesen ist beiden gemein. Vgl. Serv. Virg. 
Aen. IX, 4. X, 76. Augustin. C. D. VI, 9. Vofs zu Virg. Ecl. IV, 63. 
Einige verglichen dies Götterpaar den Dioskuren (Serv. Aen. IX, 4), 
während Varro sie als Geburts- (Serv. Aen. X, 76) oder (IX, 4) 
Hochzeitsgottheiten kannte — , alles in sichtlicher Annäherung an 
das mit den Penaten gleichgesetzte samothrakische Götterpaar. Vgl. 
Hnrtung Relig. d. R. II, 174 tf. Eckermann Mythol. II, 192 ff. 

^') Pan und Faunus konnten bei solcher Häufung wenigstens 
mit eben dem Recht neben einander gestellt werden, mit welchem 
Servins (Aen. I, 372: moriunlur) Fmmi Panesque verbindet. Nicht 
entscheidend ist die obenberührte Stelle des Gratius Faliscus 
Cyneg. 27: 

Nniadis et Latii cultor qui Faunus amoeni 
Maennliusque puer domitria^que Idaea leonum 
mnter et inctiUo Silvnnus termite'gnudent. 
Die Erklärer dieser Stelle haben im mänalischen Knaben den 
Aristäus, Pan, Bacchus, nach Burmanns letzter Ansicht sogar den 
Merkur gefunden; der Gedanke an Bacchus ist dabei nicht schlecht- 
hin zu verwerfen und in diesem Fall wäre der Dichter gerechtfer- 
tigt gegen den sonst zunächst liegenden Gedanken an Pan, der aber . 
dann eher Maenalius pater als puer heifsen müfste. Vgl. Columella 
de cultu hört. 429: et te Maennliumj te Bacchum, teque Lyaeum Le- ,t 
nneumque pntrem cnnimus, — Nur als einander verwandte GÖtter- 
mächte werden Pan und Faunus zur Auslegung des beiden entspre- 
chenden Gottes Inuus im Reisegedicht des Rutilius unterschieden, | 
wo es (Vs. 332) heifst: 

Hoc Inui castrum fnmn fuisse putnt, 
seu Pan Tyrrhenis mutavit Maenala silvis, 
sive shius patrios incota Faunus init, — 
Nicht viel schärfer mag die Unterscheidung gemeint sein, wenn Cal- | 
/>ornius IV, 133 den arkadischen Pan und den latinisoheB Faanof 1 






ÜBER FAÜNÜS UND DESSKN GENOSSENSCHAFT. 97 

neben einander nennt : LycaeusPan recolU Silvas et amoena Faunus 
tn umhra securus recubat, Nocli weniger beweist ebd. IX, 72: Di 
pccorum pavere greges , formostis Apollo, Pan doctus, Fauni vates 
et puJcher Adonis — , wo man allenfalls die Faune als Schaar des 
Pan verstehen kann. 

") Bocksfüfsler und Faune. Statins Theb. IV, 599: 

nocturnaque furta licentum 
Capripedum et cupidns Faunorum arceho rapinas. 
Eben so Lucrez (Anm. 29). Den Zeugnissen über die Faune, die 
wie biemit abschliefsen, darf endlich aucli ein besonders kräftiges 
nicht fehlen, wenn es auch dieser Walddämonen nur als Nachtrab 
der stolzen Zahl gröfserer römischer Gottheiten gedenkt. Im Ibis 81 ff« 
sagt Oyid: 

Vos quoque plehs superum Fauni Satyrique Laresque 
fluminaqwe et Nymphae setnideumque genus, 

'^) Bocksfüfsler und Satyrn. Diese Zusammenstellnng ist 
besonders bezeugt, wenn fabelnde Erdbeschreiber Aegipane (dem 
Pan gleichbedeutend) zugleich mit den Satyrn nennen. So nennt 
Plinius V, 8 unter andern Völkern des Atlas: Panas semiferos et Sn- 
tyroSj und fügt hinzu: Sntyris praeter fignram nihil moris humaui, 
Aegipanum qualis vulgo pingitur forma; nebenher gibt er an einer 
andern Stelle (V, 1) folgende bacchische Charakteristik der Aegi- 
.pane: eundem (Montem Atlantem) noctihus mitare crehris ignibus, 
Aegip anum Satyrorumque lascivia impleriy fibiarum ac fistulae 
cantu tympanorumque et cymbalorum sonitu strepere. Aber auch ohne 
diese doppelsinnige (Anm. 16) Benennung der Aegipane finden Bocks- 
füfsler und Satyrn sich zusammengestellt in der poetischen Beschrei- 
bung eines barbarischen Landes bei Lucrez IV, 584: 

Haec loca eapripedes, Satyros Nymphasque teuere 

finitimi fingunt , et Faunos esse loquuntur, 

quorum noctivago strepitu . . . 
wo bei richtiger Interpunktion statt bocksfufsiger Satyrn Bocksfüfs- 
ler, Satyrn und Faune in phantastischer Häufung (vgl. Salmas. Exerc. 
Plin. p. 293 SS.) neben einander erscheinen , ohne dafs der gelehrte 
Dichter, wie Zpega Bass. II, p. 149 ihm Schuld gibt, durch eine 
solche Anomalie seine Verachtung jenes Gelichters hätte bezeigen 
wollen. Eben so unterscheidet Sidonius in einer von Hm» Giu- 
seppe Nayarrö herkulanischem Akademiker mir nachgewiesenen Stelle 
Faune, Satyrn und Pane (IX, 1, 23): 

Tunc Faunis Dryades Satyrisque MimaUones aptae 

fuderunt lepidum rustica turba melos, 
AI in cicuticines Uquerunt Maenala Panes 

poslque chehjn placuit fistula rnnca Jovi. 

1 



98 GERHARD 

^*») Pan und König Pannus: Nonn. XIV, 71. 338. 

^*) Fauna ist Bona Dea. Macrob. Sat. I, 12: hanc eandem 
Bonam Deam Faunanique et Opern et Fatuam pontificum Uhris indi- 

gitari Nee non eandem Fauni filiam dicunt^ ohstitis^eque vo- 

luntnti patris in amorem suum Inpsi .... trnnsfigurasMe se tarnen 
pater in serpentem credilur et coisse cum filia. 

35—35^ B on a D ea (Macrob. Sat. 1, 12. Plutarch. Caes. cap. 9. Klau- 
sen Aeneas II, 849 ss. Gerhard Abh. Etrusk. Gotth. Berl. Akad. 1845. 
Anm. 73. Abh. über Agathodamon und Bona Dea ebd. 1847. Anm. 88. 
Vgl. auch Motty De Fauno et Fauna. Berol. 1840. 8 p. 36 ss.) ist 
Erdgöttin und heifst demnach Cybele des Midas Mutter (Flut. l. c. 
Tgl. Hygin. fab. 274. 191). Berühmt ist des Pan Yerhältnifs zur 
Göttermutter Cybele (Anm. 41)^ theils durch Pindar theils ans einem 
Nanischen Relief und andern Kunstwerken. Ein jagendlicher Panskopf 
. zwischen Löwen bei Passeri III, 281. — Sie ist ferner &) Ops und 
D ami a nach Macrobius (Anm. 31) und nach Festus s. y. : Damium sacri- 
feium, quod fiehat in operto in honorem Bonae Deae . . Dea quoque ipsa 
Damia . . . Vgl. Damia und Auxesia in Aegina und Epidaurus Herod. 
V, 82. — Sodann ist sie c) F r a u en g Ö t tin : yvvaixeia Oeög nach Plu- 
tarch und Macrobius (1. c): ^ypropter quod nee vir templum eins in^ 
greditur^\ — Endlich ist Bona Dea auch d) Venus: Bonae Deae Cni- 
diae Gud. inscr. 54, 3« Bonae Deae Veneri Cnidiae Gud. 38, 10. 
Reines. I, 92. Bonae Deae sanctissimae caelesti Doni 42, 121. Der. 
Venus gleicht Bona Dea auch als Marica, welche gleich Fauna 
dem Faunus yermähit den Latinus gebar, und als dessen Mutter 
bald mit einer Hyperboreerin (von Herakles: Dion. Hai. I, 43) bald 
mit Circe (Lact. I, 21) wechselt; bei Seryius (Aen. VII, 787) wa- 
ren beide, Marica und Venns, schlechthin gleichgesetzt, zu ge- 
schweigen daOs Sainte-Croix (Myst^res II, p. 180) jene sogar der 
Venus Murcia gleich weifs. 

^^) Bona Dea ist Juno, nach Macrobius I, 12; hauptsächlich 
wol als Juno Februata, welche durch Festus (v. Februarius) als 
Göttin der Luperealien, dorch des Febrüus Gleichsetzung mit Pluto 
(Isid. Origg. V, 33: Februaritts a Februo i. e, Plutone) als Unter- 
weltsgöttin bezeugt ist. Eben so entspricht Bona Dea der gemeinhin 
mit Juno gleichgesezten karthagischen Göttin (Creuzer Symb. IT, 
448 N. A. Fabretti inscr. IX, 318. Murat I, 17, 8). 

^^) BonaDea ist Unterweltsgöttin, nämlich Proserpina, 
Hekate, Bacchusmutter (Anm. 38), alles wiederum nach Ma- 
crobius I, 12: eandem alii Proserpinam credunt porcaque ei rem di- 
vinam fieri . . . alii jjf^or/fti' 'Exarriv. Boeoii Semelam credunt. In 
gleichem Sinn galt BonaDea auch für Medea (ebd.), nämlich durch 



ÜBER FAÜNÜS UND DESSEN GENOSSENSCHAFT. 99 

Gräcisirung der marsischen Schlangengöttin Angitia (Serv. Aen. 
VII, 750. Solin. cap. 8. Klansen Aen. II, 852 f.). Aber anch die 
Bea Dia der Anralen, die in Cicero's Erwähnung der von Merkur 
begehrten Brimo nur durch falsche Lesart verdunkelt ist (Cic. Nat. 
deor. III, 22, Intpp. p. 603 ss.), gehört bei offenbarer Verwandtschaft 
jenes Mythos mit dem von Faunus und Fauna gleichfalls hieher. 

^^) Bona Dea bacchisch: Jiovvaov fiijriQa jriv kqqtjtov 
nennt sie Plutarch (Caes. 9), wie sie auch Semele (Stimula Liv. 
XXXIX, 12) bei Macrobius (Anm. 37) heifst. Dem Beiwort entspricht 
des Servius Aussage (Aen. VIII, 314): ^fiod nomini dici prohihitum 
fuerat, Bonam Deam appeUatam, 

*^) Bona Dea cerealisch. Nachdem er die Göttin Mala 
als grofse Göttin (magna) erklärt und deren tellurisches Schweins- 
opfer bezeugt hat {sus praegnans ei mactatur, quae hostia propria 
terrae)^ sagt Macrobius I. c: Auetor est Cornelius Labeo, huic Maine 
aedem Kalendis Mniis dcdicntam suh nomine Bonae Deae, et enndem 
esse Bonam Deam et ierram ex ipso riiu occultiore sacromm doceri 
poBse confimtat. Hieher würde auch der Name Oma (Eckerm. Mjth« 
11, 191,4. Härtung Rel. d.R.II, 195) gehören, etwa als die „Süfse** 
(wie Britomartis. Ihr Gefafs hiefs mellarium : Macr. 1, 12) in Ueber- 
einstimmnng mit der ähnlichen Benennung tarentinischer roher Fei- 
gen (Plin. XV, 18: Tarenti praedulces nascuniur quas vocant onas 
oder omas, (ofids)^ wäre die Lesart Omam bei Servius (Aen. VIII, 314), 
hinlänglich gesichert; anerkannt wird sie auch von Klausen (Aen. II, 
849), der dabei an omen denkt. 

*") Geschwisterehe: Zeus und Here u. a. m. 

**) To chtere he als mythische Form unaussprechlicher mystischer 
Ehen ist vom Schlangengestalten Zeus und von Persephone aus dem 
Zagreusmythos, ferner vom widd>ergestalten Hermes und der Götter- 
mutter (Paus. II> 3, 4] bekannt. Dem letzten Verhaltnifs entspricht 
auch Pans Verhaltnifs zur Göttermntter (Pind. fragm. 63, p. 591. 
Luc. D. D. 22. Val. Fl. III, 47); eben so ist mit des Faunus 
Schändung der Fauna die Sage von Valerius und seiner Tochter 
Valeria zu vergleichen, deren Kind Pan-Silvanus gewesen sein sollte 
(Aristid. ap. Plut. parall. 22 . Vgl. unten Abh. Ueber die Hermen 
Anm. 89. 106). 

*') Lascive Frauenscherze sind in der Geifselung unfrucht- 
barer Frauen durch nackte Wettläufer des Lupercusfestes (Ovid. 
Fast. II, 31 SS. 421 SS. Härtung Rel. II, 179) nicht minder nachweis- 
lich als in den ausschliefsiichen Frauenfesten griechischer Thesmo- 
phorienfeier (Creuzer IV, 378 N. A.) und der latinischen Bona Dea. 
Bittere Zeugnisse und schamlose Knnstgebilde belehren wwtk ^V^«t 



100 GERHARD 

des Fauntis und des Priapus Antheil am Feste der letztgedachten 
Göttin. So Juvenal VI, 314: 

Nota deae secrela Bonney cum iibia lutnbog 

incitnt et cornu pariter vinoque feruntur 

attonUae crinemque rotant ulnlantque Priapo 

Mnenaileg, 
Womit häufige Priapusopfer in Reliefs und Geromenbildern, aber auch 
die Faunusopfer wohl stimmen, welche Calpurnius I, 13 erwähnt: 

Quo nie cunque vocas^ sequor, Ornite: nam mea Leuce, 

dum negat amplexus nocturnnque gaudia nohis, 

pervia vornigeri fecit sncrnria Fauni. 
Man vergleiche die Gruppen einer Paniska die eine Faunusherme 
nmarmt, auf beiden Seiten eines berüchtigten Sarkophags im Museo 
Borbonico (Gerhard Bildw. CXI, 1 — 3. Unten Anm. 45). 

*^) Lnpercus und Luperca pflegen nicht zusammen genannt 
&n werden, sind aber — Lupercus als Pan (Anm. 4), Luperca als kin- 
dersäugende Lupa — aus gleichem Ort, nämlich dem als ^i/^cretoi' des 
Pan (Anm. 4) betrachteten römischen Lupercal nachweislich. Lupa- 
Luperca als Amme (Liy. X, 23. Cic. Cat. III, 18. Jul. Obs. 122) 
gehört späterer Deutung an ; aber auch in der Bedeutung der rö- 
mischen Wölfin (Arnob. lY, 3. Klausen Aen. II, 855) steht sie dem 
Pan-Lupercus nicht unpassend zur Seite: als Liclitsymbol der in 
Wolfsgestalt gebärenden Latona (Ael. H. Anim. X, 26) analog, als 
Thier dem thierischen Pan wohl passend, der bocksfufsig gebildet 
und auch in Buhlschaft mit Ziegen erscheint. Vgl. Härtung Rel. 
d. R. II, 176 fi^. 

'^') Pan und D e s p ö n a. Beim arkadischen DespÖnatempel ohn- 
weit Akakesion war im höheren Raum ein Heiligthum des Pan be- - 
findlich (Paus. VIII, 37, 8). Häufig verbunden, besonders auf unteri- 
talischen Vasen, ist Pan mit Aphrodite (Gerhard Bildw. XLV, 1. 2. ''■ 
S. 290 ff. Unten Abh. Hermen Anm. 91 h Vgl. Aphrodite und -^ 
Phaon: Panofka T. C. S. 126 ff.). Entsprediend ist die Doppelbil- ? 
düng eines KoUerschen Thongcfäfses (Berlins Bildw. S. 234, 1. , 
oo. 761), bestehend aus einem weiblichen und aus einem Jung- ■ 
lingskopf, welcher gehörnt ist. Auch Pan und Telete im Hekatebihl Lj 
zu Cattaio (Abh. Venusidole Taf. V, 2) und das athenische Relief 't 
des vor einer verhüllten Frau, etwa Telete, kauernden Pan (Müller 
Mittheil. Taf. V, 12) sind hier zu vergleichen. 

**) Faunus und Fauna lassen sich in Doppelköpfen eines 
gehörnten Gottes und einer Göttin in der Villa Albani erkennen 
(Gerhard Bildw. CCCXIX, 2); andre ähnliche ohne Hörner, alle je- t 
doch von später Arbeit, siud auch sonst hie und da vorhanden. Un- 



u 



tiBKR FAÜNÜS UND DESSEN GENOSSENSCHAFT. 101 

eweifelhaft auf Faunus und Fauna bezuglich sind auch mehrere Gruppen 
lies berüchtigten Sarkophags zu Neapel (Anm. 42), wo Frauenunzucht 
einerseits neben Tempelbild und Herme eines bärtigen und gehörnten, 
anderseits neben der eines ebenfalls gehörnten jugendlichen Bocks- 
fufslers erscheint. In gleicher Geltung mögen trotz mangelnder Be- 
hörnung die Doppelherme eines Satyrs mit Kind und einer zierlich 
bekleideten Frau (Gerhard Bildw. CII, 4. 5), ferner die ursprüng- 
lich zusammengeliÖrigen Statuen eines nngehörnten Satyrs mit Sy- 
rinx und einer eichenbekränzten bekleideten Frau zu fassen sein 
(Gerhard Bildw. CII, 1. 2), obwohl jener Satyr ungehörnt ist 

*^) Kufistdarstellungen der Bona Dea sind in Müllers 
Handbuch 407, 1 unberührt und mit Sicherheit noch nicht nachge- 
wiesen, yermuthlich weniger wegen des Dunkels ilirer Mysterien als 
wegen ihrer Vermischung mit andern Gottheiten. Statt älterer Bil- 
dungen aber, die sich verrauthungsweise hieher ziehen lassen (Abh. 
Etrusk. Gottheiten Anm. 74. Abh« Agathodämon Anm. 88), möge 
wenigstens derDoria^sche Marsyassarkophag (Gerhard Bildw. LXXXV, 1. 
S. 324 ) hier erwähnt werden , auf welchem eine der thronenden 
Cybele gegenüber sitzende Göttin liait Scepter and Apfel ungleich 
fuglicher auf Bona Dea des Midas Matter (Anm. 32) als auf Ceres 
oder Juno sich deuten läfst. 

*") Bonus De US, d^aOo^ ^toff, ist eine von Pausanias (VIIl, 
36,3) unerklärt uns überlieferte Götterbenennung, die jedoch in der 
Nähe des Mänalosgebirgs am natürlichsten auf den dort heimischen 
Pan gedeutet wird; auch als (iya&og dcU^tav (Euseb. Praep. V, 5. 
p. 18^ ) ist Pan bekannt. Sonst findet allerdings in römischen In- 
schriften [deren Echtheit dahin gestellt bleiben mufs] dasselbe Prä- 
dikat auch auf Juppiter {Bono Deo Bronionti Gnd. 55, 5. Fabrett. 
X, 203. Murat I, 8, 8. Vgl. Jovi gnncio Brontonti: Boissart. V, 38), 
nämlich einen mystischen (Jovi et Bonae Deae: Murat. I, 13^ 1), und 
etwa auf Jacchus (Bono Deo puero phosjihoro, Grat. I, 88, 13 ) an- 
gewandt. 

*•*) Namens spiele erklären z. B. den Faunus als Landgott 
a favenäo frugibm (Serv. Georg. I, 10. Klausen Aen. II, 849 c) und 
leiten in gleicher Bedeutung den Namen Pan von nato y pascor, ab 
(Lennep. Etym. gr. s. v. ). Durchgreifender ist Klausen^s (Aen. II, 
847 f.) Ableitang des Faunus von faujff, fatis d. i. Schlucht, Rifs, 
Astgewebe, davon sei auch fatuus der (Abgerissenes) plaudernde 
Tropf; der Ableitung von fari stehe die verschiedene Quantität von 
fataus und fäbula, fatnni entgegen. 

^^) Pan Allgott, z6 när^ laut Orphikern (Hymn. XI) und Cor- 
autus (cap. 27) nicht nur, sondern auch nach dem allerdings spätere». 



102 GERHARD 

homerischen Hymnus (XVllI, 47): Jlava Si fiiv xakiiaxov^ ori ifQivn 
näaiv hsQ^psv. Vgl. Grenzer IV, 208 N. A. Dnnkel ist im Lexikon 
des Philemon v. AcciQxiudrig die Aenfserung : fiovov kfyovai tov lIävK 
yey€vrja9-ai ix noXlmv^ oO^ev xal forofiaöTai, 

*") Pan Redegott von (pato^ (pavau Die Aspiration wech- 
selt aach in navog, (pavog und sonst, wie denn auch die Grammati- 
ker den Pan (Etym. s. v.) als *I>av rig äv, nämlich «f/a t6 imtpaC' 
vsüS^tti Totg ivO-ovOibJoiv, definiren. 

^^) Faunus Redegott Ton (ftata, Vokal und Diphthong 
wechseln auf ähnliche Weise in Banaus^ Danae, DanntM, in tpdkog, 
(fdXXog, (fccvXog, in xijXov, xäXov^ caulus (vgl. Fauna, Faula: Lact. 
I, 20. Härtung Rel. I, 87 f.); ein Stammwort (fav<o (Lanzi Vasi 
p. 100) ist überflüssig vorauszusetzen, dagegen volltönige Derivata — 
(pavocfOQOi hQE(tti bei Hesychias, tfav^ta sieden, hellenistisch auch 
int(fav(o für inttpaCvfo — jenen Analogien zur Bestätigung dienen. 

") Lichtgott ist Pan als Gott von Lampea (Paus. VIII, 24, ^ 
2), dem Athen zugleich mit dem Prometheus Lampadephorien feierte 
(Herod. VI, 105) und dem mancherorts ein beständiges Feuer brannte ^ 
(Paus. VIII, 37, 8), römischer Inschriften mit Lucido Pani -(Reines. ^ 
p. 173) zu geschw eigen. Münztypen (Spanheim C^sars p. 45) zeigen •, 
ihn hie und da mit Pedum und Fackel. Vgl. Creuzer Symbolik III, ; 
261 ff. (Ausg. 2) = IV, 208 ff. (Ausg. 3). Weniger ist dieselbe Bedeu- ^ 
tung für Faunus nachweislich, obwohl die Ableitung *Pavvogy ^ 
ifa(v(ov avTOV bei Hesychius dafür spricht. ^ 

*') Pan, Phanes, Phales. Die Namen Hdv^ ^^dvrjg^ 4>aXri; ^ 
kommen von drei verschiedenen Bildungen der Wurzel (pato her, je 

nachdem diese mit hinzugefügten N oder A erschien. Demnach ist ^' 

1) die ursprüngliche Wurzel (ftt(o, leuchten, wovon (fdog Licht, und "^ 

wovon auch der Name des Gottes Pan zunächst heimkommt; ganz ' 

Singular ist die Ueberschrift (paog xaXog über dem Pan eines Vasen- ^ 

bilds (Gerhard Bildw.LIX. Vgl. PanofkaT. CS. 67,21). Dafs von dieser 1=* 

Wurzel (ftt(o auch 2) die transitive Form ffaCyto, offenbaren, abstamme, * 

bestätigt sich durch Ableitung der Wörter xaivog, canus, von xccw, " 

icyaCü) von dydio (vgl. (faiog, grau), ßaCvo) von /Saw, d-oCvri von t>«a; ''^ 

(vgl. (foivogy röthlich), und steht in Verbindung mit dem Namen des " 

Gottes Phanes, Gewichtiger aber ist 3) die neutrale Form (faXw^ ^ 

(fdXXü), leuchten 'f obwohl an und für sich nicht wahrscheinlich, er- ^ 

scheint sie doch vielfach in Derivatis, wie ifaXog, (fdXiog (leuchtend), |- 

(pdXttQog, (pctXttXQog (weifs, kahl), pallus und pallidtis, wie denn durch i* 
ähnliche Bedeutung leuchtenden Hervorragens auch die Wörter (fdXog 

(paluSj Gipfel, Pfahl), (pctXXog und tpdXrjg (männliches Glied) auf gleiche >;, 

Wurzel zurückzuführen sind. Das letztgedachte Wort gibt bei veränder- ; 



ÜBER FAÜNUS UND DESSEN GENOSSENSCHAFT. 103 

tem Accent den Namen des kyllenischcn (Luc. Jov. Trag. 42) Gottes P h a - 
les, welcher nach Paasanias (VI, 26, 3) lediglich in der Gestalt eines 
männlichen Gliedes erschien. Der Zusammenhang yon (fakkto und 
(pacj bestätigt sich aus Analogien, wie aydlXio abgeleitet von ayatt^ 
dyatüjj wie ßulXta {ndklo)} von ßdü), ßatvta^ wie d-ukXta von d-dta 
^&o£vr\) sie gewähren, woraus denn unleugbar henrorgeht, dafs so- 
wohl die ätherische Natur des P an, als die uranfangliche Gottheit 
des Phanes Protogonos und die ursprüngliche Produktivität des 
Hermes Phales Namen gemeinsamen Ursprungs haben. Dagegen 
scheint das Wort akliad^m^ welches Zoega de obelisc. p. 213 als 
Wurzel des Namens 4»dXi\s voraussetzt, ganz und gar nicht damit 
▼erwandt sondern von ^A/cu, ill(o (drängen, sich wenden) abgeleitet 
EU sein, wie auch aus dem abgeleiteten tttlXa (Wirbelwind) hervorgeht. 

**) fpd(Oy aa, xu(o. Die Wurzeln yae>, «w, x«a), deren über- 
einstimmende Derivata eben zusammengestellt wurden, haben auch 
die ursprüngliche Bedeutung des Feuers gemein, dem intransitive 
Bedeutangen des Wehens, Leuchtens, Erscheinens entsprechen. Nicht 
nur in den Ableitungen von ifdto und ifdlta ist dies klar, sondern 
anch in denen von ao), wie aij^, utag (aura^ /lurom), sodann in den 
Derivatis vom neutral gefafsten xacj, brennen, wie in den Adjecti- 
ven xaivog, canus^ xaXog (neu, weifs, schön), ferner im ungebräuch- 
lichen xdCofiai (sich auszeichnen. Vgl. (pcclyofxat>) wovon Mxaaxo, 
Aktiven Sinnes ist die Bedeutung von leuchten, hauchen and erschei- 
nen übergegangen in die verwandte des Hauchen lassens (wärmen, 
trocknen, verbrennen), Leuchten machens (erleuchten), und Erschei- 
nen lassens (offenbaren). In solcher Bedeutung sind allbekannt die 
Worte dX^a (Wärme von «w, halo), awttvia (trocknen), xd(o (entflam- 
men, verbrennen) und (falva (erleuchten, offenbaren). Weniger be- 
kannt sind einige metaphorische Andentungen, wie die des Erfreuens, 
verwandt mit Erwärmen, und des Nährens {(ilo)^ Sättigens («(T^oi), 
Aufhörens {navw). Aus diesem letzteren Degriff folgt das verschlim- 
mernde navüiy welches im Begriffe des Wärmens und Verbrennens 
der Natur des Feuers zwiefach entspricht, dergestalt dafs navü} 
eigentlich „weichen*^ heifst, woher faveo im zurückbeziehenden Sinn 
abgeleitet ist, und die verwandten Wörter (fdCcD, (Xyw^w, tfovog — , x(t{(o, 
caedo, xovtg den vollen Begriff der Zerstörung enthalten. Da übri- 
gens in eben diesen Wurzeln auch der gleichfalls znrückbeziehende 
Begriff des „sich offenbaren'* nahe liegt, so ist auch die Bedeutung 
„sprechen" in den Zeitwörtern q^dpcct, xaX^<o, dvoj («vcTij) als laut- 
und begriffsverwandt hiemit nachgewiesen. 

") Faune in der Mehrzahl heifsen gleich ihrem Vater Fau«- 
nus arkadisch (Carm. Priap. 36, 5) wie Pan. So werden sie auch ne- 
ben Pan genannt (Calpurn.IX, 73: Pan doctus, Fauni vates et ftulcher 



104 GERHARD 

Adonis), und sind den Nymphen befreundet, wie auch die Pane es 
sind (NvfJKftti xal näveg: Paus. VIII, 37, 1. Nonn. XIV, 71. Müller 
Handb. 387, 4). Der Pane Mehrzahl findet sich Öfters, auch in 
vollbärtiger Bildung: einer den andern schulternd (Guattani Mon. 
1786 apr. Pashley Greta II, p. 2 ss. Relief zu Wörlitz). Jederseits 
ein sitzender Pan, Nymphen dazwischen, auch auf einem clusini- 
sehen Ossuar, jetzt in Berlin. Zwei Pane, ein junger bartloser und 
ein älterer yoUbärtiger Pan, jener mit Fackel und Amphora, dieser 
tanzend mit Tympanum und Kantharos, sind auch auf die Querseiten 
des jetzt in München befindlichen Braschi*schen Sarkophags («abg. 
im Almanach aus Rom) yertheilt. Irgendwo finden sich auch drei 
Pane gruppirt. 

**) Der Faune Schlachtruf wird gleich dem des Pannus 
(Anm. 18) und Pan bei Cicero (diyin. I, 45) erwähnt: taepe in proe- 
Uis Fauni auditi, 

*0 Faune als Feld- und Erdgeister. Virg. Georg. I, 10: 
tigrestum praesentia nomina Faunu Calpurn« VÜI, 66: dant Fnuni 
quod quisque valet de vite rncemoM. 

^) Faunus gespenstisch. Lncil. ap. Lactant. I, %2: terri- 
colas Lamins, Fnuni quas Pompiliique instituere Numae. Vgl. 
Anm. 19. 

^^) ,f Faunus quid sit nescio'^, bleibt bei Cicero (nat. d. III, 6J 
des ungläubigen Cotta Schlnfsänfserung, nachdem er versichert Fau- 
nischen Lärm niemals vernommen zu haben : Wesen und Ansehn die- 
ser und aller Gottet erlaubt er sich anzufechten, ohne die Volks- 
geltung des Faunus in Abrede zu stellen. 

®") Bocksfüfsige Satyrn, dadurch noch nicht erwiesen, dals 
Lucian scherzweise den Pan zu den Satyrn zählt — Bis accus. 10: 
(o llaVy fiovoiziaTttTe xccl nti^ijTixttizaze HaTVQtav änccvtcov (Zoega Bass. 
II, p. 149, 13) — werden von Lanzi (Vasi dipinti p. 107'ss.), Zoega 
(Bass. II, p. 148 SS.) und Welcker (Satyrspiel S. 219,117. Vgl. Wie- 
seler Satyrsp. S. 198), trotz unerschütterlicher Strenge selbst des 
spätesten Kunstgebrauchs, bei Dichtern^ sogar der Augustischen Zeit, 
ausnahmsweise eingeräumt. Von den deshalb beigebrachten Stellen 
ward eine lucrezische bereits oben (Anm. 29) besprochen; für Horaz 
Carm. III, 19 hat Lanzi selbst Rath geschafft, indem er die an 
scheinend grobe und von Zoega vergeblich durch dithyrambische 
Laune — nel diliramho Orazio per Capriccio mesceva gli uni cogJi 
ttUri — beschönigte Unwissenheit, die im aures capripedum Satyro- 
rum acutas der gewöhnlichen Lesart liegt, durch Einschaltung eines 
ei nach capripedum tilgt, und aus alter Glosse (schon bei Acro) die 
Aeufserung „Panas dicit capripedum pedes hahentes'*'* dafür anführt« 
In einem späten Epigramm der Anthologie (Anal. III, p. 338): — 



ÜBER FAUNüS UND DESSEN GENOSSENSCHAFT. 105 

6 nglv äsl BQOfiCov fiSfiB&vafjiivog oivaöi nriy^ 
avVTQOtfog ivaojttts aiyonoör^g 2ajvQog — 
öchte aiyonoloig oder aiyono^ftts za lesen sein. Weniger abzuleog* 
m ist die dann und wann, hauptsächlich von späteren Dichtern, zu- 
ilassene Behörnung (Anm. 71). 

^') Satyrn und Satyrdrama, seit Casaubonos gründlich un- 
rschieden. Festus s. v. Saturn et cihi genus dicitur eaf variis rebus 
nditum . , , et genus carminis, uhi de muUis rebus disputatur, 

^^) Satyrn und Faune gleichzusetzen, ward yon Lanzi p. 102 
»duldet; doch sind, spätester Autoritäten (Isidor. 1032,45: Ineubo- 
*m Romani Faunum ficarium . • . hunc alii Satyrum vocant) zu ge* 
hweigen, die dafiir erwähnten Stellen sehr ungenügend. Bei Horaz 
t. poet. 244 werden die unsaubern Faune yon den früher erwähn* 
n Satyrn, des Silenus Gefährten, offenbar unterschieden. Bei Vir- 
1 Eclog. VI, 27 kommen die Faune samt den Thieren des Waldes 
srbei (Faunosque ferasque videres)^ um den Silen für zwei junge 
ityrn singen zu hören. In der Nachahmung dieses Gedichts bei 
alpurnius III, 25 ist nach Wernsdorfs Lesart (Nos-nutrimus hiefs 
{ vorher, und die Stellung von hunc bleibt auffällig) — 
Vos etiam Nysae viridi nuiristis in antro 
hunc Nymphae Fnunique senes Satyrique procaces — 
afur gesorgt, dafs Pan, welcher den Hirtenknaben von Bacchus 
ngt, wie dort Silen den Satyrn, seine eigene Schaar als bei des 
rottes Pflege bethätigt den Satyrn voranstellt. 

*') Faune, Satyrn, Pane als dreierlei Wesen zu nnterschei- 
en, gestattet Lanzi p. 103 auf Grund einer Stelle des Ausonius, 
eiche vielmehr für den Gegensatz der Pane oder Faune und der Sa- 
rm willkommen ist. Der Dichter beschreibt die ErgÖtzungen seiner 
'eldgötter folgendermafsen (Mosell. 170 ss. 175 ss.): 

Hie ego et agrestes Sntyros et glanca tuentes 

Naidas extremis credam concurrere ripis, 

cnpripedes agitat cum laeta protervia Panas . . 
175 Saepe etiam mediis fnrata e coUibus uvas 

inter Oreiadas Panope iluvialis amicas 

fugit lascivos paganica numina Faunos. 

Dicitur et, medio cum sol stetit igneus orbe, 

ad commune fretnm Satyros vitretisque sorores 

consortes celebrare choros. 
Uer ist die enge Verbindung der Faune mit den Gebirgsnymphen, 
er Satyrn mit den Nymphen der Gewässer anschaulich gemacht, 
em Verhältnifs jener zu Pan dem Gebirgsgott, dieser zum quelUie- 
•enden Silen durchaus entsprechend ; die Pane aber als drittes We- 



106 GERHARD 

sen darum zu Bcheiden, weil sie ab Doppelausdruck statt der Faune 
genannt werden, ist durchaus kein Grund vorhanden. Mit ähnlicher 
Unterscheidung, nur dafs Bacchantinnen an die Stelle der Nymphen 
treten, sagt Sidonius IX, 1, 23: Faunis Dryades Satyrisque Mimallfh' 
nes ppfne, und eben derselbe Dichter stellt die Faune zum Pan als 
dessen Gefolge: Pan pavidus^ Fauni duri, Sntyri pctulanies (eben- 
daselbst YII, 83). 

^*) Bäurische Satyrn> wie sie in Werken der Scalptur ne- 
ben der praxitelischen Bildung erscheinen (Plo^Clem. III, 30. Vgl. 
Müller Handb. 385, 2), yielmehr für die ländlichen Faune Latinms 
gelten zu lassen, war Lanzi p. 106 ss. deshalb geneigt, weil das 
bäurische Gelächter, die Bockswarzen, das Ziegenfell, der Fichten- 
kranz, der Hirtenstab und die FlÖte jener Satyrn oft genug für die 
Faune bezeugt sind. IVie solche yernieintliche Faune der üblichen 
Bocksbildung an Stirn und Schenkeln entbehren können, ist dabei 
nicht in Anschlag gebracht, um so mehr aber dabei übersehen wor- 
den, dafs im Extrem jener bäurischen Bildung selbst der Lieblings- 
satyr des Bacchus erscheint (Pio-Clem. I, 42. 47. V, 8), und dafs die 
nach Lanzi für Faune besonders charakteristische Warze im grie- 
chischen Ausdruck (Anm. 65) den Satyrn zugeeignet wird. 

**) Satyr Warzen werden im griechischen Sprachgebrauch den 
Satyrn sowohl als den Kentauren ((p^Qsg) ausdrücklich zugespro- 
chen : sie heifsen (frjQeta oder aaTvgiaafxol nach Hippokrates ( aphor. 
111,26. De morb. popul. VI, 3, 10. VII, 2 ex tr.). Vgl. Brouzi d'Ercol. 
II, 40 not. 2. 

^*) Bocksbildung hat Pan sowohl (semicaper Pan: Ovid. 
Met. XIV, 515. Pan aiyißdrrig Meleag. ep. 27) als auch Faunus 
(^semicaper coleris succincHs Faune Lupercis, Ovid. Fast. V, 101). 
Als Vers des Asinius Gallus wird angeführt: semicapri quicumque 
gtthis sacraria Fauni, 

*^) Paus Attribute werden mit reichlicher allegorischer Aus- 
legung von Cornutus (cap. 27), Servius (Eclog. II, 31), und Isidorus 
(1030, 10) zusammengestellt; in ähnlicher Häufung erscheinen sie 
auch auf Marmorwerken, namentlich einem bei Doni (Inscr. tab. 
IV, 3), dessen Inschrift Deo sancto nicht minder auf Pan als (mit 
Lanzi p. 100) auf Faunus bezogen werden darf. Neben der Hirten- 
pfeife, statt deren er dann und wann (Clarac 124, 149. 128, 175) die 
Flöte bläst, ist auch das bacchische Becken dort nicht vergessen. 
Seltnere Attribute sind Keule und Geifoel: die KeuJe^ die er in eben 
jenem Marmorwerk aber auch in Vasenbildern (Gerhard Bildw. Taf. 
LIX. ünedirtes Aktäonbild und sonst) statt des üblichen Hirten 
Stabs fuhrt — , die Oeifsel, die theils in der dunkeln Beschreibung 



ÜBER FAÜNUS UND DESSEN GENOSSENSCHAFT. 107 

des Gottes von Panopolis (Steph. Byz. s. v. Oben Anm. 6) theÜs 
anch in den zwei Henkelyerzierangen eines dnrch Miliin (Vases 
II, !26) bekannten Gefäfses dem Pan gegeben ist (Tgl. Wieseler 
Satyrsp. S. 194). Seltner nnd räthselhaft ist in jenem Vasenbild aooh 
ein von der andern Hand beider Pansiigaren gehaltenes Fläschchen 
(ygl. Inghirami Mon. etr. J, p. 111); Schale nnd Fläschchen hält anch 
der Pan eines andern Vasenbildes (Gerhard Bildw. XXVII, 2). Viel- 
leicht dafs die Kleinheit dieser Gefafse nar znfallig ist: Amphoren 
aU bacchische Wein gefafse, wie einer Yon zwei Panen in der Quer- 
Seite eines Braschi^schen Sarkophags und wiederum einer yon zweien 
bei Clarac 138, 763 sie Iiält, sind leicht verständlich, nnd rechtferti- 
gen anch die henkellose Amphora in der Hand eines kauernden Pans 
von Erz (zu Florenz: Gerhard Bildw. Cl, 5), 

•*) Faune des Faunus Sohne zu nennen, wie Lanzi p. 101 
nach Vives zu August. C. D. IV,23 es annimmt, berechtigt vielleicht 
kein ausdrückliches Zeugnifs, wohl aber die Analogie der als Sohne 
des Pan erwähnten Pane (Nonn. XIV, 71) und der als Söhne (Athen. 
X, 420 B) oder Enkel (Nonn. XIV, 99) des Silen gedachten Satyrn. 

*') Silenus und Pan ünden sich wol als Sohn und Vater ge- 
dacht (Serv. Ecl. VI, 13), nämlich mit Bezug auf Pan als gewaltigen 
Allgott (Anm. 49) und auf Silens überschwengliche Bedeutung in 
der er bald Sohn der Erde (Nonn. XIV, 97. XXIX, 262), aus des Ura- 
nos Blut entsprossen (Serv. 1. c.), bald auch des Hermes Sohn (Serv. 
l. c.) und ApoUo's Vater (Clem. protr. p. 24. Creuzer Symb. IV, 
51 N. A.) hiefs. Auch das konnte vorfallen, dafs im Naturspiel ge- 
borstenen Marmors die einem Walddämon ähnliche thierische Bildung 
von Einigen einem Silen (Plin. XXXVI, 5) verglichen wurde, wäh- 
rend Andre (Cic. divin. I, 13. Vgl. Welcker Rhein. Mus. I, 417 ff.) 
den Kopf eines Panisken darin sahen. Völlige Vermischung aber 
des Silen mit Pan , wie Panofka im Ausdruck eines Pan Marsyas sie 
anerkennt (M. Blacas p. 64. Terrae. S. 145) und auch Creuzer (Symb, 
IV, 213 N. A.) sie annimmt, scheint erst in ganz spaten Glossen 
bezeugt (Philox. Silhanus, IIccv, -2€<ii?yoff). 

''^) Rofsbildung der Silene ist im Zusammenhang mit den 
Kentauren bezeugt, die selbst in den oben heriihrten Warzen 
(ffi^Qeia, octivQiaafiol \ Anm. 65) sich kund gibt, hauptsächlich 
aber im Pferdeschweif ifnnovQiq) eine gemeinsame Bildung zeigen. 
Die Satyrn pflegen davon unbetheiligt zu sein; dennoch hei- 
fsen sie bei Nonnus (Xlll, 44), den Silenen gleichgestellt, Xaaltov 
ZttTVQtav KiViavQCdog tdfia y€vi&Xrig, Eine andre von Lanzi auf die 
Satyrn bezogene Stelle dieses Dichters (XIV, 267) gilt den Ken- 
tauren» 

'') Behörnung der Satyrn wird von Lucian und von Non- 



108 GKRHARD 

nus bezeugt. Lucian. Baccb. cap. I. : oXfyovg J^ ityug äyQoixovg vmvt- 
axove IvHVtti yvfivovg xoQ^axa OQXovfiivovg^ ovQccg ^/oviag^ xSQttOräi 
ola toTg uqji yevvijO-eTaiv igCifoig vnoifvfjai, Nonn. XIV, 105: xai 
2aTUQ0vg xeqoivxtg ixoafxeov riysfiovrjsg, XIV, 135: TOtg filv inl xqo- 
rdipoig diövfiuoveg . . . y^(o/iV€g . . . xp^dvri X^^^V- Eben so bellst Si- 
len (XIV, 97) xcQaatfOQog vtog €(QOVQTjg und (XIX, 342) xofxoiov ßoo- 
XQCilQoiai fiaKOTTOig, Hiedurcb findet aucb Calpurnius Entscbuldigung, -" 
wenn er gegen den gewöbnlicben Sprachgebraucb (Ovid. Epist.IV,49: 
Dryades Faunusque hicornes) nicbt die bocksfufsigen Faune, sondern 
die durcbgängig menscblicb gedachten Satyrn (Calp. II, 13: fau- 
nusque ftater Satyrique bicornes) behÖrnte. Das häufige Abzeichen 
des Bacchus konnte durch Festgebrauch ausnahmsweise auch auf 
Tracht oder Natur seiner Diener übergehn; durch solchen Anlafs 
findet auch wohl, auf die Trieteris bezüglich > ein dreifach behörn- 
ter Satyr (Zoega bassir. II, 82) und irgend einmal (Bronzi d'Ercol 
II, 53) auch eine Larengestalt mit zwei Hörnern sich Yor. Zu den 
seltenen Beispielen ähnlicher Willkür gehört auch der auf einem 
Panther reitende Satyr eines unteritalischen Kraters (Mus. Borb. 
V,27); Hörner bei sonstiger bäurischer Natur zeigt ferner der Bar- 
berinische sogenannte Faun und die sitzende Erzfigur eines schla- 
fenden Satyrs im Museo Borbonico (X, 61). Vgl. Bronzi d*Ercol. 
II, 40. 42. Arditi del fascino p. 21. Eben dahin kann es gerechnet 
werden > wenn Bacchus, der allerdings hie und da in dreifachen 
Gruppen auf Pan sowohl als auf einen Satyr gestützt erscheint (Mon. 
d. Inst. IV, 33* Ann. XVIII, 218 ss. tav. ÜC), auf einen gehörnten 
Liebling statt auf den gemeinhin vorausgesetzten schönen Ampelos 
sich stützt (Impr. d. Inst. IV, 38. Vgl. Anm. 75). TJebrigens aber kann, 
während in allen diesen Beispielen nur seltene Abweichungen von 
dem hauptsächlich aus griechischen Vasenbilderu und römischen Re- 
liefs reichlich bezeugten Kunstgebrauch sich erkennen lassen, schliefs- 
lich ein Beleg ihnen angereiht werden, welcher aus altrömischer Zeit 
das allerdings niclit durchgedrungene Bestreben Faune und Satyrn 
zu verschmelzen bekundet. Die merkwürdige laut ihrer Inschrift 
etwa dem sechsten Jahrhundert Roms gehörige Deckelgruppe der 
Ficoroni'schen Cista mystica von Erz führt als Geleitsmänner einer 
bacchischen Eingeweihten uns zwei Figuren vor Augen, welche nach 
ihrer Gesichtsbildung als Satyrn, nach ihren Pferdeschwänzen als 
Silene, nach ihrer BehÖrnung eben so füglich als Faune benannt 
werden können. Vgl. Mus. Kircher. tab. IV. V. Gerhard Etr. 
Spiegel I, Taf. 2, S. 15 ff. 

^') Kentaur enhörn er kennt Nonnus (XVI, 144): (frjQwi 
ivxfQ(((ov Xdaiov yivog. Vgl. XIV, 180: xal ßoi^ pkaanioe xcaic xqo- 

jdtfOlO XSQttitJ. 



ÜBER FAÜNÜS UND DESSEN GENOSSENSCHAFT. 109 

'^) Pans Behörnnng. ZanhonPs (Galeria di Firenze V, 19) 
Annahme als gäbe es auch unbehörnte Figuren des Pan, he^ 
ruht vielleicht nur aaf gewissen von Nenmann (Monnm. ined. p. 
rO ff.) besprochenen PanskÖpfen, deren ungewöhnlich grofse Ohren 
— wTa fxiyaXa oQ^ia (Lucian Bacch. 2) nämlich grofse Bocks- 
)hren, wie schon Zoega Bassiril. p. 146, 6 gegen die Winckel- 
nann*sche Annahme (Monum. ined. p. 72) von Eselsohren (beiWie- 
leler Satyrsp. S. 129, 4. 137 durch Bezug auf Midas beschönigt) gel- 
end machte — als künstlerischer Ersatz der üblichen HÖrnerbüdung 
;ich betrachten lassen. In ähnlichem Fall befinden sich die Pans- 
LÖpfe auf Familien -Münzen der Junia (Silensköpfe nach Klansen 
^en. II, 1146) und der Vibia, und auch gewisse spätere Pansbildun- 
ren (Anm. 45), denen eine und die andre wechselnde Reliefbildung 
^rofsohriger Pansgestalten (mit Hörnern Mus. Capitol. V, p. 165. 
Gerhard Bildw. CIX, 1; ohne Hörner Mus. Chiar. I, 39) angereiht 
werden kann. Aehnliche hervorragende Ohren aber auch für Jugend- 
lebe Pane angewandt zu ünden ist durchaus unerhört, und es ist 
laher anzunehmen, dafs die vermeintlichen Beispiele einer bartlosen 
ind zugleich unbehÖrnten Bildung des Gottes Pan lediglich auf 
anscheinbarer Angabe der Hörner beruhen, ohne welclie jene gefäl- 
ligen Jünglingsgestalten den Charakter des Pan völlig verleugnen 
wurden. Deutlich genug pflegen auch bei der verfeinertsten Pans- 
bildnng diese HÖrner zu sein, obwohl sie im reichlichen Haar leicht 
verschwinden, sei es dafs dies .mit schwacher Andeutung und mög- 
lichster Verkürzung beider HÖrner, oder auch in langer und einge- 
bogener Bocksform geschieht, wie in einem Marmorkopfe des Vati- 
kans (Beschr. Roms II, 2. S. 193, 97). Lediglich durch solches 
Verschwinden in der Haarmasse wird somit jener angebliche Man- 
gel der Panshörner auch in der vorgedachten fiorentinischen Gemme 
und im Münztypus von Messina zu erklären sein, wo weder der Tor- 
remuzza^sche Stich (Auct. 11^ 4) noch auch Carelli*s bewährte Er-> 
fahrung Hörner anerkennt. 

'*) Stierbildung Pans. Mit Stierfüfsen erscheint Pan im 
bacchischen Relief einer Marmorvase des Mnseo Borbonico (Neapels 
Bildw. no. 368. Gerhard Bildw. Taf XLV, 1.2) und einer ähnlichen 
im Campo Santo zu Pisa (ebd. XLV, 3 nach Lasinio). Die beste 
Erklärung dafür gibt der Dionysos ßoi(i) xrocTl der eleischen Frauen 
(Plntarch. Qnaest. gr. 36). 

"*) Stierbildung der Satyrn ist wenigstens ans Nonnus be- 
zeugt, der selbst Ampelos den schönsten der Satyrn behörnt weifs: 
ßovxsQaojv \2ktvq(ov fiivvmQiov cdyct xofiCl^iig (Nonn. X, 209). Vgl. 
oben Anm. 71. 

"*) Bocksbild nng des Pan. Homer. H. in Pan 37: ulymo- 



112 GERHARD 

eines Jünglings mit Wassergefafs früher von mir betrachtet, die je- i 
doch niclit minder füglich für einen jugendlichen Flafsgott, gleich a 
denen auf Münzen yon Katana und Kamarina (nach Carelli^s Bemer- 
kung) gelten kann. ' 

^'0 Paniske, wie man die jugendlichen Pane füglrch nennt, |,i 
ohne an Cicero*s Ausdehnung des griechischen Sprachgebrauchs ^ 
(Cic. nat. d. III, 16: Si Nymphne deae simt^ Panisei etiam et Satyri: 
hi autem non sunt) sich zu kehren, finden sich, bartlos zugleich und j 
behörnt, hie und da schon in unteritalischen Vasenbildern (Anm.80. [* 
Zwei junge Bocksfiifsler Tischb.II, 40. — „Pan und Echo" Panofka j*" 
M. Blacas XXIII), hauptsächlich aber in Sculpturen. Dahin gehören T 
die Giustiniani*sche (11^ 62) sogenannte Erziehung des Zeus (Müller f* 
Handb. 385, 5. Nach Beschr. Roms II, zweite Beilage S. 3, eher * 
des Komos), ein dreiseitiger Marmor auf der Loggia des Palastes * 
Mattei (Mon. Matt. II, 78, 1), ein bacchisches Relief des Museo Bor- 
bonico (Winckelm. Mon. p. IX. Neapels Bildw. no. 202) und noch «j 
manches andre Marmorwerk (Pio-Clem. V, 7. Guattani Mon. 1786 ^ 
apr. III. 1787 Sett. I), wie auch ein Lampenrelief bei Passeri Lu- fe 
cerne II, 50. 

®^) Paniska oder Fauna. Als weibliche Figur gehört hie- 
her die artige, obwohl stark ergänzte^ Statue einer Paniska in l 
Villa Albani (Indicazione no. 242. Beschr. Roms III, 2, S. 536). ^ 
Vgl. Gori Mus. etr. I, 64, 2. 1^ 

^*) Silensbildung. Zuweilen findet sich Vater Silen mit 
menschlichen Ohren (Pio-Clem. IV, 28), und ähnliche Freiheit scheint 
in einem schönen Gastlager bacchischen Charakters (Bildw. C VIII, 2) )^ 
auch auf seine jüngeren Genossen ausgedehnt, wo der Silen ein f^ 
menschliches Olir zu haben und die bocksähnliche Bildung der Oh- %= 
ren nur den erwachsenen Satyrn, nicht aber den Kindern zugetheilt « 
zu sein scheint. Eben so wenig dürfte es befremden den Schweif, a 
welcher dem alten Silen nicht weniger als seinen Begleitern zusteht li 
(Anm. 91. Diod. III, 71 )> dem weisen Bacchuserzieher dann und 'j 
wann entnommen zu finden, wie denn selbst der thierisch behaarte 
Silen auch ohne Schweif nachweislich ist (Tischb. I, 35. II, 37) 
Der Bocksschwanz dagegen kam seit früliestem Gebrauch vielmehr '- 
der zarteren Natur der jüngeren Satyrn zu: wiewohl diese in grie- ^ 
chischen Werken der besten Zeit (Anm. 94) auch mit Rofsschweifen .^ 
sich finden, so bekundet doch sowohl der häufige Typus des praxi- |.Z 
telischen Satyrs (Pio-Clem. III, 30) als auch manches sonstige bao 
chische Bildwerk echt griechischeu Charakters (Pio-Clem. IV, 21) 
kurze und dünne Schwänzchen als regelmafsiges Merkmal der Sa- \_ 
tyrbildung. Neuerdings hat Wieseler (Satyrspiel S. 129, 3. 197) die- j 
sen Unterschied aufzuheben gesucht, und in der That fehlt es aus j 



s 



■i 



ÜBER FAUNUS UND DESSEN GENOSSENSCHAFT. 113 

älterer gnecluicher Darstellang keinesweg» an Belegen für Ro£»- 
schwänze der Satyrn (Anm. 94). 

"*) Pferdefufse sind der Sileninatur nicht widersprechend; 
sie ünden sich dann und wann» namentlich in etmskisohen Werken^ 
So in einer Spiegeizeichnimg bei Inghirami Mon. etr. II, 10 (Ger-^ 
hnrd Etr. Sp. I, 92, 10). 

••) Vierfache Siicnsbildnng wird von Pollax IV, 142 ge- 
lehrt und mit Gleichsetznng der Silene und Satyrn folgendermafsen 
unterschieden, ^arvgixa Sk ngogian« * ZaxvQog noXiog, Satvqos ys- 
vstdiv, J^atvQos nyivBiogy ^(iXtivog nannog .... (Von Interpunction 
zwischen Zuhfvog und nannog^ wie Lanzi p. 90 wollte, kann, da die 
Gleichaetzung yon Silenen nnd Satyrn anch sonst feststeht, nicht 
wohl die Rede sein). Vgl. Wieseler Satyrspiel S. 31. 71 ff. 

'^> . • , 2iÜLriv6g nannog, . tu cT uXXa Ofioia ra ngogofna, nlfjv 
otfotg ix TtSv ovofÄttTtDV at naQaXXayttl dtjXovyrttif ägn^Q xal o nannog 
^ J^€ilfiv6g rriv tSiav fori &rjQi(oJiauQog. Vgl. Maller Handb. $. 386, 5. 
Wieseler Satyrspiel S. 15. 29. 123. 132. 

*^) Silene and Satyrn werden (obwohl urspriinglich verschie- 
den, jene als Qaelldämonen, diese als ländliche Bacchasdiener : Wel- 
cher Satyrspiel S. 211 ff.) im Sprachgebraach der gebildetsten grie- 
chischen Zeit dergestalt vermischt, dafs Silene, namentlich jagendliche 
(Hom. H. Ven. 5: veaComaai ZtXtivotg) und Satyrn (Schol. Nicand. 
Alex. 30 : ovg rifJuTg SaxvQOvg Xiyofjiiv^ ol aQ^aioi' 2itXrivovg ixaXow) 
einander gleichgeltend erscheinen. Bei Paasanias (I, 23, 6), dem 
diese Schaar übrigens nach vieler Nachfrage (ohivig daiv Mqcdv 
nHov Id^Xfov inCaraa^tti) unklar blieb, blieb als wahrscheinlicher Lehr- 
satz die Theorie zaruck, dafs unter Silenen die älteren Satyrn ge- 
meint seien (vgl. Lanzi p. 95); schlechtbin identisch gebraucht beide 
Ausdrucke noch Philostratus (Imag. I, 22), indem er den Midas, der 
in königlicher Reife gemeinhin bekannt ist, nicht einen Silen, son- 
dern einen Satyr nennt. Vgl. Julian. Caes. 309 D. Eben so steht 
anch in einer römischen Inschrift (Reines. J, 237) Fauna et Snti/ro, 
ohne Zweifel statt Pnni et Silen o. 

^^) Der greise Silen ist besonders auf Vasenbildern durch 
weifs angegebenes Haar kenntlich ; so Avird es dem Erzieher des Dio- 
nysos in der schönen Bacchuspflege eines noianischen Kraters im 
Museo Gregoriano, und der Halblignr eines als Gottheit zuschauen- 
den Silens im Kadmosbild des Museo Borbonico (Neapels Bildwerke 
S. 308 f. Miliin Gal. XCYlll, 395) gegeben. Eben dieser Aelteste 
der Silenen erscheint auch mit kahler Stirn und dünnem Haupt- 
haar; doch ist die kahle Stirn keineswegs auf ihn bescJiränkt, indem 
aach Marsyas (Tischb. IV, 6. Coghill IV) and andre voUbärtige Si- 

8 



m 



114 C^BRäARD 

lel*e (Ceghin If and sdnst), ja «elbst jof^ndliche Satyrn (Tiwhb. 
ly, 37), dann and wann kahlköpfig erscheiiien. 

*^) Das gest&lpte Angesicht, welches im Tellendeten Kunst- i,^ 
gebrauch dem weisen AltTater Stlen (Creuser Stodiea II» %%^ ff«) ^ 
und seinem Abbild dem Sokrates (Lysipptseh nach Böttiger Aadeut. j. 
8. 188) eigen ist, ist eben so wohl als die Kahlköpfig^ eit in denVa- 
senbildern hie und da auch andren Silenen und Satyrn EVgetheilt, 
unter denen deshalb der entsprechende Ausdruck ai/xö^ {QivoQtfiOi 
Luc. Bacck 2) auch als Eigenname fignrirt (Gerhard Prodr. S. 219, 40. 
Jahn Vasenbilder S. 27). Zwei plattnasige: unten Anm. 99. 

'') Kdle Silensbiidung ist hauptsächlich aus plastisches ,, 
Darstellungen des Bacchuserziehers bekannt, unter denen der b^rghe* 
sische das Bacchuskind im Arm haltende Silen (Maller Handb» 38$^ 4) 
obenan steht. 

'*) Bocks- und Affenbildung liegt hie und da gleicher- .^ 
weise der scurrilen Darstellung yon Silenen zu Grunde: so im attf- 'j. 
sehen Vasenbild einer Bacchaspflege (Stackeiberg Gräfier d«H. XXI, 1) ^^ 
und Ton Werken der Sculptor im Albani*schen Relief des ruhenden »^ 
Herakles (Zoega Bass. II, 70"). Die Yergleichung: mit den Äffen hie- 
bei nicht ganz auszuschliefsen , wird durch die Sage der KeriLOpen 
und dViTch Darstellungen kletternder Silene (Gerhard Ausvrt. Tas. '^' 
I, 15) nah^ g^elegt. |^ 

^^ y ollbärtige Silene zeigt die ältere Kunst fast allgemein ^ 
ohne das Merkmal gest&lpten Angesichts und selbst ohne die kahle 
Stirn, dergestalt dafs z. B. der sitzende Silen einer grofsgriechischen 
Ambra des Prinzen S. Giorgio Spinelti ohne den Pferdeschweif der 
als Silen ihn bezeichnet füglich für einen bärtigen Bacchus gehalten u 
werden dürfte. Vgl. Wieseler Satyrspiel S. 201. 

^*) Satyrschweif. Als wichtigster Beleg für die griechisch« Sa- ^ 

tyrbildung der vollendeten Plastik gilt uns das Monument des Lyslkrs^ t 

tus (Stuart I, 4, 3. Müller Denkm. 1, 150), auf welchem sowohl bar- « 

tige als jüngere Satyrn erscheinen. Der lysippischen (Ol. 111,2) Zeit, ^ 

welcher dies Denkmal angehört, geht die praxitelische Satyrbildnai: ^ 

um ein geringes voran; als einen dritten Vergleichungspunkt bester ^ 

attischet Kunst bezeichnet Welcker (Zeitschr. S. 525, Taf. V, 28) r 

die FrancaviHa*sche runde Ära mit kelternden Satyrn, Jetzt im Mo- .. 

seio Borbonico (Neapels Bildw. no. 288 6. Mus. Borb. II, 11). Aehn- ^ 

liehe jugendliche Satyrn, einer flöteblasend ^ der andre mit Thyrsus, ^ 

zeigt zugleich mit dem Baccliuserzieher Silen > der einen Thyrsas . 

aufstützt, auch das Marmorgefafs des Salpion (Welcker Zeitschr. Taf. 'r. 

T, 23). In allen diesen echt griechischen Wetken sind Sie Satyrn ^ 
mit ziemlich langen Schwänzen versehen, die eher der Pferdebildung 

als det BocksnatuT sich ankiähem. Vgl. ob^n Anm. 84. > 



Ober faunus und dessen Genossenschaft. 115 

•*) Satyrn gestülpt. Sowohl auf der Francavilla^schen Ära 
ils anch in nnteritalischen Yasenbildern (Neapels Bildw. S. 307. 337. 
lo. 180. Miliin Vases II, 7) ist jenes ^tvoaifiov (Lncian Bacch. 2) 
finger Satyrn nachweislich^ welches in der edleren praxitelischen Bii- 
hing weg^fallt. 

•*) Satyrn kahlköpfig. Wie bereits erwähnt ward (Anm. 71 ), 
nacht Nonnus XIY, 140 ein kahles Haupt zum allgemeinen Merkmal 
1er Satyrn; eben so Lucian (Deor. conc. 4): ol ök ZarvQoi oUls tu 
ora xal avTol (faXaxool. Im Kunstgebrauch zeigen gleiclifalls we- 
ii£^stens die spateren Yasenbilder kahlköpfige Satyrjiinglinge; viele 
1er Art finden sich bei Millin (Vases I, 67j, andre ähnliche bei Tisch- 
bein I, 36. 51. ly, 34. Umgekehrt findet in einer Vase des Museo 
Borbonico (Neapels Bildw. S. 290) auch ein alter behaarter Silen 
lieh nnbärtig, etwa zum Beleg wie sowohl ein junger Ampelos als 
ein ältlicher Akratos als Lieblingsdämon des Dionysos sich denken 
iäfst; der kleine kahlköpfige und bärtige Satyr, auf welchen der bär- 
tige Gott bei Tischbein 111, 9 (ygl. I, 45) sich stützt, kann fiir beide 
Benennungen passen. 

*'') Papposilen als Pädagog. In den Cäsaren des Julian 
wird 9 wie Lanzi p. 96 erinnert, Siien von Bacchns nannlStov ge- 
nannt; daraus folgt jedoch nicht, dafs die verwandte Benennung Pap-^ 
potilenos jeder Bildung des Bacchuserziehers, der sokratischcn so- 
wohl als der zottig thierischen, entspreche, da yielmehr jener Ausdruck 
bemerktermafsen (Anm. 86) lediglich dieser letzteren gilt. Es 
gekört dahin sowohl die mit Gras und Kräutern im Dienste des- 
Blumenbacchus ausstaffirte Kleidung (xoQToiog //Ta>v: Wieseler Sat.- 
S. 92. 99. 103. 119 f. 151 f.), theiU eine haarige Feiibekleidnng, die 
Aelian (Var. Hist. III, 40: ufUfifÄnlXot xi^ojvts ib. Periz. ) eben so 
freigebig auf alle Silene ausdehnt wie er ein andermal (Hist. aniro. 
XVI» 21) alle Satyrn überhaart (jo nciv aw^« loo/ov Wieseler 8, 125 f.) 
nennt. Diese Fellbekleidung ist es denn auch, welche als leichter 
dafsteUbar der Kunstbildung des Papposilen zu Grunde liegt; in un- 
teritalischen Gefäfsbiidern nicht selten ist sie dann und wann auch 
aas Statnen (Ficoroni*sche : Gerhard Bildw. CV, 3. Welcker Zeitschr. 
S. 533. Malier Handb. 386, 5. Athenische mit Kind anf der Schul- 
ter: Maller Mittheil. Y, 10) nachzuweisen. Den römischen Baccha- 
nalien blieb sie fremd ; dagegen in Reliefs griecJiischer Anlage sich 
statt der vollständig behaarten Figuren auch Silene yorfinden, welche 
mit einem ähnlichen kurzen und zottigen Fell leicht geschürzt sind 
(Pio-Cleai. IV, ^1 » Miliin LXV, 264). Etwa gleich den einet uHs 
LuipereU (Ovid. Fast. V, 101 *, nicht suc€inciiSy wie oben Anm. 66 steht). 

'*) Papposilen als Mysteriendämon. Da, wie eben be- 
merkt» Bilder des Papposilen yerhältnifsmafsig selten sind nnd^ wo 



116 GERHARD 

sie sich finden, nicht leicht in der Mehrzahl erscheinen 9 so ist di«fe 
seitsame Gestalt mit Wahrscheinlichkeit für eine bestimmte Persoi 
bacchischer Darstellungen anzusehn. Diese Ansicht bewahrt sich 
denn auch durch Umgebung und Handlung. Bald erscheint jener 
zottige Silen stehend vor Dionysos, ein andermal vor einer Sphisx 
und einer Schlange — beides auf Gefafsen des Museo Borbonico —1 
ein andermal als Kitharod in Dionysos* oder Apollo*s Gegenwirt 
(Passeri 11, 123), oder auch als Flötenbläser Tor Dionysos, der sei- 
nen Lteblingssatyr umarmt (Tischb. I, 45. 46). Diese und ähnlicbe 
Verbindungen, ferner dafs sich dieselbe zottige Figur geflügelt fin- 
det (Tischb. I, 35), machen es wahrscheinlich dafs sie den als bae- 
chischen Dämon {ßiUfiiov twy afjiifX Jtowaov Paus. I, 2, 4) bekaan- . 
ten Silen Akra tos darstelle. Zwar entspricht Akratos, der gsas '^ 
irrigen Anwendung dieses Ausdrucks auf einen bacchischen Flägel- 
knaben (auf Löwen: Mus. Borb. VII, 62j zu geschweigen, ursprong- 
lieh der edleren Auffassung des Silens (Creuzer Symb. III, 216 ff.), 
und es fallt schwer jene lächerliche hie und da (Winckelm. mos. F 
BO. 200. Neapels Bildw. S. 360) unwürdig zu Boden gestreckte Fi- f 
gur auf den Erzieher eines Gottes zu deuten. Anderseits ist aber \ 
YorauszDsetzen , dafs die antike Kunst alle ihre phantastischen Vo^ *- 
Stellungen Ton Silenen und Satyrn auf den dionysischen Dämon übe^ 
trug, je nachdem er, dem strengen oder entarteten Charakter der My- 
sterien gemäfs, ehrwürdig oder auch lächerlich aufgefafst ward. Zi 
dieser Erwägung kommt der gedachte Umstand, dafs jene zottige Bil- 
dung auch hefiütfelt erscheint (Tischb. I, 35) und daDi andre gefln- ^ 
gelte Jünglinge, mit satyresk-plattnasigem Angesicht, s^tt der Felle 
mit Beinkleidern angethan (Tischb. I, 44. IV, 39), sich zur Verglei- ^ 
chung ihnen gesellen. Sonstiger Vasenbilder zu geschweigen, die r 
bald einen gleich lächerlich gebildeten, obwohl flügellosen, Satyr nit 
Beinkleidern, auf einem Delphin ausgestreckt (Tischb. IV, 57), bsM ^ 
auch den alten und kahlköpfigen Silen mit einem Kentanren Terei- ^ 
nigt (Tischb. II, 42) oder gegen Bacchus gewandt (ebd. II, 67) nni h 
vorführen 9 wie wir ihn unter den genannten behaarten Silenen and '■ 
in einem der geflügelten Satyrn (Tischb. 1, 44) fanden — , legen wir • 
besonders Gewicht darauf, wenn sowohl ein älterer und nicht kshl- 
kÖpflger Satyr als die eigenthümliche Figur eines jugendlichen Satyrs 
in entschiedner Mysterienbeziehung erscheint. Jenes ist der Fall P 
auf einer Münze von Catania (Schachmann Catal. 1774, p. 141 P 
Mionnet I, p. 224, 136), die einen bärtigen Satyrn schwebend über " 
einem Stier mit Menschengesicht darstellt. Dieser Satyr, yerbunden !^ 
mit einer Schlange unter dem Stier und mit der geflügelten Sieges^ | 
oder Weihungsgöttin als Gegenbild, bestimmt uns zuvorderst, mit | 
Eckliel, Avellino und Anderen den bestrittenen Stier als Bacchus He- 



Ober favküs und dessen Genossenschaft. 117 

boiiy den daraberschwebenden Satyr aber als Mysteriendämon zu 
deuten. Befremdlicher als dieser Ersatz des zottigen Mysteriendä- 
moBS durch einen geiliigelten oder schwebenden ist die Erscheinung 
eines «Safj^rjünglings von gewöhnlicher Bildung in gleicher Myste- 
riengeltang, wie solches jedoch bereits oben (Anm. 45) berührt ward- 
Wenn nun solchergestaU ein seltsamer geflügelter Jüngling einem 
geflügelten Silenopappos gleicbgeltend erscheint, wenn auch der be- 
haarte Silen als Jüngling sich findet, und wenn die Kahlköpfigkeit 
der jugendlichen Satyrn als sprechendes Merkmal ausgelassener Sitte 
einigermafsen dazu beiträgt den Dämon des reinen Weins nnd der 
Trunkenheit auszudrücken, warum wollte man ihrem augenfälligen 
Myaterienbezug widersprechen? Zu Bestätigung desselben gereicht 
auch bei Miliin Vases II, 53 das GefaOsbild einer ausgewählten bac- 
duschen Gesellschaft, wo einem unbärtigen Pan gegenüber ein nach- 
denklich sitzender Jüngling mit katrlem Haupte erscheint — , etwa 
als Stellvertreter des Silenes Akratos, mehr allegorisch als mythisch 
gefaist. In älmlichem Sinne wichtig ist auch das Gegenbild jener 
Vase, in deren Gruppirungen von Akratos und Eros ein Fingerzeig 
gegeben ist, um die oben berührte Beflügeiung des Akratos zu er- 
klären, [wobei auch der Dionysos Psilax nicht ai^üser Acht zu lassen : 
M. Handb. 383, 9]. Auf einer schönen kumanischen Hydria des Gra- 
fen Ton Ingenheim (Gerhard Bildw. XLIV. Prodr. S. 93) erscheint 
als Umgebung einer vom Schwan getragenen Libera ein Paar von 
Fingelknaben und ein andres von Panen der gefälligsten Bildung, 
dergestalt dafs hier in einem und demselben Bild die Dämonen des 
Liber pater zugleich mit denen seiner Gemahlin vereinigt sind. Ein 
geffilliges Künstlerspiel, welches zu solchem Ausdruck eines zwischen 
materiell -silenesker und zwischen erotisch -beflügelter Bildung ge- 
theilten zweifachen Mysteriendämons stattfand, bleibt schliefslich 
noch nachzuweisen übrig; wir finden es im sntyresken Flügeljüngling 
eines Albani*schen Reliefs (Zoega IT, 83) und, der öfters mannweib- 
lichen Bildung des Mysterien-Eros (Millingen Uned. I, 13) entspre- 
chend, auch im statuarischen Marmorbild eines satyresken Herma" 
fktoditen (Neapels Bildw. no. 427). 

*') Silene in Mehrzahl. Bei Betrachtung fignrenreicher bac- 
chischer Thiasen pflegt auf unteritalischen Vasenbildern ein Paar 
zweier Bacchantinnen und zweier Silene oder Satyrn hervorzutreten, 
denen in beiden Geschlechtern einerseits Wein nnd Taumelleben, 
andererseits Musik und Weihe obliegt. Vgl. Tischb. I, 30. Miliin 
I, 42. Laborde I, 65. [Welcker Ann. I, 406. Gerhard Prodr. XVlI, 
S. 210. Jahn Vasenbilder S. 26 ff.]. Passende Namen für das da- 
bei betheiligte Paar von Silenen sind die Namen Komos und Simos 
(Anm. 93) oder Oinos (Tischb. II, 44), vielleicht auch Maren nnd 



118 GBRHARD, FAüNUS UND DBS8BN GENOSSENSCH. 

Mariyas (Millin I, 6), oHer auch, wie Panofka (Yasi di premio) 
vorzieht, Akratos nnd Komos. Hiebei ist jedoch nicht eu verken- 
nen, rtafs jene zweifache Gemeinschaft beider Silene der gemeinst- 
men Idee des als Mysteriendämon gefaCsten Aluratos gleichkommt, 
und es ist demnach auch nicht widersinnig wenn das vom Sileno- 
pappos entnommene zottige Ansehn dieses letzteren einem Paar tos 
Silenen gegeben ist, auf deren Schultern die sonst bekannte DoppeL 
zahl mystischer Eroten oder Mysteriengenien bemerkt wird (Millis 
Vases 1, 20. Vgl. dagegen Wieseler Satyrspiel S. ^9). Auch die 
Gruppirung zwei lasciver Silene mit einer geflügelten WeihnngsgÖt- 
tin (Gerhard Biidw. XLVIII) wird hiedurch verstandlicher. 

*"") Bärtige Satyrn römischen Kunstgebraachs (Mon. Matt 
IlT^ 8, 1 ) sind neben der zahlreichen Schaar junger Satyrn auf rö- 
mischen Reliefs eine Seltenheit; dergestalt dafs ungeachtet ihrer Bocks- 
ohren nicht sowohl Silene und Satyrn als vielmehr landliche Bac- 
chusyerehrer (Tityri : Periz. zn Aelian. V. H. 111, 40. Lanzi p. 121) 
in ihnen gemeint sein mögen. Wie diese in griechischer Yorstellang 
von den Satyrn, wurden in römischer die Si Ivane dann und wann 
von den Faunen unterschieden (Ovid. Met. I, 193: Fatcitt SaUjrique \ 
et monticolae Silvnni), und konnten es nm so füglicher, je mehr ne- | 
ben Silen und Pan als Häuptern der Satyrn und Faune auch der 
Wald- und Feldgott Silvan seine eigne dämonische Schaar erhei- 
schen mochte. 

'"^) Zoega Bassirilievi II, p. 148: Sa omai il puhlico quello cV 
ägli antiqnarj non avrehbe mai dovuto essere duhhioso — , ch^ agU 
es&eri semicaprigni V nntichitä appropria t nomi di Pani, Panisci e 
Fauni; ch* i Satiri contadini e villanelH sono d^una fisonomia lor pe- 
cuHare — , ch'* i Sileni neW ovvio seuso sono Satiri d* eth provetta, e 
ßnalmente che talvoUa i Oreci comples^vamente adoprando il termim 
di Satiri vi comprendono tutto il seguiio di Bncco, mentre v^ d dovi 
di quello di Fanui un simile uso fanno i Latini, senza che ciö altert 
il regolar iignificato di tali vocaholi* Die Wunderlichkeiten, welche 
Zoega bei dieser grundlichen Gesamtansicht im Einzelnen zuläüst, 
hatten wir bereits oben (Anm. 29. 60. 79) zu berühren Gelegenheit. 



m. 



Venus-Proserpina« 



Von 

Eduardi Geriiiird. 

1825. 



Venus - Proserpina. 



Unter den Denkmälern der alten Kunst ist ein Idol nicht 
selten nachweislich, das durch seine einfache, dann und 
wann der Hermenform ^) angepafste, in Statuen aber nie 
lebensgrofs erscheinende Bildung den Forscher bald an- 
zieht bald in Verlegenheit setzt Wir meinen das Göt- 
terbild einer mit langem Chiton und einem kurzen Oberge- 
wand bekleideten Göttin, deren Haupt vom Modius, dem 
Zeichen des Ueberflusses *) , bedeckt ist: die rechte Hand 
pflegt auf ihrer Brust zu ruhen, während die linke nieder- 
gesenkt das Gewand erhebt. Diese letztere Bewegung wird 
nicht schlechthin für bedeutsam erachtet werden, und da 
auch die auf der Brust ruhende Hand doppelsinnig, auf 
Nährkraft sowohl als auf Schlaf *), bezogen werden kann, so 
ist das Symbol des Modius um so willkommener, welches 
eine Göttin empfangender Erdkraft entscheidend nachweist 
Hiebei bleibt nur das unentschieden, ob die in Rede ste- 
hende Göttin etwa als Göttin des IShesegens gleich Here 
und Artemis den Modius frage, oder ob ihr Begriff vielmehr 
dem einer dämonischen Erd- und Unterweltsgottheit ent- 
spreche, in welchem Sinne hauptsächlich Serapis damit be- 
deckt erscheint; die Anwendung aber des Modius und der 
damit Verknüpfte Begriff einer Erdgöttin stehen fest, wenn 



123 GERHARD 

auch in den verschiedenen Wiederholungen ^) unsres Idols 
manche Nebenumstände wechseln, wie die mehr oder minder 
sichtliche Erhebung des Gewandes, und wie ferner in seltener 
Abweichung auch wol die Brust der Göttin entblöfst, der 
Modius aus Nachlässigkeit des Bildners weggelassen, auch 
wol eine der Hände **), wenn nicht beide, dem Modius zuge- 
wandt ist. Eine schärfere Begrenzung jenes Begriffs dürfte 
sich aus den verschiedenen Umgebungen gewinnen lassen, 
in denen unser Idol erscheint; wir betrachten dieselben mit 
Weglassung einiger dahin einschlagenden ^ aber unklaren ^®) 
Besonderheiten. Zuvorderst findet sich unser Idol neben 
jenen zwei Jünglingen der Gruppe von Ildefonso *), von de- 
nen der eine zwei Fackeln, die eine auf der Schulter, die 
andre zur Erde umgestürzt hält. Ferner steht eben dieses 
Idol selbständig bei einem opfernden Herkules auf einer 
4urch Pafiseri bekannten Lampe ^) ; in verschiedenen andern 
Denkmälern dient es Figuren ungewisser Deutung als Stütze, 
tbeils bekleideten Frauengestalten, wie in vier Marmorgrup- 
pen die im Magazin des Vatikanischen Museum ^)| im Nea- 
pler Museum^), alla Rui&nella oberhalb Frascati's/) und in 
Poggio Imperiale bei Florenz ^°) sich finden^ theils auch 
cur Häjfte entblöfsten, wie solches in zwei andern Grup* 
peil, einer Marmorgruppe der Villa Pamfili ^^) und einer 
Terra-Cotta kampanischen Ursprungs^') der Fall ist: und zwar 
i0t voB den weiblichen Figuren dieser zwei letztgedacbten 
Gruppen die eine mit Myrte, die andre mit d&r junonischen 
Stimkrone gekrönt. Gleicherweise erscheint auf dasselbe 
Idol gestützt ein halbnackter Jüngling ^^) in einer Statue 
ißß Vatikan, mit der eine verstümmelte Gruppe aus Pom- 
peji zu vergleichen ist ^^). In einer attischen Terra-Cotta er« 
seheint dieselbe Figur, die rechte Hand gegen die Brust ge- 
wandt, mit Strahlen auf der Vorderseite des IModius, «eben- 
zwei weiblichen Figuren, von denen die eine bekleidet ist, 
während die Brust der andern Frau, die einen Spiegel hält, 
unverhüUt ist, beide feierlichem Ausdrucks und wie zu hei- 
^ger Handlung ver^gt^^). Endlicfa gesellt allen diesem 



VENüS -PROSERPINA. 128 

Idolen noch eins aus rhodischen Münzen sich bei, welches 
gleich dem zuletzt erwähnten attischen eine ähnliche Göttin, 
ausgezeichnet sowohl durch die auf der Brust gehaltene 
Hand als auch durch Strahlenbekränzung, darstellt, [und 
noch manches andre demnächst entdeckte Bildwerk^*) Jie^ 
«tätigt die ausgedehnte Verbreitung des Götterbildes, wel- 
ches wir nun zu erklären versuchen]. 

Wenn Maffei die kleine Figur von S. Ildefonso als Göt- 
tin Natur ^) bezeichnete, so ist damit nur der allgemeinste 
Begriff einer antiken Gottheit gegeben und wenig erklärt 
Specieller aber auch irriger ist die im Museo Boil)onico ^*) 
gegebene Deutung einer andern ähnlichen Figur auf Ar te«- 
mis. AnnehmUcher ist Passeri's*) Meinung, das Idol stelle 
eine Ceres dar: die vorgedachte Einweihungsscene der atti- 
schen Terra-Cotta ^^) spricht dafür, und eben so können die 
vielen aufgestützten Figuren, wären sie auch zum Theil ^ ^*) 
BiMnisse , als eleusinische Eingeweihte gefalst werden, 
eine Benennung der auch Herkules ^) und die beiden Jung- 
Imge von S. Ildefonso nicht widerstreben. Andre Umstände 
jedoch sind dagegen, namentlich die halbentblöCsten Frauen 
in zwei der gedachten Gruppen ^^> ^'), die Lorbeerbekränzung 
des Jünglings von S. Ildefonso, ferner in andern Wiederho»* 
langen unsres Idols die unverhüllte Brust und die Sonneii- 
slrahlen ^*> ^^* ^^). Aufserdem haben wir zu beachten, data 
zu vollständiger Erklärung unsres Idols eine Göttin geAm>- 
den werden mufs, die nicht allein durch etwanige mystische % / 
Ideen und Gebräuche mit Gräberdienst verknüpft, sondern 
die schlechthin als Göttin der Todten gedacht ward. Nur 
mit dem Scheingrund täuschender Lesart wird diese Ansicht 
durch die NeniaSafdianorum eines Puteolanischen Marmors ^^ 
begünstigt; es genügt aber den Modius dafür anzuführen, 
* der weder beim Herkules der Passeri'schen Lampe, nocii 
auch bei den JüngUngen der Gruppe von S. Ildefonso eine 
an und für sich nicht unzulässige hochzeitliche Deutung si»- 
läüst, sondern nach ungleich häufigeren Analogien vielmelü: 
eine Unterweltsgöttin zu erkennen giebt; wofür denn auch di^ 



124 GERHARD 

■ 

Geberde der auf die Brust gelegten Hand entscheidend 
spricht. 

Nach diesem allen sind wir darauf verwiesen den Na- 
men unsers Idols unter den nicht wenigen Namen alter 
Unterweltsgottheiten zu suchen. Der Name Nema { 
hatte so eben uns begegnet; wir könnten uns seiner bedie- 
nen, um in den halbnackten Figuren zwei Ton uns nachge- 
wiesener Gruppen ^^> ^') eine Todtengöttin Venus Libitina 
auf Nenia die Göttin der Todtenklage gestützt zu erkennea 
Aber auch abgesehen von der Unsicherheit , mit welcher 
Nenia, die kaum als Kultusgöttin hinlänglich bezeugt ist^"), J 
in augenfälligen, schattenähnUch oder sonst wie erscheinen- 
den Bildern einer Todesgöttin ^') gesucht wird, die füglicher 
Libitina ^*)j Luna*% Proserpina ") heifsen könnte, sind wir 
statt auf römische Benennungen vielmehr auf die Nachwei- , 
sung einer Göttin rein griechischen Dienstes verwiesen, um 1 
die obengedachten des Herkules und der attischen Einwei- 
hung zu rechtfertigen. Man kann zunächst an Demeter 
denken, deren Darstellungen, obwohl in Statuenbildung nicht 
häufig, in mythischer und mystischer Gruppirung gangbar"), 
in Votivbildern '^) aber, hauptsächlich aus griechischem Grä- 
berdienst, von weitester Ausdehnung sind*'), deren Aner- 
kennung in unsern Idolen jedoch durch Besonderheiten wie 
die Entblöfsung der Brust und des Oberkörpers, ferner wie 
Sonnenstrahlen und Lorbeer sie darbieten, \viderlegt wird. 
Ungleich näher liegt der Gedanke an Persepkoney welche 
als Unterweltsgöttin von vornehmster Geltung, aber auch ^ 
durch ihren jungfräulichen Beinamen Kora alle Ansprüche ^ 
hat in ihren Idolen bald die Strenge der Schattenkönigin, ', 
bald aber auch Anmuth und Liebreiz ihrer jungfräuliches 
Erscheinung blicken zu lassen. Sonnenstrahlen, ohne Zwei- 
fel als Andeutung einer über lunarische Kräfte herrschenden 
Gottheit, an ihr zu finden, wie umgekehrt das lunarische [ 
Gorgoneion die Brust grofser Gottheilen schmückt**), wird | 
durch ganz ähnliche Strahlenbekränzung der mit Kora so 
nahe verwandten ") Hekate ") begreiflich, ohne dafs 'die seit 



YENÜS-PROSBRPINA. 125 

Alkamenes allgemein verbreitete Dreigestalt Hekate's*^) ki 
den fraglichen Idolen diese Göttin selbst uns vermuthen 
lieise. Für Persephone dagegen stimmt nicht minder füg- 
lieh auch Alles andere, namentlich die Mysterienbeziehung 
wohl zusammen, die in mehreren ihrer Nebenfiguren ") uns 
nahe gelegt ist. 

Schwierigkeiten, welche der somit begründeten Deu- 
tung unsres Idols auf Persephone noch entgegengestellt wer- 
den können, gelten vermuthlich dem bald allzu mütterlichen 
bald allzu jungfräuUchen Ansehn dahin einschlagender Dar- ' 
Stellungen. Die griechischen Thonfiguren [in deren Bilder« 
kreis unser Mol nachgehends sich auch selbständig gefun- 
den hat] geben in ihren oben'^) berührten Sitzbildem eine 
unserm Idol verwandte ^°) Göttin entschieden mütterlichen 
Charakters uns kund; andererseits verdient der in Entblö- 
fsung, auch der Füfse, hervorgehobene, bald schlichte bald 
gefällige, Ausdruck mehrerer unserer Marmoridole beachtet 
zu werden, der in noch anderen Darstellungen dieser Göt- 
tin zu aphrodischer Zierlichkeit sich gesteigert findet. Man 
wird jene mütterlichen Idole der mit Kora so eng verbun- 
denen Demeter beizulegen, den zierHchen Ausdruck anderer 
Idole aber hauptsächhch aus Kora's Beziehung zu Diony-« 
808 und Aphrodite zu erklären haben. Im Personal der 
Mysterien war Kora bekanntlich mit dem frischblühenden 
Dionysos- Jacchos gepaart und war im italischen Sprachge- 
brauch, diesem als Liber pater bekannten Gotte entspre- 
dhend, die Erd- und Unterweltsgöttin Libera^^). Dafs aber 
diese Göttin Libera nicht nur der Proserpina, Hekate oder 
andern Göttinnen ^') sondern auch der Venus entspreche, 
wird durch Varro's ausdrückliches Zeugnifs^'), durch des 
£ros Geltung als Mysteriengenius ^^) und durch den Kunst-- 
gebrauch überraschend bestätigt, den wir zu weiterem Ver- 
ständnifs unsers Idols hienächst zu verfolgen haben. Bevor 
wir jedoch dieser Aufgabe uns unterziehen, sind einige Be- 
merkungen über das aus dem Adonismythos bekanntei aber 



138 ' GERHARD 

auch sonst nachweisliche Verhällnifs Aphroditens zu Perse- 
phone an ihrer Stelle. 

Im Allgemeinen ist hier der Mangel einer gründlichen 
Vorarbeit über Begrifi und Kunsidarstellungen der Venus **) 
uns hinderlich. Um die aus alten Heiligthümern vielbezeugte 
Auffassung der ApTirodite als badender Göttin '•) zu wür- 
digen , wird man den. Mythos von ihrer Schaumgeburt 
ohne Schwierigkeit sich in Erinnerung bringen lassen; aber 
für ungleich gewagter darf es gelten, wenn wir, des sym- 
bolischen Bades andrer Göttinnen ^^) eingedenk, die Wieder« 
kehr Aphroditens aus Meereswogen mit der Wiederkehr Ko- 
ra's aus Erd- und Meerestiefen ^^) zusammenzustellen uns 
erlauben. Glücklicherweise gibt es noch andre Beweise um 
eine solche Gleichsetzung Aphroditens mit Kora zu recht- 
fertigen. Dahin gehört die aus bester griechischer Zeit be- 
j&eugte Geltung Aphroditens als Lebens- und Seh ick- 
aalsgöttin: sie hiefs der Maren Aelteste ^^) und war mit 
Tyche") sowohl als mii Nemesis ^^) gleichbedeutend; dahin 
auch die Verbindung, in welcher sich Aphrodite, nicht min- 
der als Kora, mit Dionysos findet ^% und eben dahin das 
ganz gleiche Verhältnifs, in welcher die bekannteste Di<my- 
sosgemahlin, Ariadne, sowohl zu Aphroditen ^*) als auch zu 
Todesbeziehungen ^^) steht. Beider Göttinnen, Kora's und 
Aphroditens Gemeinschaft gibt überdies in der dodonischen 
Dione^% in delphischen, argivischen, thessalischen Kulten *•) 
und in manigfachen Gräberidolen Aphroditens *®) eben so- 
wohl als in der bereits berührten *°) römischen Libitina sich 
kund, und es kann demnach keine Schwierigkeit haben detf 
Lebens- und Todesbegriff der mystischen Göttin Libera in 
^ Aphroditens sowohl als in Kora's Erscheinung ausgedrückt 
zu glauben. 

Diese mancherlei Zeugnisse für die Gleichsetzung 
der Dionysosgemahlin Kora>-Libera mit Aphro- 
dite lassen sich nun zu ungleich gröfserer Gewifsheit durch 
die Denkmäler steigern, in denen jene grofse, in den Bild- 
werken römischer Zeit durch den Mythos der Ariadne eini- 



VENUS-PROSERPINA. iVt 

w^gtttüafsen verdunkelte*'), Mysieriengöttin in allen ver- 
^<?A]etfensten Bildungen Aphrodilens erscheint. Dieses 
z>:l: geschieht nicht selten in halb oder ganz entblöfster Ge- 
flf Ä^alt *^); ungleich häufiger aber finden griechische Darstel- 
:* tongen der mystischen Dionysosgemahhn, dem älteren und nie- 
r löals ganz aufgegebenen Kunstgebrauch griechischer *') und 
: vollends italischer *•) Venusbilder entsprechend, sich in voll- 
ständiger und geschmückter Bekleidung. Dann und wann, wie 
.; ^ gewissen auf Schwanes Rücken getragenen Gottinnen, wech* 
■f swt die Sitte, und wird eben durch diesen Wechsel*') zun» 
^. Zeugnifis der Uebereinstimmung Aphfoditens mit Kora-Libera; 
ffi **^^cmal führt sie in fest ausgeprägten statuarischen Gestalten 
tÄ ^°**^weifelhafte Belege derselben Oebereinstimmung uns ent- 
ai « 8^^. Namentlich ist dies der Fall, wenn Aphrodite nach 
Z<* ^rt der bald näher zu erörternden Spesfiguren, von Erös 
5ci Qniflattert, in bacchischer Umgebung erscheint oder alsTän-» 
w* ^rin bacchisch bekränzt ist *') , oder wenn sie in schwerer 
'^J i Gewandung, das Haupt mit dem Modius bedeckt ") oider 
^* ^uch verschleiert **) bei gleichfalls bacchischer Umgebung an 
'''J ^tsprechende ernste Bildungen Aphroditens uns erinnert — , 
^ dergestalt dafs zu durchgängiger Uebereinstimmung der 

- Aphrodite- und Liberabilder höchstens ein und das andre 
" Herlmal jener geheimen Naturkraft fehlt, welches dem Be- 

- griff der Mysteriengöttin eigenthümlich verblieb *•)© 

5 Wir können zum Gegenstand von dem wir ausgingen 

noch nicht zurückkehren, ohne über den Grund so wei?ent- 

». Iicher Verschiedenheit uns zu verständigen, die in Daretel- 

-" lohg einer und dersfelben Göttin sich uns aufdrängt. Diese 

Verschiedenheit findet sehr leicht ihre Lösung, sobald die 

c Mysieriengöttin Kora-Libera als gemeinsamer Ausdruck ein^ ^ 

mit Aphrodite identischen Persephone feststeht. Wenn hie- 

bei zuvörderst der Euphemismus griechischer Religion und 

Sprache in Anschlag zu bringen ist, um überwiegende Hin- 

^ Weisung auf die Lusrt- und Lebensgöttin auch in Fällen be- 

r greiflich zu finden in denen vielmehr die Todesgöttin gl** 

meint war, so fehlt es doch auch von Seiten dec vte^ttetL 



128 GERHARD 

AuGTassung keineswegs an Belegen , um jenen von uns aui* 
gestellten Begriff einer vereinigten Aphrodite-Kora oder Ve- 
nus-Proserpina auch femer noch zu bestätigen. Persephone 
ist lum Licht des Olympos zurückgekehrt, sobald in ApoITi 
und der Horen-Geslalt der wiedergekehrte Lenz ihr verkün- 
det wird^*): eben so stellt auch Aphrodite als meergebo- 
^ rene Göttin dem olympischen Götterpaar wie den Gotlheir 
ten des Lichtes sich dar und wird vom Wasservogel des 
Lichtgotts dem Schwan begleitet ^') ; beiden Göttinnen ähn- 
lich ist, wenn wir nicht irren, Libera-Kora auch in einer Dar- 
stellung zu erkennen, wo sie als Anadyomene dem Meer 
entstiegen, als Dionysosgemahlin von bacchischen Schaaren 
begrüfst und zugleich als Lichtgöttin vom Schwan des 
Apolio getragen erscheint ^^), in eben dem Sinne, in welchem 
sowohl Aphrodite als Kora die Strahlen des Sonnengotts 
führen dürfen ^'). Eine andre durchgreifende Analogie jener 
einander durchaus verwandten Göttinnen bieten die manig- 
fachen bekleideten Frauengestalten mit einer Blume uns 
dar, die, in Bezug auf Venus schon oben ^') berührt, in rö- 
) mischer Benennung als Bilder der Spes uns bekannt sind**). 

Eine ähnliche Blume hält dann und wann auch Persephone, 
theUs in vereinzelter Erscheinung als Unterweltsgöttin **)i 
theils im Zusammenhange des Mythos von ihrer Wieder- 
kehr z@ Reiche des Lichts *'). 

Statt aller sonstigen Deutungen jener vielbesprochenen, 
ßlume, die man ohne mythischen Grund für eine Lilie, 
ohne Anhalt im Kunstgebrauch für Asphodelos, ohne grie- 
chische Analogien für Lotus, mit etwas gröfserer Wahr- 
scheinlichkeit für Mohnblüthe gehalten hat, wird am füglich- 
lichsten eine Granatblüthe darin erkannt *^), die Blüthe jener 
Frucht durch deren Genufs Persephone dem Reich der 
Schatten anheimfiel. Wie aber die Blüthe der Frucht zum 
Gegensatz dient, so ist billiger Weise auch zwischen den 
Göttinnen zu imterscheiden, welche mit Granatapfel oder 
mit Granatblüthe bezeichnet sind. Mit jenem ist Perse- 
phone im Reiche der Schatten > mit dieser die wieder ans 



VENUS - PROSERPINA. 129 

licht getretene Kora gemeint; diese letztere ist mit Aphro- 
dite der Liebesgötlin und mit der ihr identischen Spes, der 
Lenzes- und Lebenshoflhung gleichzusetzen, jene erstere zwar 
gleichfalls mit Aphrodite identisch, aber mit der im Vulgär- 
begriff oft vergefsenen Erd- und Todesgöttin dieses Namens. 
So sind Persephone und Aphrodite, Proserpina und Venus, in 
der That nur Ausdrücke einer und derselben Göttin, deren 
heitere Aufassung in Proserpina, deren finstere Seite in Ve- 
nus gemeinhin verwischt, deren Gesammtbegriff aber nicht 
nur im Namen Dione, Kora und Libera, sondern auch im 
Idol sich erhalten hat, das wir erläutern. 

Bei dem Gegensatz gefalliger und zugleich drohender 
Bewegung,* den dieses Idol doppelsinnig anspricht, kann es 
uns gegenwärtig nicht mehr entgehen ^ dafs ein vereinigter 
Ausdruck eben jenes zweifachen, heitern und finsteren, Göt* 
terbegriffs einer mit Aphrodite verwandten Lebens- und To- 
desgöttin darin bezweckt war. Einerseits die Spesfiguren, 
andererseits die Venusidole mit Modius geben als Ele- 
mente eines Doppelbegriffes sich kund, dem unser Idol zum 
vollständigen Ausdruck diente; aber zugleich mit der Göt- 
tin, auf welche uns eine wie die andre jener Bildungen vor- 
lüglich hinweist, bezeugt auch ihr unzertrennlichstes Ge- 
folge den inneren Gegensatz ihres Wesens* Der Chari- 
ten sind ursprünglich zwei: wir kennen sie in dieser Dop« 
pelzahl aus amykläischen und athenischen Denkmälern die 
Pausanias erwähnt; Phaenna und Kleta, Hegemone und Auxo 
sind ihre entsprechenden Doppelnamen **), und auch Praxi- 
teles hatte in gleicher Doppelzahl des Eros sowohl als der 
Chariten Begleitung zu Aphroditen gesellt"). Mit Pothos 
und Himeros, Liebesbegier und siegreicher Liebe, waren 
Peitho undParegoros verbunden: Peitho nämlich, die sieg- 
reiche üeberredung, die anderwärts mit Anmuth und Scherz, 
Charis und Pädia, gesellt ist, war in ergänzendem Gegen- 
satz mit einer zur Liebe «anlockenden Gefährtin dort gepaart. 
Zu einem solchen ideellen Zusammenhang hatten Poesie, 

9 



130 GERHARD | 

Kultus und Kunst allmählich jene verschiedenen Wesen aus- 
gebildet, die ursprünglich in einer der Aphrodite durchaus 
ebenbürtigen Geltung erscheinen, sei es dafs dies in Doppel- 
und Dreizahl oder auch in einer einzigen Gestalt der Fall 
ist. Gleichgeltend mit Aphrodite, die in der Odyssee dem 
Hephästos vermählt ist, erscheint in der Ilias durch gleiche 
Verbindung Charis *'^), und als Schutzgöttin der Ehe thront 
Peitho durch Inschrift bezeichnet auch über der Liebesver- 
führung die Aphrodite an Helenen übt ®®) : dieses in einem 
berühmten Relief °*), dessen Inschrift III&Q statt andrer Er- 
klärungen Hochzeitsgöttinnen wie Artemis-Peitho und Aphro- 
dite-Here '°) uns in Erinnerung bringt, und dessen so be- 
nanntes Idol unsre besondre Beachtung verdient. Wir se- 
hen dort in der Höhe des Bildes eine mit Modius und 
Schleier bedeckte sitzende Göttin, welche in ihrer rech- 
ten Hand einen Vogel hält, die linke aber gegen die Stirn • 
gewandt hat; Liberabilder mit Modius^*) und Venusidole 
mit dem Attribut eines Vogels''*) sind jener Peitho durch- 
aus vergleichbar. Wie nun Schleier, Modius, Vogel in Pei- 
tho sowohl als bei Venus und Libera, bei dieser letzteren 
etwa noch mit dem Beiwerk des Apfels, eine Göttin der 
Erfüllung zu erkennen geben, so sind für die ihr entspre- 
chende Göttin derAnmuth und Liebeslockung, Charis, Ge- 
wandbewegung und Blume hinlängHch bezeichnende Merk- 
male, und auch dieser Charis nicht minder als ihrer stren- 
gen Schwester Peitho, sind andre Darstellungen Aphroditens 
zu vergleichen. Das Attribut einer Blume ist hie und da ^^) 
in Aphroditens Hand zu bemerken, und wenn bei der Sel- 
tenheit alter Kunstdarstellung der zwei Chariten Charis mit 
gleichem Attribute nicht nachweisUch ist, so findet sich da- 
mit um so häufiger eine im Begriff ihr entsprechende Figur 
in den römischen Bildern der Hoffnung. 

Diese Gleichstellung der römischen Göttin Spes mit 
der griechischen Charis wird durch den Umstand nicht ent- 
kräftet, dafs die durch Gewandhebung und Blume ausge- 



VENUS-PROSERPINA. 131 

zeichneten Figuren bekannter römischer Marmore und Münz* 
typen eben nur mit dem bereits gedachten Namen Spes be- 
zeichnet sind ''). Zu geschweigen, dafs auch Göttinnen wie 
Flora ''*) Pomona '*) und Venus selbst auf jenen statuari- 
schen Typus Anspruch haben, ist die Erwägung entschei- 
lend, dafs ein in seiner Anlage so durchaus griechisches 
dol nothwendig einen nicht ungebräuchHchen griechischen 
tarnen haben mufste, in welcher Geltung es unzulässig sein 
vürde durch unmittelbare Uebersetzung den wenig bezeug- 
en Namen Elpis '*) dafür vorzuschlagen. Ueberdies fehlt 
;s nicht ganz an Beispielen, in welchen jene Bildung der 
Spes auch andern Gottheiten gegeben ist : das Idol, auf wel- 
ches der bärtige Bacchus einer Marmorgruppe sich stützt ^'^), 
st als Beleg- für diese Behauptung anzuführen, und die 
^ergleichung unsres Idols gibt weiteres ZeugniCs dafür a6. 
offenbar ist dieses Idol den Spesfiguren sehr ähnUch; die 
aewandhebung, dann und wann auch die Brustentblöfsung, 
st beiden gemein. Dann und wann mögen beide gleichgel- 
tend gewesen sein: beim vorgedachten bärtigen Bacchus ist 
dies wahrscheinlich i und neben einer thronenden Concordia 
«wechselt in verschiedenen Denkmälern unser Idol mit 
dem für die Spes üblichen Typus ^®). Nahe Verwandtschaft 
beider Idole ist endhch'in mehreren Thondenkmälern sicht- 
lich, in denen das an den Slatuen öfters abgestofsne Attri- 
but der auf die Brust gelegten Hand deutlijJi jals Blume, 
wie in der Hand der Spesfiguren erscheint '^®). Dafs jene so- 
mit augenfäHige Verwandtschaft nicht bis zu völliger Gleich- 
setzung beider Idole auszudehnen^ sei, unterhegt keinem Zwei- 
fel, sofern unsre obigen Bemerkungen über' die Bedeutung 
der auf die Brust gelegten Hand gegründet waren; wohl 
aber ist durch die verschiedene Anwendung eines und des- 
selben Attributs für zwei einander so ähnliche Idole Gegen- 
satz und Ergänzung beider nachgewiesen. Die Blume in 
ausgestreckter liand dient den Bildern der Spes- Venus zu 
sprechendstem Ausdruck ihrer wohllhätigen Pirsch einung; zu- 

9' 



y 



132 GRRIIARD 

rückgezogen *') und mit der Geberde des Todcsscblafs { 
die Brust gedrückt unterstützt sie den Begriff der Erd- ui 
Unterweltsgöttin ^ der «nufserdein hauptsächlich in wenig 
mit dein Modius bedeckten Gestalten *') und allenfalls in d 
Verhüllung Libitina's *•), einer mit Libera vielleicht iden 
schon Göttin ^% seine Andeutung Gndet. So standen G« 
lerbilder der heiteren Lebensgöttin und jener finsteren 1 
desvollstreckerin in ähnlichen Bildungen einander gegenübi 
der innere Widerspruch in einem einzigen Bild die gehci 
nifsvollc Göttin darzustellen^ der als Aphrodite zugleich i 
als Kora jene beiden Bildungen angehörten , ward in i 
blühendsten Zeiten der Kunst begreiflicherweise lieber dui 
Doppelbildungen umgangen als dafs man in Einem Idol i 
versuchen und zulassen mochte. Nichtsdestoweniger aber 1 
sich ein solcher Göttertypus, häufiger selbst als man gh 
ben sollte erhalten, und dieser, die Gesammtheit Kora-LiI 
ra's, der mit Venus sowohl als mit Proserpina identisch 
^Göttin darstellende, Typus ist kein andrer als der des v 
uns in Frage gestellten Idols, welches sowohl die heil 
Erdgüttin, die Lebenshoflnung der Erde — Spes, Ven 
Flora — durch Blume und Tanzbewegung *'»**), als au 
die finstre Erscheinung derselben Göttin — Kora, Pen 
phone — durch Modius und durch die Hand auf der Bn 
gleichmäfsig ausdrückt. 

Diesem doppelsinnigen GesammtbegrilT, dem in unsn 
Vorrath alter Götternamen kein anderer besser entspri( 
als der itafische der Dionysosgemahlin Libera, entsprech 
denn auch ganz wohl die Nebenfiguren, die als Umj 
bungen unsres Idols in der obigen Aufzählung seiner VVidi 
holungen von uns aufgeführt wurden. Zum Theil mög 
sterUiche Eingeweihte darin gemeint sein, wie in der E 
weihungsscene der altischen Gruppe von Thon ***) wal 
scheinUch ist, in der wir am füglichsten eine bräutli( 
Gruppe mit Bezug auf die Thesmophorien erkennen, 
andern jener Nebenfiguren glaubten wir die Dämonen ( 



VENÜS-PROSERPINA. 133 

Schlafs und des Todes *), ferner den Herakles zu erkennen, 
der als Eingeweihter attischer Mysterien*), als Dionysosge- 
fahrte und Diener Aphroditens einem Idol der Mysterien- 
göttin füghch zur Seite steht, im Bilde der Passeri'schen 
Laoape vielleicht am füglichsten als Gründer des Dienstes von 
Aphrodite -Pasiphaessa, die als vereinigte Venus-Luna oder 
Venus -Proserpina allverständHch ist. In andern der von 
uns angeführten Gruppen können eben sowohl sterbliche 
Personen gemeint sein als Gottheiten, und zwar ist für die 
letztere Ansicht aufser Besonderheiten der Tracht *» ") haupt- 
sächlich die obenerwähnte '^') Verbindung des bärtigen Dio- 
nysos mit einem der Spesidole anzuführen; wonach sich 
denn annehmen läfst, dafs Libera, die in unserm Idol darge- 
stellte Göttin, bald von Bacchus als ihrem Gemahl ^^), von 
Merkur als dem Herold baccliischer Mysterien "), bald auch 
von der Venus des Volksbegriffes '» **) begleitet werde, nach 
welchem sie von einer der Libera identischen Gräberveiius 
offenbar verschieden genug war, um beide Göttergestalten, 
die eine zum Dienst der andern beflissen, neben einander 
zusammenzustellen. 

Und so bleibt dies in die Reihe alter Kunstdarstellun- 
gen hiemit eingeführte Idol uns ein glücklich vollführter alt- 
griechischer Kunstversuch, die kaum vereinbaren mächtigen 
Gegensätze einer zugleich gütigen und furchtbaren Myste- 
riengöttin, die man in Kora und Libera erkannte, nichtsde- 
stoweniger in einem einzigen Götterbild zur Anschauung zu 
bringen. Vermuthungen über Alter und Entstehung jenes, wie 
wir nachwiesen, umfangreich durchgedrungenen Kunstver- 
suchs lassen bis jetzt mit einiger Gründlichkeit sich nicht 
aufstellen ®^), wie sehr auch die immer Meigcnde Gewifsheit 
dazu reizt, dafs unter allen derselben Göttin gewidmeten 
Darstellungen eben nur diese zu hieratischer Geltung ge- 
langte, während Korabilder wie das am Kranz des Kretho- 
nios •*) und bacchische Venusidole wie das an der Chiara» 
montischen Ära ^^) als glückliche aber im Kultus nicht fest- 



134 GERHARD 

gehaltene^ Kunstbildungen für uns dastehn. Grundziige des- 
selben Idols erkennt man sogar in abweichenden Wiederho- 
lungen archaischen Styls; zwei derselben, die wir aus Thon- 
denkmälern nachwiesen^*), weichen durch neue Attribute, 
Hahn und umgestürzte Fackel, wie im Mangel der Gewand- 
hebung, davon ab, stimmen aber im Modius damit überein. 
Die Verwandtschaft der Spesfiguren mit unserm Idol würde 
zu dessen kunstgeschichtlicher Bestimmung den sichersten 
Halt darbieten, wäre nicht über den Ursprung jenes statua- 
rischen Typus ein noch räthselhafteres Dunkel verbreitet 
Bis dieses gelichtet wird, drängt sich zunächst die Frage . 
uns auf, ob unser doppelsinniges Venus -Proserpinabild aus 
der Verschmelzung zweier ähnlicher Gestalten, deren eine ^ 
die Spesfigur war, hervorgegangen sei, oder ob der in un- - 
serm Idol glücklich erreichte Kunstausdruck schwieriger Ge- > 
gensätze zu gesonderter Darstellung dieser letzteren erst 
späterhin Anlafs gab. Für jene erste Annahme spricht das 
vermuthüche hohe Alter der mit entsprechenden Namen ver- . 
sehenen -Hören- und Charitenpaare, für die letztere [theils 
die Vergleichung altetruskischer Idole ®*), theils auch im All- 
gemeinen] der Umstand, dafs die Auflösung eines weitschich- 
tigen und in sich schwer vereinbaren Göllerbegriffs in zwei * 
einander symmetrisch ergänzende Gestalten zu den belieb- 
testen Aufgaben griechischer Poesie und Kunst in deren 
entwickeltsten Zeiten gehörte. 

In solcher Veranschaulichung einer einzigen aber mehr- 
seitigen Götteridee durch mehr denn Eine Gestalt hat das 
griechische Alterthum selbst dreifache Bildungen®'), Hekates 
und der samothrakischen Gottheiten, uns hinterlassen, und 
noch häufiger sind Doppelgestallen eines einzigen in 
seiner Gesammtheit nicht mehr darstellbaren Götterbe- 
griffs aus der ihrer Grenze wie ihrer Kraft bewufsten griechi- 
schen Kunst manigfach nachzuweisen. So ward der Welt- ' 
Schöpfer Eros durch einen zweifachen Liebesgott Eros und 
Anteros ^% so die Naturordnung des Jahrs durch ein Hören- 



VENUS -PROSERPINA. 135 

paar, der Gang des Schicksals durch Kultusbilder einer 
zweifachen Themis und Nemesis®*), Fortuna und Car- 
menta ^^) ausgedrückt, [und der dunkle Gesammtbegriflf ober- 
ster Gottheiten in zwei verständliche Kultusbilder nicht selten 
aufgelöst®^)]. In ganz ähnlichen, obwohl dem Götterdienst 
fremder gebhebenen, Gegensätzen stehn Charis und Pcitho, 
Spes und Fortuna ®®), Spes und Nemesis ®*) einander gegen- 
über, diese letzteren als Umgebung, der von Eros vollführ- 
ten Seelenpeinigung auf einem berühmten Marmorkrater des 
Prinzen Chigi *°). Ihr Gegensatz führt auf die Liebes-, 
Lebens- und Todesgöttin Venus wiederum uns zurück; denn 
wie Spes der Venus entspricht, füllt Nemesis ihr gegenüber 
dort die Idee der Proserpina aus, ohne deshalb, wie schon 
Agorakritos kund gab *°), dem Grundbegriff Aphrodilens 
fremd zu sein. 

Der immer wiederkehrende das Räthsel des Lebens 
erschöpfende Gegensalz, der in jenem Paar von Göttinnen 
und in so unzähhgen andern nicht minder als in dem von 
uns erläuterten Idol angedeutet ist, der Gegensatz von Hoff- 
nung und Besorgnifs, Lust und Leid, Leben und Tod ist in 
künstlerischer Reproduction auch auf der Rückseite jenes 
Kraters **) von neuem zu sehen. Statt mythisch eine Ver- 
wundung Aphroditens darzustellen, wie Zoega vermuthete, 
sind dort nach Art bekannter Einweihungsgebräuche zwei 
nackte Frauen, und hinter ihnen Pan dargestelU, der, kennt-» 
lieh an seiner Behörnung, sie belauscht®'). Diese Frauen 
können füghch für Nymphen, Erzieherinnen des Bacchus 
und sonstige Freundinnen Pans ®*) gehalten werden, eben 
so füglich für Hören, nach sonst bekanntem Bezug dieser 
Göttinnen auf Pan wie auf Bacchus**), oder auch für die 
Doppelzahl der vornehmsten Frauen des bacchischen Thia- 
sus •*). Wahrscheinlicher jedoch sind die beiden Chariten, 
Charis und Peitho, in ihnen gemeint, deren Erscheinung ne- 
ben der als Aphrodite dargestellten Kora-Libera auch sonst 
nachweislich ist •'^), wie denn hauptsächlich Peitho, als Gra- 






136 GKRUARD 

zie der Erfüllung auf Vollendung der Weihe '^) sowohl als 
der Liebeshoilhung bezüglich > in solchem Zusammenhang 
EU vermuthen ist. Hiebei ist nicht zu vergessen, daüs Pan, 
der Chariten sülser Liebling laut Pindar''), von Peitho die 
Jynx oder Liebesbezauberung gezeugt haben sollte ^°°), wo- 
nach denn mit einem wohlangemessenen Gegensatz die eine 
Hälfte des gedachten Chigischen Marmorwerks, wahrschein- 
lich eines Grabgefäfses, uns Todesahnung und tröstende Göt- 
tinnen, die andere Lebens- und Liebeszauber mit den da- 
rauf bezüglichen bacchischen Dämonen uns vorführt. 



VENUS . PROSERPINA. 1 37 



Anmerkungen. 



*) Diese Abhandlung ward im Jahr 1826 italiänisch (Venere- 
erpinaillustratadaOd. Gerbard. PoligrafiaFlesolana82S.16Tf.) 
»ne zu Fr, InghiramVs Nnova collezione di opnscoli etc. Vol. lY, 
. II gehörige Arbeit, ungefähr gleichzeitig aber in einer etwas spä- 
a Bearbeitung auch deutsch, nämlich in Schorn's Kunstblatt 1829 
16 ff., veröffentlicht. Der italiänischen Ausgabe sollten 100 Ab- 
nngen, bezüglich auf eben so yiel ausfuhrliche Anmerkungen 
strazioni), beigegeben werden; davon erschienen jedoch nur die 
en 15 lüustrazioni samt deren Zubehör von 16 Abbildnngstafeln. 
gedachten lüustrazioni entsprechen hienächst Anmerkung 1 — 15 
deren Exkurse. Im Uebrigen ward djiese Arbeit der Beachtung 
erboreisch- römischer Wissenschaftsgenossen in einer besondern 
italiänischen Ausgabe vorangestellten Zueignung empfohlen, 
che vielleicht noch jetzt einige Ansprache findet und darum an 
er Stelle wiederholt werden mag. 

Eialv YneQßoQeot^ ot vnkQ nvoiag Boq^ao 
evaeßitos oixovai^ yivog (fikov AnoXXtavij 
navToCrig ooifCrig €v eMteg^ aQfiovittfov 
ov6iv aneiQOxeQOij ahl ^k fiiXovai x^Q^^^s 
Ar^TOvg ^fifiev YncQßOQirjg dtttp^njffOQtp vUt, 
Tfav r^Sri noxk *t*olßog ißfjaajo ^(ofiad^ ilia&ni 
naiSog unollvfAivoio Xitkov 'iJog OvQttvmvtoVy 
xttl mqi 2iilrivip niV^rffiata thxqk (fvldaawv 
av&ig YmqßoQiovg avdqöiv av^etXero ndvitov, 
^H fittla ^rj ^vatwv fjteU^rifiovag \ ovnot ixtiyoi 
kriO-ovTtti vofiCfAwVt T« T* offfCXerai ad-avteroiatv 

ItXXoi d" t(v ^vaitov finvQov tiXog dfKpinoXovvng, 



188 GERHARD 

ol (f* iv&vfioTSQOi xal 6voa(f ccy^rfai fiiXovTiu, 
Xqvöov (T tyyuov t€ x«l akXodunov (fvkax6v€iv 
yqvxpl Tiitgiaiafi^viov avdQCÜv y^Qag IctI ^(y.utoVy 
jüßV v(p aQtöTiCrjiaiv inav^titti änlexos oXßog, 
XQvaov ttfitttfiaxiiov xaO-aqbitajov Itqov livO-og, 

KttX joX filv noviovai novov nQOtpiQiajaxov akltav 
TfiXov ^YncQßoQeoi aifuiqi^ iv naTQt^i yattj, 
^Akkoi (T ttv yQvqo/Jttifiot dkrjfiovis ItvdQsg taatv, 
7i€fi<fO-4vTig ßovkrjaiv Idnokktavog 'Excctoio^ 
XQvaov ÄfieiifJOfievoi xrj^ovg ;if«^iv, (pnvt ^PoCßov 
xvifjektti ixnQO(f>^QOVTai unoQQrjioi dnoxkeiaroi, 
ifvkkwv fiiv ^ ieQÖjy navinCnkeoi aauc;^v(ov «, 
xaQTiüJV T€ ^QviytSv Skkcjv^^* « ^CfAtaitt anonuv^ 
Tag TiQiv [Jilv di^avxo naQaan^Q;(0VT€g exccmoi 
örifioi (fOtßoaißeig inl yurova yaiav ixovTtg, 
"lIXv&ov ix 2xv&£rjg re xal avr^g ix ^(oötjvrjg, 
^Ivd-ov EvßotsTg^ Avxoaovqav re TiQokinovTeg 
ulCavteig xaießrjaavTO^ nqoaikriva yivsS-ka* 
xjrifitt filv ovx ttVToTg JtCrjf^ievoi, aJlX' ävinonta 
uQVVfiiVOi <Potßov ßovkiv/Atcaiv, Sgys (p^QeOxhai 
navTO^anag Jiä xetQttg t(fri ^aO^iriv noxl ^fjkov» 
AvTUQ intl XQOVOg r]k&€ ;f«l ayyekoi, ovx i(fdvri(Tav 
xal xCarai. kiC(p^aav onov nttQexdtt^e^sv ^ueTg^ 
ovSh xal Sg dnikri^av ^negßoQeoi fÄeyd&vfioi 
xkeivrjg tvaeßirig^ fiefiVfifi^voi^ (og idvvavro 
TiOQQOD dnoaisTkai vaqd^rixotfOQOvg awo/jat/iovgj 
XoVuißaQig londqoiO-iV in ov ßaQiog n^tet* iov' 
vvv (T inCaai vi^ MvfioxUüTi^ uivxoüovQtf 
7iiQ(f€QBg evasß^sg* x(g yaq A^kov^ i(ftxoito; 

^ulv^Qsg YnsQßoQSOij xovQOjQOiftfi ccfiipl kvxaü'ri 
ifxfiivlg ä&QOtaxk^vTsg, ^ akko^C nov najäovTeg 
joCrjg a(OTe£Qiig fiifivrifjievoi rifiaxa ndvia^ 
eamti fiot, j(va ^ri^ iCva ol inißaifiia x>iCri%'^ 
xakd^ xvioa^iviay id x dvdqiav d^vfiov ia(rii\ 
KCairiv yaQ xaiaMg noOiia dixdxtiy iviavrt^ 
nargC^a xal vootov^ xal dkr^fitvog ohg o^evoVj 
ti fir\ YncQßogeoi eraQOi aw^ifaanCa&riaav^ 
xv(Sog (liv ßaatkiaajgf *Yn€QßOQioiaiv oveiaQ, 
'/fr/cT iyto TwcT« ßaid xal ov nvQoevr dvid-rixa^ 
ola kvxfäv yiwTUfia äi dfKftkvxrjv Jiqonokivn, 
^YfiiTg <r av fidka ndyteg^ dQiOirjsg nqoxoQtvjaC^ 
ka^nqdg ^yriöaa&e xal daßiöxovg ixaro/ußagl 
^O^Sfif^ navxoae ßaipH dnoxkiianav vaqthrixiov ' 



VENUS -PROSKRPINA. 189 

llttQÖiyonr^g hyvtfmvov InotxiOxriQy llavonnU *), 
iiVjCTvnov 2^et()t}vi ßaOvnvoov v/jvov aidtov 
Movaatav avvuyeige x^QOvg xrjXri^ori <f(ovgl 
'PttßJiOQtv '), au ^k ^lißdov aytoVy TiX^^rtog. avtiQ^ 
ovQ£ ävo(^aa&M^ jfpi^croy nvQon'T ccvoQv^ctil 
aol yuQ itfSQTivCovai yqvmgy au ^k öiifji uiQifjiaanm*, 

T(g Si noO^ 'MancQ^ijs (pO^ov^ei nayxQuasa f^ijla 
'P((ßd(OQH llavontl xa (fÜtp xal Kv\l)ilfi} iaO^Xtji ; 
Tdiv dhoytvaofAivoii rijilol tfCkoi^ at&e xtd v^itg 
naaov l'xotad^ Inl tiatu noXuxlvrov Alvea^afav 
CeiJiOQOV, o&t yaia ^4a C^ovrctg aTciXieij 
Mouantov dk XOQOU KXetto nQOXttjaQXfT uiC^itv^ 
MtXnofAivri t€ nttQtjyoQ^u dueQOvg avO^Qianoug 
Ari^ttCi^ T€ (5o\i TienXufiiva xtf^ea navia 
aufitfiiiiiai UQtjai uiuxrjyev^og d-vaCgaivl 
^H fih J^ nqoyivovto xal (og ovag ixnenotrjviai 
SuQaig XttX Kougririuörig xal ^ccv&og lAyrjVtoQ *) l 
AuxvcQ iyd) öCayov TQmriqCda xnX Xuxdßavrag 
aXXoug ixieX^otfi, ei xnl fjioi y^Qag fxo/ro, 
Jiir« naOüJV* NeuQcHv yuQ €ov fieta/jiOQifiod^yTCJVt 
fg Xuxov 1$ uvf^Qog xe xal ix Xuxou av^ig ig livdQn, 
B^ixl öh rrjQuV&rigy og zrixtrai iv i'Coti^ti, 
yrjQu'i (f uVx>TJa(0' (Tio xcd Xfyo/xai roQ((vb-rig, 

*) Weibliche Hermen sind selten: aus dem natürlichen 
ind weil die Hermenform ursprünglich als phänischer Ausdruck 
zeognngslustigen Hermes zu betrachten istt und eine dem ent- 
sehende Bedeutung niemals verlor. Vgl. Exkurs I. 

*) Den Mo diu 8 nicht, wie im obigen Text, als Symbol des 
enreichthums und der empfangenden Erdkraft, sondern als will- 
lichen Kopfschmuck zu fassen, ist eine trotz Zoega*s Autorität 
im. Aegypt. p. 79. Bassir. I, p. 94) yerwerfliche Ansicht. Vgl. 
:urs II. 

^) Die Hand auf der Brust, die den meisten hier zusammen- 
teilten Idolen zum charakteristisclien Merkmal dient, ist als An- 
tung tiefen Schlafes auch sonst nachweislich. Vgl. Exkurs III. 

4 — 16J Idole der Todesgöttin durch Modius, die Hand auf 

Brust und manche andre im Exkurs IV näher bezeichnete Um- 

ide unterschieden. Im italianischen Text dieser Abhandlung vom 



^) Kestner. ') Panofka. ^) Stackeiberg. 
*) Thiersch, Schorn, August Hagen^ 



140 GERHARD x 

Jahr 1826 wurde dies Idol fast durchgängig ^Is Nebenfigur aus fol- 
genden elf Deitkmälern nachgewiesen, welche in unsern Exkursen 
V — XVI weiter besprochen sind. 

^) Marmorgruppe von S. Ildefonso: Schlaf und Tod dane- 
ben. Vgl. Exkurs V. 

^) Lampenrelief bei Passeri: Herkules dem Idol opfernd. 
Vgl. Exkurs VI. 

') Kleine Marmorgruppe im Magazin des Vatikans: beklei- 
dete Frau auf das Idol gestützt Vgl. Exkurs VII. 

") Marmorgruppe, herknlanische, zu Neapel. Aehnlich der 
Yorigen. Vgl. Exkurs VIII. 

^) Desgleichen zu Frascati. Eben so. Vgl. Exkurs IX. 

*^) Desgleichen (kleinere) zu Poggio Imperiale bei Flo- 
renz. Eben so. Vgl. Exkurs X. 

*') Desgleichen in Villa Panfili zu Rom: Venusähnliche 
Frau. Vgl. Exkurs XI. 

*^) Aehnliche Gruppe yo^ Thon. Aehnlich der vorigen. 
Vgl. Exkurs XII. 

*^) Marmorgruppe im Vatikan. Aufgestützter Bacchus. Vgl. 
Exkurs XIU. 

'^) Desgleichen (kleinere) aus Pompeji. Aufgestützter Mer- 
kur. Vgl. Exkurs XIV. 

") Attische Gruppe yon Thon. Zwei Frauen neben dem 
Idol. Vgl. Exkurs XV. 

") Rhodische Münzen. Vgl. Exkurs XVI. 

Andre verwandte Denkmäler fanden schon im ersten italiäni- 
schen Original dieser Abhandlung sich berührt, namentlich das Re- 
liefbild zu Palestrina (Anm. 53), und ergaben im Laufe folgender 
Jahre sich reichlich. Hieraus ist denn die im Exkurs XVII gege- 
bene Uebersicht sämmtlicher bisher bekannter Darstellungen jenes 
Idols erwachsen, wie solche bereits in der 1846 gedruckten akade- 
mischen Abhandlung über Venusidole (S. 15 ff. ) zusammenge- 
stellt und etwa auch noch seitdem zu des Verfassers Kenntnifs ge- 
langt sind. 

'^) Nenia Sardianorum ward von Jacob Gronov als Unter- 
schrift der Stadt Sardes im pnteolanischen Relief der durch Erdbeben 
verunglückten (Tac. Ann, II, 47. Dio Cass. LVII, p. 614. Euseb. 
chron. 199, 1) asiatischen Städte vermuthet; ein Figürchen, auf wel- 
ches die Stadt sich lehnt, könnte unserm Idol entsprechend als To- 
desgöttin, die ganze Gruppe demnach als Ausdruck einer durch des 
Imperators Milde noch nicht verstummten Leichenklage der unglück- 
lichen Stadt gefafst werden. Indefs blieb der Schlufs der Inschrift 
dabei noch unerklärt , und statt des N im Anfang von Nenia zeigt 



VENUS - PROSERPINA. 141 

dieselbe ein deutliches H. In Fabretti's (728,447. Orell. 687) und 
GronoTS (Thes. Antiq. VII, p. 478) Abschrift heifst die Inschrift 
THENIA . . . EORONXX ; nach Th. Mommsen's neuliclier Prüfung 
wäre . . . HENIA . SArdes VELORON die sichere Lesart und bei so 
voran sgesetztem Schlafs der griechische Genitiv irgend einer Lokal- 
notiz Torausznsetzen. 

**) Nenia, {nnQa t6 rtCaiov oder lieber von wear: VfjvtaTOs hatte 
Hipponax), in der Bedeutung des mit Flötenspiel begleiteten Lei- 
chengesangs (Cic. de legg. 11, 24. Kirchmann de funer. II, 6) aus 
Festus ' und sonst allbekannt, ist auch Name einer Göttin, und ein 
Heiligthum derselben vor der Porta Viminalis wird bei Festus (s. v.) 
bezeugt; doch wird diese Göttin in der Reihe der auf besonderste 
Zustände bezüglichen aufgeführt (nach Varro: Aug. C. D. VI, 9; 
vgl. IV, 131) und ist deshalb nicht als allgemeine Todesgöttin, son- 
dern, wie auch von den Erklärern eines alten Wandgemäldes (Millin 
Gal. XL VI, 343. Vgl. Anm. 19) geschah, eben nur als Ausdruck der 
Todtenklage zu fassen, die ihr Name besagt. Vgl. Prodr. S. 251, 12. 

*') Bilder der Todesgöttin. Eine tiefverhüllte Todes- 
göttin, dfer nach Plutarch (quaest. rom. 23. Vgl. Prodr. S. 250, 11) 
von den gewöhnlichen Venusbildern abweichenden Libitina- Darstel- 
lung wohl entsprechend, ist auf römischen Bildwerken nicht selten 
nachzuweisen, am deutlichsten yielleicht im kapitolinischen Sarko- 
phagreZtef der Menschenbildung (Miliin GaL XCIII, 383), unverkenn- 
bar aber auch im Vatikanischen des Protesilaus (ebd. GL VI, 561 
nach Pio-Clem, V, 18. Vgl. Beschr. Roms 11, 2, 255 iF.), weniger 
sicher ün Relief gleichen Gegenstands zu S, Chiara in Neapel, wo die 
neueste Abbildung (Mon. d. Inst. III, 40 J. Ann. XIV, 32 ss.) das 
undeutliche Antlitz der yerbüllten Figur als bärtig angibt. Dieselbe 
Todesgöttin ist wol auch im bekannten Gemälde aus dem Chrab der 
Nttsonen (Miliin Gal. XLVI, 343) in der fiir Nenia gehaltnen verhüll- 
ten Figur zu erkennen, welche dem von Merkur zu Pluto und Pro- 
serpina geführten Schatten im Hintergrunde zur Seite steht. Noch 
andre ähnliche Figuren belinden sich am Deckel eines Niobidensar- 
kophags jetzt in München (oben Th. I, S. 120. Vgl. Sehern Glyptothek 
no. 213) und im Sarkophagdeckel des Museo Capitol. IV, 29 (iVe- 
mesis nach Foggini, nach Platner Beschr. Roms IH, 1, 245 der Schat- 
ten einer Verstorbenen); ferner gehört hieher die Göttin mit Schale 
(trotz entblöfster Brust) auf einem Cippus bei Boissart (VI, 119), 
und die Gestalt einer Pariser Sarkophagplatte bei Malfei (Mus. 
Veron. 42(1, 1), samt einer leicht Verschleierten die ihre Hand auf 
einen Sterbenden legt (ebd. 420, 2). Sollte endlich nicht auch 
die vielbesprochne, verschleierte, durch eine Loos- oder Aschenurne 
und durch schweigsame Geberde ausgezeichnete, sogenannte Psyche, 



143 GERHARD 

Lethe oder Nemesis eines bekannten yatikanischen Reliefs (Pio-Cleni. 
II, 1. Miliin Gal. XLVII, 342) hieher gehören, die vor Pluto's und 
Proserpina*s Thron einem Flügelknaben mit erhobner Fackel, eher 
Eros und Lebensgenins als Hypnos^ gegenüber steht? Nach Visconti 
wäre in jenen Figuren Amor und Psyche ^ nach Tölken zu Millin^s 
Gallerie a. a. O. Lethe, nach Panofka (formes des vases, p. 15. 16. 
Vgl. jedoch Terra -Cotten S. 79) Telete neben Hypnos darin zu se- 
hen; in der Beschreibung Roms II, 2, S. 122, 6 (vgl. Prodr. S. 266, 
84) ward entweder Libitina oder ein ihrer Gestalt entsprechender 
Schatten darin erkannt. 

Uebrigens ist kaum zu glauben, dafs ein so vielfach nachweis- 
licher Typus der einzige gewesen sein sollte. Selbst in römischer 
Bildnerei steht die Statue einer bekleideten Frau mit zwei Flügel- 
knaben im Schurz (Berlins Bildw. no. 50) ihr zur Seite, und 
auch aus griechischen Thondenkmälern ist manche andere Bildung 
einer Grabe rvenns nachweislich. Todesgöttinnen, wie die auf 
eine Amphora gelehnte bekleidete Frauengestalt mit Spiegel und 
Taube innerhalb des Heroons eines apulischen Gefafses (gleichfalls 
in Amphorenform: Inghir. Vasi I, 42 nach Mus. Borb. Vif, 23) ge- 
hören dahin; eben so die einem Grabespfeiler aufruhenden Venusge- 
stalten in Thonfiguren (Gerhard Bildw. XX, S. 241 ff. Panofka T. C. 
XXI. XXII „Aphrodite Polymnia und Kataskopia**) und Gemmenbil- 
dern, und die am Todtenopfer sclilürfende Venus, die zugleich mit 
mancher verwandten Gestalt lediglich in Gemmenbildern -sich findet 
^vgl. Exkurs XVIII. Prodr. S. 251 ). Dagegen ist einzuräumen dafs 
der Typus einer geflügelten Stierschlächterin , den Lajard (Nonv. 
Ann. II, 438) ebenfalls auf Libitina zurückführt, nur nach allgemei- 
ner Begriffs verwand tschaft, nicht nach unmittelbarer Uebereinstim- 
mung mit Begriff und Bildung der Grabervenns hieher gehört. — 
Vgl. Prodromns mytli. Kunsterkl. S. 250 ff. 

^") Libitina, durch Satzung des Servius Tallias als Göttin der 
Leichenbestattung bekannt, in deren Hain {lucus Veneri Lubentinae: 
Varr. Non. v. prolubium) die darauf bezüglichen Gegenstände feil 
waren und Abgaben entrichtet wurden (D. Hai. IV, 79. Vgl. Liv. 
XL, 19. XLI, 21: ne Hbcrorum quidem funerihus Libitina sufficiebnl, 
Suet. Ner. 39: in rationem Libitinae vcuerunt. Hör. Sat. II, G, 19: 
Libitinne quaestus ncerbae, Ascon. arg. Milon: Fasces ex Iccto Libi- 
tinae rnptos, Val. Max. II, 5, 10: qui Libilinnm exercebant. Vgl. 
Schol. Hör. Carm. III, 30, 7), galt nach Plutarch (Num. 12) für eine 
Lebens- zugleich und Todesgöttin, für Proserpina und mehr noch für 
Venus, und wird deshalb auch (Plnt. Quaest. Rom. 23) der Aphro- 
dite lntTv/,tßta zu Delphi verglichen. Etymologisch ward sie als be- 
gierige Lustgöttin (n Ubilu: Varr. Arnob. IV, 19. Härtung R. cl. 



VENUS PROSERPINA. 143 

^'6m. II, 89. l^henUnn^ Gier, Cic. nat. d. II, 23) anerkannt, im Kiil- 
:asbegrllf mit Libera yermischt (D. Hai. VI, 17), wie denn der bac- 
chischen Venus, der man im Aagast Winzerfeste feierte (Fest. iJ«- 
tlica vinnlia)^ andre Unterweltsfeste, namentlich des Consas (Härtung 
I, 87), in gleichem Monat entsprechen. Begrenzt und zugleich mit 
verwandten Gottheiten verknüpft wird ihr Begriff hauptsächlich durch 
He oben ber'dhrte Nachricht, dafs ein von Servius TuUius gebotenes 
^.opfgeld für die Geborenen der Lucinn^ fiir die Erwachsenen der 
fnventäs, für die Verstorbenen der Lihitina entrichtet werden sollte 
;D. Hai. IV, 15). Vgl. Creuzer IV, 261 N. A. Gerh. Prodromus S. 251. 
ßngel Kypros 11, 244. Irrig vorausgesetzt ward diese Göttin von 
Visconti zu Pio-Clem. IV, 35 (vgl. Prodr. S. 251, 13); sehr proble- 
matisch auch bleibt eine von Orioli vorausgesetzte etruskische Lu- 
pulna (Rochette Mon. p. 375). 

*') Luna, die zu Endymion herabschwebt, ist zuweilen (Ger- 
hard Bildw. Taf. XXIX) der vorgedachten (Anm. 19) Todesgöttin 
ganz ähnlich verhüllt; und wiederum ist eine ähnlich verhüllte Göt- 
tin,*die als Führerin eines Todtengenius erscheint (ebd. Tat XCIII^ 4), 
durch Mondsichel gleichfalls als Luna bezeichnet. Vgl. Prodromus 
S. 266. Aphrodite Pasiphaessa Exe. VI. Verschleiertes Brustbild 
der Kora -Libera mit Halbmond Exe. XVII, II, 16 ff. 

**) Proserpina: in lunarischem Bezüge gleichfalls bekannt 
(Prodr. S. 94, 105), und sogar mit Mondsichel auf dem Haupte nach- 
weislich in einem Marmorgefäfs des Museums zu Neapel no. 373 
(Gerhard Bildw. XIII, 2). 

'') Cerealische Darstellungen sind, mit Ausschlufs der 
selten hinlänglich gesicherten (Prodromus S. 73, 22) Statuen, im 
Ganzen nicht selten: auch sind in solchem Betracht nicht blofs mythi- 
sche Triptolemosbilder (Müller Handb. 358, A), sondern auch mysti- 
sche Thesmophorienscenen zu erwähnen, denen auch das in unserm 
Excur« XVIII näher erörterte Braunschweigische Onyxgefafs angehört. 

'*) Cerealische Votivbilder — Sitzbilder der Göttin so- 
wohl als auch stehende Figuren mit Kornmafs und Opferschwein — 
sind tausendiäUig aus nnteritalischen, namentlich pästanischen Terra- 
Cotten nachweislich. Vgl. Gerhard Bildw. XCVl ff. S. 231, 10 und 
341 ff. Panofka Terra-Cotten Taf. LI. LIV, 1. LVII. LVIII. 

^^) Sitzbildcr mit Gorgoneion: in attischen, auf Gäa 
^ Olympia oder Athene Polias bezüglichen Idolen. Vgl. Ant. Bildw. 
CCCI, 1. Prodr. S. 14, 1. 31, 74. 87, 96. Abh. MinervenWole 
. Taf. I, 1. 2. 5, S. 5. Oben Th. 1, S. 83. Das Gorgoneion mit den 
. Orphikern (Glem. Strom. V, 676) als Bild der Mondscheibe zu fas- 
l sen, wird in Kunstdenkmälern hauptsächlich durch den Gegensatz 



144 GERHARD 

jenes lanarischeii Hanptes zum solarischen (Prodr. S. 105) Löwen^ ' 
köpf (Gerhard Bildw. CXII, S.361. Vgl. Prodr. S. 104 8.) nahe ge- ^ 
legt, den eine Blandellsche Minervenstatae (Müller Denkm. II, 201) ^ 
auch in Athen ens Rüstung anschaulich macht. 

") Kora*s Verwandtschaft mit Hehate: Prodromus S. 87 ff. r- 

'') Solarische Mondgewalt ist in einer der drei Hekate- r. 
gestalten des kapitolinischen Erzbildes (Miliin Gal. XIT, 123 a), im m 
Dianenbild auf Familienmünzen der Hostilia (ebd. XLV, 158) und , J 
auch im rhodischen Münztypus eines unsrer Libitina ähnlichen Idols ci 
(Exkurs IV extr. XVI) angedeutet. Strahlenschmuck hat auch die Ein- ne 
Weihungsgöttin der im Exkurs XV besprochenen attischen Gruppe ^ 
Yon Thon; eben so das kurzbekleidete, mit Hahn, Modius, gesenk- & 
ter Fackel und Fruchtbüschel oder Blume versehene Idol eines grofs- 
griechischen Grabreliefs (Gerhard Bildw. LXXV, 1). ^. 

'»'*) Hekate dreifach: seit Alkamenes (Paus. II, 30, 2). Vgl .„ 
Prodromus S. 87 ff. Rathgeber Ann. d. Inst. XII, 45 ss. , . 

'®) Mysterienbezug des Idols wird hauptsächlich in des- ^^ 
sen Verbindung mit Bacchus (Exe. 13), mit Schlaf und Tod (Ex£. 5) 
wie auch mit attischen Frauengruppen (Exe. 15), ferner durch Mer- 
kur (Exe. 14) etwa als Hierokeryx, endlich durch Herkules (Exe. 6) ~ 
nahe gelegt, der als Eingeweihter der kleinen Mysterien bekannt ""* 
ist. Vgl. im Text S. 122. Minder gesichert, obwohl mit Wahrschein- "^ 
licfikeit hieher gehörig, sind Erzfiguren wie die von Stackeiberg Grä- ^~ 
ber d. Hell. Taf. 63, 1 so gedeutete mit Taube in der Hand. (Vgl. ~^ 
ebd. 73, 5 „dodonisch"; 74, 2). ~ 

^^) Sitzbilder der Kora sind in Thonfiguren zu erkennen, ^«^ 
welche theils durch Modius oder Polos (Gerhard Bildw. XCIV, 1. 2. r^ 
7. 8. 9. Panofka T. C. I, 2. 3. II), theils aber auch durch gefallige i. 
Anordnung des Gewands (ebd. 1) und durch Attribute wie Gans, ^ 
Blume, Apfel (ebd. 3. 4. 8. 10), Schwan (Sitzbild im Museum zu Sy- i^ 
rakus: Prodr. S. 32, 82), desgleichen durch Strahlenbekränzung (Sta^ V 
ckelberg Gr. LVIII. Vgl. Anm. 59), der Idee der Kora mehr ent- 
sprechen als der hie und da selbst durch Vielbrüstigkeit (sicilisclie 
Thonfigur, laut Stackeiberg) angedeuteten Mütterlichkeit der früher '^ 
gedachten (Anm. 25) und übrigens almlicheu cerealischen Sitzbilder. 
Vgl. Anm. 61 (Harpyienmonument). 

'*) Kora ist Libera und Dionysosgemahlin — , zuvörderst 
durch das bekannte Verhältnifs von Kora zum Jacchos, der 
xovQog hiefs (Athen. V, 213 1>): die Verknüpfung beider im italischen 
Ausdruck Liber und Libera durch besonderen Hinweis auf ihre 
Jugendlichkeit zu würdigen, bietet die römische Benennung der Kin- i^ 
der als Uheri (Cic. N. D. IF, 24, p. 300 not.) sich dar. Vgl. Creuzer |] 
Symb. IV, 113 N. A. ' / 



VENUS . PROSERPINA. 1 45 

'') Kora*Libera gleicht auch andern Göttinnen. In 
der Mehrzahl ihrer Knnstdarstellangen ist sie zwar nar durch bac* 
chische Abzeichen, in Bekränznng sowohl (Miliin Gal. LX, 247) und 
Tanzbewegung (Stackeiberg Gräber LXV) als in sonstigem Beiwerk 
(Thyrsas und Schale: Opferscene eines apnlischen Kraters bei 
Dr. Braun), wie durch ihre Paarung mit Dionysos kenntlich (auf 
pantherbespanntem Wagen Rochette P. Pompeji p. 27 und sonst: Ann. 
d. Inst. XIII, 123 SS.); doch finden in Fellbekleidung (yorgedachte 
Opferscene), hochgeschürzter Tracht und Jagdbeute (Reh und Jagd- 
speer : Albanische Statue, Gerhard Bildw. XII, S. 1 79 ff.) überdies hin* 
längliche Merkmale sich vor, um auch mit Artemis-^Hekate sie 
zu yergleichen. 

") Libera ist Venus, laut Varro (Aug. C. D. VI, 9: Liheram, 
quam etiam Venerem putant, Creuzer IV, 112 N.A.). Auch als änia- 
nische Aphrodite Pasiphaessa, der Herakles die Bändigung der Ge- 
ryonesrinder dnrch Liebesbrunst yerdankte (Mirab. auscult. 145. 
Creuzer IV, 259 N. A. Welcker Sylloge no. 203). 

''*) Als Mysteriengenius dem Eros entsprechend zeigt 
ein geflügelter Knabe oder Jungling in unteritalischen Vasenbildern 
sich häufig (Bottiger Arch. d. Malerei S. 229 ff. Prodr. S. 226), und 
zeigt selbst in Marmorwerken (Ära im Mus. Chiaram. I, 36) ein 
schwebender Flugelknabe sich neben der yenusähnllchen bacchischen 
Libera. Brustbilder dieser letzteren (Exk. XVII, II, 16—27) erscheinen 
nicht selten in zierlicher Mannichfaltigkeit yon einem Eroten oder auch 
Yon zwei derselben umgeben (Millingen üned. XIX, 1. Cab. Durand 
1629. Gerhard Bildw. XVIIL Panofka T. C. XXIII „Pandemos". 
VgL ebd. S. 92 ff.). Eine Stelle im Zusammenhang der Mysterien- 
gottheiten ( ohne solchen nennt Panofka T. C. S. 128 ihn Eros- 
Phaaes) wird ihm nicht abzusprechen sein, obwohl eben so wenig die 
FriTolität, die jener Eros yermuthlich sanctioniren sollte (Welcker 
Satyrspiel S. 222, 131), in Abrede kommt. 

'^ Venusddole im Allgemeinen sind in meiner Abhandlung 
„üeber Venusidole** Berl. Akad. 1843 besprochen worden. 

'*) Aphroditens Bad. Symbolische Auffassung li eis als meer- 
erstanden die nackte knidische Venus des Praxiteles gelten, die noch 
den kölschen Zeitgenossen desselben anstÖfsig war (Plin. XXXIV, 4, 5). 

'^ Symbolisches Bad, aus der arkadischen Sage Ton Deme- 
ter Erinnys-Lusia (Paus. VII 1,25, 4. Welcker zu Schwenck S. 286) 
viid aus der argiyischen yon Here*s jährlicher Verjüngung im Quell 
Ksaathos (Paus. II, 3S, 2. Welcker ebd. S. 279) bekannt. 

'^ Aphrodite-Möra, der Mören älteste, ist uns aus Athen 
(IHius. ly 19, 2), ihr Begriff einer vereinigten Venus -Proserpina, 

10 



146 GERHARD 

einer Lebens- und Scliicksalsgöttin, zunäclist in Plutarclis Eröiterunj: 
der Libitina bezengt (Num. 1^). Die kundigsten Römer, heifst es 
dort, halten dieselbe lieber für Venus als für Proserpina, ov xctxtas th 
fi(av ^vvccfÄtv &eov tä tkqI Tag yeviaeig y.ttl rag Tsleviccg avanrovrig. 
In die Knnstdarstellung scheint dieser Begriff jedoch nur wenig ein- 
gedrungen zu sein; etwa die Frauengestalt, welche der Menschen- 
bildung eines späten Prometheusreliefs mit ahndungsy oller Geberde 
zur Seite steht (Gerhard Bildw. LXI), ist dahin gehörig. Vgl. Prodr. . 
S. 250, 7. < 

") Aphrodite undTyche erscheinen identisch bei der Er- 
wähnung einer von Eros begleiteten Tyche zu Aegira ( Paus. Vif, 
26, 3). Beider Göttinnen Bildung vereinen die Münzen von HypHpa 
(Pellerin R. et V. III, 2, 6, 4). 

'*") Venus und Nemesis, zwei im BegriflF einander verwandte 
Gottheiten (Zoega Abh. S. 41), konnten in statuarischer Bildung - 
verwechselt werden, wie aus der Künstlergeschichte des Agorakritos ' 
(Plin. XXXVI, 5. Sillig catal. artif. p. 26 ss. Müller Handb. §.117) 
erhellt, zu deren Verständnifs es genügt eine Aendernng der Attri- - 
bute, vielleiclit auch nur des Kranzes, vorauszusetzen. 

'**) Aphrodite und Dionysos wurden in Argos nah an ein- 
ander verehrt (Paus. II, 23, 7: Urania), vielleicht in Gleichsetzung 
mit Ariadne, die in des Gottes Tempel dort von ihm begraben war 
(txhaipiv) — , nämlich die unreife sterbliche, deren falsches Venus- 
bild Theseus dem delphischen Apoll weihte (Paus. IX, 40. Plut. : 
Thes. 9. 5. Vgl. Creuzer IV, 117), wie der unreife Zagreus-Diony- 
sos im delphischen Tempel begraben lag. In Latium ward Venus 
als Winzergöttin durch Vinalia gefeiert (Vgl. Varr. L. L. VI, 20. 
Vgl. 16: Hie dies Jovis, non Veneris, Venus als Gartengöttin: Plin. 
XIX, 19, 1). Beziehungen Venus XJrania*s zum kretischen Bacchus 
sind auch in ihrer Verbindung mit Hermes und Pan (Paus. VIII, 4. 
VI> 25) gegeben. Ferner ist es nicht gleichgültig dafs in Elis Ura- 
nia und Pandemos, jene durch Schildkröte, diese durch einen Bock 
unterschieden, zugleich mit Pluto^s verschlossenem Haus genannt 
werden (Paus. VI, 25,2). Hieher gehört denn auch die Verbindung 
Aphroditens und des Dionysos auf zwei Seiten einer und derselben 
Münze von Nagidus Ciliciae (Anm. 53), und das Gemmenbild einer 
badenden Venus neben dem Idol eines bärtigen Bacchus, auf einer 
schönen Glaspaste des Grafen von Ingenheim (Venere-Proserpinap.21). 



^^) Ariadne-Aphrodite ward im kyprischen Amathus ge- 
feiert; zwei- Idole derselben, ein silbernes und ein ehernee, hatte 
Theseus geweiht (Plutarch. Thes. 20). So galt auch das delische /. 



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VENUS - PROSKRPINA. 1 47 

Apliroditebild für Ariadnens Geschenk an Tlieseus (ebd. 21, vgl. 18). 
Vgl. Prodr. S. ;^29f. 

*^) Zwei Ariadnen wurden, die eine durch Freudenfeste, die 
andre durch Trauer in Naxos gefeiert (Flut. Thes. 20). 

^*) Dione als Aphrodite-Kora. Dione, deren Name Homer 
(li. V, 371) als Mutter Aphroditens kennt, die spätere Zeit aber die* 
ser letzteren gleichsetzt (Theoer. II, 7. 116. Engel Kypros II, 39. 2)2), 
ist zu Dodona Gemahlin eines über- und unterirdischen Zeus (Strab* 
VU, 7. Demosth. fals. leg. 437. Mid. 531. Schol. Hom. Od. ni, 91); 
Aphrodite sowohl (Sery. Aen. III, 466) als Gäa (Prodr. S. 235, 90. 
(Paus. X, 12, 5) werden in solcher Geltang ihr gleichgesetzt. Der 
unterirdische Charakter jenes Dienstes, für den auch Olympia (Paus. 
V, 17, 1: behelmter Zeus) und Athen (Prodr. S. 30, 70) Analogien 
darbieten, ist in einem attischen Thonrelief, welches die Köpfe des 
Zeus und seiner Genossin vereinigt, durch Fliigelchen und Mond-> 
Scheibe über dem Haupt dieser letzteren angedeutet (Stackeiberg 
Gräber LVI, 3. Vgl. Aplirodite Pasiphaessa Exk. VI). In engen Zu- 
sammenhang mit dieser Göttin wird der gleichfalls unterirdische Dio- 
nysos gesetzt, indem er ihr Sohn heifst (Hesych. Baxxov ^uivris, 
Eurip. bei Schol. Pind. Pyth. III, 177, p. 339: cJ Tial Juovrig» Jahn 
Vasenb. S. 16), daher denn der Name Dione auch im Kreis der Bac- 
chantinnen sich findet (Hesych. 1. c. ol filv ßaxx^vjqCav Htfiikrig^ ol ik 
Jiovuaov y.cd lAffQüödrig rrjg Ji^vr^g* Mus. Borb. XII, 21. Jahn 
Vasenb. Taf. III, 2). Hienach käme denn Jakob Gronoys yon Butt- 
mann (Mythol. I, 23 fP.) abgelehnte Meinung, a]s sei Dione der Per« 
sephone sowohl als der Venus Libitina entsprechend, wieder zu Ehren« 

**) Als Gräberyen US ist besonders die delphische IniivfißUc^ 
nämlich als kleines Idol (ciyaXfidnov Plut. quaest. rom. 23) für Todten- 
opfer bezeugt; desgleichen die argiyische und lakonische zv/LißcoQvj^oe 
(Clem. protr. p. 32) und die mit Schlaf und Tod zusammengestellte 
sptLTtvjiische lif4ßoXoyriQa (Paus. HI, 18, 1). Aufserdem gehören der- 
selben Idee die änianische Pasiphaessa (Exkurs VI), nach Panofka*s 
Erörterungen (Terrae. S. 77 ff.) auch die (laXmvig zu Korinth (Paus, 
n, 2, 4. Vgl. Panofka T. C. S. 80, 26), die aKOx(€c zu Phästos (Pa- 
nofka S. 81) und die zajaaxonCa yon TrÖzen (Paus. \l, 32, 3) an. 
Vgl. i^uch Engel Kypros II, 243. Mit Bezug auf Verstorbne ist auch 
das Bild einer Venus in der Muschel als Mittelpunkt yon Sarko^ 
phagreliefs (Ant. Bildw. Taf. C, 1—3) yerständlich. 

♦^ Gräberidole Aphroditens, wie sie zugleich mit den un- 
teritalischen Vasenfunden häufig sind, geben theils unzweideutig eine 
Todesgöttin zu erkennen — durch Grabessäule (Exk. X), Pflege des 
Todtengenius (Gerhard Bildw. XX. Panofka T. C. XXI. XXII „Ka- 

10* 



148 GKRHARD 

taskopia, Polymnia**) oder durch Aehnlichkeit mit unfern Libi- 
tinaidolen (Exk. XVII) — , theils fallen sie ihrer zierlichen und selb- 
ständigen Darstellungsweise ungeachtet — als tändelnde Matter des 
Eros (Panofka T. C. XXIII („Pandemos"), Kythereia in der Muschel 
(Panofka T. C. XVII. XVHI), als Erycina auf einer Taube (ebd.L, 1) 
oder als Pflegerin des fruchtbaren Häschens (ebd. XXIX) — der 
nnverkennbarcn Gräberbeziehung jener Venusidole gleicher Ab- 
kunft anheim. 

*') Ariadne, als Bacchnsgemahlin durch delischen und at- 
tischen Mythos beglaubigt, ist in dieser Geltung auch durch unter- 
italische Vasenbilder (u4Qia(^V€ Auserl. Vas. I, 56,3. Na^itav Millin- 
gen Uned. XXVI. Vgl. Prodr. S. 186, 27. 28) bezeugt, mag jedoch 
die hieratische Geltung, in welcher sie Ovid und die römischen Re- 
liefs statt der Kora und andrer im Kultus begründeter Dionysqs- 
gemahlinnen als Libera uns vorführen, zum Theil erst dem freierenf 
Schwünge dichterischer und künstlerischer Darstellungen verdanken. 

^•j Libera, venusähnlich. Libera, die in jeder bekannten 
Bildung Aphroditens nachweislich ist (Prodr. S. 228, 1), findet sich 
auch halbentblÖfst, theils als wehrhafte Victrix (Dubois-Mais. XLVII), 
theils auf bacchischem Ruhebett (Miliin Gal. LXVI, 296), von Bac- 
chus umarmt (Mus^e Blacas III) oder von Nike bedient (Neapels 
Brldw. S. 281), mit Thyrsus und mit Apfel auf einem Marmorkrater 
des Museo Borbonico no. 368 und am Sarkophagdeckel eines Endy- 
mionreliefs (Gerhard Bildw. XXXVI, S. 280). Ebenfalls einen Thyrsus 
haltend erscheint Venus auch ganz .nackt dem Mars gegenüber auf 
der Querserte eines Sarkophags zu Amalfi (Bildw. CLXVII); doch 
sind völlig unbekleidete Liberabilder seltener nachzuweiseu. Die 
oben erwähnte, mit Apollo-Helios und mit Eros-Phaethon zusammen- 
gestellte Anadyomene am Schaft der Chablais'schen Herme (Bildw. 
XLI. Venusidole IV, 1—3) ist dem darüber abgebildeten Kopf der 
Kora -Libera entsprechend, ohne doch derselben gleich zu gelten. 

49 6IJ Libera vennsähnlich auch in bekleideter Bildung 
nachzuweisen, den bekleideten Aphroditebildern (fr) altgriechischen 
Kunstgebrauches (MüUer Handb. 374, 3. 4. Abh. Venusidole S. 1 ff.) 
gemäfs, der noch in den (&) römischen der Venus genitrix, felix, rae- 
lestis, victrix fortdauert (Müller Handb. ^76, 3. Clarac5»l— 63?. Nea- 
pels Bildw. S. 5 ff.), wird uns zunächst durch solche Darstellungen 
nahe gelegt, in denen (c) die ältere mit der späteren Sitte wechselt: 
80 finden sich die auf Schwanes Rücken getragenen und vermutiüicb 
(Anm. 58) hieher gehörigen Frau engestalten meistentheils zwar «in 
Art der späteren Venusbilder entblöfst, ausnahmsweise aber (Vases 
CoghillXXI) auch bekleidet, und in ähnlichem Wechsel der Tracht 



Qt4 



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VENÜS-PKOSERPLNA. 149 

darften auch Frauen wie die bekleidete hieher gehören, die auf einer 
mystischen Cista in bacchischer Umgebung sitzend von Panofk^ 
(Mos^e Blacas pl. 22^1 p. 65) als Libera bezeichnet wird. 

'') Libera in Tanzesschritt erscheint bekleidet, theils 
und liauptsächlicli iu archaischer Darstellung nach Art der Spesfi* 
garen (Anm. 60), wie durch eine Blume in der Hand, durch einen 
sie umschwebenden Eros und durch das Personal eines bacchischen 
Festzugs eine CJüaramontische Ära (Mus. Chiar. I, 36) sie kennt- 
lich macht, theils auch in freiem Styl mit bacchischer Bekränzung 
in einer Vatikanischen Statue (Pio-Clem. III, 30. Yenus nach Hirt bei 
Müller Handb. 376, 3. Vgl. Beschr. Roms II, 2, 203). Sollte viel- 
leicht auch die farnesische Flora (Mililer Handb. 404, 2), nach 
Welcker (N. Rh. Mus. III, 461) eine Hebe, eine Kora -Libera sein? 
Bekleidet pflegt in Darstellungen griechischer Art auch die von Dio- 
nysos umfafste Ariadne zu sein (Berl. ßildw. no. 844. Musde Bla- 
cas pl. XXI). 

^^) Libera mit Modius> als Idol zwischen Bacchanten, in 
einem schönen Relief im Barberinischen Garten zu Palestrina (Abg. 
Venere- Proserpina frontisp.) unverkennbar, und vielleicht auch in • 
einem Götterbild smyrnaischer Münzen (1. mit Nike, r. mit thyrsus- 
ähnlichem Scepter: Gesn. Pop. urb. 61, 20. 24. 28) zu erkennen, 
entspricht ähnlich bedeckten Bildern der Aphrodite, namentlich auf 
Münzen von Aphrodisias (Pellerin II, 66, 19. Mionnet II, p. 324. 
331) und auf denen von Nagidos mit einem Dionysos als Revers 
(Eckhel num. anecd. XIV, 1). Brustbilder von Thon, den gemein- 
hin verschleierten (Anm. 54)' ähnlich, zeigen ebenfalls dann und waftn 
(Gerhard Bildw. XCIV, 5) den Modius. 

**) Libera verschleiert, wie ja auch Venus ohne voraus- 
setzlichen Mysterienbezug auf Münzen der Brettier (Miliin Gal. 48, 
176) verschleiert ersclieint, die anf einem Hippokamp sitzend sie zei- 
gen. Zunächst zeugen dafür die unteritalischen Brustbilder (Ger- 
hard Bildw. XVin. XCIV, 4), Antefixe (Panofka T. C. LIII) und Ge- 
fafsformen (Gerhard Bildw. Cl, 2. 3) von Thon, deren Verschleie- 
rung in einem jetzt kgl. dänischen Exemplar [Arch. App. RR. 10] 
mit einem Halbmond begleitet ist, dann aber auch Gruppirungen in 
denen Libera als glückliche Gemahlin des Dionysos erscheint: gela- 
gert wie im Casalischen Sarkophag (Miliin Gal. LXIV, 242), neben ihm 
sitzend, einen Spiegel in der Hand (in einem Gefafsbild grofsgrie- 
chischer Art b^i Stackelberg Gr. d. Hell.XLIir, oder auch im Fest- 
zog, sei es dafs dieser auf Korans Rückkehr nach oben (Marmor- 
krmter: Neapels BÜdw. no. 373. Gerhard Bildw. XIII, 2. CCCXV, 
3. 4) oder auf etwanige Brautführung durch Dionysos sich beziehe. 



150 GERHARD 

wie das bräutliche Paar eines nolanischen Vasenbildes bei Passen 
(II, 151) schon Böttiger (Archäol. d. Malerei) za deuten geneigt 
war und wie der Festzng eines apnlischen Kraters (Berl. Bildw. 
no. 1017) es bestätigt. Hienach hat es denn auch keine Schwierig- 
keit, in der durch Schleier, Stirnkrone und Thyrsus ausgezeichne- 
ten und von Nike ( wie Anm. 48 : Neapels Bildw. S. 281 ) bedienten 
Gottin eines apulischen Gei^fsbildes (Inghir. II, 180) eine Kora-Li- 
bera zu erkennen, obwohl die besondere Auffassung jenes merkwür- 
digen Bildes sie von Aphroditen, der auf den Grabespfeiler gestütz- 
ten und daher schwerlich als irdische Buhlin des Adonis (Elite ce- 
ramogr. I, 34, p. 84) zu denkenden, Göttin unterscheiden wollte. 

'^) Beflügelt ist Kora-Libera am Kranz des Krethonios 
(Gerhard Bildw. LX) und in einzelnen Köpfen einer dadurch gebil- 
deten Gefäfsfbrm (Dubois Mais. XXXVII, 2); sogar die Behör- 
nnng des Dionysos mochte zuweilen auf dessen Gemahlin übertra- 
gen worden sei, wie bei Erwägung mancher für Medusa oder für lo 
gehaltenen Köpfe in Gefäfsform und Reliefscheiben (Arch. Zeitung 
VI, 98*. 102*) sich wahrscheinlich erwies. Damit sind denn aus dem 
Bereich aphrodisischer Darstellung wenigstens etruskische Venus- 
kÖpfe von Erz zu vergleichen, die an den Schläfen geüügelt sind. 

*®) Kora*8 Wiederkehr, meist in Apollo'*s und der Hören 
Geleit, ist in Vasenbildern, hauptsächlicli archaischen (Rapp. volc. 
not. 213. Bildw. CCCXVII. Mus^e Blacas XIV), und in hieratischen 
Reliefs nicht selten, welche letztere (Bildw. XIU, 2. CCCXVI, 3. 4) 
zwar Welcker zu Müller^s Handbuch S. 537 einer andern noch zu 
erwartenden Erklärung aufzubehalten scheint. Vgl. Prodr. S. 187 ff. 
407 fp. Müller Handb. 355, 3. 

^^) VenusmitLichtgottheiten zusammengestellt ist haupt- 
sächlich bekannt aus des Phidias Darstellung von Aphroditens Ge- 
burt (Paus. V, 11, 3. Vgl. Abh. Ueber die zwölf Gottheiten Taf. 
ni, 2). In Verbindung mit Apoll zeigen sie dann und wann Va- 
senbilder von etruskischer Provinzialfabrik : auf einem Krater^ vor- 
mals bei Depoletti, erscheint sie mit Spiegel und Traube, andremal 
mit Apollo^s Schwan, dalier die auch sonst nachweisliche Begleitung 
Aphroditens durch einen Schwan (Arch. Zeit. II, 14 aus Mosee Blacas 
pl. VII. Auf schwanenbespanntem Wagen mit Adonis vertraut: Ann. 
d. Inst. XVII pl. M. Vgl. Jahn ebd. p. 363) nicht blofs als eroti- 
scher Verkehr mit dem zärtlichen Thier (Müller Handb. 378, 2) sich 
deuten läfst. 

^^) Kora vom Schwan getragen: am schönsten in einer ku- 
manischen Hydria des Grafen von Ingenheim ( Ant. Bildw. XLUI). 
-Diese ini Prodromus m. Kansterkl. S. 93 f. ausfuhrlich erörterte 



VENUS -PROSERPINA. 151 

Darstellung ist seitdem von Müller Handb. 378, 2 mit Bezug auf die 
zärtliche und aphrodisische (Hör. Carm» III, 22, 13. Musee Blacas 
p. 24, 1. Jahn Ann.XYlI, 363) Bedeutung des Schwans auf Aphrodite 
oder auf Frauenschönheit, von Panofka zu Terra C. XV. XVI, S. 54 ff. 
auf die Aphrodite von Delos, von Jahn Ann. d. Inst. XVII, 353 ff. 
aber auf die von Apoll entführte Kyrene gedeutet worden, ohne 
dafs nnsre obige, auf mystische Geburt aus den Wässern nach Justi- 
nns Martyr Apol. I, 82 B begründete, Erklärung dadurch widerlegt 
wäre. Dagegen ist derselben auch die Anwendung des Schwansym- 
bols neben Brustbildern der Kora mit weitgeöffneter Blume (archai- 
sche Schale aus Nola) zu mehrerer Bestätigung hinzuzufügen. 

^^) Aphrodite und Kora solarisch. Strahlenbekränzt er- 
scheint die Aphrodite rhodischer Münzen (Exk. IVA no. 16) und 
manche Unterweltsgöttin, deren solarische Mondgewalt oben (Anm. 27) 
nachgewiesen ward^ daher denn auch strahlenähnliche Bekränzung 
Persephone*s (Gerhard Bildw. LX) weniger befremden darf und 
strahlenbekränzte Sitzbilder im Vorrath attischer Thontiguren eben 
so füglich auf Kora (Anm. 30) bezogen werden können, als, wie 
Stackeiberg Gr. d. Hell. LVIII wollte^ auf Here. 

®^ Spes heifst das mehrgedachte durch Blume und Gewand- 
fassung kenntliche Venusidol zuerst auf Münzen des Claudius (Buo- 
narroti medaglioni p. 429 ss. Visconti Pio-Clem. V, 5. Eckhel D. 
N. VI, 238)^ auf denen es durch Hoffnung kaiserlichen Ehesegens 
seine Stelle zu haben scheint. Die allegorische Bedeutung dieser 
Spesfiguren (Müller Handb. 406, 3) ist auch aufserdem oft augen- 
fällig, namentlich im Gegensatze mit Nemesis (Anm. 89) und mit 
Fortuna (88); wie aber diesem Gegensatze die Verwandtschaft Aphro- 
ditens mit demKnltusbegriff beider Gottheiten (Anm. 40. 39) vorangeht, 
so ist auch die ursprüngliche Anwendung jener Spesbildung für Ve- 
nus aus archaischen Skulpturen (Mus. Capitol. IV, 21. Pio-Clem. V» 5. 
Prodr. S. 202, 15) und aus etruskischen Erzffguren (Abh. Etrusk. 
Gotth. Anm. 80) hinlänglich bezeugt. Zu Grunde liegt der Begriff 
guter Hoffnung, den Aphrodite als Naturgöttin des blühenden Lenzes 
ausfüllt; später und nebenhergehend, auch ohne an das Attribut der 
Blume zu denken, ist die Hoffnung glücklicher Meerfahrt, der Aphro- 
dite als Euplöa zu Hülfe kommt (Panofka Antikenschau 1850. 
S. 16, 96). 

**) Persephone eine Blume haltend: am Kranz des Kre- 
thonios (Gerhard Bildw. LX). AU thronende Göttin, mitBlameund 
Ei, der thronenden Demeter gegenüber, am Harpyienmonument zu 
Xantbos (Arch. Zeitung Taf. IV, Mon. d. Inst. lV,-3); auch die 
Thoniiguren mit Blume (oben Anm. 30) sind zu vergleichen. 



152 GERHARD 

^^) Kora mit Blame, in Scenen des Anoclos (Anm. 56), na- 
mentlich auch in der eines Stoschischen Karneols (Winck. II, 1092. 
Gerhard Bildw. CCCXVJ, 5); ebenfalls Gemmenbild ist eine Spes- 
figur mit der Inschrift Tafjiog (ebd. no. 8). Kora mit einer Blume 
vor Zeus und Apoll auf einem etruskischen Vasenbild bei Micali 
Mon. XXXVII, 3. 

®^) Auslegungen der Blume. Die gedachte Blume deutete 
Winckelmann als Lilie (Athen. XV, 683 D), Visconti als Mohn (vgl. 
firixiov und iir^lov Aphroditens: Paus. II, 10, 4), Stackeiberg als Lo- 
tus. Vgl. Prodromus S. 202. Auserl. Vasenb. I, 128 ff. 

^^) Zwei Chariten, mit verschiedenen, samt und sonders ein- 
ander ergänzenden, Namen bezeichnet, werden als Hegemone und 
Auxo (Führung und Wachsthum: Paus. IX, 35, 1. Zoega Bass. II, 
p. 220, 11. Samt den Hören Thallo und Karpo d. i. Blüthe und 
Frucht) benannt, woneben Alkman*s Phnenna und Kleta d. i. strah- 
lende und berühmte (Paus. IX, 35, 1), einen mehr ethischen Gegen- 
satz bildet; hauptsächlich aber in mehreren Verbindungen, in denen 
der Name Peitho*8, der „überredenden" Grazie (Paus. I. c. unten 
Anm. 68), durchgängig ist. Es wird dieselbe mit Charis der ans 
Homer bekannten „Anmuth" verkündenden Grazie (Nonn. XXXIII, 
10), aber auch mit Paregoros „Anmahnung** (Praxitelisch : Anm. 65) 
und mit Pädia „Scherz" (Attisches Vasenbild: Stackeiberg Gräber der 
Hell. Taf. XXIX) verbunden, wodurch denn eine führende (Hege- 
mone), anmahnende (Paregoros), heitere (Charis), spielende (Pädia), 
hoffnungs-, lockungs-, erwartungsreiche Venusgefährtin einer Wachs- 
thum verleihenden (Auxo), mit Ueberredung (Peitho) und mit Erfül- 
lung segnenden, gegenübertritt. Vgl. Pro dr. S. 108, 199. 

**) Zwei Eroten, Pothos undHimeros neben Eros, waren von 
Skopas* Hand den beiden praxitelischen Chariten Peitho und Pare- 
goros im uralten Tempel der Aphrodite nQoc^ig zu Megara beigeord- 
net (Paus. I, 43, 2). Dieselbe Doppel- und Dreizahl von Eroten ist 
auch sonst nicht selten zu finden. Vgl. Prodromus S. 230, 8. Abh. 
über Eros (Berl. Akad. 1848) Anm. 4 ff. 

^®) Selbständige Geltung hatten die Chariten: im alten 
Dienst zu Orchomenos (Pind. Ol. XIV, 1. Theoer. XVI, 104, Paus. 
IX, 35, 1), aber auch in Athen neben den Hören (Paus. IX, 35, 1), 
namentlich (nach Panyasis Athen. II, 361) beim Trankopfer, vor 
Aphrodite und Dionysos ; neben Dionysos in einem der Doppelaltäre 
zu Olympia (Schol. Pind. OU XI, 51). Zu geschweigen dafs sie 
am Thron des Zeus (Paus. V, 11, 2), im Kopfschmuck der Hera 
(Paus, ir, 17, 3) und in ApoUo's Hand (Paus. V, 14. IX, 35. Miliin 
Gal. XXXIII, 471) verzierungs weise ohne Aphroditens Mitwirkung 



VENÜ8-PR0SERP1NA. 153 

ersoliienen, werden sie bei Aphroditen» Gebart (Paus. V, 11,3) auch 
als diejenigen genannt, die mit Eros zugleich die neugeborne Got- 
tin empfangen. 

^') Charis selbständig bei Homer, als des Hephästos Ge~ 
mahlin (II. XVIII, 382), wofür in der Odyssee (VIII, 266) Aphro- 
dite gilt. 

^^) Peitho selbständig: als .alleinige Göttin in Sikyon 
(Marktgöttin ohne Idol Paus. II, 7^ 7), ein andermal als Artemis 
(Paus. II, 21, 1. Prodr. S. 34, 86), sodann als überwachende Göt- 
tin von Paris' und Helena*s Liebe in berühmten und sofort (Anm. 69) 
näher zu erörternden Reliefs, umgekehrt erscheint Peitho hinter 
Aphroditen als deren alleinige Dienerin auf einem attischen Vasen- 
bilde des Thetisraubes (Millingen üned. pl. A). 

*») Peitho im Hei enarelief zu Neapel (Miliin GaLCLXXIII, 
540) als ein die handelnde Aphrodite überwachendes Götterbild ; eine 
alte Wiederholung desselben Bildes (Gnattani Mon. 1785 gingno) 
zeigt an ihrer Stelle ein Apollobild. Vgl. Böttiger Aldobr. Hoch- 
zeit S. 39 ff. Rochette Mon. p. 40. Beschreibung Roms II, 2, 195. 
Panofka Musee Blacas p. 67, 8. Jahn Peitho die Göttin der Ueber- 
redung. Greifsw. 1846. 8. 

''^) Hochzeitsgöttinnen sind anch Aprodite-Here zu Sparta 
(Paus. III, 13, 6) und die eben erwähnte Artemis-Peitho zu Sikyon 
(U, 21, 1. Prodr. S. 34, 86). 

'*) Peitho's Geberde. Die nach dem Gesicht gewandte Hand 
mag eine nachdenkliche Geberde bezweckter Ueberrednng sein, ne- 
ben welcher andremal eine rednerisch ausgestreckte Hand ihre An- 
wendung findet (Rochette Mon. VIII, 2, p. 40. Panofka M. Blaeas 
p. 67, 8). Sprechend in andrer Art ist die Bewegung der beim Mad- 
chenraub forteilenden IIiix>o auf der Vase des Midias (Abh. Berl. 
Akad. 1839. Vgl. Milün Gal. XCIV, 385). 

''^ Venus mit Vogel, nämlich mit Taube, aus etruskischen 
und sonstigen Idolen bekannt. 

'') Spes als Aufschrift römischer Münztypen der in Rede 
stehenden Darstellung ist, ohne Einmischung anderer Benennungen, 
so regelmäfsig als häufig; nur Prädikate wie in Spes Augusta und wie 
in dem seltneren (Eckhel D. N. VII, 154) Bonae Spei gewähren jener 
festen Bezeichnung eine gewisse Manigfaltigkeit. 

'*) Spes und Flora. Sichere Darstellangen der Flora ge- 
währt nur ein blumenbekränzter Kopf in Familienmnnzen (Müller 
Handb. 404, 2). 



t 



154 GERHARD 

'*) Porno na, des Vertumnus GemaLlin nach Ovid (Fast. XIV, 
642 SS.)) läfst allenfalls in spesähnlichen Figuren sich yermuthen, die 
mit einer männlichen Gottheit gruppirt sind, wie in einer Bronze des 
brittischen Museums [Arch. App. D, 17]. Müller*s Unterscheidung, 
Flora sei der Frilhlingshora, Pomona der Herbsthora identisch, läfst 
den Begriff beider Gottheiten enger Yoraussetzen als der Gebrauch 
es bestätigt. Vgl. Handb. 404, 2. Abh. Etrusk. Gottheiten Anm. 78. 

'*) Elpis kann die der Nemesis gegenüber gestellte Spes 
(Anm. 60) zwar fuglich heifsen; doch sind die Denkmäler, auf wel- 
chen dieses der Fall ist, nicht alt genug um eine Rückwirkung der 
römischen Spes auf jene griechische Personiiication auszuschliefsen, 
und ist daher auch zu einer Unterscheidung von Elpis und Spes 
(nach Müller Handb. 406> 3) kein Grund abzusehen. 

'^ SpesnebenBacchus: Guattani Mon. 1 785 („Melpomene"). 
Clarac Mus^e de sculpt. no. 1615 (identisch mit der Hope^schen Sta- 
tue no. 1614). Vgl. Abh. Venusidole Taf. V, 5, 6, S. 27. Zu ver- 
gleichen die spesähnliche Gewandhebnng des bärtigen Bacchus als 
Bild einer schönen Glaspaste des Grafen von Ingenheim (abg. Ve- 
nere-Proserp. p. 31). 

'*) Spes oder Libera neben Concordia: nach Fragmenten 
einer Vatikanischen Statue und eines Torlonia^schen Reliefs durch 
Vergleichung von Münztypen nachgewiesen in meiner Abh. Ueber 
Venusidole Taf. VI, S. 11 ff. 28. 

''^) Blume auf der Brust mehrerer Thonfigoren (Abh. Venus- 
idole Taf. III, 3—5) und am Idol eines oben Anm. 27 erwähnten 
Thonreliefs. Vgl. Exkurs III. 

^°) Libitina und Libera: einander gleichzusetzen, ohne Rück- 
sicht auf den nur zufallig ähnlichen Namenslaut > hauptsäclilich we- 
gen der sowohl für Venus im Allgemeinen (Anm. 41) als auch für 
die Spesüguren (Anm. 77) und die denselben ähnlichen Libitinaidole 
(Exk. XIII) nachgewiesene bacchische Beziehung. 

®*) Alter des Idols. Vermuthungsweise ist bereits ander- 
wärts (Abh. Etrusk. Gottheiten Anm. 68. 87) geäufsert worden, dafs 
die spesähnliche Venus Roms aus Etrurien herrühren mag; da es 
auch aus Griechenland an Analogien dieses weit verbreiteten sta- 
tnarischen Typus nicht fehlt, so ist sein hohes Alter um so bezeug- 
ter, und kann die Anwendung desselben mit Unterweltssymbolen für 
die der Kora geheiligten attischen kleinen Mysterien (Schol. Ar. 
Plut. 846. Abh. Venusidole S. 23) dann um so eher zugestan- 
den werden. 

»') Etruskische Erzfiguren (Exk. XVII, II, 1) haben ein ve- 
nusähnliches Idol , welches den Doppelsinn unsres Libitinaidols in sicJi 



VENUS - PROSERPINA. 1 55 

trigty uns öfter erhalten als die ohne Zweifei TOn dort (ausPerosia? 
Abh. Etr. Gotth. Anm. 68. 87) nach Rom gelangte einfache Bil* 
dang der Spes. Selbst unveränderte Wiederholungen unsres Idols 
finden sich, darch Spesbewegang nnd darch die Hand auf der Braeit 
demselben darchaas entsprechend (eines zu Florenz : Yenere-Proserp. 
tay. A. Abh. Yennsidole II, 4); andremal tritt statt der letztem Ge- 
berde die abwendende Hand, der Terhängnifsvolle Apfel oder eins 
und das andere sonstige Todesattribat ein. Vgl. Abh. Ktr. Gotthei- 
ten Anm. 86. 

^^ Dreifache Bildungen: Hekate (Anm. 27) und die Herme 
samothrakischer Gottheiten (Anm. 48). 

84— 87J Götterwesen in Doppelgestalt. Als solche sind 
theila männliche, wie Pathos nnd Himeros^ Eros und Anteros (Prodr. 
S. 230, 8), und eine Reihe weiblicher Geschwisterpaare nachzuweisen, 
namentlich Chariten (Anm. 64) und Hören (Paus. IX, 35, 1), die 
doppelte Themis {Qe^Cdwv ßcofzosi Paus. II, 31,8), im smyrnäischen 
Gottesdienst Nemesis (Buonarroti medagl. p. 223. Eckhel D. N. II, 
548 8. Miliin Gal. no. 346—351), ferner aas italischen Kulten For- 
tuna (Miliin GaL no. 359. Gerhard Prodr. S. 61, 157 ff.) und Car- 
menta (Macrob. I, 16). Einer solchen Doppelgestalt zwiespältiger 
Götterbegriffe entspricht denn auch die vielfach nachweisliche Er- 
scheinung zweier Kultusbilder zum Gesamtausdruck der angesehen- 
sten Gottheiten. Vgl. Prodr. S. 129 ff. Abh. Zwei Minerven (Berl. 
1848) S. 4 ff. Archäol. Zeitung Vni S. 135 ff. 

*^ Spes und Fortuna erscheinen zu einem einzigen Götter- 
wesen vereint in einer Dresdner Statue mit Füllhorn und Spesbe- 
wegung (Augusteum l, 11. Abh. Yenusidole III, 6), sonst aber nicht 
selten in dichterisch ausgeführtem (Anal. gr. II, 437. Ul, 286. Spes 
et Fortuna valeie: Burm. Anth. lat. II, p. 213) oder künstlerisch 
veranschaulichtem Gegensatz (Fortuna auf Spes gelehnt: Prodr. 
S. 108, 98}. Vgl. Buonarroti medaglioni p. 419 ss« 

*') Spes und Nemesis: ^ElnCda xaX Nifi^Oiv svvovg nuQä 
ßcnfiov hev^a (Anal. HI, 173). Ygl. XJhden im Museum d. Alterthumsw. 
I, 553. Welcker zu Zoega Abh. S. 392. 

*°) Ghigi*8che Marmorvase: Gnattani mon. 1784 marzo. 
Zoega Abhandl. S. 385 ff. Creuzer Abb. zur Symb. XXXYII, S. 24. 
Jahn ArchäoL Beiträge S. 151. 

*') Rückseite desselben Gefäfses. Gegen Zoega^s Erklärung 
spricht die bacchische Beziehung des ganzen Gefäfses, welche durch 
den Pan sowohl als durch die Silensmaske am Henkel nahe gelegt 
ist; femer dafs beide Frauen nicht wie Göttin und Dienerin, son- 
dern einander gleichartig erscheinen, dafs die vermeintlidie Yenus 



> 



156 GERHARD 

keine Spur yon Verwandung zeigte endlich dafs die ionische Säule 
eben so gut eine Weihung andeuten kann als das Grah des Adonis, 
Zoega scheint das vierfache Knöchelband der fraglichen Figur für 
den Verband einer Wunde gehalten zu haben; wir erkennen darin 
vielmehr einen Schmuck der Füfse, und finden für die damit ver- 
knüpfte gebückte Stellung der Figur manche Analogie in Venusfign- 
ren, welche in Bronzen hauptsächlich und Gemmenbildern (Müller 
Handb. 377> 5) mit Schmückung ihrer Füfse beschäftigt sind. 

'')MystischesFrauenbad: Gerhard Mysterienbilder Taf. IX, 
nebst Thronsetzung. Etrusk. Spiegel I, 106 — 109 und sonst. 

*^) Pan als Lauscher findet, bekannteren Satyrgestalten 
gleicher Absicht und Geberde (änoaxoTieviiv : Müller Handb. 385, 4 ä) 
wohl entsprechend, sich theils in mancher der ebengedachten Bade- 
scenen festlicher Frauensitte (Etr. Spiegel I, 108), theils auch in 
Umgebung der Libera und der in römischen Reliefs (Miliin Gal. 
63, 241) deren Stelle einnehmenden Ariadne. Als bacchischen Dämon 
mit Libera, die Apfel und Thyrsus hält, dem bärtigen Bacchus und 
mehreren Thiasoten zeigt ihn ein Marmorgefäfs zu Neapel no. 368 
(Gerhard Bildw. XLV, 1. 2), in der Hören oder Nymphen Umgebung 
ein ähnliches im Campo santo zu Pisa (ebd. XLV, 3). 

**) Pan und Nymphen: Miliin Gal. LVI, 328 und sonst. 

") Pan und Hören: Gerhard Bildw. Taf. XLV, 3. 

'*) Methe und Mystis u. dgl.: Gerhard Prodr. S. 210flf. 

^^ Mystische Grazien, das heifst Begleiterinnen der als 
Aphrodite gefafsten Kora-Libera, dem sAs Mysteriengenins gefafsten 
Eros (Anm. 34) neben derselben Göttin entsprechend, sind in der 
alterthümlichen Doppelzahl (Anm. 64) als schmückende Dienerinnen 
der Dionysosbraut eines berühmten Agrigenter Gefalses (Bildw. LIX) 
und einer unbekleideten Göttin zu erkennen, der sie bekleidet zur 
Seite stehn (Hancarv. II, 94. Schale. So auch im ähnlichen Relief 
zweier hiesiger Lekythen (Berl. T. C. no. 823. 828. Vgl. Prodr. 
S. 229, 2). In ähnlicher Weise dürften die Frauen zu deuten sein, 
die anderwärts (Miliin Vases II, 39. Vgl. Ann. XV, pl. lit. Q) 
das Haupt einer Kora- Libera mit einem Schleier schmücken, oder 
auch dem Frauentbron einer Einweihungsscene (Gerhard Trinkschalen 
Taf. XVI, 3. 4) zur Seite stehn. 

**) Peitho in Mysterien bezug zu vermuthen wird durch 
der Chariten Mitwirkung am kosmischen Truggespinst (Nonn. XXIV, 
263 SS. Creuzer IV, 157 N. A.), durch ihr Erscheinen in bacchischer 
Umgebung (Relief Mus. Borb. Ul, 40) und durch Andeutungen ge- 
rechtfertigt, laut denen sie Personen (Nonn. XXXIII, HO. Aphro- 
dite bei Phidias: Paus. V, 11, 3. Thetis: Coluth. 28) und Festge- 



VENUS -PROSERPINA. 157 

rathe (Dreifofs nach Stackelberg Graber XXIX. Käficlit? Vgl. ebd. 
XXX. Prodr. 230, 8 ) bekränzt. Erwägt man zugleich die bereits 
oben ^berührte (Anm. 68. 69) Geltung der Peitho als Hochzeitsgöttin, 
ihre Erscheinung in yermathlichen Hochzeitsbildern (Rochette mon. 
Vin, 2, p. 40, neben EvxXeicc, eine Cista haltend) und den engen Zu- 
sammenhang hochzeitlicher und mystischer Darstellungen, so ist es 
nicht unwahrscheinlich dafs jene Göttin siegreicher Ueberredung 
auch in mancher ohne Inschrift gebliebenen Figur zu erkennen sei, 
welche durch hochzeitlichen Zuspruch (Gerhard Bildw. LIX neben 
„Philomele" einer Braut), durch das Attribut einer Cista (Hancarv. 
II, 94) oder auch durch bräutliche Bekränzung jenen sichern Figu- 
ren der Peitho sich anschliefst. Vgl. J. de Witte Ann. XVII, 408 ss. 
Als sonstiges Merkmal der Peitho ist auch der siifse Duft nicht zu 
übersehen, dessen Vertheilung Pindar (Fr. 87, 1. Athen. XIII, 573 C) 
als hetärischer Göttin ihr beimifst und ein Vasenbild (M. Blacas 
XXII,B, p.67: IfJ€Qog, Hei&o) bestätigt.— [Vgl. Jahn's Peitho. Greifs- 
wald 1864. 8.] 

**) Pan der Chariten Pflegling, asyvdSv XaQ^jtov fiilr^fia 
nach Pindar (Fragm. 63). 

***9 Pan, Vater derlynx von Peitho, nach Tzetzes (Lyc. 310): 
^lytttriq TIei&ovg rj *H/ovg tckX TTecrog, 



158 GERHARD 



Exkurse. 



I. Über die Hermen. 

Wenn wir dem Vater der Geschichte (Herodotll, 51) lieber bei- 
treten wollen, als dem gelehrtesten der Archäologen (Zoega: de usu 
et origine obelisc. p. 219), so ist der Ursprung und die Bedeutung 
der Hermen im ithyphaliischen Hermesdienst kabirisclier Religionen 
zu suchen, und die damit yerkniipfte produktire Bedeutung ist fiir 
die Seltenheit weiblicher Hermen niclit minder erklärend, als für die 
häuüge Anwendung eben jener viereckt phallischen Form für männ- 
liche Götterbilder einer fruchtbringenden Natur. Besondre Beach- 
tung yerdient es, dafs selbst die mit kabirischen Götterwesen yer- 
knüpften Gottheiten, namentlich Proserpina (Schol. Ap. Rhod. I, 
915), nicht leicht in Hermenform gebildet wurden, wie denn diese 
Form selbst der Göttin Libera gemeinhin versagt blieb, am auffal- 
lendsten einer bärtigen Herme des Bacchus gegenüber in einem Re- 
lief des Hauses Colonna (Montfaucon Antiq. I, 38. Gerhard Bildw. 
Taf. XLII), und durchgebildete menschliche Form auch den verwand- 
ten Götterbildern der dreifachen Hekate fast durchgängig zusteht. 
Nur Pallas-Hermen (die sogenannten Hermathenen) und Beispiele 
einer hermenförmigen Aphrodite sind uns bezeugt; diese letztere 
theils aus Athen (Paus. I, 19, 2), theils aus Münzen von Mitylcne 
(Mus. Hunter. XXXIX, 4, 5. Inghirami Mon. Etruschi Ser. VI, 
tav. H 2) und durch einen Marmor der Villa Albani (Winckelm. Sto- 
ria I, tav. 8). Eben dieser Göttin gehört daher wahrscheinlich noch 
eine und die andre weibliche Herme von unentschiedener Bedeutung, 
theils die einer Bronze des Museo Borbonico (Bronzi d*Ercol. H, 89), 
theils auch die einer im Magazin des Vatikanischen Museums befind- 



VKNÜS -PROSERPINA. 159 

liehen kleinen Marmorgrnppe *). Hier erscheint ein solches hermen- 
formiges Idol als Beiwerk einer weiblichen Figur, der es zur Stütze 
dient 9 und es kommt zum Verständnifs der ganzen Grnppe der Um- 
stand za statten, dafs älinlicho einem Götterbild anfrahende Figuren, 
wie weiter unten (Exk.Vnff.) gezeigt wird, hauptsächlich in Bezug 
aof das zum Gegenstand dieser Abhandlung gemachte Idol erscheinen. 
[Weiter ist dieser Gegenstand in einer nächstfolgenden Abhandlung 
dieses Bandes ausgeführt.] 

IL Über den Modius. 

Zoega^s ') oben berührte Ansicht, laut welcher der Modius gleich 
der persischen Kidaris und dem etruskischen Tutulus nur eine be- 
deutungslose Zierath des Hauptes wäre, wird nicht einmal durch 
übereinstimmende Gestaltung jener verschiedenen Kopfaufsätze un- 
terstützt. Eben so wenig vermag der Augenschein ältester GÖtter- 
bildung Buonarroti^s (medaglioni p. 216) Meinung zu bewähren, dafs 
die für Götterbilder angewandte Säule Anlafs und Ursprung des 
Modius gewesen sei. Um so mehr sind wir befugt, für diesen Ge- 
genstand einen völlig entgegengesetzten Standpunkt zu ergreifen, 
denjenigen nämlich, der durch die unzweifelhafte Bedeutung des 
Modius uns vorgezeichnet wird. Schwerlich wird irgend Jemand 
dem Modius des Serapis seine tellurisclie Bedeutung absprechen wol- 
len. Macrobius, der in gezwungenster Weise jenes Symbol sowohl 
als die Bedeutung des Gottes selbst auf .Sonnenkräfte zurückführt ^), 
gewährt doch zugleich den handgreiflichen Beweis für jene Bedeu- 
tung schon dadurch, dafs als entsprechender griechischer Ausdruck 
für den Modius nicht der kreisförmige und als Himmelssymbol zn 



*) Abgebildet in der Venere- Proserpina tav. I, no. 1. Eine ähn- 
liche Herme dient in einer Terra- Cotta der Kgl. Sammlung zu 
Berlin no. 37)27 einem lorberbekränzten Jüngling, vermuthlich 
einem Apoll, zur Stütze. 

^) Zocga Num. aegypt. p. 79. Bassiril. J, p. 94. 

^) Macrob. (Sat. 1, 20) : omnem tarnen iUam (Serapidis) veneratiouem 
SöH se 8ub iJHus nomine testaiur impendere , vel dum calalhum 
capiti ejus infigunt^ vel dum simuJacro Signum tricipitis animantis 
adiungunt. Und welter unten : cuius Vertex insignitns calatho et al- 
ftlndtfi^m sideris monstrnt et potentiam capacitaiis osteniat, quia 
tu ewm omnia terrentt redeunt^ dum immisso oalore rapiuntur. Hie- 
bei kommt die Bedeutung eines Wassergefälses mit ins Spiel, 
auf welche auch Suidas (v. ^aQanis) hinweist : tovtov ol fih JCa 
itpaaav elvai^ ot dk rov Neikov Stä t6 fiodiov ^x^tv iv tj xs- 
(fttl-j xa\ Tov nijxvv riyovv ro rov vömog (Aijqov* 



160 GRRHARD 

betrachtende Polfo«*), sondern der Kalathos angegeben wird, des- 
sen Anwendung fdr cerealische Segensspende aas Kallimachos ^) all- 
bekannt ist. Der Modius kommt deshalb sowohl dieser Göttin als 
auch andren Göttinnen empfangender Erdkraft zu, namentlich der 
Juno, der Diana^ der Venus, laut den Münzen von Samos, yon Apa- 
mea und Perga, yon Aphrodisias nnd Askalon; nach Münzen ron 
Alexandria Troas auch der Minerva« Hiebet ist einzuräumen, dafs 
der Modius so vieler Bildwerke nur selten dem Kalathos gleicht, wel- 
cher, wo cerealische Mysterienbeziehung ^) ihn unzweifelhaft macht, 
mit ausgebreiteter Oberfläche gebildet ist. Wenn aber auch die ge- 
naue Nachbildung dieser Form yielleicht aus plastischen Gründen 
verschmäht ward, so gewährt doch das Flechtwerk, wo es als Andeu- 
tung des ursprünglichen Korbes und zuweilen noch in später Kunst- 
bildung *) erscheint, ein unzweideutiges Zeugnils für die Gleichartig- 
keit beider Ornamente. Was übrigens die solarische Beziehung be- 
trifft, welche Macrobius zugleich mit der tellurischen dem Modius 
beilegt, so wird dieselbe dadurch widerlegt oder doch beschränkt, 
dafs jenes Attribut männlichen und produktiven Gottheiten, dem Her- 
mes, Apollo, Janus kaum irgendwo, dem Dionysos aber nur selten 
und in der bärtigen Bildung zugetheilt wird, die ihn chthonischen 
Gottheiten annähert, wie Serapis und Bacchus Sabazius es sind. 
Der Begriff unterirdischer Sonnenkraft, welcher im Modius dieser 
beiden Gottheiten ausgedrückt ist, wird dann und wann durch Strah- 
lenverzierung des Modius angedeutet, wie solche auch auf einein 
unsrer Denkmäler '^) sichtlicli ist. Im Allgemeinen jedoch flndet der 
Modius als Getreidemafs hauptsächlicli, wie auf dem Haupte der Ge- 
treidegöttin Ceres ^), sich auch bei andern Gottheiten, die ohne her- 



*) Nach einer von Visconti (Pio-Clem. II, 12), Zoega (Bass. I, p.94), 
Böttiger und Andern befolgten Verwechselung. Vgl. meinen Pro- 
dromus S. 6. 24* 

') Callim. H. in Cer. I (ib. Spanh.): 

T(o xaXa&(o xariovrog iniifd-äy^aaS-e, ywaZxeg' 
JafxateQy fiiya X^Tqs, noXviQOtpB^ novXvfii6i^VE, 

') Mus. Borb. st. V, arm. %. Gerhard Ant. Bildwerke CCCVI, 8, 
S. 393. 

*) Flechtwerk: Caylus recueil. IV, 88. Haym Tes. Brit. H, 89, 10. 
Gerhard Bildw. Taf. CCCV, 15 ff. S. 394. 

^) Idol der attischen Gruppe : Exkurs XV. 

*) Auf Münzen von Demetrias (Pell. P. et V. I, 26, 11), Laodicea 
(R. et V. II, 37, 12) und sonst. Auf dem Votivrelief Miliin Gal. 
81^ 327 scheint der Modius sie von Kora zu unterscheiden« Zu 
vergleichen das Idol mit Aehren und Blume (Lampe?), dem auf 
Münzen der bithynischen Stadt Heraklea Herakles opfert (Soppl- 
II, 3, 4. Mionnet II, p. 440). 



VENUS - PKOSERPIN A . 1 <J1 

vorgeliobene solarische Beziehung im Innern der Erde herrscJien : so 
als Kopfschmuck der dreifaclien Hekate, der Proserpina ') und trotz 
Zoega's (Bass. Lp. 1) Einspruch des Pluto selbst , der durch das 
dreifache Thier mit gleichen Köpfen ^) von Serapis sich unterschei- 
det. Diesen Gottheiten entsprechend sind denn auch bacclüsche Tra* 
banten, durch Fellbekleidung und Thyrsen ausgezeicimet, an den 
Ecken des Casali^schen Sarkophags (Miilin Gal. CLXIY, 242) mit 
einem Modias versehen. 

III. Über die Hand auf der Brüst. 

Dafs die auf unsern Idolen nachweisliche Richtung der rechten 
Hand gegen die Brust in der That der Brust, keineswegs aber dem 
Munde gilt, ist darum bemerkenswerth, weil Winckelmann in dieser 
letzten Voraussetzung ein Zeichen des Stillschweigens darin erkannte. 
Femer mu£s beachtet werden, dafs in verscliiedenen Wiederholungen 
(Bxk. 9. 11. 13) diese Hand einen nicht deutlich zu unterscheiden- 
den Gegenstand hält, zu dessen Haltung jene Bewegung der Hand 
bestimmt sein könnte. Wir müssen jedoch bedenken, dafs der er- 
wähnte Gegenstand in nur wenigen Beispielen erscheint, dals seine 
einer Blume oder einer Frucht zupassende Gröfse keines stützenden 
Anschlusses bedarf, und dafs folglich auch ohne etwas zu halten ein 
eigeBthümlicher Grund für jene Richtung der Hand wahrscheinlich 
. ist Ein solcher ündet bei der ägyptischen Isis statt, wenn sie, auch 
[ ohne den Horus zu säugen, in yermuthlichem Bezug darauf ihre 
\ Brost gefafst hält^ wie solches in einer kleinen Bronze des Museo 
I Borbonico zu bemerken ist. Aus griechischen Werken jedoch sind 
ähnliche Merkmale einer Nährgöttin schwerlich nachzuweisen: eben 
I 80 wenig kann die Bewegung der Hand nach den Geschlechtstheilen 
r hieher gezogen werden, die an einem und dem andren Thonfigür- 
1 chen ') ,aber vielmehr als Andeutung einer Venus Anadyomene sich fin- 
det Annehmlicher ist es jene seltsame Lage der auf derBiust ruhen- 
i den Hand als Anzeichen des Schlafes oder Todes zu fassen. Ganz ähn- 
|iich wenigstens ist die Lage der Hand bei schlafenden Nymphen und 
^' müden Todesgenien (Zoega Bassir. 1, 15), ebenfalls vergleichbar die ein- 
gezogene Bewegung der Arme an sterbenden Mednsen (Neapels Bildw, 



s ') Pellerin Rois et Villes II, 31, 8. 

^ *) Mus. Chiaram. no. 74. Bellori Lucern. II, 3, 



) Sitzende Thonfigur im Museo Borbonico; schwarze nackte bei 
Hrn. Capranesi. Ein nacktes Venusbild von Erz, mit der lin- 
ken Hand auf der Brust, die Rechte ausgestreckt, gibt Micali 
Mon. VI, 1. 2. 

VV 



162 6KRHAKD 

ErzgeräthS. 194), obwohl sie eben so füglich als Ausdruck des To- t 

deskrampfes sich deuten lafst. Vierfach geflügelte etruskische Schick- fc 

salsgöttinnen von schwarzer Erde *J zeigen dieselbe Bewegung; eben ^ 

dieselbe ist am liegenden Skelet eines yielbcsprochenen Grabsteins i 
zu bemerken, desgleichen an den sitzenden Figuren eines durch 

Inghirami (Mon. Etr. VI, tav. B3, 5. Vol. II, p. 314) neu abgebil- ^ 

deten Denkmals. Endlich ist noch ein seltsames Erzfigürchen hie- ^ 
her zu ziehen^), dessen verschrumpfte Bildung an Schlaf und Tod 

in den Armen der Nacht erinnert, wie sie nach Pausanias (V, 18) am ^ 

Kypseloskasten dargestellt waren 'j. — 

"r 2 

IV. Elf Idole der Todesgöttin. ** 

Einander gegenüber standen noch neulich im Braccio nnovo des ^ 
Vatikanischen Museums "*) zwei berühmte Minervenstatuen, beide von «^ 
einem und demselben Urbild abstammend , wahrscheinlich vom be- ^ 
rühmstesten Pallasidol der alten Welt, der Minerva des Parthenon: «^ 
beide einander sehr ähnlich, aber in Helmverzierong und durch die # 
Aegis unterschieden, mit welcher letzteren nur eine jener Statuen^ 
bekleidet ist. Von einer so augenfälligen Freiheit im Kunstgebrauch # 
antiker Nachbildungen gehen wir aus um die mancherlei Freiheiten m 
natürlich zu finden, welche in Wiederholung eines meist ohne den m 
Ruhm künstlerischer Sorgfalt uns überlieferten Idols sich vorfinden; 4 
denn mit Ausnahme einer [und der anderen] Thonfigur und einer ^ 
jetzt verschwundenen Marmorstatue, angeblich der Stadt Korinth % 4^ 

A 

*J Eine bei DodwcU, andre bei Micali Storia XXI, 8. Noch eine 
mit beiden Händen auf der Brust, ihre Haarflechten haltend 
Mon. XXVII, 1. In einem ähnlichen Gestus erblickt man die 
grofse Deckelfigur und viel kleine schattenähnliche Nebenfigu- 
ren eines grofsen schwarzen Aschengefäfses ebd. XXXIII, und 
auch gröfsere statuarische üeberreste ähnlicher Haltung sind» 
namentlich aus etruskischen Funden, zum Vorschein gekommen. 
Vgl. deren eins bei Rocbette Mon. LXV, 2, p. 374. 

*) Mus. Borb. 111, arm. 12. Vgl. Etr. Spiegel I, Taf. XUI, 11. 

') Nachträglich mag auch auf die angebliche Isis eines noch un-, 
erklärten ägyptischen Idols auf Münzen der Licinia (Riccio i^ 
XXVII, 11) hingewiesen werden, welches bei Löwenkopf un<l j''*^ 
Sistrum dieselbe Geberde der auf die Brust gelegten linken %!/ 
Hand zeigt. 4|a 

*) Beschreibung der Stadt Rom III, 2, S. 91 f. 104. Gegenwärtig i 
ist die zweite jener Statuen ins kapitolinische Museum versetzt, r 

*) Angeblich bei Cavaler. Stat. no. 55 wo jedoch das Citat in der ' j^^ 
nns zur Hand befindlichen Ausgabe (Rom. 1585) nicht zutrifft-, ^i 



VENUS - PROSERPINA. 1 63 

st jenes Idol nor als untergeordnete Figur der liienächst zu yer- 
eichnenden Gruppen, zudem aber auch als ein typisch wiederhol- 
es und darum auch bei geringerer Sorgfalt leicht wieder erkanntes 
Seiwerk behandelt worden. 

Zur Charakteristik dieses Idols haben wir im Aligemeinen be- 
nerkt, dafs ein langer gegürteter Chiton mit kurzem Oberkleid die 
•infache hie und da durch archaistische Fältelung gehobene .Tracht 
ler darin erscheinenden Frauengestalt ausmacht. Hiezu kommt dann 
md wann die Besonderheit einer entblöfsten Brust (lOu. 14), eines 
iber die Arme geschlagenen Peplos (8, 10 u. 11), auch wohl der 
»chmuck starker Ohrgehänge (8), Besonderheiten auf welche wenig 
arewicht zu legen ist. Als allgemein gültige Kopfoedeckung dessel- 
leii Idols ist der Modius anzusehen, den auch die Vatikanische Herme 
7) an sich trägt. Deutlich zu sehen ist jener Kopfschmuck in fünf 
lasrer Gruppen (5, 6, 9, 13 u. 15), nach deren Analogie es denn auch 
n fünf andren yorausgesetzt werden darf, wo der Kopf des Idols 
ntweder mangelt (11 u. 14) oder von der Gewandung der Hauptfigur 
bedeckt ist (8, lOu. 12). Fast durchgängig ist ferner die Wendung 
ler rechten Hand nach der Brust, dergestalt dafs sie in sieben unsrer 
GrTvppen (5, 9, 10, 11, 13, 14 u. 15) übereinstimmend deutlich ist; in 
Arei andern, denen die rechte Hand fehlt, mag selbige theils geneigt 
Knr Hebung des Gewandes (6) theils erhoben zur Unterstützung des 
Ifodins (8u. 12) zu denken sein. Die tanzmäfsige Berührung des Ge> 
bandes yermittelst der linken Hand ist in diesen Idolen zum Theit 
k, 9, 11 u. 13) sehr klar und kann andremal, wo die Hand das Ge- 
vand berührt (8), yorausgesetzt werden, zumal in den unbestimmten 
femrissen der Thonfignren (6, 12). 
I Nächst diesen allgemeinen Bemerkungen glauben wir auch einige 

Ehe Besonderheiten der hier in Rede gebrachten Idole nicht 
gehen zu dürfen, zumal deren Reihenfolge uns zugleich einen 
erblick desselben gewähren wird. 
aK Das Idol der Gruppe yon S, Ildefonso, über welche wir im Ex- 
"VnV handeln werden, zeigt einen langen Chiton mit kurzem Ober- 
^^Bwande und geriefelter Fältelung. Es ist mit dem Modius bedeckt« 
tchtet die recJite Hand gegen die Brust, so leichthin jedoch dafs 
*)iWinckelmann schien als zeige es auf den Mund, und erhebt das 
Hewand mit der gewohnten Bewegung der linken Hand. 
^ Das Idol, welchem auf der yon Passeri yeröffentlichten Lampe 
^t^kules (Exkurs VI) opfert, ist mit Chiton und Peplos bekleidet 
N bat den Modius auf dem Kopf; die Richtung seiner Hand ist 

iik 

i* Sonstiger Einzelbilder desselben Idols haben, besonders in Thon, 
# sich nun auch noch mehrere gefunden. 



164 GKKHARD 

unentschieden, wie auch die der Linken, die das Gewand, ohne «s 
zn erheben, berührt, nicht völlig entschieden ist. Nichtsdestoweni- 
ger trage ich kein Bedenken, dies Idol mit den übrigen von entschie- 
denerer Bildung in Verbindung zu setzen, darum hauptsächlich, weil 
es schwer sein dürfte, in seiner Göttergestalt eine andre zupassende 
Göttin anfser der so häufigen unsre» Idols zu finden, mit welcher 
auch Herkules sehr wohl stimmt. 

Die weibliche Herme, auf die sich die bekleidete weibliche Fi- 
gur im Magazine des Vnlilfans (Exkurs I. YII) aufstützt, ist bis zum 
Geschlechtstheil bekleidet, mit langen Flechten geziert, und aaf 
dem Haupte mit dem Modius bedeckt. 

Das Idol der Gruppe des Museo Borhonico (Exkurs YUI) ist mit 
langem gegürtetem Chiton , kurzem Obergewand und einem über 
den linken Arm geschlagenen Peplos bekleidet. Lange ZÖpfc hän- 
gen dieser Frauengestalt bis auf die Brust und »tarke mnde Ohr- 
gehänge, wie sie zuweilen bei Thonfiguren vorkommen, zieren ihr 
Haupt; die Fufse sind mit Schuhen bekleidet. Auch bei dieser Fi- 
gur, wie bei der obigen unsres Exk. VI, ist der rechte Arm nich^ 
sichtbar nnd der linke berührt das Gewand ohne es zu erheben; abea 
die Uebereinstimmnng der aufgestützten weiblichen Figur mit an- 
dern ähnlichen (Exk. IX. X) läfst keinen Zweifel über die Gleich- 
heit auch dieses Idols zurück. 

Das Idol der verstümmelten in der RnffineUrt bei Frascati be- 
findlichen Gruppe (Exkurs IX) gleicht trotz beträchtlicher Zerstö- 
rung vollkommen dem unsrer Anm. 13). Vom Modius sind hinrei- 
eilende Anzeichen übrig geblieben. Es zeigt einen Chiton mit streal 
gefaltetem Obergewand, und obwohl der verstümmelte linke Am 
nicht mehr das Gewand erliebt, lassen doch die Falten des letzten 
solche Bewegung deutlich erkennen. Die rechte Hand ist auf di^ 
Brust gelegt und hält hier einen nicht mehr zu nnterscheidend«i 
kleinen Gegenstand. 

Das Idol neben der weiblichen Figur im Pogtjio Imperiale bd 
Florenz (Exkurs X) ist bei entblöfster linker Brust mit langem Cbij 
ton, Obergewand und einem Peplos bekleidet, der über dem Rnclr« 
sowohl als über dem linken Arm und rechten Sclienkel bemerkli^ 
ist. Die linke Hand des Idols ist nach der entblöfsten Brust 
wandt, während die rechte, wie gewöhnlich sonst die linke, d< 
Saum des Gewandes erhebt. Das Haupt ist mit Flechten geschmuci^ 
die in einige Reihen über der Stirn geordnet sind. Ein Modias w*^ 
dieser Figur nicht aufgesetzt. Dieses ümstandes und andrer Eige«** 
thümlichkeiten ungeachtet ist ihre Uebereinstimmung mit den lu<f**i 
vereinigten Idolen dennoch unzweifelhaft, wie denn auch die lu4^ 
besonders auffällige entblöfste Brust in ganz ähnlichem Falle in ^^' 



VKNUfS -PKOSEKFINA. 1 65 

^l^ecliselndeii Tracht der Venus Genitrix (Neapels Biidw. I, no. 6. 7) 
nachweislich ist. 

Das Idol der halbnackten weiblichen Figur der Gruppe der 
Filln Pamfiti (ExLurs XI) ist mit Chiton, Obergewand und «inem 
ober den rechten Arm zurückgescbiag^nen Peplos bekleidet. Die 
rechte Hand lehnt sich auf die Brust und häit einen nicht zu bestim- 
menden Gegenstand; die linke erliebt den Saum des Gewandes. 
Lange Zopfe hangen über die Schaltern dieser Figur herab, von de- 
ren modernem Kopf sich niclits weiter sagen läfst, als dafs er, trotz 
4er geneig;ten Stellung der Hauptfigur, ohne Modius restaurirt wor- 
den ist. 

Das Idol der dem Grafen von Ingenheim zugehörigen Terrucoila 
(Kxkurs XII) stellt bei seinem zerfressenen Zustand nichts andres 
dar, aU eine langbekieidete weibliche Figur. Ihre Hände sind nicht 
la unterscheiden, daher, bei sonstiger Uebereinstimmung der Gruppe 
lud ihrer aufgestützten halbnackten Figur, sich wie in ähnlichen 
J*äUen glauben läfst, da£s die rechte Hand nach Art mancher Kane- 
phorenbilder zur Sicherung des Modius sich erhob. 

Das den nackten Jüngling einer Marmorgruppe im Vaixkan (Kx- 
iJiurs XIII) begleitende Idol ist mit langem Chiton und kurzem Ober- 
. gewande bekleidet; auf seinem Haupte erscheint der Modius. Die 
: auf der Brust ruhende rechte Hand hält einen nicht zu unterschei- 
denden Gegenstand; die linke erhebt den Saum des Gewandes. 
». Das seines Kopfes beraubte Idol einer zu Pompeji gefundenen 
^verstümmelten kleinen Mamiorgruppe (Exkurs XIY) ist mit langem 
LChiton und kurzem Obergewand bekleidet, wobei die Brust unrer- 
Lhullt bleibt. Es zeigt noch einen erhaltenen obern Theil des linken 
{Armes, dessen fehlendes Stück den Chiton berühren konnte, und 
^eimt die rechte Hand auf die Brust. 

||. Das Idol der vom Baron von Slackelhcrg gezeichneten attischen 
^(rroppe von Terra-Cotta (Exkurs XY), mit langem Chiton und kur- 
* lem Obergewand bekleidet und von einem mit Strahlen verzierten 
J Modius bedeckt, legt mit gewohnter Bewegung die rechte Hand auf 
(|4ie Brufit und berührt das Gewand mit der linken. Der Zusammen- 
^Akag dieses Idols mit den schon erwälinten ist kaum zu bezweifeln 
ifitd da seine Sonnenstrahlen auf dem Kopf einer andern Göttin sich 
(^wiederfinden, die gleicherweise die Hand auf die Brust gelegt hält, 
t<o ist auch diese vorläufig hier zu erwähnen. Wir meinen ein auf 
^Uünzen von Rhoihis (Mns. Hunter. XLV, 19. Vgl. Exkurs XVI) dar- 
.1 gestelltes Götterbild, welches um so mehr hieher gehört, als eben 
tf»^cse Figur, welche auch wol von den zwei Chariten umgeben er- 
•«cheinl (ebds. XLV, 11), als Gegenbild des hie und da bacchisch ge- 
schmückten ^XLV, 7) Sonnengottes oder auch des Serapi« (XLV, 20) 
• «ich findet. 



166 GERHARD 



V. Gruppe von S. Ildefonso *). 

Die berühmte aus dem römischen Palast Cavalieri nach S. Ilde- 
fonso in Spanien versetzte Gruppe eines Jnnglings mit zwei Fackeln, 
begleitet von einem anderen Jüngling, der ihn nmfafst hält, und Ton 
dem bewnfsten Idol, darf trotz ihrer allgemeinen Verbreitung durch 
Abbildungen') und Abgüsse, doch im Ganzen für unzugänglich und 
ungeprüft gelten. Dafs diese Gruppe beträchtliche Restaurationen 
erfahren habe, müssen wir glauben, wenn wir den schönen aber et- 
was unverhältnifsmäfsigen Kopf des Jünglings zur Linken des Be- 
schauers mit achtbaren Kunstkennern einem Saucroktonos ähnlich fin- 
den. Hiebei kann man jedoch schwerlicb yerkennen, dafs beide 
durch yerschlungene Arme in einender greifende Jünglingsfigoren 
dieser Gruppe ursprünglich mit einander verbunden waren, und dafs 
auch Altar und Idol ursprünglich dazu gehörten. Auch mögen Hände 
und Arme samt deren Attributen ergänzt sein, aber die Enden 
der Fackeln sind von den Körpern der beiden Figuren nicht zu 
trennen ^). 

Die Erklärung dieser so schönen als eigenthümlichen Gruppe 
wurde bisher nur mit geringen Erfolg versucht. Der Benennung 
MaffeVs^ Genien der Göttin Natur^ zu geschweigen, ist auch Wincliel- 
mafin''s Einfall kurz abzulehnen, der in den Jünglingen Orest unt> 
PyJndeSy im beigefügten archaischen Idol durchaus unannehmbar eini 



*) Die Erörterung dieser Gruppe ist hier fast unverändert de 
„Venere-Proserpina" vom Jahr 1826 entnommen worden; eiii< 
neue gründliche Behandlung derselben ist mit Bezug darauf nn« 
im Ganzen damit übereinstimmend zu verschiedenen Zeiten voi 
Welcker erfolgt (Akad. Kunstmuseum 1827, S. 53 ff. 1841, S. 15fl 
Giebelgruppen S. 375 ff.). Visconti*s, Runiohr*s und Andere: 
Bezugnahme auf Antinous, so dafs die zweite Figur Hadrian^ 
Lebensdämon wäre (Müller Handb. §. 203, 3), ist darin abge- 
lehnt. Als Schlaf und Tod fafsten die Gruppe auch Rochettc 
(Mon. p. 175 s. 218) und Creuzer (Symb. IV, 442 s.); eine ver- 
einzelt bleibende, weil allzu moderne, Deutung als Apotheoü 
der Freundschaft, findet sich in von Quandt*s Beobachtungei 
und Phantasieen S. 229. Vgl. Archäol. Anzeiger 1844, S. 92., 

^) Maffei Statue di Roma CXXI. Winckelm. Monum. p. XlV.^ 
Venere-Proserpina tav. V. , 

^) Genauere Beobachtungen über den ursprünglichen Bestand die-j! 
ser Gruppe sind seit Abfassung obiger Aeufserungen ans den 
Notizen Wilh. von Humboldt's (Welcker akad. Kunstmus. 1827, 
S. 62ff. Giebelgruppen S. 383f.) und neuerdings durch Hm. tob 
Quandt a. a. O. S. 222 erfolgt. 



VENUS -PROSERPINA. 1 67 

Kiektra erkennea wollte — , eine Annahme, wofür auch äJiniiche 
kleine Nebenfiguren freieren Styls, wie neben einer Fortuna der 
Villa Mattei ein Mann in Toga und neben einer Gewandstatue im 
Belvedere ein Reiter in Relief, keinen Scheingrund gewähren kön- 
nen. Etwas mehr Anspruch auf Beachtung macht eine andre durch 
die Fackeln veranlafste Deutung Maffei*s, wonach Lucifer und Res* 
perus in den Jünglingen dargestellt wären, im Idol aber etwa die 
Göttin der Nacht. Aber auch dieser Ansicht steht Vieles entgegen. 
Dunkel bleibt dabei immer, warum der Fackelträger und wahrschein* 
lieh auch dessen Gefährte mit Lorbeer bekränzt sei, warum nur 
einer der beiden Junglinge Fackeln habe, und warum, wenn er auch 
die des Bruders hielte, sie ihm abgetreten sei, ferner warum beide 
Jünglinge ernsten, ja traurigen Ansehens seien, endlich, warum sie 
Ton einem Idol begleitet erscheinen, das durchaus keinen Anspruch 
hat, auf die Nacht oder auf eine andre Gottheit des wechselnden 
Lichtes gedeutet zu werden. Zu allen diesen Gegengrunden tritt 
endlich noch die Erwägung hinzu, daüs Lucifer und Hesperus, die 
aas häufigen römischen Darstellungen als geflügelte Knaben, mit er- 
hobener Fackel der eine und mit gesenkter der andre, bekannt sind, 
auch als erwachsene Jünglinge ohne Flügel gebildet worden wären. 
^Zwei andre Erklärungsversuche bieten statt jener unhaltbaren 
Vermuthungen sich dar. Allbekannt sind die Fnchelläufe altgriecJü- 
schen Festgebrauchs, und obwohl der gehaltene Ausdruck beider 
Jünglinge unserer Gruppe wenig dahin einschlägt, so könnten sie 
doch als eleusiiiische Eingeweihte, und wenn unter diesen nur ein ein- 
ziger fackeltragender Daduchos zu denken ist (Ste. Croix myst^res 
1, 226 SS. 459)^ als Daduch und Hierophant gedacht werden. Das ju- 
gendliche Alter beider Figuren würde einer solchen Ansicht nicht 
' schlechthin entgegenstehn, wohl aber ihr mehr trauerndes als wür- 
diges Ansehn, die umgestürzte Fackel und die Bekränzung durch 
Lorbeer, während den eleusinischen Eingeweihten bekanntlich Myrte 
< und Diadem (Schol. Soph. Oed. Col. 679) zum Abzeichen dienten. 
( Diese letztern Umstände lassen auch andre eleusinische Eingeweihte 
\ licht voraussetzen, solche etwa wie sie am fünften Tage der Eleu- 
, sinien den Fackellauf hielten (Ste. Croix If, 526) : paarweise laufend, 
i irie es noch ein Basrelief bei Spon i^U, 43. Wheler H, 526) zeigt, 
reichten sie sich wechselsweise ihre Fackeln (Schol. Juven. XV, 142: 
in templo Cereris sibi invivem facem cursores trndu»t). So mag 
auch in der Halbügur eines einzelnen Jünglings mit zwei kreuzweis 
auf dem Leib gegen die Schultern übereinandergelegten Fackeln 
eines attischen Lekythenbildes unter Stackelberg*s Zeichnungen (Grä- 
ber d. Hell. XXXVIII, 7) ein solcher Daduch dargestellt sein. 

Wird demnach der Gedanke an eleusinische Fackelträger aufge- 
geben, so bleibt uns eine zweite Erklärung übrig, auf welche beson- 



168 ' GERHARD 

des der traaernde Ansdrack beider Jünglinge zu führen geeignet ist 
Man kann zunächst an die Dioskoren denken, bei denen jedoch 
schon der Mangel des üblichen Pilens entgegensteht, wahrscheinli- 
cher an die ernstesten Brüder altgriechischen Götterwesens, an die 
Dämonen von Schlaf und Toih Dafs diese auf dem Kasten des 
Kypselos (Paus. V, 18) und tielleicht noch auf dem römischen Cippns 
der Lncia Telesina (BoissartV, 37. Mus. Chiaram. no. 230. Beschr. 
Roms II, 2, S. 54. Rochette Mon. XLVII, p. 216. Panofka Mus. 
Blacas p. 33, 23) als schlummernde Kinder der Mutter Nacht er- 
scheinen, und dafs gemeinhin der Schlafgott als weichlicher Greis 
(Zoega Bassir. II, 93) gedacht und gebildet ward, diese Umstände 
hindern uns durchaus nicht anzunehmen, dafs beide, Yon ihrer Mat- 
ter getrennt > in brüderlicher Einigung auch als reife und kräftige 
Jünglinge erscheinen konnten. Namentlich spricht dafür auch die 
üblichste Darstellungsweise des Todesdämons, der mit gesenktem 
Haupt und einer gegen einen Altar umgestürzten Fackel in zwei 
Statuen des Vatikanischen Museums erscheint (Mus. Pio -Clement. 
I, 25. St. III der Mise), so dafs er, abgesehen von der d6rt hinza- 
gefügten Cypresse und der hier gedoppelten Fackelzahl, unserm 
Fackelträger im Uebrigen gleicht. Dergleichen Beiwerke konnten 
den Jünglingen unsrer Gruppe mit demselben Recht fehlen, mit wel- 
cbem eben jenen Statuen, bei vollständigerer Zahl der ausgesproche- 
nen Attribute, in einem Vatikanischen Relief (Pio-Clem. VII, 13) und 
in einer übelverstandenen Statne des Maseo Chiaramonti (no. 653. 
Beschreibung der Stadt Rom II, 2, S. 81) die gegen die Erde flat- 
ternden Flügelknaben, die Maske und der auf einem entlaubten 
Baumstamm niedergelegte Mantel fehlen. 

Ein gröfseres Hindernifs gegen die Annahme von Schlaf und 
Tod entspringt aus der andern erhobenen und über die linke Schul- 
ter gelehnten Fackel unsers Fackelträgers. Wenn aber, wie sich 
nicht zweifeln läfst, die umgestürzte Fackel die schon ausgeübte 
Herrschaft des verhängnifsvollen Genius über das Leben der Sterb- 
lichen ausdrückt, so scheint es ganz in der Ordnung, dafs eine andre 
erhobene Fackel die sonst hie und da brennende Lebensflamme be- 
zeichnen könne, die er nach seinem Gefallen verlöschen oder anfa- 
chen könnte (vgl. Gori gemme astrif. I, 88). Vielleicht mochte man 
sagen, dafs mit solchem überflüssigen Attribut der Mangel an Bei- 
werk in dem von ans für den Schlaf gehaltenen Bruder zu sehr in 
Widerspruch steht. Diesem Einwand läfst sich zuvörderst entgeg- 
nen, dals auch dieser in der vielleicht restaurirfen rechten Hand ein 
schlafbringendes Hörn halten konnte; aber ohne auf diese Möglich- 
keit Gewicht zu legen, genügt es zu bemerken, dafs auch ohne At- 
tribute die leicht und sorglos sich anschmiegende Bewegung des 
einen Jünglings ihn als Schlafgott durch den blofsen Gegensatz sei- 



VKNÜS-PKOSKRPINA. 169 

ties deutlicher bezeichneten drohenden Bruders verstSindlicIi machte. 
Eine solche, yon Attributen unabhängige und lediglich durcli den 
Ausdruck erreichte, Darstellung würde sogar weit mehr als irgend 
ein Beiwerk dem griechischen Gepräge dieser aus bester Kunst her- 
vorgegangenen Gruppe entsprechen. In ganz ähnlichem Sinn läfst 
auch von den zwei Fackeln des Todesdämons sich urtheilen^ der 
statt überladenen Beiwerks, wie römische Bildwerke es zeigen, le* 
diglich durch die verschieden gerichtete Fackel den Unterschied er* 
löschter oder noch aufbehaltener Lebensflamme treffend ausdrückt. 
Dem neben den Jünglingen stehenden Idol, das wir zu voller Bestä- 
tigung obiger Deutung als Bild der Todesgöttin nacliwiesen, wird 
von dem fackeltragenden Jüngling ein durch den Altar noch deut- 
licher gemachtes Opfer gebracht. Dafs dieser Jüngling mit Lorbeer 
bekränzt ist, wird dadurch verständlicher, dafs auch den Todten 
solche Bekränzung, ein Siegeskranz auf den Sieg über des Lebens 
Mühsal bezüglich, gegeben wurde, daher auch Bacchus, der Unter- 
weltsgott, dieselbe Bekränzung eingesetzt (TertulL de cor. 7) und 
für sich angewandt hatte (Lanzi Vasi dipinti p. 82 )• 

VI. Opfernder Herakles. 

Durch Passeri (Lucern. II, 3) ist das anziehende Relief einer 
römischen Lampe bekannt, auf welcher Herakles vor einem weib- 
lichen Idol stehend erscheint; sein Löwenfell ruht nebenbei auf einem 
Pfeiler. Neben dem Idol brennt Opferfeuer auf einem Altar; ein 
Opferkrug (guttus richtiger zu nennen als praefericulum , vgl. Zannoni 
Gall. d. Fir. VII, 3. p. 140) liegt nebenbei auf einem zweiten Pfeiler. 
Das gedachte Idol ist langbekleidet, berührt mit beiden gesenkten 
Armen sein Gewand und trägt auf seinem Haupte einen Modius. 
Hiedurch tritt es mit den Idolen der von uns zusammengestellten 
Gruppen in unmittelbaren Zusammenhang, von denen es sich nur 
durch unbestimmtere Bewegung der Arme unterscheidet. Welche 
Gottin kann dieses Idol nun hier vorstellen, wo der Znsammenhang 
mit Herakles erläuternd hinzutritt? Zunächst wol D^ntef^r: denn als 
Diener dieser Göttin ist Herakles > namentlich der idäische bekannt 
(Paus. IX, 27, 5 extr. VIII, 31, 1) und eine Reinigung desselben von 
Blutschuld wird theils aus Thespiä (durch Thestios: Apollod. II, 4, 
12) theils aus Amyklä (ebd. II, 6. 2. Ste. Croix 1, 46, 267) uns 
nahe gelegt. Passeri's Deutung auf eine Sühnung des Hernkies 
könnte man demnach annehmlich iinden, wäre nicht der Mangel 
priesterlicher Personen und Geiäthe entschieden dagegen, oline dafs 
etwa der kleine Libationskrug auf einem der Pfeiler die Stelle des 
üblichen Reinigungsbeckens ersetzen könnte. Wenige^chwierigkeit 
wurde die Annalime irgend eines sonstigen durch Herakles verrich- 



170 GERHARD 

teten cerealischen Opfers haben. Es liegt nahe, an die vor der 
Fahrt in den Hades durch Enmolpos erfolgte attische EinweiJiung 
des Helden (ApoUod. II, 5, 12) za denken; im Dankgefiihl der dar- 
auf erfolgten Hülfe opfert Herakles auch, den gefesselten Cerberus 
haltend, einem durch Aehren unzweifelhaft deutlichen Ceresidol auf 
Münzen der Pon tischen Stadt Heraklea (Pellerin P. et Y. IV, 3, 4. 
p. 90). Indefs ist auch diese Erklärung für unser Bild nicht an- 
wendbar, darum weil Herakles hier nur in allgemeinem Bezug eines 
Opferers yor einem Idol erscheint, welches weder durcli Fackeln 
noch durch Aehren oder andre sprechende Attribute der Demeter zu- 
geeignet ist. 

Nach diesem vergeblichen Versuch, cerealische Bezüge für un> 
ser Bild geltend zu machen, bleibt die Möglichkeit übrig, dafs jenes 
schlichte, aber durch beiderseitige Gewandberührung zierlich ge- 
dachte Idol eine Aphrodite yorstellen könne wie solche mit einem 
Modius bedeckt auch sonst nachweislich ist (Anm. 53). In dieser 
Voraussetzung tritt die Verehrung der Aphrodite -Pasiphaessa, der 
Todtenvenus, erklärend ein> deren Dienst Herakles nach Bändigung 
der Geryonesrinder im Lande der Aenianen lehrte *). Wollte mau 
dennoch eleusinische Bezüge festhalten , so bliebe es übrig im 
fraglichen Idol nicht Demeter sondern Persephone, in der ganzen 
Scene des Herakles Einweihung in die der Persephone geweihten 
(Schol. Aristoph. Plut. 846) kleinen Mysterien zu erkennen; doch 
bleibt die oben gemachte Bemerkung, dafs von geheimen Gebräuchen 
hier nichts zu erblicken sei, auch dagegen gültig. 

VII — X. Frauengestalten mit einem Idol. 

Wir betrachten demnächst vier Marmorbilder bekleideter Frauen- 
gestalten^ als deren Stütze das oben (IV) beschriebene Idol wieder- 
kehrt, nämlich die folgenden: 

VII. Die Gruppe im Magazin des Valikanischen Museums, über 
zwei römische Palmen hoch, stellt eine mit langem Chiton ohne Aer- 
mel und mit einem Obergewand bekleidete weibliche Figur dar, die 
sich mit dem linken Arm auf eine der Herme an Höhe gleichkom- 



*) Laut der angeblich im thebanischen Ismenion aufgestellten me 
irischen Inschrift, welche ein pseudo-aristotelischer Autor (de 
mirab. auscult. 145. Vgl. Welcker Sylloge epigr. no. 203, 
p. 254 SS.) uns erhalten hat: 

FriQvovevg dyikrfv ijcT Egv^eiav dyiov 
ras 6k öauttoae n6&i{> JlaOKfa^aaa &€tt. 



VKNÜS-PROSERPINA. 171 

mende Basis lehnt und yon einem höheren Pilaster überragt ist. 
Die gedachte weibliche Figur scheint an den Füfsen nackt zu sein. 
Ihr Kopf ist modern; der rechte Arm fehlt und ihr rechter Schen- 
kel ist yerstammelt. 

YIII. Die lebensgrofse aus Herkulanum herrührende Gruppe im 
Mu$eo Borboniccr ( Neapels Bildw. I, no. 83) ist in Finati*s Yerzeich- 
niüi desselben als Priesterin oer Diana bezeichnet. Die weibliche 
Hauptfigur erscheint in züchtiger Tracht, etwa der üblichen Beklei- 
dung der Musen vergleichbar : in langem Chiton mit kurzen geknöpf- 
ten Aermeln, und von der Mitte des Leibes abwärts, wie über den 
linken Arm, mit einem Peplos bedeckt. Daneben steht das oben be- 
schriebne Idol, auf eine kleine Säule gestellt. Wir haben schon 
oben bemerkt, dafs das um den linken Arm zurückgeschlagene Ge- 
wand auf dem Haupte jenes Idols ruht, daher sein Modins, wenn es 
ihn jemals hatte, nicht sichtbar sein kann. Von dem Erklärer ist 
bemerkt, dafs sowohl die Füfse als ein bedeutender Theil des Ar^ 
mes restaurirt sind; eben so wenig möchten wir das Alter des Kop- 
fes verbürgen , der einBildnifs zu sein scheint und zugleich mit dem 
rechten Arm und einem Theil der rechten Seite aufgesetzt ist. Der 
Ergänzer hat die linke Hand mit einer Schale versehen, ein nicht 
unpassendes Geräth, das auch bei einigen ähnlichen auf ein Pila- 
ster gestützten Figuren gesehen wird, wie auf einer Nemausinischen 
Münze (Mus. Hunter. XL, 6). 

IX. Die ähnliche lebensgrofse aber verstümmelte Gruppe, welche, 
ans den Tuskulanischen Ausgrabungen des Prinzen von Canino her- 
vorgegangen, sichtbar im Portikus der Rufünella oberhalb FraseatVs 
sich befindet, stellt eine der vorigen Gruppe (YIII) ähnliche wie 
auch in ihrem Idol mit dem einer Yatikanischen (XIII) völlig über- 
einstimmende Gewandfigur dar. ihr oberer Theil bis zum Nabel 
fehlt, wie auch anstatt des Arms nur ein Gewandfragment übrig ist, 
das vom linken Arm herabhangend, den Kopf des Idols bedeckt. 

X. Die Hauptfigur der zu Poggio Imperiale befindlichen Gruppe 
von halber Lebensgrofse ist ebenfalls den zwei vorigen ähnlich, nur 
dafs ihr mit einer Stirnkrone geschmückter Kopf unversehrt auf sei- 
ner Stelle sitzt. Das Gewand dieser Figur ist von der rechten 
Schulter abgestreift. Ergänzt ist nur etwa der Unterarm der grÖ- 
fseren Figur. 

Ueber die Gesichtszüge des Kopfes, die vielleicht einem Bild- 
nifs angehörten, läfst die Mittelmäfsigkeit der Arbeit uns unentschie- 
den ; ein Umstand, der um so mehr zu bedauern bleibt, da unter den 
hier zusammengestellten Gruppen nur hier der ursprüngliche Kopf 
erhalten ist, der auch seinem Stirnschmuck nach füglich einer Göt- 
tin beigemessen werden kann, dagegen die schlichte Kleidung und 
die Aufstützung auf ein Idol eher sterblichen Frauen angemessen zu 



172 GERHARD 

ji«in scheint. Im Allgemeinen ist anziineiimen, dafs nachlässig: aufge- 
stützte Stellungen mit der würdeyoUen Darstellung alter Gottheiten 
nicht wohl yerträglich waren. Bedeutsame Stützen sind jedoch 
darum nicht ausgeschlossen; bei Ax)ollo Sauroktonos als Eidechsen- 
tödter ein Baumstamm, neben Bacchus ein Rebstock, neben Merkur 
als palästrischem Gotte der Palmstamm des Siegs sind Belege dafür, 
denen auch ein zur Leyerstütze für Apoll und die Musen angewandter 
Pfeiler hie und da anzureihen ist. Wo aber ein Pfeiler nur als müfsi- 
ger Beisatz sich ündot, wie in einer mehrfach wiederholten, zwischen 
Enterpe und Felicitas schwankenden Figur (Visconti Scult. d. Villa 
Pinciana II, 6, 1. Neapels Bildw. no. 280; Statue im Kapitol. Vgl. 
Abh. Venusidole S. 26 f. ) liegt der Gedanke an sterbliche Frauen 
ungleich näher, denen der sie stützende Pfeiler zur Andeutung ir- 
gend eines Götterdienstes gereichen kann. £s wären demnach in 
diesen Statuen Priesterinnen oder, sofern ihre Tracht kein priester- 
liches Ansehn hat> eingeweihte Frauen mit dem Idol ihrer Göt- 
tin zu erkennen, wobei denn ungesucht die Erinnerung an manchen 
nur von Frauen gefeierten Götterdienst, namentlich den der Thes- 
mophorien sich aufdrängt. Wie aber Erklärungen dieser Art nur auf 
Vermuthung beruhen, so ist schliefslich nicht zu verschweigen, 
dafs die junonische Stirnkrone des einen erhaltenen Kopfes weniger 
fdr Eingeweihte^ denen besser eine Stirnbinde zukäme (Schol. Soph. 
Col. 673), als vielmehr für Gottheiten pafst; [ein Pfeiler als her- 
menähnliche Stütze ist für Götterbilder Aphroditens auch anderwei- 
tig bezeugt] *) und aufserdem wird es bei Erwägung der nächstfol- 
genden Gruppen an Gründen nicht fehlen , vielmehr eine Göttin in 
jenem mehrfachen Bild einer aufgestützten Frauengestalt zu erkennen. 

XL XII. Venus mit dem Idol der Libera. 

XI. Im Casino des Vilia Pamfili findet sich das Marmorbild einer 
etwa vier Palmen hohen und von der Mitte des Körpers abwärts be- 



*) Wie Lenormant Nouv. Gal. myth. III, ;i, p. 118 in Bezug auf das 
Venusbild einer smyrnäischen Münze geltend maclit. Votivbil- 
der einer Gräbervenus glaube ich auch in den nackten auf 
einen Pfeiler gestützten Frauengestalten der Berliner Terra- 
cottensammlung erkennen zu müssen, die Panofka (Terrae. 
XIII. XIV) als Dia Hebe und als Aphrodite Ambologera benennt. 
Ein anderes Thonbild, jetzt ebendaselbst (Gerhard Bildw. 
XCIII, 5), zeigt ebenfalls eine Gräbervenus samt dem Todten- 
genius neben einer Grabessäule, wonach denn auch die, einer 
verschleierten Kora- Libera mit Thyrsus gegenüber, auf einen 
Pfeiler gestützte Frau eines apulischen Vasenbilds (Hancarv. II, 
89. Elite cöramogr. I, 3i) für eine Gräbervenus gelten kann. 



VKNÜS-PROSKRPINA. 173 

kleideten weiblichen Figur. Ihr mit Myrte bekränzter Kopf ist, wie- 
wohl aufgesetzt, dennoch alt und ihr zugehörig; ergänzt aber ist der 
ausgestreckte rechte Arm and der grÖfsere Theil des linken mit der 
Flöte. Es ist yoraoszusetzen, dafs dieser Arm sich auf das hinzu- 
gefügte oben beschriebene Idol gestützt habe, dessen modernen Kopf 
wir bei Vergleichnng ähnlicher Denkmäler durch einen darauf ge- 
setzten Modius erhöht glauben dürfen. Sonstige Ergänzung ist nocii 
in den Füfsen der Hauptügur zu bemerken, an denen nur die linke 
entblöfste Ferse alt ist. 

XII« Die im Text von uns erwähnte Thonfigur kampanischen Ur- 
sprungs ist ungefähr einen Palmen hoch und beiindet sich gegen- 
wärtig im Besitz des Grafen von Ingenheim *). Dargestellt ist darin 
eine halbnackte Frau, deren Gewand über den rechten Arm zurück- 
geschlagen ist und auf einem stark abgestumpften Idol, wahrschein- 
lich dem bereits mehrbesprochenen, ruht. Eine junonische Stirnkrone 
schmückt ihr Haupt Dieser Stirnschmuck sowohl als die Myrtenbe- 
kränzung der erstgedachten Figur läfst zugleich mit der Entklei- 
dung beider Frauengestalten uns zunächst eine Aphrodite in ihnen 
vermuthen. Zwar liegt auch der Gedanke an Thesmophoriazusen 
nicht fern ; Myrtenbekränzung war andi bei ihnen üblich und EntblÖ- 
fsnng ihren Festen und den verwandten italischen der Bona Dea 
gewifs nicht fremd, wie denn namentlich die Nacktheit der Fülse 
dem cerealischen Festzug ausdrücklich bezeugt wird (Callim. H. 
Cer. 125). Alle diese Besonderheiten stimmen aber auch mit der 
Liebesgöttin selbst sehr wohl überein, während die Stirnkrone zur 
Annahme von Eingeweihten ungleich weniger sich eignet. Es bleibt 
daher nur zu fragen übrig, in wie weit die Darstellung einer Yeniu 
neben einem Idol sich denken lasse, dessen in unserm Text festge- 
stellter Begrilf mit derselben Göttin zusammenfallt. Eine solche 
Verknüpfung ist nun keineswegs undenkbar. Selbst neben ihrem 
eignen Idol ist dann und wann eine griechische Gottheit zu finden: 
so Apollo in Bildern des Marsyasurtbeils (Tlschb. lY, 6. Miliin Gal. 
XXYI, 75), so hauptsächlich Bacchus und Yenus. In bacchischen 
Scenen erscheint der jugendliche Dionysos nicht selten handelnd und 
ein ihm gewidmetes Idol seiner älteren bärtigen Bildung zeigt sich 
im Hintergrunde der Handlung. Eine ähnliche Annäherung der Göt- 
tin an ihr Idol anzunehmen, wird bei solcher Analogie auch dadurch 
wahrscheinlich, dafs wir das spesähnliche Idol der Venus neben dem 



') In Berlin, wo auch das Kgl. Museum seitdem unter no. 332. 
3595 antike Repliken derselben Figur besitzt, die Panofka Ter- 
racotten XXI, S. 72 ff. mit der Deutung des Idols als Karpo 
bekannt gemacht hat. 



^) Dionysos, Kora und Hermes: Gerhard Bildw. Taf. XLI. Vgl. 
Anserl. Vasenbilder I, 110. 127. 148. 

9 Jet7A in Stackelberg's Gräbern der HeUenenTaf. LXIX abgebildet. 



176 GKKHARI) 

neben jener Göttin Proserpina, die er in mystiscber Sage (Cic. nat 
D. III, 23 not.) geliebt haben sollte, nach allgemeinerem Volksglau- 
ben aber alljährlich aufwärts und abwärts geleitete. 

Im Allgemeinen tritt überdies die Erwägung hinzu, dafs Hermes 
nicht blos als cerealischer, sondern auch als bacchischer Mysterien- 
gott vielfach bezeugt ist, wie unter andern Denkmälern am einleuch- 
tendsten aus dem Dreiverein der Chablais^schen Herme *). 

XV. Attische Kinweihung. 

Wichtig für unsre Untersuchung ist femer eine attische Gruppe 
von gebrannter Erde, ungefähr einen Palmen hoch, die uns aus 
Stackelberg^s Zeichnung ^) bekannt ist. Das mehrgedachte Idol 
(Exk.IV) erscheint hier auf einer kleinen Säule; auf dieses Säulchen 
stützt sich eine in einen langen Chiton ( mit engen Aermeln und 
einem gezierten Saume, der senkrecht der Länge nach das Kleid 
durchschneidet, wobei der Hals entblöfst bleibt) reich gekleidete weib- 
liche Figur. Ihr rechter Arm ist erhoben, um den Peplos auszu- 
breiten, während der linke sich auf die Säule stützt; ihre Füfse, * 
gleichwie die der andern Frau, sind mit einfachen Scliuhen verse- ' 
hen. Weniger geziert und weniger frei erscheint diese in einen 
langen Chiton, welcher von der linken Schulter herabsinkt, und 
in einen Mantel gekleidet, der, während er leicht die Schenkel be- 
deckt, vielleicht über die rechte Schulter gelegt ist. Sie stützt 
den Kopf auf den linken Arm, ein Zeichen der Traurigkeit oder des 
tiefen Nachdenkens, und sucht sich überdies auf die rechte Schulter 
ihrer Begleiterin zu stützen. Endlich ist wichtig zu bemerken, dafs 
ihre gesenkte Hand einen Spiegel halt. 

Dieses Geräth und hauptsächlich auch der haubenähnliche Kopf- 
putz einer der Jiier dargeBtellten Frauen führen uns leicht zu der 
Ansicht, als sei die hier gemeinte Handlang entweder unter dem 
Schutze des beigefügten Idols zu denken, oder, wofür die nachdenk- 
lidie Geberde der andern Frau spricht, zu dessen unmittelbarem 
Dienst. Man kann das Idol einer Hochzeitsgöttin darin erkennen, 
dem etwa eine junge Verlobte von ihrer erfahrenen Brautmutter zu- 
geführt wird. Aehnliche Gruppen sind in den hochzeitlichen Scenen 
der Aldobrandinischen Hochzeit, in einer einst dem Engländer Jen- 
kins (Tischb. peint. Homer, p. 59. Millin gall. CLIX, 541) gehöri- 
gen Marmorvase und in einem gleichfalls bekannten Relief (Win ckelm. 



\m. 



l 



VENUS -PROSERPINA. i 77 

mon. ined. 129) dargestellt, in welchem Yeniis und Helena in Khn- 
licher Verbindung erscheinen, von Peitho, der Göttin der Ueberre- 
dang, beschützt. Dagegen ist anzuführen, dafs alsdann, anders als in 
jenen Denkmälern, in unsrer attischen Terra- Cotta die geschmück- 
tere Frau für die Pronuba und nicht für die jugendliche Verlobte 
zu halten sein würde, ferner dafs in jenen verwandten Darstellungen 
das Idol nicht in gleich unmittelbarem Zusammenhang mit den ver- 
einigten Frauen zu stehen scheint, deren eine in unserm Denkmal 
sich auf das Idol stützt. Wahrscheinlicher ist es demnach, dafs der 
Haarputz der erwähnten Frau mit dem Spiegel auf einen besondern 
Dienst der daneben befindlichen Gottheit sich beziehe, eine Meinung, 
fir welche sowohl der gedachte Spiegel der einen jener Frauen, als 
auch die Kleidung der andern sprechen. Was zuvorderst den Spie- 
lel betrifft, so würde derselbe nicht sehr passend sein, wenn er in 
[jregenwart einer Göttin die noch nicht vollendete Schmückung an- 
leaten sollte, dagegen er durchaus angemessen ist, wenn er als be- 
Imnntefi Symbol der Mysterien (Creuzer Symb. IV, 196 N. A. Inghi- 
rami Mon. Etr. Ser. II, introduz.) eine Eingeweihte bezeichnet. 
Binsichtlich der Kleidung, mit welcher die andre Frau wahrschein- 
ichi als einweihende Priesterin geschmückt ist, so erinnert in ihr 
1er eigenthümliche Saum, der senkrecht den Chiton durchschneidet, 
m die ganz ähnliche Tracht der Minerva, die namentlich in einer 
berahmten Statue des Dresdener Museums mit ähnlichem Saume und 
innerhalb desselben mit eingewirkten Giganten kämpfen geschmückt 
ist. In priesterlicher Tracht wird eben dieser senkrechte Saum hie 
und da bemerkt: so auf einer Vase des Museo Borbonico (St. VII. 
arm. 4, 3. 5, 3) an drei Frauen mit mystischem Gerath, und eben 
80 im Fragment einer ähnlichen Mysterienvase meines Besitzes. 
Aber auch eine unsrer Terrarotta ganz ähnliche Gruppe kommt hier 
in Betracht, welche im auserwählten cerealischen Götterverein einer 
der ansehnlichsten Vasen desselben vorgedachten Museums neben 
Demeter und Triptolemos sich befindet, nämlich in der anderseits 
mit Poseidon's und Amymonens Darstellung geschmückten grofsen 
Vase aus Armento (Mos. Borb. T. III. Jorio Gall. de* vasi p. 56). 
Die eine Figur jener Gruppe ist anmuthigen Ausdruckes und ein- 
fach gekleidet, die andre ernsteren Ansehens und mit dem erwähn- 
ten, mit gekreuzten Zierrathen geschmückten, Saume geziert. Wenn 
beide in einer Versammlung von Gottheiten wären und Aphrodite 
nicht in der obern Reihe erschiene, würde man beide für Aphro- 
dite und Athene halten; da aber rings umher andre Eingeweihte dar- 
gestellt sind, wird man fuglicher eine Priesterin darin erkennen, von 
der eine andre nach den Mysterien begierige Frau zur Göttin die- 
ser Mysterien und zn deren Liebling, demWohlthäter der Erde, ge- 

12 



178 GERHARD 

fuhrt wird. Wir glauben daher, dafs auch die attische Terracotta 
ähnliche Figuren einer Priesterin mit einer eingeweihten 
Jungfrau darsteile. 

XVI. Rhodischb Münzen. 

Auf Siibermiinzen von Rhodos ist nicht gar selten das Bild einer 
stehenden Göttin zu finden, deren Erscheinung zum Theil durch 
dienende Siegsgöttinnen und Chariten verherrlicht ist % im Wesent- 
lichen aber durch die Geberde einer auf die Brust gelegten Hand 
den bisher betrachteten Idolen sich anschliefst ; der andre Arm pflegt 
gesenkt zu sein und, minder auffallig als bei den Spesfiguren ob- 
wohl im Ganzen denselben entsprechend, das Gewand zu berühren. 
Strahlenbekranzung, wie sie bereits bei dem eben betrachteten atti- 
schen Idol einer Gruppe yon gebrannter Erde nachgewiesen ward, 
zeichnet auch dieses Götterbild aus, wird aber hier verständlicher 
durch die Verbindung mit dem aus denselben rhodischen Miinzen. 
allbekannten Kopfe des Sonnengottes. Diese Verbindung besagt 
nicht mehr als dafs die in jenem Idol gemeinte Göttin einem grofsen. 
Naturgott gepaart zu denken ist, welcher zunächst der aus Korinth 
und sonst bezeugten (Paus. 11,4 extr. Prodr. S. 167, 10. 15) Verbin- 
dung des Helios mit Aphrodite, dann aber auch, ganz wie im samo- 
thratischen Dienst beides zugleich stattfand (Bildw. XLl, oben Th. I, 
S. 45), dem Dionysos und andern Gottheiten der zeugenden Erd- 
kraft gleich gilt. In der That zeigen jene rhodischen Münzen neben 
ihrem Helioskopfe auch bacchische Attribute (Mus. Hunter. XLV, 7) 
oder bieten statt dessen als späteren Ausdruck des Zeus -Dionysos 
einen Sarapiskopf dar (ebd. XLV, 20). 

XVU. DcNKMÄLBRVERZEICHNISS DES loOLS. 

Bei erneuter Erörterung des bis hieher besprochenen Idols im > 
Exkurs meiner Abhandlung Ueber Venusidole (Berl. Akad. 1843) 
war dessen Denkmälerzahl auf mehr als das Doppelte angewachsen. ; 
Die elf oben (Anm. 5—15) verzeichneten Idole sind dort unter no. 1. ' 
20. 25. 5. 6. 7. 4. 22. 2. 3. 19 wiederholt, auCserdem aber viele | 
andre in einem übersichtlichen Verzeichnifs hinzugefugt, welches mit 
entsprechender Bezifferung dem hienächst folgenden zu Grunde liegt. 



Mus. Hunter. XLV, 11. Abh. Venusidole Taf. IV, 7. 8. Vgl 
Eckhel D. N. 11, 603: „domegticum nlianod Mhodiorum nvmen' 
Gerhard Prodr. S. 168, 18. 



,♦ ' 



VENUS - PROSERPINA. 179 

1. Marmorgruppbn, statuarische nnd in Relief. 

1. T9d nnd Schlafe das Idol daneben. Gnippe Ton 8, Udefonso 
(Exkurs Y). 

2. Bacchus auf das Idol gestutzt. Im riietürnfi (Exkurs XIII). 

3. Merkur^ eben so. Aus Pompeji (Exkurs XIY). 

4. Venus oder Eingeweihte, halbnackt, eben so. In Villa PamfiH 
(Exkurs XI)« 

5 — 9. Desgleichen, hehleidete Frauen^ gleichfidls auf das Idol ge- 
stutzt, nämlich: 

5) Herkuinnische Gruppe (Exk. VIII)« 

6) TusJsulnnische (Exk. IX). 

7) Fiorentiniscke (Exk. X). 

8) Tarquiniensische , jetzt in Berlin: AbluuidL aber Venus- 
idole II, 5), 

9) Rollinsche lu Paris: Abh. über Venusidole II, 6)« 

\iL Amor oder Todtengenius auf das Idol gestutzt. Tor?ofiwi*sches 
Relief zu Rom (Abh. Venusidole VII, 2). 

11. Statuenfragment einer Concordiw, an ihrem Thron ein Amor 
in Relief und der statuarische Rest eines ähnlichen Idols. 
In Vatikan (Beschreib. Roms II, 2, S; 122, 3. Abh. Venus- 
idole IV, 3). 

i%, Idol aus Pompeji j ohne gröfsere Hauptfigur: Museo Borb. 
IV, 54. Clarac no. 1422. Müller Denk». U, 262. 

13. Idol mit Apfel auf der Brust; als ^n^ der Hekutegestdlten 
in dreifachen Marmorbildern dieser Göttin zu Cataio und zu 
Leiden. (Archäol. Zeitung 1843, Taf. VIU. Abh. Venus- 
idole Taf. V, 1—3). 

14. Idol mit Modius und mit Hand auf der Brust Sitzende Ein- 
geweihte und Nebenfiguren« Relief bei Caylus Recueil 
VI, p. 117. 

15. Idol mit Modius, dem eine Gans dargebracht wird. Relief 
bei Paciaudi Mon. Pelop. II, p. 210. Creuzer Abb. z. Symb. 
XLIX, S. 59 ff. 

16. Weibliches Idol, yielleicht mit Modius, au der Basis ein Pan- 
ther; bacdiische Figuren daneben. Barberinisches Relief zu 
Palestrina. Abgeb. als Titelvignette der Venere- Proserpina. 
Vgl. Anm. 35. 

17. Weibliches Idol in Hermenform mit Modius; daneben eine 
darauf gestützte Frau. Kleine Marmorgruppe im Magazin 
des Vatikans (Exk. I). 

18. Aehnliches Idol in Hermenform mit Modius, als Stütze eines 
lorberbekränzten Jünglings, yermuthlich Apolls. Thonfigur 
der Berliner Sammlung no. 3127. 

12* 



180 GERHARD 

11. Rrz- und Thonfigurbn, statuarisch. 

1. Etraskische Krzfi garen einer in Gewandfassong (Mi- 
cali Mon. XXYHI, 5. XXXIV, 4) und Attributen, dann und 
wann auch durch die der Brust aufruhende Hand (zu Flo- 
renz: Venere-Proserpina tav. A» Abh. Venusidoie S. 17, no. 13, 
Taf. If, 4) yennsähnlich gebildeten Juno oder Cupra. Vgl. 
Abh. Etrusk. Gottheiten (Berl. Akad. 1845) Anm. 86. 

2. Römische Gruppe von Erz aus Gallien, eine Venus zu 
Wagen mit der auf die Brust gelegten Hand darstellend. 
Grivaud Antiq. Gaul. pl. XXV, 7. Vgl. Abh. Venasidole 
S. 18, no. 17. 

3—14. Statuarisches in gebrannter Erde, von griechi- 
scher Kunst. 

3) Nackte Venus mit Modius, die rechte Hand auf der Brust 
linkerseits angelehnt. Aus Aegypten? In der PnItVschen 
Sammlung. Zeichnung im archäol. Apparat Jl, fol. 61 A, 

4) KurzbeUeidele Göttin mit ModiuSj r« gesenkte Fackel, 
I. Blumen auf der Brust. Idol eines Todtenopfers in Re- 
lief, die Tracht dianenÜhnUeh ^ sonst an Aphrodite Pasi- 
phaessa erinnernd. Unteritalisch. Abg. bei Gerhard Bildw. 
LXXV, 1. 

5—8) Bekleidete Venus, die rechte Hand auf der Brust, die 
linke speeähnHch am Gewand. Athenisch. Exemplare bei 
Stackeiberg Gräber LVII, 2 und im Besitz des Professor 
Rofs zu Halle. Noch zwei ähnliche sind in der kgl. Samm. 
lang zu Berlin mit no. 521 und 3536 bezeichnet. 
9 — 12) Bekleidete Göttin mit Modius^ die rechte Hand spes- | 
ähnlieh am Gewand, die linke unter der Brust haltend, in ^ 
einem Exemplar (Arch. App. T, fol. 67) ohne Attribut, in zwei : 
andern (ebd. fol. 66. 84) mit einer Taube* Sicilisch^ bei Po- 
liti. Zeichnung im Arch. Apparat T, fol. 66. — Ein ähnliches 
Idol der Berliner Sammlung, ohneModius, eine Blume an 
die Brust drückend, ist bei Panofka T. C« LIV, 2 als 
„Demeter Chloe** abgebildet. 
1-3) Desgleichen mit straMenbekränziem Modiu$^ in der oben 
(Exk. XV) erläuterten attischen Frauengruppe. Vgl. Abb. 
Venusidole S. 19, no. 19. 
14) Aehnliches, doch minder deutliches Idol, als Stutze einer 
halbentblöArten Venus mit Stirnkrone. Im Besitz des Gra- 
fen von Ingenheim und in der kgl« Sammlung zu Berlin 
no. 332. 3595. Vgl. oben Exk. XII und Abh. Venusidole 
S. 19, no. 22. 
15. Halbfigur mit Modius; die rechte Hand ruht einen Apfel 
haltend nuf der Brtist; das Ganze auf einer runden Basis 



\ 



VENUS .PROSBRPINA. 181 

(Ton Thon oder Marmor?). Dalmatucb. Paciandi Mon. 
Pelop. II, p. 170, 5. 

16-27. Brastbilder von Thon, meist unbekleidet und mit 
dem Modins bedeckt, eine Hand oder auch beide auf die 
Brust gelegt (Berliner T. C. no. 22^. 2U. 351. 3605), dann und 
wann yerschleiert und dann auch wol durch einen Halbmond 
ausgezeichnet, andremal durch eine grofse Blume bekrönt 
und von Broten umschwebt, sind aus unteritalischen Gräbern 
hauüg zum Vorschein gekommen; in der Berliner Samm- 
lung gehört dahin die mit 7:^—79 bezeichnete Reihe. Vgl. 
Gerhard Bildw. XVIII. XCIV, 4. 5. Abb. Venusidole S. 17, 
no. 15. 

28. Thonrelief einer Lampe bei Passeri: Herkules als Opferer 
vor dem Idol stehend. VgL oben Exkurs VI. Abh. Venus- 
idole S. 18, no. 20. 

n. MÖMZTTPBK. 

1. Amf rhodudien Münzen: strahlenbekränzte Göttin mit Modius, 
die rechte Hand auf der Brust. JR. Sonnengott. Vgl. oben 
Exkurs XVI. Abh. Venusidole S. 17, no. 14. 

1, Auf Münzen von Sebaslopolis Ponti. Stehende Göttin, an- 
geblich Juno Pronnba, in langem Gewand, mit Modius und 
verschleiert, die linke Hand auf die Brust gelegt, die rechte 
spesähnlich am Gewand. R, Kopf der Julia Domna. Abg. 
bei Pellerin P.etV. 111, 136, 9, p. 256. Vgl. Eckhel D. N. 
U, p. 358. 
V. Gbmmbnbildbr, 

Idol mit Modius, ein Becken oder eine Muschel vor sich haltend, 
neben Apoll und verschiedenen andern Figuren *) vielfach 
mifsverstanden, zuletzt von Muller Denkm. II, 129 für eine 
Möre erklärt. Vgl. Abh. Venusidole S. 19, no. 23. 
^ Auf Thomgbfassbu. 

Apulischer Aryballos der Palagi*schen Sammlung zu Mailand. 
Das Idol, durch Modius und Spesbewegung kenntlich, steht 
zwischen Frauenköpfen, welche sich auf die beiden eleusini- 
sehen Göttinnen beziehen mögen. Abgebildet in der Archäo- 



') Als Hauptügur erscheint nehen jenem Idol haoptsachlich ein 
kitharspi elend er Apoll (MaffeiGemm.tav. 4. Lippert I, 55. 
Stosch 11^ 1129. Müller Denkm. 11,129), oder auch ein Apollo 
No mios mitPedum und Stern (Lippertscher Abdruck), aber auch 
eine Terpsichore, im Stein des Onesas (Gall. d. Fir. V, 2, 
tav. LI, 3. Vgl. L, 3. 4 kleine Höre; LI, 1 Libera mit Modius). 
Das Figurchen ühdet sich auch mit Schale oder Kästchen (Cay- 
lus V, 52, 1) und mit in die Höhe gestrecktem Arm (ebd. 56, 1). 



18!^ 6RRHARD 



logischen Zeitung VIII, Taf. 16, 6.7. Vgl. Abb. Venusidole 



m 

ii 



^ 



S. 18, no. 19. 
VL Als Hkrme und Pfbilbr. 

Endlich sind zu Yollstandiger Kenntnifs des in Rede stehenden 
Idols die weiblichen Hermen sowohl als auch die Pfeiler zu iid 
betrachten, welche bei übrigens gleicher Gruppirang hie und jMb 
da statt der gewöhnlichen und bis hieher nachgewiesene]) m 
Bildung sich finden. So die weibliche Herme mit einer dar- lin 
anf gestutzten Fran in einer kleinen Marmorgrnppe im Ma- fal 
gazin des Vatiicans^ oben Exkurs I; so die Pfeiler, die ab Lj 
Stutzen einer angeblichen Euterpe oder FelicitaM (Neapels V 
Bildw. S. 83ff. ) in bekannten Marmorgruppen mehrfach sich ^' 
ünden, in einer ähnlichen Thonfigur auch als Aphrodite g. 
Ambologera (Panofka T. C. XIV) benannt worden sind, siche- 
rer aber eine Aphrodite Nikephoros (Münze von l^yrna : Le- 
normant Nouy. Gal. III, 2, p. 1 8) als darauf gelehnte Göttin L 

nachweisen lassen. Vgl. Abh. Venusidole S. 20, no« 25. 26. {n 

I 

XVIII. Venus Libitina auf Gemmen und Glaspasten *). ''■ 

Zu fernerer Erläuterung der Venus Libitina und zugleich ^ 
zu besonders einleuchtendem Beispiel wie manigfaltige und eigen- L 
thnmliche Darstellungen antiker Kunst vorzugsweise oder aas- L 
sohliefslich auf den Gemmenbildern geschnittener Steine und der 
ihren Vorrath ergänzenden alten Glaspasten sich erhalten habeiif 
Tersuchen wir es den so weitschichtigen als wenig bekannten Bilde^ [3 
kreis einer als gierige Todesgöttin gedachten^ als Grabesgöttin (Epi- ^ 
tymbia), Todtengräberin {ivfißo^qvxos)^ als Mond- und Unterwelts- L 
gÖttin Pasiphaessa, hauptsächlich aber im römischen Ausdruck der ^ 
Libitina bekannten Venus hienächst zu erörtern. Wenn die An- L 
nähme und Benennung einer solchen Göttin zeither für eines und 
das andre Bildwerk angewandt wurde, so geschah es durchaus will- 
kürlich. Am wahrscheinlichsten ward eine tief und schattenähnlich 
TerhttUte Figur (oben Anm. 19) dafür gehalten; aber noch manche ^ 
andre eigenthümliche Darstellung läfst aus demselben Ideenkreis sich 
erklären. So gehören dahin ohne Zweifel die merkwürdigen Deckel- 
bilder eines in unsern Tagen (oben Th. I, S. 145) in Ostia ausge- 
grabenen Sarkophags mit Relief-Darstellung der Endymionssage (Ger- 






Früher erschienen in Schorn's Kunstblatt 1827 no. 69. 70. Za 
vergleichen sind meine Erörterungen im Prodromus mythol. 
Kunsterkl. S. 246 ff. und die durch Jahn*8 Archäol. Bei tr. S. 163 ff. 
hervorgerufenen in der Arch. Zeitung 1848, Vi, no. 23. 



\ 



VENUS -PROSBRPINA. 183 

iiard Bildw. XXXVI, S. 280). Der Gruppe einer Psyche^ welche 
einen Amor mit nmgestärzter Fackel yergebens festznhalteu laclit, 
gegenüber ist dort eine unbekleidete Venus Torges teilt, welche yon 
zwei Amoren geschmückt wird; unten und abwärts sitzt eine trauernde 
Psyche. Wie wenig diese letztere in eine tou der Erzählung des 
Appalejns abweichende Sage einzuzwängen sei, lehrt die Vergleichung 
eines Stoschischen Karneols (Winck. If, 550), auf welchem die To* 
desbeziehung einer Venus Anadyomene, der Amor einen Spiegel ent« 
^genhält, durch einen Schmetterling angedeutet ist, statt, wie vor- 
her, durch die menschliche Figur der Psyche. 

Während diese Denkmäler uns yielleicht genügen könnten um 
auch Werke wie die Dresdner Marmorgruppe (Aagasteum Taf. fi%» 
Verz. no. 216) einer sitzenden Venus, neben der sich Amor und 
Ps7<^e umarmen, auf Libitina za beziehen, dürften Manche die Nähe 
der mythischen oder symbolischen Psyche neben Venus nur für eine 
Allegorie aaf die Reinheit der Liebe zu deuten geneigt sein. Hier 
aber belehren uns die zahlreichen Bilder alter Steinschneidekunst, 
wie es mit jener reichgeschroückten Liebesgöttin gemeint sei. Ei 
ist Venus, der Parzen älteste (Paus, f, 19, 2): so durften wir der 
Bedeutung nach und würden wir unbedingt antworten, müfsten wir 
ni<^t unsern Beweis zunächst aus Denkmälern später Zeit führen; 
daher auch auf Winckelmanns (Stosch II, 357) entsprechende Deu- 
tung eines hieheT gehörigen Denkmals, nach ihm einer Parze mit 
Sfinnrochenj nichts gegeben werden, vielmehr theils in jener Glas« 
p«tte, theils in einer andern mit Unrecht Ton ihm getrennten (Stosch 
II, 541 ; das Gerätli etwas gekrümmter ) , nur eine Venus mit blatt- 
förmigen Fächer, obwohl bei Vergleichung ähnlicher Denkmäler aller- 
dings in beiden eine Venas Libitina, erkannt werden soll. Wohl aber 
sind andre Glaspasten beweisCähiger, die in gleich stumpfer Arbeit, in 
der Entblöfsung der weiblichen Figur und in ihrer Anlehnung auf 
eine Grabessäule jenen beiden yorerwäbnten entsprechen. Eine 
Figur dieser Art kennen wir zuvörderst aus der Zeichnung eines 
ähnlichen Denkmals (Arch. App. T, fol. 670?), die wir dem Kanonikus 
Jorto zu Neapel yerdanken. Dasi Nebenwerk, ein Amor, der nach 
dem Schmetterling hascht, soll uns auch dort nicht Alles beweisen, 
wohl aber, dafs in der ganz äbntichen Vorstellung einnr Stoschischen 
Paste (II, 563) statt des Schmetterlings ein Vogel eintritt, luden 
häuügen Gräbervorstellungen schnäbelnder Vögel und selbst in der 
Vorstellung des Flügelknaben, der mit einem Vogel spielt, darf ein 
solches Thier mit Wahrscheinlichkeit als Symbol der schwirrenden 
Manen angenommen werden; daher bedeutet es in jenem Bilde nicht 
weniger als der Schmetterling den irdischen Lebenshauch, nach wel- 
chem Amor der Gemahl der Psyche hasclit. Bei solcher Voraus- 
setzung ist aber nicht blos die Venus jenes Bildes eine Libitina; 



184 GERHARD 



« 



dieselbe Venus an der Säule ist es auch, wo sie ohne des Amors 
Gegenwart einen Vogel hält« So erblicken wir sie auf einer gro- 
fsen schwarzen Glaspaste in Hrn. Vollard*s Besitz (Arch. Apparat 
FoL 67 v); doch ist dort die Vorstellung durch ein nicht lünlänglicb 
deutliches Nebenwerk bereichert ^ etwa durch die schwebende Figur i 
einer Viktoria und alsdann mit einer ausgedrückten Beziehung des « 
Todes als Sieg über die Mühen des Lebens. Diese Deutung ge- ii 
winnt an Wahrscheinlichkeit durch das räthseihafte Nebenwerk über ,1 
der rechten Schulter einer ähnlichen allem Anschein nach kahlköpfi- ^^ 
gen Figur auf einer grolsen schwarzen Paste in Thorwaldsens Samm- 
lung : während man bei der stumpfen Arbeit und durch einen gegen- 1 
über flatternden Knaben anfangs versucht wird einen roh angedea- t 
teten Schmetterling zu erkennen , entdeckt man bei genauer Beob- j 
achtnng ein weibliches Brustbild , das entweder geüügelt ist, oder 4 
einerseits eine Palme hält, in jenem Fall fast sicherer als in diesem ji 
auf eine Viktoria, in beiden aber auf Sieg bezüglich. ji 

Diese Idee des Sieges wird sich noch an einer andern Reihe \i 
verwandter Figuren nachweisen lassen^ wenn sich aus den einmal , 
zusammen gerückten Bildwerken der auf eine Grabessäule gelehn- 3 
ten, lockenden und darum unbekleideton Libitina noch jene bac- u 
c bis che Mysterienbeziehung erwiesen haben wird, an der wir frü- ; 
her zweifelten. Auf einer Paste in meinem Besitz (ArchäoL App. 1 
Fol. 67 a) hält dieselbe Figur eine unverkennbare Traube; auf |« 
einer andern Paste, die ebenfalls vorliegt, scheint das Gerätli, nach 
welchem Venus den Flügelknaben haschen läl'st, jedenfalls ein früher {i 
nicht erwähntes Attribut, eher ein Weinblatt als eine Weintraube. 

Wäre nun hiedurch nächst der unbekleideten Vorstellungs weise 
der Venus Libitina aueli ihre bacchische Beziehung und zwar, da wir n 
dieselbe kaum anders fassen können^ ihre Identität mit der Bacchus- \ 
gemahlin der Mysterien, der Göttin Libera nachgewiesen, so dürfte 
es nicht allzu gewagt sein, eine auf Gemmen und Glaspasten eben- 
falls häuüge Vorstellung, die allerdings in den Katalogen, bald histo- 
risch als Sophonisbe und Artemisiaj bald und seit neuerer Zeit vor- 
zugsweise als Hebe oder Jriadne ') bezeichnet wird, ebenfalls der 
Libitina zuzuwenden. Was jene letztere Benennung veranlassen 
mochte, ein über mehrere jener Figuren gezogenes Rebengewinde '), 
entspricJit nach dem geführten Beweis bacchischer Attribute auch 



*) Als Hebe bei Lippert 1, 367. Stosch II, 175. Tassie 1275 
bis 1305; als Ariadne bei Lippert 1, 144. 649. Stosch II, 
1465.1466. 

') So bei Tassie 1303 — 1305, und in zwei Pasten meines Besitzes. 
Arch. App. T, fol. 65 g, 



VENUS - PROSBRPINA. 1 85 

der Libitina; eben dieser, der Ariadne aber keineswegesy auch die 
leiten aasgelassene Siegesbezeichnung eines mit einer Palme yer- 
sehenen Gefäfses und selbst die durchgängig an den Mund ge- 
fahrte Schale ahnlicher Figuren. Bei jeder andern Erklärung und 
nantentlich bei der einer Ariadne erscheint diese Bewegung ohne bie- 
londre Beziehung; bei Libitina kann sie zum Ausdrucke der nach 
Trankopfer gierigen Göttin gelten, zur Unterscheidung von ändern 
Gottheiten, welche die für Libationen dargebotene Schale eben nur 
ruhig ru halten pflegen. 

Noch eine andere Reihe von Darstellungen, welche hier in Be- 
tracht kommt, beruht auf dem Typus ähnlicher Frauengestalt^n, 
welche an eine Säule oder an einen Pfeiler gelehnt erscheinen 
and zunächst durch das Gemmenbild einer an eine Säule gefessel- 
ten nackten Frau «^ Glaspaste meines Besitzes) den vorgedachten Ye- 
nusbildern sich anschliefst. Soll man dabei an eine nach spartani- 
schem Brauche (Paus. III, 15, 8) gefesselte Yenus denken? Für be- 
deutungslos darf in altem Kunstgebruch nicht leicht etwas gelten: 
80 ist auch der Säule oder dem Pilaster, wie es manchen ähnlichen 
Fraaengestalten (oben Exk. YIII — X) zur Stutze dient, und aufserdem 
manchen Bacchusflguren auf Pasten ganz ähnlicher Manier (Stosch 
II, 1441. 1442) und einem mit jenen zusammengereihten Hermaphro- 
ditra (Stosch II, 1440 „Bacchus**) zugetheilt ist, die Geltung einer 
Grabessäule leicht einzuräumen, und zwar in Zusammenhang mit dem 
for Liber und Libera anerkannten, vielleicht auch dem Hermaphrodit 
als Wittwengott (wenn Alciph. III, 37 dafür zeugt) zustehenden, Bezug 
auf Tod und Unterwelt. Nachdem wir den Schmetterling zur An- 
deutung einer Yenus-Libitina angewandt fanden, würde ein solches 
Nebenwerk, wie wir es in einem vorliegenden Gemmenabdrnck (Arcfa, 
App. Fol. 64 m) sehen, auch der obigen Deutung jener angefesselten 
Figur keinen Eintrag thun; wohl aber wird die Deutung dadurch 
bedenklicher, dafs sie nicht blos in dieser Wiederholung mit dem 
Schmetterling, sondern auch in einer andern Paste meines Besitzes 
(Ajrch. App. T, foL68<) statt der vorherigen Säule an einen Baum, 
etwa eine Weide, gefesselt ist Yon einem solchen Baum ist auch 
bei Psyche nicht die. Rede, an welche man sonst bei ähnlichen Yofw 
Stellungen zu denken pflegt; auch erscheint Psyche nicht leicht flü- 
gellos. Nichtsdestoweniger beruht, in Erinnerung häufiger Yorstel- 
lungen des eben so an eine Säule oder an einen Baum gefesselten 
Amor (Stosch II, 855. 856), die wahrscheinlichere Deutung bei 
Psyche, deren Erscheinung ja nicht immer aus dem Appolejus, 
sondern auch nach dem ganzen Sinn ihrer Dichtung erklärt werden 
darf; auch flnden sicli^ obwohl allerdings selten (Stosch II, 866), hie 
und da die Fliigel der Psyche vernachlässigt. Wenn wir übrigens 
zu diesen seltenen Ausnahmen gewisse vermeintliche Psychebilder 



186 GERHARD 

nicht rechnen, deren Entblöfsnng zugleich mit der benachbarten Saale 
Ton neaem die Deatang auf Venus Libitina begünstigt, so thnn wir 
dies init gröfserer Geneigtheit eine und die andre trauernde Figur theils 
aus der Heroengeschichte theils ans einer yerklarten Darstellung des 
Alltäglichen zu erklären; was aber Ton solchen trauernden Figuren 
(Stosch II, 858 bis 861 — YgL 1864 — 863. 864) gilt, durfte auch yon 
der Fischerin ebd. II, 862 zu behaupten sein. 

Wie nun so eben diese Flügellosigkeit und selbst die Rntblö- 
fsung einer weiblichen Figur uns zwischen Psyche und Venus zwei- 
felhaft liefs, so lassen andre Fälle aus ähnlichen Gründen selbst zwi- 
schen Venus und zwischen Parzen oder Musen die Wahl. Ent- 
blöfste Parzen sind uns aus alten Bildwerken nicht erinnerlich,' da- ,\ 
her denn eine halbnackte Figur, welche yon Winckelmann (Stosch !« 
II, 358) so benannt ward, uns lieber für eine Venus gilt» der als l 
Libitina wohl auch komische und tragische Maske (Mus. Pio-Clem. i 
VII, 13) und als ältester Parze selbst die Spindel gegeben werden -t 
konnten. Den Musen, die in Marmorwerken höchstens eine entblöfste [ 
Schulter zeigen, wird auf Gemmenbildern wohl auch eine entblöfste 
Brust, selten jedoch auch auf diesen ein völlig entblöfster Oberleib i 
zugestanden. Wo letzteres der Fall zu sein scheint, beruht es zum ^ 
Theil auf offenbaren Irrthümern. Eine Enterpe mit Syrinx (Stosch : 
U, 1270) heifst richtiger eine Bacchantin, was selbst auf nackte oder : 
halbnackte Leyerspielerinnen sich ausdehnen läfst, die fiir Terpsi- i. 
chore gelten (Stosch II, 1266. 1267); eine entschiedene halbnackte ji 
Urania (Stosch II, 1281) kann wohl auch einmal als Venus Urania |i 
gedacht sein, und um die allerwärts eingehSllte Polyhymmnia in einer 
halbnackten Frau zu erkennen^ würde das Attribut einer Rolle, 
selbst wenn es deutlicher wäre als es bei Stosch II, 1273 ist, nicht 
genügen. Viel eher kann bei Vorstellungen dieser letztern Art, bei 
welchen die Rolle zum Theil entschieden ist (Stosch II, 1276. 1278. 
Vgl. Arcb. App. T, fol. 67Xr), wegen der sie begleitenden Säule ernst- 
licher an eine ungeflügelte Psyche (ygl. ebd. 11^ 1278 mit 813) oder 
wiederum an Venus Libitina gedacht werden; für eine oder die 
andre spricht die Vorstellung des an eine Säule gelehnten und eine 
Rolle betrachtenden Amor (Stosch II, 773, mit Bildnifs auf der Rück- 
seite) und die Schicksalsbedeutnng dieser Rolle bei häufigen Fingel- 
frauen, in deren Händen sie mit Schild und Helm wechselt, zu ge- % 
nngender Andeutung einer auch über das Leben hinaus führenden 
Siegesgöttin. Die Belege hiezu finden sich auf fünf Pasten meines < 
Besitzes; auf einer sechsten ist die auf einen Schild schreibende i 
Victoria, die irgendwo (Zoega Bassir. I, 18) auch Fatum ge- 
nannt wird, yon einem Amor begleitet, schwerlich zur Bezeichnung 
eines auf Siegestropäen einzuschreibenden Liebessieges, sondern 
weil der Fiügelknabe Amor dem Lebensgenius, die geflügelte Sieges- 



VENUS -PROSBRPINA. 187 

gettin Viktoria der ungeflngelten Venus Victrix nahe Yerwandt iat 
Die Zosammenstelliing jener beiden Göttinnen läfst sich auch weiter 
durchfahren: Venus yictrix findet sich .nicht Mos mit Beziehun- 
gen auf Mars 9 sondern auch mit entschiedenem Nebenwerk bacohi- 
sehen Dienstes, an ein Priapnsidol gelehnt, während sie Helm und 
Speer halt, auf einer Glaspaste meines Besitzes dargestellt Auch darf 
eine solche Verknüpfung uns nicht befremden, nachdem wir schon auf 
zwei oben erwähnten Pasten die Tödesgöttin Libitina durch Sieges- 
attribute bezeichnet fanden; wohl aber dürfen wir dringender ver- 
langen, dafs die allerdings nur sparsame Grabesandeutung durch eine 
Saale oder ein Säulenkapitell neben anderweitigen Schicksalsattri- 
baten eine ungeflugelte Sieges- und Schieksalsgöttin statt einer Muse 
bezeichne. Einer Muse wurde weder die Aehnllchkeit mit einer 
Victoria passen, noch einer andern als der stets eingehiUlten Klio 
und Polyhymnia die Rolle: daher sind denn für uns jene halbent- 
blöfsten und an eine Säule getlehnten oder auf ein Kapitell gestütz- 
ten *) Frauen keine Musen sondern Bilder der Libitina« 

Es liegt nahe, diese Bestimmungen auch auf andre ähnliche Fi- 
guren auszudehnen, deren unleugbare Musenattribute fuglich auch 
Attribute einer Libitina sein können. Wir hatten diese in der Gel- 
tung der Mysteriengöttin Libera nachgewiesen; in solcher fuhrt sie 
aof einem Karneol meines Besitzes neben dem bacchischen Thyrsus 
auch eine Maske, und wenn wir nun in der Hand einer halbnackten 
Fraa, deren erhobener FuCb auf ein Säulenkapitell tritt, auch eine 
Maske und auch einen langen Stab sehen (Stosch II, 1255), wenn 
eine ähnliche Figur an eine Säule gelehnt eine Maske liält (ebd. 
II, 1!255) und wenn wiederum eine ähnliche, auf ein Kapitell gestützti 
nächst der Maske und ihrer Stellung (ebd. 278. 1277) durch einen 
umlaufenden Rebstock (ebd. 11^ 1283) bezeichnet ist, gleich den 
obenerwähnten Vorstellungen einer trinkenden Libitina, so scheint bei 
allen diesen Figuren ungleich mehr Grund Yorhanden, sie fiir eine 
Libitina zu erkennen, als fdr eine Muse Thalia, Dies findet nach der, 
vorher selbst an einer Venus yictrix nachgewiesenen, bacchisch-priapi- 
schen Beziehung der Venus-Libera, noch mehr bei zwei ebenfalls Tha- 
lia benannten Frauen statt, welche halb entblöfstTor einem Priapnsidol 
sitzen und eine Maske halten (Stosch II, 1286. 1287). Nichtsdestoweni- 
ger scheinen wir hier bereits die Grenze sicherer Bestimmungen über- 
schritten zu haben; denn eine jener Figuren (ebd. II, 1283) hält 
aufser der Maske auch ein Pedum; dasselbe Attribut findet sich auf 
zwei ähnlichen Vorstellungen (ebd. II, 1282. 1284), und zum üeber- 



*) An eine Säule gelehnt sind ähnliche Frauen bei Stosch II, 1272. 
1273 (ygl. Arch. App. Fol. 66 n); auf ein Kapitell gestützt ebd. 
II, 1277. 1278, so auch eine Flügelfigur in meinem Besitz. 



188 GERHARD 

flnfs fahrt eine yierte dieser Art auch das zottige Franzengewand 
der Komödie (ebd. II, 1!^4): hinlänglicher Gmnd, um bei so ver- 
mischter Darstellung einer entschiedenen Libitina und einer eben so 
entschiedenen komischen Mnse die Untersuchung einzuhalten, bis 
neuer Za wachs der Denkmäler und anderweitige Forschung ihr eine 
gesichertere Grundlage verheifsen. 

XIX. Über das braunschweigische Onyxoefäss *). 

Ans gangbaren antiquarischen Buchern, wie aus dem lebendigen 
Gerücht, welches der Beschauang eines kostbaren Kunstgebildes 
unausbleiblich nachfolgt, ist das durch die Plünderung Mantua^s im 
Jahre 1630 nach Deutschland gekommne und seitdem im herzoglichen 
Museum zu Braunschweig aufbewahrte^ goldgefafste and mit Bild- 
werken cerealischen Dienstes verzierte Onyxgefafs als eines der 
wichtigsten antiken Denkmäler bekannt. Pracht, GrÖfse und Be- 
handlung des Steines machten es ebenso anziehend als Um£ang und 
Bigenthiimlichkeit der auf ihm dargestellten Bildwerke; nichtsdesto- 
weniger fehlt es noch immer eben so sehr an einer anschaulichen 
und sorgfaltigen Zeichnung, als an einem grandlichen VerständniÜB 
des merkwürdigen Denkmals. Kostenaufwand und Schwierigkeit 
mancher Art liefsen nach den veralteten Zeichnnngen, die durch 
Bggeling ') neben einem Bogen sorgfältiger Erklärung sich vorfinden, 
keine mit geübterem Blick unternommne, mit Sorgfalt durchgeführte 
und von erweiterten Hülfsmitteln der Kunsterklärung unterstützte, 
Abbildung jenes H'erkes zum Vorschein kommen, und um das wich- 
tige Werk bei gelehrter Behandlung nicht ganz zu übergehen, konn- 
ten selbst von Seiten bedeutender Gelehrten erhebliche, ''auf die Feh- 
ler der früheren Zeichnungen gestützte, Mifsgriffe nicht ausbleiben. 

Obwohl nun, was ich seiner Zeit vergebens versachte, die ge- 
treue mehr oder weniger ausgeführte Zeichnung eines Denkmals das 
zu den berühmtesten Kunstschätzen Deutschlands gehört, ein fort- 
während unerfülltes Bedürfnifs bleibt, so glaube ich doch, bis von 
anderer Seite her dazu Rath wird, der Kenntnirs und Anwendung 
des gedachten Monuments durch folgende, anf flüchtiger Durchreise 
durch Braunschweig genommene '} genauere Notiz über die darge- 



*) Früher abgedruckt in Schorn^s Kunstblatt von 18!27. 

^) Eggeling Mysteria Cereris et Bacclii 1682; daraus in Gronov's 
Thes. Antiq. YH, 26. Aufserdem bei Montfaucon (Antiq. expl. 
II, 88), Mariette (traite des pierres gravees) und Andern. Vgl. 
Müller Handb. 264, 1. 358, 4. 

^) Der weiland üblichen dracheniiaften Behütung unserer biblio- 
thekarischen und Kunstsammlungen gemäfs durfte ich im Jahr 



VENtlS-PROSERPINA. 189 

stellten Bildwerke einen Dienst zu leisten. Wir beginnen zu diesem 
Behaf von der Haoptdarstellang des länglichen Opferkruges, indem 
wir die Meinung hegen, dafs die unzweifelhafte Bedeutung derselben 
sehr geeignet sei, irrige Ansichten zu berichtigen, und uns einer 
blofsen, Ton aller vermuthlichen Erklärung entblöÜBten, Beschreibung 
zu überheben. Unzweifelhaft sind dort auf gemeinschaftlichem 
Schlangenwagen Ceres und Triptolemns und zwar jene rechts 
von idiesem, wie es schon der ungenannte Erklärer richtig erkannte, 
ohne dafs er bei trügerischer Zeichnung seiner Meinung Glauben 
za Terschaffen yermochte. Nicht mit lang herabfallendem JEIaar son- 
dern aber einem Unterkleid mit geknöpften Oberärmelni durch ihren 
Mantel yerschleiert, ist Geres dargestellt; sie hält die Aehren in ihrer 
R<echlen. Der zu ihrer Linken stehende Triptolemus ist mit einer 
Chlamys angethan; seine Stirnbinde ist, wenn wir nicht inen, uner- 
wiesen, ebenso dafs seine ausgestreckte Rechte Zügel oder gar ein 
weibliches Geschlechtszeichen *) hält; wohl aber tritt die Lehne des 
gemeinschaftlichen Wagens bis an diese Hand. Die Schlangen, 
welche das Gespann des Wagens ausmachen, sind geflügelt, überdies 
keine Drachen wie man sie auf Titelkupfern modemer Mährchen 
sieht, sondern in Köpfen und Wendungen yollkommene Schlangen. 

Die halbnackte weibliche Figur, welche vor ihnen liegt und sich 
linkerseits auf eine mystische Cista lehnt, hält die im Stich daran 
angedeutete, nicht gerade daraus hervorgehende, Traube mit der lin- 
ken Hand; ihr Haar erscheint netzförmig geflochten. Wie sie zu 
benennen sei, wagen wir nicht zu bestimmen. Zu versichern ist, 
dafs sie keine Bacchantin^ geschweige denn einen Bacchus vorstelle, 
indem ähnliche liegende Figuren in antiker Bildnerei allzu durch- 
gängig für Personifikationen der Erde angewandt werden; die 
Frage bleibt, ob die Erde im Allgemeinen (Böttiger Yasengem. II, 214) 
vorgestellt sei oder der zunächst liegende Erdboden, eine Frage, die 
wir wegen der mystischen Cista, worauf die Figur sich stützt und die 



1826 zu Braunschweig weder eine Zeichnung des Gefafses neh- 
men lassen, noch auch aalserhalb der Glasglocke es besichtigen 
unter welcher es damals stand. Seitdem hat Herzog Karl es 
vollends ansichtbar gemacht; in Paris soll es bald nach des 
Herzogs Entweiciiung einem Banquier zur Verpfändung ange- 
boten worden, in London aber nirgend zum Vorschein gekom- 
men sein. Uebrigens konnten in Folge obiger Notizen die vor- 
handenen alten Zeichnungen das Gefafses wenigstens antiqua- 
risch berichtigt erscheinen, wie solches in den AntikeA Bildwer- 
ken Taf. CCCX, 3. 4, S. 400 ff. erfolgt ist 

') Nach Welcker Zeitschr. S. 103, wo nur diese J^ignr gemeint 
sein kann. 



190 GERHARD 



gewifs weder ein Frachtkorb noch ein Wassergefäfs ist, für den letz- ii 

teren, nämlich fiir die personifiicrte Elensis beantworten möchten. 1- 

Ebenfalls halb nackt und auf die Cista gestützt erscheint eine für l 
Ceres gehaltene ähnliche Fran, aber sitzend, Ton mystischem Perso- 
nal amgeben, aaf einer merkwürdigen Sarkophagyorstellung todi 

Raabe der Kora (Boaillon Mas. des antiqaes livr. 35, pl. 3). ^ 

Die daneben und yor dem dorischen Tempelgebäik schwebende \ 
Flngelfigar bekennen wir nicht genau genug geprüft zu haben, am 

unsre Meinung als sei ihr Geschlecht unentschieden zur Versiehe- i 

rung stempeln zn mögen. Indefs ist ihre Bekleidung, etwa eine Dop- >. 

peltunika mit übergeworfener Chlamys, für schwebende Flngeljüng- * 

linge allzu ungewöhnlich, auch der Winde Anwendung für den cerea- t 

lisch -bacchischen Bilderkreis allzu anbezeugt, um der von Egge- . 

ling beigebrachten Meinung beizupflichten, als stelle jene Fignr den r' 

fruchtbringenden Zephyrus yor; eine Meinung die sonst nicht unge- i;* 

schickt wäre, hätte sie sich nur statt aaf ein ausgerungenes nasses c 

Tuch auf den gesonderten Blumen- oder Frachtschurz bezogen, den j 

diese Figur, ganz wie der Zephyrus am Thnrm der Winde (Miilin f; 

LXXII, 322), mit beiden Händen hält; dafs sie aus gefülltem Busen- r 
tuch Samen streue (BÖttiger Yasengem. II, 211) > ist im Original so 

unbegründet, als die zugleich erth eilte allgemeine Benennung eines ^ 

Genius unzulänglich. Ist es nnn eine geflügelte Frau, welche wir -< 

dort neben der heilbringenden Göttin yon Elensis und ihrem geseg- - 

neten Lande schweben sehn, so kann dies nnsres Bedünkens nichts i 

anders als eine Personifikation der segensyerleihenden Mysterien b 

sein — , in antiker Benennung, wenn eine andre yerlangt wird als eben i^ 

die der Mysterien {Mvcrrrigia, s. Welckers Zeitschr. S. 119), etwa die n 

Weihungsgöttin Teiete, die wir in gleicher yictorien-ähniicher Bil- ■ 

dang hinlänglich nachweisen zu können glauben [Prodr. S. 215. i 
Anserl. Yas. II, S. 11,40]. Als eine Göttin des glücklichen Ansgangs 

wird sie der allgemeinen Idee des Sieges gleichgebiidet; der Ceres : 
wird sie durch die cerealischen Gaben zugesprochen welche sie in • 
ihrem Schurze trägt. 

Frühere Erklärer nehmen hierauf eine ganz yerschiedene dritte ; 

Scene an, und sicher ist es, dafs ein neuer Bilderkreis anhebt, ob- :: 
wohl schwerlich ohne unmittelbare Beziehung zu dem yorhergehen- i 
den; eine solche, nämlich eine Bewillkommnung, ist denn auch yon 
Böttiger (Yasengem. II, 211) angenommen worden, obwohl zugleich 
mit einem neu eingeführten Irrthum, mit einer Deutung nämlich aaf 

drei (Welcker Zeitschr. S. 104 f.) oder yier Hören (BÖttiger a. a.0.), I 

welcher Tracht nnd Attribute und selbst der Yorhang widersprechen, " 

der neben den folgenden yier Figuren angedeutet ist. Darob diesen i 
Yorhang wird, wenn nicht eine yerschiossene Thür, doch wenigstens 
ein für die cerealische Feier abgeschlossener Ort, etwa, wie Mariette 



VENUS -PROSKRPINA. 19t 

meinte, ein Zelt bezeichnet; auch die begrenzenden Bäame an den 
Enden der Darstellang, einerseits Weinlaub, andrerseits ein Plata* 
nus, anter dem die eine Frau sitzte sind einer solchen Voraussetzung 
durchaus günstig. Aus jenem Raum treten nun drei Frauen mit 
Opfergaben heraus, der Göttin entgegen weiche das Innre ihres Hel- 
ligthums dem Saatenspender Triptolemus und den Bewohnern des 
eieusinischen Bodens zu Liebe überschritten hat. Die erste der 
opfernden Frauen ist mit einer langen Tunika bekleidet, deren 
Oberärmel knrz und geknöpft sind, überdies yielleicht noch mit 
einem Oberkleide; ihr rücklings gewandter Kopf ist mit einer Haube 
bedeckt« Ihre Linke hält wie in allen Zeichnungen einen Mohnkopf» 
ilire Rechte ein Opferschwein; durchaus yerfehlt worden ist dagegen 
die folgende Frau Ton weder entschieden jungem noch offenbar alt- 
liehem Ansehn, weichem letzteren jedoch ihr Kopfputz, das zusam- 
mengehaltene Tuch welches wir nach Zoegas Anleitung für das Kre- 
demnon zu halten pflegen, entsprechen würde. Sie trägt ein langes 
Kleid mit langen Aermeln: was darüber in den Abbildungen ad» 
Mantel erscheint > ist wohl ein umgeknüpftes und unter dem Leib 
herabhängendes Tuch. Der flache Korb, den die Abbildungen in 
ihrer Linken zeigen, ist eine flache Schale, in der man drei ovale 
Früchte bemerkt; links Ton denselben hängt eine Traube herab und 
neben ihnen ist yielleicht, wie man es angegeben hat, ein kleiner 
pyramidaler Kuchen. Das Thier welches jene Frau in der Rechtes 
fülirt, hat man für einen Bock genommen, und daher neben andern 
Erklärungen die Figur selbst für eine Priesterin des Bacchus er- 
klärt; indeXs ist der Kopf für einen Bock nicht spitz genug, und die 
?ermeintlichen Homer eines solchen müfsten gekrümmter sein, daher 
wir nicht umhin können > dies Thier seinem ganzen Ansehen nach 
für ein Rehkalb zu halten. Die dritte Frau, welche der yiertea 
sitzenden zur Seite steht, und welche Eggeling für den Feigenpflan- 
zer Phytalus nahm , könnte allerdings leicht für einen Jüngling ge- 
nommen werden : dazu kann zunächst sein kurz abgeschnittenes Haar 
yerleiten, auch kann maa glauben ihn hinterwärts mit] einer lang 
herabhängenden Chlamys bekleidet zu sehn. Indefs ist bei sonst 
ziemlich zweideutigem Geschlecht das hier sichtliche lange und breitge- 
gürtete Unterkleid eine durchaus weibliche Tracht, und für weiblich 
wird man die Figur auch wegen der Vergleichung mit zalürei- 
chen ähnlichen Figuren bacchischer Bildwerke am liebsten halten* 
Sie hält mit beiden Händen einen Fruchtkorb auf ihrem Kopf, der 
weder zu den mäfsig tiefen der Kanephoren (nach Montfaucon^s und 
Mariette^s Benennung) noch zu den randlosen der Kernophoren ge- 
hört » sondern nach seiner linkerseits yom Beschauer schräg abge- 
itampfteji Form für die Schwinge einer Liknophore zu halten sein 
dürfte; ihr Gefäfs, welches im untern Felde des Monumenti mit einem 



Jl 



192 GERHARD 

Phallus wiederkehrt, enthält drei Aepfel and etwa eine Traube. 
Bndlich ist auch an der sitzenden Figur, die sich allenfalls auf Proser- 
pina deuten liefse, Vieles versehen, was sich selbst durch eine blofse 
Beschreibung berichtigen läfst. Irrig ist das Kopftuch, welches die 
Abbildungen hier geben, indem ihr Haar durchaus unbedeckt scheint. 
Ihre Kleidung ist eine gegürtete Tunika mit Krmelknöpfen; einen ,^ 
Mantel wie man ihn nach den Zeichnungen unterwärts yermathen ^ 
sollte, hat sie nicht Sie ist barfufs, was sich Ton den übrigen Fi- ^ 
garen nicht yersicliem läfst; die mit dem Schwein scheint sogar be- l 
schuht. Das Geräth mit Früchten, welches sie auf ihrem Schoofs !^ 
hält, ist eine Platte, wie man sie griechisch als Kernos bezeichnen j^ 
kann. Beide Hände berühren dieselbe: die Rechte, welche Aehren ^ 
Ton ansehnlicher Gröfse hält, berührt einen grofsen heryorsteheaden |^ 
Apfel, so dafs sie ihn auf die Platte zu legen scheint; die Linke 
fafst kleinere Früchte am Ende der Plätte. Von dem Baum, an wel- 
chen sich diese Figur anzulegen scheint, haben wir bereits im Vor- 
beigehen bemerkt, dafs er ein Platanus sei. ^ 
Ländliche Früchte und Aehren sieht man ohne Befremden der . 
Göttin des Ackerbaus entgegentragen; der Mohn ist ihr allbekann- ^ 
tes Symbol yielkörniger Fruchtbarkeit; das Schwein ein nach ge- ^ 
wohnlichem Brauch ihr angehöriges Opferthier, weil der Göttin aaf- . 
keimender Saat das Thier geschlachtet werden mufs, das jene yer- . 
wüstet Dafs Ceres nächst den übrigen Fruchten des Landes auch |^ 
dem Weinbau günstig ist, und auch Trauben unter andern Früchten . 
ihr geboten werden, yermag der ganzen Darstellung noch keine an- i^ 
mittelbar bacchische Beziehung zu geben; eben so wenig kann ei L 
das yon der zweiten Figur geführte Thier, wenn dasselbe ansrer .^ 
Behauptung gemäfs kein Bock sondern ein Reh ist. Dieses Thier, >^ 
wie bekannt es auch aus dem rein bacchischen Bilderkreis sei, ge- ^ 
hört aus gleichem Grund, nämlich seines gefleckten Felles wegen, ^ 
als Symbol des Sternenhimmels, auch dem cerealischen an: auf Va- \^ 
senbildern yon umfassender cerealischer Darstellung (Panofka Vasi di [, 
premiotay. 2) wird es gejagt, auf yerwandten Bildwerken (einem Va- ^ 
senbild des Duc de Luynes und einem schonen Relief des Museums '. 
za Kassel) wird es getödtet Die Lichtseite des Tages und die ^ 
lichte Frühlingsseite der Natur fielen eben so sehr als die Nacht- ^ 
Seite des täglichen und des Jahreslebens einer und derselben alter- 
thümlichen Symbolik anheim: Pluto, der den Alten ein winterlicher 
Gott war, ward auch als nächtlicher (Nyktelios) yerehrt; der heil- 
bringende Knabe Jacchus, dem so wenig als der ihm yerbündeten I 
Göttin eine Naturbeziehnng abgesprochen werden kann, ward als \ 
lichtbringender Morgenstern besungen, und wenn es somit eine gol- I 
tige Denk- und Redeweise war, dafs Demeter das Jahr yom Ster* 
fienlicht seiner winterlichen Monde zum Sonnenlicht der aofspros- 



VENUS - PROSERPINA. 1 93 

senden Natur hinüberführe, so durfte das Reh und zwar die in sol- 
cher Beziehung allemal yoransgesetzte stemenähn liehe Rehgattiing 
(Stackeiberg Apollotempel S. 138) billigerweise ihr als ein Symbol 
der scheidenden Nacht geopfert werden. 

Halten wir jene in alten Mythen nnd Bildern durchgeführte 
Gleichsetzung des Lichts mit dem Frühling, des dämmernden Ster- 
nenscheins -mit dem Winter fest, so darf der ungewöhnlichste Um- 
stand in der Torangehenden Darstellong wenig befremden. Als sol- 
chen bezeichnen wir bei einem sonst durch Opfergaben, Fackeln 
und Mohn gewöhnlich und ausdrucksYoil angedeuteten Opferzuge die 
stemengeschmückte phrygische Mütze der heranschreitenden fackef- 
tragenden Hauptfigur. Der früheren Meinung, dafs in dieser Figur 
Ceres selbst dargestellt sei, widerspricht aufser dem Znsammenhang 
der Nebenfiguren alle bekannte Tracht dieser Göttin,- deren Haupt 
nur entblöfst oder mit der Bedeckung des Modius zu erscheinen 
pflegt, so wie ihre gewölinliche Bekleidung vielmehr ein Kleid mit 
geknöpften Oberärmeln sein würde, als, wie das gegenwärtige, eines 
mit langen Aermeln. Dagegen ist eine solche Bekleidung und Kopf- 
bedeckung mit der priesterlichen Kleidung einer Hierophantin eher 
Terträglich ; statt dafs Ceres vorzugsweise durch Attribute der 
Fruchtbarkeit angedeutet werden mülste, genügt einer solchen ir- 
gend eine allgemeine Andeutung des nahenden Festes, Fackeln in 
den Händen und in den Sternen ihrer Mitra ein Symbol des schei- 
denden, winterlichen Dämmerlichts. In den zwei priesterlichen Ne- 
benfiguren folgt die Bezeiclmung cerealischer Opfergaben. Eine 
nachfolgende mit langer Tunika leicht bekleidete Jungfrau mit ab- 
gestreiftem geknöpftem Oberärmel erhebt in der sichtlichen linken 
Hand einen Mohnstengel; ihrem rückwärts gewandten Blick wagen 
wir vorläufig keine bestimmte Deutung anzuweisen.. Sie scheint bar- 
fnOi, dagegen die fackel tragende Figur unter ihrem lang herabrei- 
chenden Gewände, und auch das Mädchen, Sohlenbänder bemerken 
läist. Die Opfergaben, welche das voranschreitende, langbekleidete 
und mit einem Knotenschurz priesterlich umgurtete Mädchen trägt, 
sind keine Früchte, sondern längliche Kuchen, etwa von Sesam.' 
Irren wir nicht, so entspricht diese Besonderheit der vorgedachten 
Bedeutung der ganzen Vorstellung. Frische Früchte hat die Erde 
erst •wieder, seit die Göttin durch Triptolemos ihr wieder gespendet 
hat; der Mohn, dessen vielkömige Häupter die Fülle aller Frucht- 
barkeit andeuten, ist zugleich ein Symbol des Erdensclilafes. 

Wäre nun bereits hiemit einige Wahrscheinlichkeit gewonnen^ 
dafii eine dem wiederkehrenden cerealischen Frühlingssegen voran- 
gestellte priesterliche Scene den Uebergang aus der Gewalt schei- 
dender Nacht- und Wintermächte zum Frühlingsglanz der versöhn- 
ten Erdgöttin bezeichnen soUie, so steht zu hoffen, daüs die einsige 



194 6RRHARD 

unerwähnt gebliebene Figur eine solche Deutung YolUtändig be- 
gründen werde. Sicher ist diese, neben den erwähntet Mädchen 
stehend, weder ein Kind, noch eine in die Handlung eingreifende 
Figur. Der* ersten Deutung, durch welche sich Böttiger zur Deu- 
tung auf Jacthm^ den Jugendlichen Liebling der Ceres , verleiten 
liefs, widerspricht die bärtige und ithyphalUsche Figur durchaus; 
der andern das Fufsgestell, auf welchem sie steht und welches eini- 
ger Unfonnlichkeit ungeachtet doch weder willkürlich sein, noch et- 
was andres bezeichnen kann als die Basis eines Idols. Wir haben 
also neben jenem Verein priesterlicher Figuren ein ithyphallisches 
Idol, welches, seinem Ansehen nach Priapus oder wie sonst inuner 
benannt, jedenfalls die Beziehung der ganzen priesterlichen Feier 
auf einen €rott der zeugenden Krdkraft erhärtet. Einen solchen hier 
dem cerealiscben Dienste verbündet und vorangestellt zu sehen, als 
sei ein römischer Landgott, wie er es allem Ansehn nach ist, der 
Ceres als Beisitzer oder zur Verbreitung ihrer Weihen zupassend, 
kann nnr diejenigen befremden, welche die früheren übertriebenen 
Meinungen vom hohen Alterthnm des Gefafses noch nicht beschränkt _ 
haben. Der Styl seiner Bildwerke ist beweisfahig genug, um es '. 
nicht mehr für griechisch zn halten, und obwohl wir es eben aach «. 
nicht tief unter die Zeit der Antonine herabriicken möchten, so fallt 
es doch jedenfalls jenem römisch gemodelten griechischen Grötter- ;i 
dienst der Kaiserzeit anheim, dessen Einflufs hauptsächlich im cerea- ;, 
lisoh-bacchischen Bilderkreis bei Vergleichung griechischer Vasen-, \, 
bilder mit römuohcn Reliefs und Gemmenbildem einleuchtend ist. ; 
In den letzteren erscheint der bärtige Bacchus, hauptsächlich in der . 
phrygischen Tracht des^a&nstttf, als ein gesondertes, neben der le- 
bendigen Erscheinung des jugendlichen Freudenspenders Dionysos 
zu versöhnendes, Idol; im Symbol der Fruchtbarkeit, dem Modins, 
und in auffallender Geschlechtsbezeichnung zeigt er oft die Bedea- 
tnng eines £rd> und Unte^weltsgottes, und es dürfte uns um so weni- 
ger wundern dem Priapus eine gleiche Gattung angewiesen zusehen, 
als die zahlreichen Abbildungen von Frauen, welche diesem Gott 
feierlieh opfern» am gültigsten von der Verbindung des Priapusdien- 
stes mit dem der Bona Dea (Juvenal. VI, 314. Abh,. über Faunns, , 
AnJii.42) und von der Aehnlichkeit dieses letztem Dienstes mit dem 
gleieh^Uls nnr von Frauen beigangenen Thesmophoriendienste 
zeugen« Ein Denkmal des letltern haben wir mit Fug und Recht 
auch in der Hanptdarstellung des braunschweigiscben Gefafses zn 
erkennen: die Opfernden sind vier Frauen, und welcher Mythos 
konnte, besser die Satzung des cerealiscben Gesetzes bezeichnen als 
deissen Einsetzung durch Triptolemus? 

Dürfen wir hienaoh glauben dafs in einem Bildwerk der römi- 
schjen Kaiaerzeit der befruchtende Landgott Priapiis einen als Un- 



VENUS -PROSERPINA. 1 95 

terweltsgott gefafsten Bacchas gleichgesetzt and im Dienste der Thes- 
roophorien an dessen Stelle gerückt worden sei, so haben wir nar noch 
der unterirdischen Opfer zu gedenken, welche dem heitern Dienst 
der Thesmophorien vorangingen. In Hohlen wurden dem Eubuleus, 
das ist dem unterirdischen Bacchus, zugleich mit der beiden Thes- 
mophoriengöttinnen Verehrung Schweinsopfer dargebracht (Giern» 
protr. p. 14. Paus. IX, 8,1. Lobeck de spectac. p. 1 ss. Ghd. Antike 
Bildw. Taf. II, Anm. 57); um einen ähnlichen Dienst im Bildwerk 
des braonschweigischen Gefaises zu erkennen, kommt noch die ge- 
flissentlich Torspringende Einfassung jenes Opferzuges, gewils zur 
Andeutung ähnlichen Höhlenraumes, und der abgewandte Blick der 
mohntragenden Jungfrau in Erwägung, die sich nach dem geschehe- 
nen Opfer umzublicken scheint. 

Es bleibt übrig einiger grober Versehen zu gedenken, welche 
die bisherigen Abbildungen in dem cerealisch-bacchischen Greräth 
des nnteren Feldes an sich tragen. Man erblickt in diesen Feldern 
zuTÖrderst zwischen zwei Bündeln, die eher unangezündeten Fackel- 
scheiten als Thyrsen oder Flöten gleichen, einen mit Früchten ge- 
füllten cerealischen Fruchtkorb, ferner zwei qo ergelegte und mit 
Bändern amwandene Thyrsen (gewifs keine Fackeln) und einen durch 
den Griff des Gefäfses zum Theii yerdeckten Korb, welcher nicht 
Fr&chte, sondern, womit auch die Form der mystischen Schwinge 
wohl stimmt, einen derben anzweidentigen Phallus enthält. Weiter 
folgt eine jugendliche komische Maske, die auf einer etwas yierekt 
gebildeten Syrinx liegt, ein quergelegter Opferkrug, etwa noch ein 
cerealischer Kalathus, eine mystische Cista, aus welcher die Schlange 
heryorschant, und eine bärtige Maske mit Stirnkrone. 



V^* 



IV. 



U e b e r 



^rnng, Bedentong nnd ADwendong 

der Hennen. 



Von 

Sidnard CSerinurd* 

1826. 



üeber 

Ursprung, Bedeutung und Anwendung 

der Hermen. 



Au^ der Marmorfülle spätrömischer Bildnerei ist eine 
wohlbekannte ^) DenkmäiergaUung häufig bezeugt'); die iauch 
in anderen Stoffen ') nicht unerhört, in Reliefs ^), Münseti^), 
Gemmen^), Vasenbildem ''), Wandmalereien') und andern/) 
Kunstwerken nicht selten abgebildet ist und in alle Ent- 
wickelungsstufen der griechischen Kunst uns zurückweist. 
Wir meinen die von Hermes dem Götterboten benannten 
Götterbilder, deren bis in das späteste Alterthum wohlver* 
standener Name ^) und Begriff ein menschliches Haupt auf 
vierecktem *) Pfeiler, einem verstümmelten ^) Körper gleich, 
nebst einer sehr augenfälligen Angabe der Männlichkeit^ 
uns kund gibt. Dem Gotte, von dem diese Bildpfeiler aus*- 
gegangen, und zu deinen EIhren sie häufig, auch wol von 
sinnigen und dem Redegott wohlgefälligen Sprüchen be- 
gleitet^), auf Bildnisse gefeierter Sterblicher^®) übertragen 
waren, bleiben dieselben theils durch den Namen von Hen- 
men theils durch die Bestimmung für Orte des öffentlichen 
Verkehrs zugeeignet, dem er in Rom wie in Griechenland 
vorstand. Aus diesem Begriffe des allzeit wandernden . und 



200 GERHARD 

allen regsamsten Lebenswandel beschützenden Gottes er- 
klärt sich nicht nur die Anwendung seiner Idole zu sinn- 
voller Stadt- und Landesbegrenzung **), an Märkten ") und 
Strafsen"), Vorhallen und Pforten**), Kampfplätzen") Woh- 
nungen ") und Gräbern *'), sondern es wird auch begreif- 
lich warum zur Einfassung und Schmückung ähnlicher je- i 
nem Gott untergebener Orte Bildwerke der ihm geweihten 
Hermenform zahlreich und reihenweise aufgestellt waren, 
wie solches theils durch Abbildungen ihrer Aufstellung") 
und ihres Dienstes*^), theils auch durch Zapfenlöcher und 
durch vorspringende handähnliche Zapfen *^) uns bezeugt 
wird. Diese dann und wann^auch durch mehrfache Her- 
mesköpfe **) von entgegengesetzter Richtung vermittelte 
Grenzbestimmung hat in früherer Zeit zur Gleichsetzung 
der Hermen mit dem römischen Terminus **), seit Zoega % 
aber im Gegensatz speculativer Deuteleien *') auch zu der 
Meinung Anlafs gegeben dafs die Hermen ursprünglich 
Grenzmarken waren. Wmckelmann's viel verbreitete An- 
sicht, als habe die ganze griechische Bildnerei sich aus deo 
Hermen ent\vickelt, ist damit wohl vereinbar, und die gang- 
bare Voraussetzung, als sei die viereckte Hermenform an 
und für sich nicht bedeutsam, schUebt eben derselben Be- 
trachtungsweise sich an. Allen diesen Ansichten aber stellt, 
wenn nicht die Verwandschaft der dreifachen Hekatebil- 
der *% hauptsächlich Herodots Aussage über die Bedeutsam- 
keit der Hermen als phallischer Götterbilder alten Myste- 
riendienstes sich entgegen; eine Aussage welche wir zu 
richtiger Beurtheilung ältester Kunst- und Kultusformen 
Griechenlands hienächst näher erwägen wollen. i 

L ßßDafg die HermcsbiUer stehende Gliedmafscfi füh' 
ren, sagt Herodot'^), hat man nicht von den Aegypüem 
sondern von den Pelasgem gelernt ^ und zwar haben un- 
ter allen Hellenen zuerst die Athener diese Sitte em- 
pfangen und von diesen erst die uhrigen.^^ Zu richtigem 
Verständnils dieser Stelle haben wir uns zuvörderst zu über- 
zeugen, dafs Herodots Nachricht nicht blofs den mit vier- 



\ 



ÜBER DIE HERMEN. 201 

ecktem Schaft ithyphallisch gebildeten Idolen des Hermes, 
sondern überhaupt aller viereckten Götterbildung gelte , die 
unter dem Namen der Hermenform'^) allbekannt ist; den 
Beweis dafür liefert Pausanias, indem er die von Herodot 
berührte athenische Hermensitte in allgemeinem Bezug auf 
viereckte Hermen erwähnt"), wie sie am häufigsten und 
für Gottheiten aller Art angewandt in «Arkadien *^) sich fin- 
den. Eine solche Ausdehnung des viereckten Hermesidols 
auf andre Gottheiten wird um so begreiflicher, wenn, wie 
man annehmen darf, die viereckte Bildung nicht erst von 
Hermes benannt ward, da vielmehr umgekehrt der Name die- 
ses Gottes* der allgemeinen Benennung heiliger Steine ent- 
nommen zu sein scheint. Orientalischer Ableitungen zu ge- 
schweigen, geben die nahe liegenden griechischen Wörter 
%fia, ^Qfjui^, eQfjtaioVf im Namen Hermes den Grenzgott ge- 
heiligter Steinhaufen uns zu erkennen*^). Wie solche Stein- 
haufen, von den Vorübergehenden zur Reinigung des We- 
ges und zugleich zum Dienste des Gottes nüt neuem Zu- 
Wurf vermehrt '^), zur Scheidung von Grundstücken, Stra- 
Isen und Eingängen dienten, standen, dem Gotte des Aus- 
ond Einganges dienstbar, auch Hermesbilder, gemeinhin von 
viereckter Form, an allen schon oben berührten Mittelpunk- 
ten und Scheidewegen des öffentlichen sowohl als des häus- 
lichen Verkehrs, und die Grenzanwendung der Hermen ist 
daher, so wenig als in der dreifachen Hekate, irgend einem 
Zweifel unterworfen; wohl aber ist Zoega's Ansicht befremd- 
lich, als sei in jener Grenzanwendung '^), für Hermes und 
wahrscheinlich auch für Hekate, der eigentliche Grund der 
Hermenform zu suchen, welche somit nur eben für Grenz- 
angaben ohne sonstige Bedeutsamkeit ihrer Form zu halten 
sein würden. Wir nennen diese Ansicht befremdlich, weil 
sie der von Zoega selbst gelehrt erklärten Bedeutsamkeit 
heiliger Steine allzusehr widerspricht um den Hermen ne- 
ben ihrer unleugbaren Anwendung für Grenzen auch einen 
bedeutsamen Grund solcher Anwendung absprechen zu kön- 
nen. Ohne der künstlich an jene Ansicht geknüpften Er- 



202 6BRHARD 

klärung des , Uebergangs nachzugehn, der durch phallischen li 
Zusatz, den Dieben zur Scheuche ^^) oder etwanigem Zau- i 
ber zum Trotz ^'), aus rohen Grenzmarken die künsUichen \% 
Hermen allmählich hervorgebracht habe, findet jene Vergöt^ '; 
terung der Marksteine hauptsächlich in d«r durchgängig be« a 
deutsamen Form der Idole des frühesten Alterthums ihre c 
Widerlegung. Namentlich auch bei den sonstigen Idolen h 
ältester Grenzbestimmung ist dies, der Fall: beim Apollo t 
Agyieus sowohl als beim römischen Janus sind Kegelform i 
und Doppelgesicht charakteristisch genug um die .selbstän- 
dige Naturbedeulung jener Gottheiten in einem Umfange 
kund zu geben, bei welchem die Ohhut der Grenzen nur c 
als ein untergeordnetes Element ihrer gesammten Götter- j^ 
macht erscheint. j^ 

Ehe wir diese letztere Nach Weisung verfolgen, wird ,e 
eine Zusammenstellung bedeutsamer Merkmale der Bäty- ~ 
len ^^) und der ihnen verwandtesten rohen Göttersteine des « 
Orients wie des Occidents die hiemit ausgesprochene An- : 
sieht leicht bestätigen. AufserorJentliche Naturerscheinun- ^ 
gen, namentlich von Meteorsteinen, mochten der Sage vom '^ 
Himmel gefallener ^^) Idole zu Hülfe kommen; hauptsäch- 
lich aber wurde durch Farbe, Form und Zahlenverhält- 
nifs des Idols der Glaube an dessen Heiligkeit witerstützt 
Weifse des Steins '®) wird bei auszeichnender Begrenzung 
schon früh hervorgehoben; Glättung und'Glanz ward durch 
Salbung mit Oel '^) für alle geheiligte Steine noch in spä- 
ter Zeit gesucht. Im Allgemeinen zwar scheint dunkle 
Farbe des Steins geheiligter befunden worden zu sein: so 
im Idol der pessinuntischen Göttermutter ^^)y im Amazonen- 
steine des Mars und im Sonnensteine das Elagabalua '") — , 
so vermuthUch bei ähnlichen Steinen ältester Schöpfungs- 
götter, namentlich bei dem von Kronos verschlungenen, den 
Zeus im delphischen Tempel geweiht haben sollte. , In Ver- 
bindung mit der Schwärze des Steins konnte zuweilen audi 
dessen VnförmUchheii bedeutsam erscheinen , wie sie 
jenen uralten Göttersteinen des Kronos sowohl als des Zeus 



k 



ÜBER DIH HERMEN. 203 

licht fremd war ^^; vorhersehend jedoch sind diejenigen 
Zeugnisse V au& denen die hohe Bedeutung regehnäfsiger 
Forffi sdbst für Idole des ältesten Schlages hervorgeht, 
b der Halbkreisform und Eiform des Hinmielsrundsy die 
manchem Krotiös- und Zeusstein mit dem delphischen Om- 
phalos und mit verschiedenen Pfeilerkuppen gemeinsam sein 
modite^% in der 2um Göttersits abgeplatteten Heerd- und 
Altarform der Heerdgöttin Hestia/^)> in der aufwärts stre- 
benden Säulen- und Pfeiler« ^')v Pyramiden- oder Kegelge- 
slalt^^) der frühesten Dionysos* und ApoUobilder waren 
Grundformen gegeben, die ihrer Allgemeinheit ungeachtet 
suni Ausdruck der Göttlichkeit sprechend dienten^ indem sie 
bald auf die im Phallus verkörperte männliche Sonnenkraft ^% 
bald auf die hie und da auch lunarisch und nabeiförmig 
bezeichnete weibUche Erdkrafl^^), bald und hauptsächlich 
auf die in Viereck, und Kreis abgeschlossne Weltordnung ^') 
hinwiesen, die bald im Naturbild von Himmelsrund, Sonnen- 
strahl, Nabel, bald auch in Baulichkeiten der frühesten 
Menschheit, Heerd und Grabhügel ^^), ihr Gegenbild fand. 
Nächst solchen Symbolen einer befruchtenden, empfangen- 
den oder schlechthin vollendeten Naturgottheit scheint die 
religiöse Verehrung pelasgischer Urzeit ihre Betrachtungen 
über Zeitperioden und Wellsystem in einer entsprechenden 
Zahl heiliger Steine versinnlicht zu haben. Wenn schon 
Pausanias in sieben Spitzsäulen = die sieben Planeten .^^ 
kannte ^'), und wenn die Zwölfzahl olympischer und etruski- 
scher Götter, durch zwölf Altäre gemeinhin auch noch in 
römischer Zeit versinnlicht, ohne Schwierigkeit auf die 
zwölf Monate des Jahres bezogen wird ^^) , so wird man 
sdiwerlich abgeneigt sein die dreifsig viereckten Steine die 
auf dem Marktplatz von Pharä um Hermes geschaart, ,wie 
die namenlosen Consentes um den etruskischen Juppiter, 
göttUche Ehren genossen ^^), auf eine Vergötterung der drei- 
fsig Monatstage zu deuten, so fügUch sich auch nebenher 
an Altäre dreüsig verbündeter Ortschaften denken läfst« 
Dafs bei irgend einem ähnlichen Idole Werih^ Stoff und 




206 GKRHARD 

bekannte, von Wincketmann aufgestellte , von Zoega, Bött 
ger und Anderen angenommene Rleinung, dafs die 
Anfange der griechischen Kunst in der Bildung der 
men enthalten sind ^^), ja dafs die Hennen das erste, 
Zeit hindurch allein fortgeübie, Kunsterseugnifs Griechi 
lands waren. Wenn der Redner Themistios mit dopp 
nigem Ausdruck alte vordädalische Bildnerei , die der Htf« 
menbilder sowohl als auch alier andern Figuren , „viereckt* 
nennt ^^), so scheint er dabei nicht blofs die wirklich vinK 
eckten Hermen, sondern auch die, so zu sagen, vierschHttf 
gen ägyptischen Bilder mit geschlossenen Beineni überhaopk 
alle Steinarbeit gemeint zu haben, welcher die Kunst dok 
Dädalos in fügsameren Stoffen sich anschlofs ^^) : dieid^ 
um so mehr als es auch sonst an Gründen gegen Windd* 
mann's Ansicht nicht fehlt, laut welcher den rohen ShtlM 
erst ein Kopf, ferner die Andeutung des Geschlechtes, daM 
erst die weitere Gliedermig hinzugefügt worden wäifr 
Wenn aber auch nicht befremden sollte, die Fähigkeii äx» 
einigermafsen erkennbaren Kopfes dem allgemeinstai Aw* 
druck von Körperverhältnissen vorangegangen zu sehn"), 
so würde das wesentlichste Merkmal der Hermesbilder, der 
Phallus, dagegen sprechen. Dieser war im arkadisdei 
Phales ein selbständiges Idol, er mochte als solches AltaiM 
oder sonstigen viereckten Unterlagen des ältesten Kultus k 
ähnUcher Weise verbunden werden vne es auch spät nodi 
gesdiah •"), und wie selbst nach ägyptischer Sitte Ge^ 
schlechtsbezeichnimgen am Steine dreieckiger, männüch- 
weiblicher, Form angebracht Avurden ^*'). Nicht minder 
zwar ist, wie schon oben ^^) bemerkt, auch aus selbständi« 
gen Kopfbildungen giiechischen wie ägyptischen Kunstge- 
brauchs das Bemühen nachweislich den geistigsten Thei 
des menschlichen Körpers zur Anschauung der Götteridee 
aufzubieten; für die Hermen jedoch ist ein vereinzelter Kopf 
ohne Phallus am Schaft erst in spätem und naohlässigeiP 
Gebrauch nachzuweisen ' •). Eine Unterscheidung der übri" 
gen Theile bei viereckter Henuenform ist ebenfalls unbe- 



ÜBKR DIE HBRMEN. 205 

len Zeiten Aegyptens, Asiens und auch Griechenlands 
dtüechthin abzusprechen^*). Ohnehin darf es alsThatsache 
dter Religionsge^chichte betrachtet werden, dafs der frü- 
leste Mensch für die Idee einer Gottheit von umfassendster 
Macht um so empfanglicher ist, je mehr er der Wiege des 
Menschengeschlechts nahe steht. Statt kleinlicher Reprä- 
lentanten vereinzelter Begriffe und Zustande, wie man sie 
n den Götterbildern des späteren Polytheismus findet, pflegt 
sine einzige einfach oder dualistisch aufgefafste Naturgott- 
lieit oder der Ausdruck ihrer überwiegendsten Kraft Gegen- 
stand des ältesten Kultus zu sein. Ein solcher Ausdruck 
^illicher Schöpfungskraft ist im sprechendsten Symbol ir- 
lisdier Zeugung, dem Phallus, gegeben, einem Symbol wel- 
dies, der derben Einfalt des Alterthums angehörig, späteren 
Müabrauchs gefallener Sitte und Denkart ungeachtet, uns 
unverdächtig erscheinen darf: denn mit der Annahme höhe- 
ren Alters des Phallussymbols üst die Ueberzeugung sehr 
wohl vereinbar, dafs Kulte und Kultusbilder, je älter sie 
sind, der Entwürdigung durch schmutzige Sitte um so fer- 
ner stehn **). 

So erkennen wir denn in der Bildung der Hermen die 
erste Annäherung pelasgischer Bätylen zu jener Menschen- 
gestalt, die den Götterbildern anderer Völker, namentlich der 
Aegyptier, ursprünglich war. Herodot, der die Mehrzahl 
griechischer Gottheiten von diesem Volke ableitet, einige 
wenige aber für pelasgisch erklärt, rechnet zu diesen haupt- 
sachlich die viereckten Hermesbilder *^), und ward, da auch 
ägypiisirende Idole des Hermes, angeblich aus des Danaos 
Zm^ dem griechischen Alterthum nicht unbekannt waren ^^), 
zu jener Annahme wol wem'ger durch geschichtliche Gründe 
als durch die viereckte, hauptsächlich dem Hermes zuste- 
hende, Götterbildung bestimmt, die als nicht ägyptisch, son- 
dern pelasgisch ihm bekannt war. Wie dem aber auch sei, 
80 wird den viereckten KultusbUdem des Hermes jeden- 
falls eine richtigere Stelle sich anweisen lassen als sie bis- 
her in der Geschichte der Kunst behaupteten. Es ist eine 



208 GERHARD 

aber die Weihe der Kabiren empfangen hat, wie sie nach 
pelasgiscker Lehre zu Samothrake geübt wird, derseVnge 
Mann weifs wovon ich rede^^. Diese Worte Herodots 
stecken unsre Aufgabe weiter als anfangs geschah, sie ver- 
pflichten uns nächst jenem bald näher zu berührenden My- 
thos der Stelle desselben im samothrakischen System und 
demnächst dem Verhältnisse nachzugehui in welchem Her- [ 
mes sowohl als dessen viereckte Hermenbilder zu jenem 
ganzen System sich befinden — , eine Untersuchung welche 
schwieriger geworden ist, seit die neuere Forschung es 
zweifelhaft macht, ob die verschiedenen Formen kabirisdier 
Weihe im samothrakischen System einbegriffen waren oder 
vielleicht selbst dieses letztere nicht für kabirisch zu hal- 
ten sei. 

Bei solchem Standpunkt der Untersuchung haben wir 
von Namen und Begriff der Kabiren auszugehn. Eären- 
werthe Autoritäten bezeugen uns aus den semitischen Spra- 
chen die Anwendung dieses Namens in der Bedeutung 
starker und mächtiger Götter ^^); aber der durchgängige 
Hellenismus griechischer Göttemamen steht andererseits aU- 
zufest als dafs wir einer daraus sprachmäfsig entnomm^ien 
Ableitung desselben Namens uns zu entziehen vermöchten. 
Einer solchen Ableitung zufolge ist Kabeiro — von xata 
mit eingeschobnem Digamma, wie Jaeiqa von dato — ein 
Feuermann ^^), welchem Begriff auch die sichere Abbildung 
eines Kabiren, auf Münzen von Thcssalonike und andern ®^), als 
eines mit Hammer versehenen Mannes durchaus entspricht. EKe- 
serGesammtbezeichnung zur Seite steht jedoch eine besondere 
Reihe angebUch kabirischer Namen: es ist die von Mnaseas 
überlieferte des durch Dardanos ®^) begründeten samothra- 
kischen Dienstes, dessen mystische Göttemamen^*) aus dem 
Prädikat a^iog „hehr'* und einem andern auf Zeugung und 
Fortbildung bezügUchen Hauptwort sich erklären. Jener 
Gottheiten sind vier ®'), oder, wenn der tyrrhenische Kadmi- 
los als Vierter ihnen ursprüngUch vielleicht nicht ange- 
hört ^% drei. Soll mit einiger Gründlichkeit dieses in alter 



\ 



OBKR DIB HBRMBN. 1309 

und neuer Zeil so hochgestellten ^^) Göttervereins hier ge- 
dacht werden, so ist unsre spärliche Kenntnib desselben etwa 
in folgenden Sätzen zusammenzufassen. Obenan steht als 
,^öttliche Liebe'" Axi-eros {a^iog, eQOjgjf der Urtrieb be- 
ginnender Schöpfung: dem Eros, auf welchen der Name 
zurückweist, nur in allgemeinster Bedeutung entsprechend ^*), 
ist diese Schöpfungsmutter zunächst als ätherische und 
Sthicksal^öttin, als Pallas Athene gleich der besondren 
Göttin des Dardanos und etwa als Tische zu deuten*'), 
obgleich sie von Mnaseas im chthonischen Sinn dieses Göt- 
tervereins als Demeter ausgelegt ^^) ward, wie denn auch 
andre Naturgottheiten, namentlich Rkea ^^) und Aphrodite 
Urania ^°) jener samothrakischen Muttergottheit verglichen 
worden sind. Dem in ihr dargestellten belebenden Odem 
der ersten Schöpfung ist ein Paar uranfanglicher Befruch- 
ter, ein Bethauer und eine Bethauerin, Axiokersos und 
Axio-kersa {^aog, Sqoti) verbunden, in der Folge des 
Schöpfungsprocesses dem Urwesen nachgesetzt, in dem Um- 
fang ihrer Befruchtung der Kraft des Anbeginns überlegen; 
Mnaseas erklärt sie als Götterpaar der verborgenen £rd- 
kraft, als Dionysos^Pluton und Persephone-Kora '**), und 
ist durch die sonst bekannte Idee des ersteren als unterir- 
discher Sonne, der letzteren als empfangender Erd- und 
Mondeskraft, sowie durch tue Gemeinschaft des Dionysos 
und Zeus^) mit Kora, sodann derselben Gottheiten^) aber 
auch des PAae/ Aon ^), Helios % Apollo f)y Ats HephäsiosS)^ 
Arcs^), Hermes ^)y Pan^) mit Aphrodite , und durch ver- 
wandte Heroenpaare ') gerechtfertigt Der Verein jenes 
Paares bezeichnet die volle Schöpfungskraft der Sonnen- und 
Mondessphäre, und dafs er unfruchtbar blieb ist in keiner 
Form des Systems anzunehmen "") ; seine berühmteste Fort- 
bildung aber erfolgt auf auüsergewöhnlichem Wege, durch 
einen Buhlen bestimmt die feuchte Mondeskraft der frucht- 
bringenden Göttin mit den Sonnenstrahlen ätherischer Zeu-. 
gung zu durchdringen. Ein solcher Buhle ist in der vier- 
ten samothrakischen Gottheit dargestellt, Kadmilos ge- 

14 



210 GERHARD 

nannt nach seiner Bedeutung als Ordner (Kdöfiog von xa^w) 
des Weltsystems, Hermes — der anderwärts auch durch 
Apoll oder Eros ersetzt werden mochte — nach seiner ge- 
feierten Gültigkeit in Samothrake ^') ; die ungestüme Zeu- 
gungslust dieses Gottes, im derben von Herodot berührten 
Mythos der Mondgöttin mit oder ohne Spröfsling erwie* 
sen *'), gilt unter den Gottheiten Samothrake's zunächst der 
„Erdbethauerin"' Axiokersa, und ist solchergestalt auch in he- 
roischer Form wiedererkennbar, nämlich im Mythos der ihr 
fast gleichnamigen athenischen „Thausch wester" Herse'^). 
Bei fortgesetzter Erwägung eines so künstlichen Göi^ 
tersystems, welches nichtsdestoweniger auch in noch grö- 
fserer Ausdehnung nachweislich ist *^), kann man sich des 
Gedankens nicht leicht erwehren, dafs die speculativen IdeeOi 
welche als Urkraft Axieros und als Hülfsgeist Kadmilos Ur- 
sprung und Abschlufs desselben bezeichnen, dem samothra- 
kjschen Götterwesen ursprünglich fremd sein mochten. Ab- 
geschlossen und in sich verbunden, schon durch die Heilig- 
keit ihrer Dreizahl '^) und durch die Aehnlichkeit ihrer Na« 
men^ deren gleichmäfsiges Prädikat {A^to — ) auf den 
Kadmilos nicht ausgedehnt ist, geben die drei erstgedadi- 
ten Gottheiten des Mnaseas der allbekannten cereaUschen 
Trias von Demeter, Dionysos und Kora entsprechend sich 
zu erkennen, deren Ursprung überraschenden Aehnlichkei- 
ten zufolge im Orient und Aegypten'^) sich muihmalseB 
läfst, deren Elemente jedoch nicht minder füglich^ sei es als. 
aufgelöste eines gemeinsamen Götterverbands, oder auch als 
ursprünglich getrennte, einerseits im dodonischen Götterpaar, 
anderntheils in der dardanischen Göttermutter sich nachwei- 
sen lassen. Bei jeder dieser Voraussetzungen bleibt die ge- 
dachte Trias der ältesten Vorzeit griechischen Götterwesens 
zu^sprochen, wie denn namentlich die Thesmophorien des 
argivischen Danaos dafür zeugen *®) ; was dagegen den ab 
vierte Person des samothrakischen Vereins nur schwach be- 
glaubigten Kadmilos betrifft, so ist, aller auf dessen Zutritt, 
beruhender Speculation ••) ungeachtet, nichts wahrseheinli- 



\ 



ÜBER DIB HERMEN. 211 

eher als ihn für eingedrängt durch die tyrrhenisehen Pelas- 
ger, vielleicht erst vom thebischen Kadmos entlehnt ^^®), zu 
halten — , eine Ansicht womit theils das Zeugnifs des Diodor 
wohl stimmt, Saon und Dardanos seien dem Kadmos vor- 
angegangen ^^% theils auch Müller's Annahme dafs der tyr- 
rh^iisch-pelasgische Volksstamm erst um die Zeit des He- 
raklidenzuges in Samothrake sich gründete ^^*). Eben diese 
Ansicht gewinnt an Wahrscheinlichkeit, wenn die dem Kad- 
mos entsprechende und aus samothrakischem Festbrauch be- 
zeugte Harmonia *^') im dortigen Göttervereine vermifstwird; 
ihr Verhältnils zu Kadmos-Hermes, im samothrakischen Kul- 
tus durch Axiokersa-Brimo verdunkelt, scheint nur nebenher 
gegolten zu haben, etwa wie auf dem von Gottheiten jeg- 
lichen Stamms umworbenen SchifTereiland auch der Heroen- 
£enst dardanischer Brudergottheiten *®*), ihrer von Varro be- 
zeugten hohen Verehrung am samothrakischen Hafen un- 
geachtet, zum uralten Dienste der samothrakischen Götter* 
mSchte sich erst alimählich gesellt haben mag. Noch mehr wird 
£eselbe Ansicht durch manigfache Verbindungen unterstützt^ 
in denen Hermes einzelnen andern Gottheiten der samothra- 
kkehen Trias verknüpft erscheint; denn wie sein vielge- 
^ feierter Liebesandrang Göttinnen wie Hekate, Brimo, Per- 
' Mphone und andere mehr '^') der Axiokersa und mit ihr zU'- 
^^ich der attischen Herse gleichsetzen heifst, so ist ein 
^ganz ähnliches Verhäitnifs des ithyphallischen Gottes zu Gäa, 
^Pdlas und andern der Erdmutter Axieros entsprechenden 
^Göttinnen nicht minder bezeugt ^^^). Die t3rrrhenischen 
'Streif- und Raubzügler hatten nach allem Anschein es an 
^glücklichen, selbst aus Athen ^"^) nachweislichen. Versuchen 
l'^mcht fehlen lassen ihren brünstigen Sonnen- und Heerden- 
'gott der gefeiertsten Göttin jedes andern von ihnen be- 
hn^en Götterdienstes zur Seite zu stellen , daher denn 
''lach die Widdergestalt des Hermes der Göttermutter nicht 
^▼(MPcnthalten ward *••). Wichtig für eben jene Voraussetzung, 
^ii^ Hermes -Kadmilos der samothrakischen Götterdreizahl 
^^tn aufgedrungen war, ist nebenher auch der Umstand, 

14* 



212 GERHARD 

dafs ein dem tyrrhenischen Hermes vielfach vergleicht 
dorischer Sonnengott, der göttliche Werkmeister *"*) Ap 
Agyieus, in ähnlicher Weise bald mit/ Axieros - Athens 
ihrer Eigenschaft als Ergane, bald auch mit Axiok 
Aphrodite verbunden war ^*°). Und so ist in solcher i 
Stamm- .und Kultusverschmelzungen erfolgten Verbin 
von Zeugungsgöttem einiger mit den weiblich gefa 
Gottheiten anderer Stämme das für uns seltsame Vei 
nifs bereits erklärt, wonach der tyrrhenisch-samothrak 
Hermes -Kadmilos bald aus ebenbürtiger bald auch aus 
gebührlichster Ehe, dort als der Göttinnen Gemahl, 
als der Allmutter Sohn, vielnamiger Weltbeglückung 
Dasein***), der philosophirenden Mystik aber die unersci 
liebsten Anlässe gab. 

Die Entstehung von Göttervereinen aus den vers 
denen Gottheiten politisch verbundner Yolksstämme isl 
der griechischen Götterlehre allzu bezeugt, sie ist nan 
lieh im Zwölfgötterverband allzu unleugbar, als dafs 
geneigt sein sollten die vielverbreiteten Spuren eine 
derb eigenthümlichen Götterbildung wie die des. tyrrhen 
pelasgiscben Hermes anders zu deuten. Haben wir r 
gewiesen dafs er der alleinigen Erdmutter sowohl als < 
in Götterehe gedachten Erdgöttin zur Seite stand, so 
es uns auch nicht befremden, wenn er dem hersche 
Götterpaar dodonischer Ehe als dritte Person beige 
ward: in der That ist dies der Fall im bildlich bezeu 
Verein von Dionysos, Kora und Hermes *'*), wie im gl 
bedeutenden des Helios mit Aphrodite und dem mit Hei 
im Namen Imbros gleichgeltenden"') Eros***) — , Verc 
die auf der Doppelidee eines über-, und unterirdischen i 
nengottes ***) beruhen, wie Hermes dann und wann ; 
Qin^r ist **®), und in noch andern Verbindungen einer 
tin mit zwei Göttern aus Samothrake. selbst vollständig 
^eugt sind, der ungleich bekannteren Theilung des Ad 
in zwei Göttinnen entsprechend **''). Andre Versuche 
K^adinilos einzudrängen waren minder erfolgreich. In Lern 



ÜBER DIE HERMEN. 213 

von wo aus sein Dienst uns gleichfalls bezeugt wird ^^^); 
wollte swar Akusilaos als Mittelglied jenes Götterpaares ihn 
kennen von dem die Kabiren nach sonstiger Sage unmittel- 
bar abstammten ^^^); wesentliches Glied des dortigen Göttersy- 
stems kann Hermes jedoch schon darum nicht gewesen sein, 
weil Brudergottheiten dasselbe hauptsächlich bildeten, 
diese aber, wenn wir nicht irren, ein stellvertretender 
mythischer Ausdruck des Kadmilos sind. 

Diesem Satz weiter nachzugehn können wir zu gründ- 
lichem Verständnifs des samothrakischen Götterpersonals 
nicht unterlassen. Dämonische Begleiter der Gottheit, Tra- 
banten ihrer stolzen Erscheinung und Werkmeister ihrer 
verborgenen Kraft, sind bei der Entwickelung des griechi- 
schen Götterwesens allerorts vorauszusetzen ^'^). Wie dem 
dodonischen Götterpaar Nymphen zur Seite standen ^'^), war 
die dardanische Göttermutter von mächtigen Brüdern ^'') be- 
gldtet, deren bei wechselndem dardanischem oder sparta- 
niachem Namen inSamothrake nie aufgegebener, neben De- 
meter, Tyche und Rhea wie neben Pallas nachweislicher"'), 
Götterdienst durch Eindrängung des ithyphaliischen Hermes 
, tkeilweise ersetzt ward; denn was dieser mit derbem Zeu- 
f gongssymbol darzustellen bestimmt war, stellep im leicht 
2 verständlichen Bild unermüdUcher Wechselwirkung Darda- 
^nos und Jasion, stellten ähnliche ihnen entsprechende Brü- 
g derpaare, stellten in gleicher und in nicht minder verständ- 
^licher Bedeutung die drei Schmiedekabiren dar, die als le- 
i^mnische Feuermänner mit drei Nymphen zugleich ein 
gPaar feuererfüllter göttlicher Eltern, Hephästos undKabiro, 
jp omgaben "*). 

u Der Begriff des Feuers, der im Namen der Kabiren 
Ig liegt , ist im samothrakischen Götterwesen nur etwa den 
;; iv^ei verbündeten dardanischen Göttern zupassend, deren 
I ßettungsflämmchen zum Heile bedrängter Schiffahrt herbei- 
n gewünscht wurden "^) ; in dieser Erwägung hat Welcker 
(jenes Prädikat einem Göttersystem abgesprochen, welches, 
I Wenn auch übrigens hoch gestellt, der schmiedenden Bru- 



t 



214 GERHARD 

dergottheiten und ihres Feuerbegriffes entbehrt Zugleich 
ist einxuräumen, dals im ausgebildeten samothrakischen 
Göttersystem der Charakter cerealiseher Näbrgottheiten den 
Feuerbegriff des lemnischen Kabirendienstes überw<^; 
wie aber dieser aus der Natur beid^ Inseln begreifliche 
Unterschied das Nebeneinanderbestehn des tyrrh^iischen 
Kadmilos und verbrüderter Gottheiten nicht aufhobi so darf n 
auch Herodots allgemein durchgedrungene Uebertragung des jj 
Kabirennamens ^'^) von den dardanischen Brüdern auf den statt ^ 
ihrer neben der Erdmutter eingedrängten Kadmilos, wie auf i 
das ganze mit diesen beiden verknüpfte Göttersystem, nicht ä 
angefochten werden: dieses um so weniger als es an son- L 
stiger innerer Uebereipstimmung dieser samothrakischen Kar p 
biren freieren Sprachgebrauchs mit den eigentlich so ge- i 
naraiten lemnischen ^'Ö keineswegs fehlt Eine ursprüngliche i 
Gleichheit beider Kulte spricht nämlich sowohl in der j 
betderorts zwischen Demeter'^) und Pallas^) getheilten Be- ; 
deutung der lemnischen wie der samothrakischen Muttergöt- : 
tin als auch in der beiden Kulten gleichfalls gemeinsamen , 
Verbindung mit cereaUschen Nymphen ^) sich aus; eben da- 
für zeugt durch Dardanos und Jasion auch die Sage des 
Brudennordj und die darauf bezüghche Blutsühne <')9 der- 
gestalt dafs zuletzt nur die Doppelzahl dardanischer Brüder, 
verglichen mit der KabirendreizaM von Lemnos, beide Ka- 
birensysteme wesentlich von einander unterscheidet 

Unverkennbar ist überdies ein ursprünglicher Wech- 
selbe zug des lemnischen und des samothrakischen Göt- 
tersystems« Der Einflufs des samothrakischen auf das le- 
mnische ^'^) gibt sich in lemnischem Hermesdienst''), in der || 
Sage von Kadmilos als Kabirenvater^), in der Verwandt- 
schaft von Brimo mit der brauronischen Artemis ^) , endlich 
in gleicher Hochstellung des Phallussymbols ^) zu erkennen. 
Uoagekehrt läfst lemnischer Elinflufs in samothrakischen Orts* 
und Götternamen, wie auch in anderen minder entscheiden- 
den Spuren sich bemerken^**), und lemnischen sowohl als 
samothrakischen Einflufs bietet im Dienst von Artemis^ 



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ÜBER DIU HHRMBN. 215 

Herse und Hermes wie im Mythos des Sehlangenkästchens 
auch Attika dar ^'°). Der stets empfängliche Mittelpunkti 
den dieses Land beiden Hauptsweigen des Kabirendienstes 
darbot, ist auch im thebischen Kabirendienst nachzuweisen^ 
der in seiner Göttin Demeter nach Samothrake und Eleusis» 
in seinem Ordner Methapos nach Attika, in den Feuerbrtt- 
dem aber denen Demeter ihr Vermächtnifs gab nach Lemnos 
«irüekweist '^'), dergestalt dafs lemnische und samothraki- 
sehe Kulte in ähnlicher Weise dort verschmolzen sein moch- 
ten wie in Samothrake beiderlei Kabirendienst mit den noch 
femer stehenden Religionen dodonischer Art. Einen kaum 
zu verkennenden Unterschied lemnischer und samothraki- 
scher Symbolik dürfen wir hiebei nicht unberührt lassen. 
Wie nämlich ein lemnischer Feuerdienst samothrakischem 
Dienst der Erdmächte entgegenzustehen scheint, ist als Un*- 
terpfand jenes Dienstes neben seiner Erdgöttin in heiliger 
Lade die Schlange, in Lemnos dagegen an gleicher Stelle, 
den Sagen vom Brudermord, Feuerdämonen und thrakisch* 
bacchischer Sitte gemäfser, der Phallus vorauszuselzen '**). 
Aegyptischer Parallelen zu geschweigen, wieHerodot und 
Zoega sie heischen ^^^), gewährt Italien uns noch manchen 
Beleg für die Trennung sowohl als auch für den beidersei- 
tigen Einflufs jener kabirischen Kulte. Die lemnische Sage ^^*) 
des Brudermords ^) schliefst mit der Flüchtung der Phallus« 
cista nach Tyrrhenien, in welchem Lande bei ungezwunge- 
ner Auslegung nur Etrurien sich erkennen läfst. In der 
That scheinen dort selbst die lenmischen Drillinge ^) bekannt 
au sein. Hochgestellte Schmiedesymbole , der Schicksals- 
aagel der Nortia^) urd der dämonische Todeshammer ^) der 
Unterweltsmächte weisen auf eben jenen Verein bergmänni- 
scher Götter zurück; aber auch Spuren samothrakischen 
Dienstes '^^) sind in Laren ^) und Penaten^), in Venus und 
Mars ^), vielleicht auch in spitzen Hermessäulen ^) aus jenem 
Lande bezeugt, der gleichzeitigen Ansprüche unbeschadet 
welche Latium auf gleiche Verwandtschaft erheben kann. 
In Latium^") nämlich sind, aufser den Penaten'') und 



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216 6BRHARD 

auCier Venus und Mars^), auch der salische Waffentanz ^ h 
und die Camillenbenennung ^) der Opferdiener als samothra^ {2 
losch zu bezeichnen, und umLemnos auch hier nicht unbe- 
theiligt zu glauben, überrascht uns die Aehnlichkeit dieser 
Camillen in Tracht und Beiwerk mit den aus Thessaionike 
bekannten Kabiren ^''). Eben diese leninische Form des 
Kabirendienstes findet endlich auch in sicilischen Feuer- ^ 
brüdern, denPaliken *'®), sich wieder, und als Ergebniüs al- _ 
1er dieser Erörterungen bleibt demnach der Satz zurück, ^ 
dals samothrakisches und lemnisches Kabirenwe- p 
sen in Italien sowohl als in Griechenland seine ge- \ 
meinsame weite Verbreitung gefunden halte: ein Satz in , 
dessen Zusammenhang nun auch die mit samothrakischem 
Götterwesen so eng verknüpfte Hermenbildung verständ- 
licher wird. 

ni. Haben wir nämlich bisher Herodots Aussage vom 
samothrakischen viereckten und ithyphallischen Hermes be- 
währt und dessen ursprüngliche Verknüpfung mit lemnischen 
Götterwesen zu unterstützen gesucht, so bleibt es uns übrig 
den Vater der Geschichte auch darüber zu rechtfertigen daÜB 
er aus samothrakischer Geheimlehre uns das Verständnils 
der Hermen, verheifst Obwohl Herodot dieses Verständ- 
nifs auf eine einzige Göttersage, diejenige nämlich begrün- 
det, in welcher der samothrakische Kadmilos als Erdbe* 
fruchter erscheint, so ist es doch kaum zu bezweifeln daüs 
alle diejenigen Gottheiten, welche als Doppelausdrücke des 
Kadmilos und seiner derb sinnlichen Zeugungslust sich be- l 
trachten lassen, oder in sonstigem Zusammenhang mit dem L 
snmothrakischen System nachweishch sind, auch in dersel- ^ 
ben viereckten Hermenform darstellbar waren. Die bunt i^ 
wechselnde Anzahl männlicher Hermenbilder, die aus dem \ 
späteren Alter thum auf uns gekommen sind, scheint in ihrer |^ 
allgemeinen Anwendung der Hermenform jenen Satz eher ^ 
aufzuheben als zu bestätigen; wenn wir aber zugleich die ^ 
Seltenheit weiblicher Hermenbilder in Anschlag biingeoi d, 
wenn unter den uns übrigen männlichen Hermen ihrer Viel- j] 



\ 



ÜBER DIE HERMEN. 217 

hat ungeachtet doch Götter der angesehensten Geltung^ 
Zeus und Poseidon nicht ausgenommen , fast oder völlig 
und darum nur fehlen weil Zeugungslust und Geheimdienst 
ihrer hohem Götteridee nachstanden ^^% wenn endlich nach 
Abzug der häufigen Bildnifshermen, die nur für ebensoviel 
Votivbilder Hermes des Stra&en- und Thürgoltes gelten 
können , alle uns übrigen Gölterhermen in Zusammenhang 
mit dem samothrakischen Göttersystem sich nachweisen las^ 
sen, so glauben wir unsre Aufgabe gelöst und die hiera- 
tische Bedeutung der Hermen gegen die Annahme willkür- 
licher Grenzbezeichnung gerettet zu haben. 

Dafs Herodot und Pausaniasi wo sie von der Verbrei- 
tung pelasgischer Hermen durch die Athener reden, nicht 
blofs von Bildern des Hermes selbst, sondern auch von an- 
dern Götterbildern viereckter Form sprechen, haben wir be- 
reits oben *^) wahrscheinlich zu machen gesucht, und können 
daher die von Müller gebilligte Ansicht Zoega's nicht thei- 
len, als sei die beträchtliche Anzahl auf uns gekommener 
Odtterhermen, deren bärtige Bildung durch kein Attribut 
erläutert wird ^^^), lediglich den Hermes darzustellen be- 
stimmt gewesen. Viehnehr drängt bei unbefangener Be- 
trachtung dieser, meist römischer, Hermen die Ansicht sich 
auf, als möge dem Gott der ihrer Bildung den Namen gab 
^ nur ein kleiner Theil bärtiger Hermen angehören ^^'), der 
i mit bartlosen ^^') Hermen desselben Gottes abwechselte, 
i während die gröbere Zahl jener fraglichen Hermen wahr- 
i scheinlich dem Dionysos gehört. Der Grund hievon ist 
' leicht nachzuweisen. Die viereckte und zugleich ithyphal- 
lische Form der Hermesbilder wird auf den samothraki- 
schen Kadmilos zurückgeführt, dem sie als befruchtendem 
Naturgott zugetheilt war. Nun hat aber unser Ueberblick 
des samothrakischen Götterpersonals hinlänglich gezeigt, 
dafs jener Kadmilos weder seine Stelle im Göttersystem, 
noch seine Gleichsetzung mit Hermes durchgängig behaup- 
tete, und es kam alsdann die ihm eigenthümliche phallische 
Bildung wahrscheinlich auch jenen andern Gottheiten zu, 



218 GERHARD 



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1 



welche theils die Stelle des Hermes im System iheik sefoe 
Bedeutung als Weltbefruchter ausfiillteiL Eros, der in Na- 
men und ältestem Begri£f mehr einer Urgottheit Axi^eros 
gleichkommt als einem phallischen Kadmilos, hat seine mehr- 
fach beseugte viereckte Bildung ^^') vermuthlich mehr die- |a 
ser letzteren Geltung zu danken, die er mit andern ver- 
wandten phallischen Götterdämonen ^^^) theilt Ungleicb 
häufiger aber ward durch Verschmelzung des Kadmilos mH 
der Idee des Axio-kersos, der solarischen mit der telluii- 
sdien Zeugungskrafti Dionysos '^^) fast in jeder seiner Ge- |: 
staltungen hermenähnlich gebildet, vide denn an bärtigen') 
und auch an bartlosen^) Bacchushermen, selbst mit dem 
Zusatz von Hörnern^') und Flügeln^), kein Mangel ist und 
nur etwa Phanes für monumental unbezeugt^), der.sabaii- 
sehe Bacchus f) aber für allzeit menschUch gebildet zu gel- i 
ten hat: dergestalt dafs die Hermenform keineswegs jedwe- |i 
dem Geheimdienst, sondern lediglich dem befruchtenden und | 
deshalb ithyphallischen Gott zugetheilt ist. Durch Ueber- 
einstimmung mit diesem seinem Begriff wurden auch 
Pan ^^^) und Snlen und die ihnen verbündete Schaar AoeeAi- 
scher Dämonen ^^^), ferner Priapos und ländliche Gotthei- 
ten ^^^), von grofsen Götteiii auch Hepkäsios ^^*) und Am^ 
mon '^°) zur Hermenform dann und vrann geeignet befun- 
den, wie denn im Anschlufs an den Begriff des Axio-kersos 
auch Ares ^^% an den des Kadmilos auch Herakles ^^), an 
beide Begriffe zugleich die Dioskuren^^^ auf gleiche vier- 
eckte Bildung Anspruch bekamen. Allen diesen Gotthdteii 
der Befruchtung liegt die Idee der Sonnenkraft zu Grunde^ 
daher auch Helios von ihnen nicht ausgeschlossen ^^^) und 
der phailische Hermes dann und wann auch durch Strab- 
lenbekränzung hervorgehoben ist ^^^). Um so weniger darf 
von gleicher Betrachtung der Hermenform ein Gott ausge- 
schlossen werden, welcher als dorischer Sonnengott don 
pelasgischen Hirtengott Hermes in allem Wesentlichen ent- 
spricht: wir meinen den schon oben berührten Apollo 
Affyieus *^®). Die Verwandtschaft beider Gottheiten erhellt 



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ÜBKR DIE HERMEN. 219 

dieils in unzulänglichen aber alten NAmensableitungen eines 
gliederlosen oder auch eines führenden Gottes ')i theils in 
der wahreren eines dem Dionysos nicht weniger als dem 
Hermes verwandten dorischen Wandergottes ^) der Thüren 
und Strafsen, der Ober- und Unterwelt, theils in seiner nur 
ausnahmsweise zur Menschengestalt ^) umgewandelten Dar- 
stellungsweise als spitze oder kegelförmige Säule ^), eine 
Bildungsform die von Nordgriechenland nach Etrurien') 
überging, in Arkadien aber wol auch mit der viereckten 
Bildung wechselte^) und gleich dem Hermes auch den Apollo 
Agyieus in werkthätiger Einigung mit der schöpferisch 
wirkenden Athene Ergatis oder Ergane^) zu zeigen be* 
tümmt ward. 

Jene Hermenbildungen verschiedener durch die Idee 
ones Weltbefruchters vereinigter Gottheiten sind urkund- 
lich; aber die noch häufigere Anwendung der Hermenform 
im mythen- und symbolreichen Arkadien ist es gleichfalls 
and drängt uns zu weiteren Erklärungsversuchen. Der ithy^ 
pliallische Hermes war aus den heiligen Steinen der Pelas- 
ger hervorgegangen, aber auch die übrigen samothrakischen 
Götter waren pelasgischen Ursprungs und wurden entweder 
durch namenlose Steine, sonstiger pelasgischer Sitte gemäfs» 
oder in ähnlicher derb sinnUcher Weise dargestellt wie die 
für den Kadmilos bis hieher erörterte es war. NamentUch 
iieischte die Zeugung des Axio-kersos den ihr nach man- 
cher bereits erwähnten Hermenbildung gegebenen phallischen 
Ausdruck; es mufste aber nach aller Analogie ein ähnliches 
Merkmal geschlechtlicher Lebenskraft auch auf den beleben- 
den Schöpfungsodem der Gottheit Axieros übergehn. Ab- 
gesehen von viereckten Bildern des Eros, die wir in an- 
derm Zusammenhang schon oben erwähnten, oder der De- 
tneieTj die trotz ihrer Gleichsetzung mit Axieros vielleicht 
nirgend sich finden ^^'), erinnern wir uns daCs Pallas in sol- 
cher Geltung ungleich bezeugter ist und finden duix;h vier- 
eckte Hermenbildung sie darin bestätigt. Nicht als Bezeich- 
nung der mit Hermes verbundenen Athene, sondern als sa-. 



220 GERHARD 

mothrakisch geformtes Götterbild der den Penaten ver- 
bundnen dardanischen Göttin ist der mehrfach uns überlie- 
ferte Ausdruck der Hermathene ^^^) zu fassen; hauptsäch- 
lich mag er Athenen in ihrer Bedeutung als Ergane gegol- 
ten haben, welcher Beiname, eine Schöpfungsweberin be- 
zeichnend, der obersten Gottheit des samothrakischen Göl- 
tersystens wohl entspricht. 

Die viereckte Hermenform, deren wesentUchstes Merk- 
mal Herodot im erregten Phallus erkennt, endUch auch auf 
die rein weibliche Gottheit Samothrake's, auf Axio-^kersa, 
übergetragen zu sehen, kann befremden. Ist aber der Ur- 
sprung der Phallushermen aus phallischem Zusatz zum ro- 
hen Götterstein der Pelasger leicht erklärlich, so wird für 
die weibliche Gottheit jenes Systems eben auch keine Men- 
schengestalt, sondern ein ähnlicher viereckter Stein mit An- 
deutung von Kopf und ' Weibhchkeit erwartet, wie solches 
statt aller sonstigen weiblichen Hermenbildung, mit wenig 
Ausnahmen ^^^) fast nur in Venushermen sich findet, als 
deren Vorbild die delische Aphrodite uns bekannt ist ^^^). 
Nicht nur ein leicht zu ergänzender Bezug auf das samo- 
thrakische System und die ihm eigenthümhche Hermensitte, 
sondern auch die Aphroditen sowohl als dem Hermes ge- 
heiligte viereckte Form rechtfertigte die Hermesbildung die- 
ser ihm vorzugsweise verbundnen Naturgötiin, und die Ver- 
schiedenheit eines bald umhüllten bald glatten Schaftes, hie 
und da auch ein Modius auf dem Haupt, diente zu noch ^ 
deutlicherem Ausdruck derselben Göttin. Obwohl ihr Göt* ^ 
terbild durch das Idol ihres Befruchters Hermes gemeinhin 
entbehrlich gemacht werden mochte, zumal wenn am Schaft 
seiner Hermen eine Andeutung des weibUchen Princips dem ^ 
Zeichender Männlichkeit etwa beiging ^^^), moclite statt seiner 'j^ 
zuweilen doch auch das Bild der empfangenden Göttin will- ; 
kommen sein und dieses alsdann gleicherweise mit phalli- 
schem Zusatz versehen werden. In der That wird eine 
solche Verbindung aphrodisischer Idole mit dem männUchen •§ 
Natursymbol theils durch Doppelgeschlecht des paphischen 



\ 



ÜBER DIE HERMEN. 321 

Idols und durch statuarische Bildungen der späteren Kunst ^^% 
theils und insonderheit durch den Namen des Hermaphrth 
dii wahrscheinlich, der nach aller Analogie verwandter Aus- 
drücke ursprünglich nur ein vierecktes Venusbild bezeich» 
nen *") mochte, wenn auch die spätere Zeit denselben Aus- 
druck für eine durchgängige, obwohl vorhersehend weibi- 
sche, Zwitterbildung gebrauchte. Die Bildungsweise jedoch 
welche als die natürlichste, statt männlicher Hermen mit 
weiblichem, und weiblicher Hermen mit männlichem Merk- 
mal, zum Ausdruck des samothrakischen Götterpaares die 
herschende wurde, ist in der häufigen Paarung eines bär- 
tigen mit einem weiblichen Kopf durch zahlreiche Doppet- 
hermen"*) gegeben, denen der Name von Liber und Li- 
bera '^) samt etwanigen andern Benennungen verwandter 
Art ^) eher als Deutungen auf Hermes und Hekate *^) zu- 
t stehn , um so mehr als auch an Einzelhermen der bao- 
^ chisch bekränzten Göttin kein Mangel ist "'^). Eine gleich 
L umfassende Naturbedeutung konnte, verbunden mit pelasgi- 
scher Sitte, aufser der Göttin Libera auch andern Göttinnen 
^ der frühesten Zeit die samothrakische Hermenform sichern, 
t^ wie denn namentlich VesiOy die mit Hermes undHephästos ver- 
s^ bundene Göttin des viereckten Heerdes "^), in Hermenform 
^ nicht befremdet, und als gepaarte Lichtgotlheiten dann. und 
^^ wann auch Apollo und Artemis in viereckter Bildung erschein 
^ nen ^°^). Im Allgemeinen jedoch sind dergleichen Hermei^ 
mh: bilder von Göttinnen nur selten zu finden: sie waren theila 
>^ überflüssig bei häufiger selbständiger Anwendung von Bao- 
"^ chus- und Merkurshermen, theils trug die eben so mannig^ 
ba fache als häufige statuarische Durchbildung der Venusidole 
lä£ wesentlich dazu bei, die Hermenform der ihnen entsprecheor« 
^ den Göttin nur selten aufkommen zu lassen. 
i Die hiemit durchgeführte Ableitung alier hermen^- 

ü förmigen Bildungen, auch der spätesten Zeit, aus dem 
t Göttersystem Samothrake's, welche bisher aus dqr 
£ häufigen Hermenform einiger und aus der ^ fast durchgängi? 
(i gen Menschengestalt anderer Gottheiten für uns hervorging 



222 ORRHAHD 

vermögen wir schliefslich noch durch einen RäckbKck «ij 
die bedeutsamsten Merkmale jener starr alterthämliciNl' 
Bildung zu bestätigen. Im Zusammenhang griechisch ^ 
Kunstentwickelung hat die samothrakische Hermenformii 
Fortdauer pelasgischer Göttersteine im GegennAi 
menschenähnlicher Götterbilder ägyptischer und dädaüschtf 
Art uns erhalten, dergestalt daCs jene pelasgische SteinU« 
düng trotz des Zusatzes von Kopf und Phallus in der ?icp 
ed^ten Bildung der Hermen wohl ein Jahrtausend hindardr 
neben der Entwickelung hdUenischer Göttergestalten foiV^ 
während sich wiedererkennen lälst Von den Merkmalen 
dieser Hermenform hat Herodot das Hervorstechendste, den 
Phallus hervorgehoben, ohne das Menschenhaupt über dem- 
selben und ohne den viereckten Pfeiler besonders zu nen- 
nen, auf welchem es ruht und aus welchem das derbe Sym- 
bol der Männlichkeit augenfällig hervortritt; näher erwogen 
aber darf dieser auch weiblichen Gottheiten dann und wann 
zugetheilte viereckte Schaft als eigenthümlichstes Merk- 
mal der samothrakischen Hermenform gellen, zumal in an- 
dern selbständigen Götterbildern pelasgischer Vorzeit Men- 
schenhaupt sowohl als Phallus auch ohne den Zusatz Yie^ 
eckter Pfeiler sich nachweisen lassen. In solcher selbstän- 
diger Phallus form, von der Besonderheit samothrakischer 
Hermenform durchaus unbetheiligt, ward theils der kylle- 
nische Phales uns kund, theils fanden wir uns befugt gleichge- 
formte Idole im römischen Terminus, in den Spitzsäulen Etru- 
riens und selbst im konischen Apollo Agjäeus, einem dori- 
schen Widerspiel des tjrrhenischen viereckten Hermes, lu 
erkennen, Gottheiten denen es ihrer starren Vereinzelung 
ungeachtet auch an weiblicher Verbindung — Juventas, Er- 
gane, Aphrodite — nicht fehlt Aber auch in der Form des 
selbständigen Menschenhaupts, ohne Steinschaft und ohne 
Phallus, hat die pelasgische Vorzeit sprechende Idole uns 
hinterlassen, und wenn uns die griechische Sitte dergleidien 
als Haupt oder Antlitz verehrte Götter nur spärlich vorfahrt, 
so tritt aus itaUscher Urzeit der perrhäbisch- römische mit 



ÜBER DIB HERMEN. 228 

ennes sowohl als Apoll sehr vergleichbare Janus **^) ent- 
iieidend ein, dessen durchgängige Bildung als Doppcl- 
iupt '*'), von Phallus, Steinschafl, Menschengestalt und son- 
iger Göllerverwandlschaft fast unbelheiligt *^"), einen in 
2]i vollendeten Ausdruck der höchsten Gottheit, doppelt 
U das dardanische Brüderpaar und manches nur minder 
orchgedrungene Doppelbild griechischer' Sitte, uns über- 
ifert hat, einen Ausdruck welcher bei sonstiger Begriffs- 
trwandtschaft die Phallusform des x\gyieus sowohl als auch 
e viereckten Phallussteine des Hermes überbietet 



224 OBRHARD 



Anmerkungen. 



I. Hermensitte. 

^) üeber die Hermen haben nach Rhodiginus (Antiq. lectt. 
29, 18), J. Nicolai (De Mercuriis sea hermis. Lips. 1687. 12), Ber- 
gier (de publicis et militar. Rom. yüs IV, 43), Et. Otto (De tutela 
yiarum p. 152 ss. 164 ss.) und andern yon Gurlitt Arch. Sehr. S. 334 
Erwähnten hauptsächlich gehandelt: Gurlitt (Arch. Schriften S. 193 iF. 
214 ff. 238 ff. 334) und Sluiter (Lectt. Andocid. p. 32 ss.). Vgl 
Preller in Pauly's Encykl. IV, 1857 f. Müller Handb. §. 67. 

^) Hermen in Marmor und sonstigem Stein. Die Menge 
noch Yorhandener Hermen ist aus den Kupferwerken, denen sie sel- 
ten erheblich genug waren, weniger abzuschätzen als ans der Mar- 
morfulle des Vatikans, der Villa Albani (Platner Beschr. Roms Jlf, 
2, 477. 480) und sonstiger römischer Sammlungen und Kunstmaga^ 
zine; nächstdem aus Funden welche an Hermen reich waren, wie 
die tiburtinischen der Cassius- Villa, jetzt im Musensaale des Vati- 
kans, und wie, selbst im Norden, die neulichen yon Welschbillig bei 
Trier (Rhein. Jahrb. VI, 287 ff. Taf. III. IV). 

^) Stoff der Hermen war nicht nur der Marmor und sonsti- 
ger zur Aufstellung im Freien geeigneter Stein, sondern auch Me- 
tall und selbst Holz. Unter n) den Hermen yon Stein sind die yon 
geblümtem Marmor in der Villa Albani (Fea Indic. 187. 191. Beschr. 
Roms 111, 2, 505 f.) heryorzuheben. h) Eherne sowohl als Marmo^ 
hermen kennt der Scholiast zum Juyenal (VIII, 53: hermae effigiet 
aeneae aut marmoreae) -, ein eherner Hermes am Kreuzweg (iv jQto- 
Soiat Anth. Pal. IX, 441) ist ans altem Epigramm bezeugt. Einiges 
dieser Art auch aus kleineren Idolen bekannt, deren eines in meinem 
Besitz. Köpfe yon Erz mit Schäften yon pentelischem Marmor liefs 
sich Cicero (ad Att. I, 8) aufstellen; ans Pompeji ist Aehnliches 



Ober dik hermbn. 225 

(Museo Borbonico XI, 41, p. 2) erhalten; namentlich aoch eine Mar- 
morherme mit eingesetztem Gliede yon Erz (Neapels Bildw. S. 464, 
25). c) Ausnahmsweise auch Hermen von Holz anzunehmen, sind 
wir bei dem Hermenbild im Tempel der Athene Polias berechtigt, 
dessen Verkleidung durch Myrtenreis (vno xla6(av fxvQaCvrig ov avv^ 
ontos Paus. I, 27, 1) am natürlichsten als Verkleidung des Phallus 
erklärt wird ; auch im Aphroditetempel des Mysteriengeheges zu Me* 
galopolis ist der hölzerne Hermes des Damophon, der neben einem 
Akrolith der Aphrodite MtixavTrtg aufgestellt war. Tiereckt zu den- 
ken C^QfJiijs ^vkov xttl liiifQo^Cx^g loai/ov, nicht ^Eq^aS xu\ IdtfQodCtrig 
^ava). Im Arm einer in Mantel gehüllten Knabenfigor von d) Glas- 
flofs wird eine Herme bemerkt; wieder eine findet sich (Anm. 18) 
an Baumzweigen hangend. Ein e) Gemmenbild (Irapr. Ilf, 48) stellt 
andächtige Beschanung einer in den Händen gehaltenen Herme dar; 
leicht, tragbar und mit übertriebener Geschlechtsbildung geschnitzt 
ist auch^die Priapusherme, die am Tempeleingang eines pompejani- 
sehen /) Wandgemäldes (bei Zahn) angelehnt ist. Alljdergleichen ist je- 
doch spät oder selten genug um Zoega's (p. 220) Tadel gegen eine 
Definition der Hermen als yiereckter Hermesbilder yon Holz oder 
Stein {IvXa ^ XCd^oi,', Ulpian. Dem. Lept. p. 590) za rechtfertigen. 

*) Hermen in Abbildung: a) in Reliefs (Müller Denkm. 
I, 4), hauptsächlicli in bacchischen Darstellungen auf l^arkophagen, 
Reliefplatten, Lampen« h) Auf Münzen yon Aegina (Arch. Zeit I, 
Taf. IX, 8), Mytilene (Anm. 145), Sestoa, Aenos (Anm. 141) und an- 
deren nordgriechischen Orten sind Hermen als Idole dargestellt; 
, eben so finden sich nicht wenige yiereckte Köpfe auf römischen Fa- 
milienmünzen. Auch an Besonderheiten der Hermenanwendung fehlt 
es nicht, zumal aus der Kaiserzeit und aua asiatischen Münzen ; da- 
hin gehörig ist eine auf yier Hermen ruhende Tempelfronte (Hayer- 
camp num. Reg. Christ. XIX), ferner zwei Hermen samt Cypressen 
^s Umgebung einer Aedicula, auf einer Kaisermünze yon Sikyon 
(Fulvia Plautilla: Cab. Allier de Hauteroche VI, 15). c) Hermen 
auf Gemmenbildern (Anm. 2«) sind, besonders in palästrischer 
Umgebung, nicht selten, d) Aus Vasenbidern erwähnen wir wei- 
ter unten (Anm. 15. 19. 141) manchen Hermendienst, wie solcher 
auch e) aus Wandgemälden (Anm. 2c und sonst), zumal in bac- 
cbisch-priapischem Sinn (Müller Denkm. 1, 3), keineswegs ungewöhn- 
lich ist. Bekannt ist das Bild einer Malerin, die eine Herme nach- 
bildet (Pitt. d'Erc. III, 103). Von sonstigen Kunstdenkmälern ist 
etwa noch der etruskischen /*) Spiegel zu gedenken, deren einer 
die. merkwürdige Herme der Juyentas (Amn. 22) enthält. 

') Namen und Begriff der Hermen, den ein Grammatiker 
(Schol. Luc. Joy. Trag. 43: TCT^ßywrot yAovfg) nicht ungeschickt als 

15 



226 GERHARD 

Yiereckte Saale fafst, dem Begriff einer Statoe gleichgesetzt zu hi^ 
ben, ist auch dem Tzetzes nicht yorznwerfen, der nnr im Gegensali 
eines Steinhaufens Herme und Statoe gleichsetzt (ChiL XU, 591: 
^EQfirjg xal avfintcg av^Qiag xctl 6 atoQog ttav ki&mv. Vgl. Slaitei 
Lectt. Andoc p. 42 ss.)* Vgl. unten Anm. 2^. 

*) Yiereckte Form. Cornutus cap. 16: TiXarmai dl ujm^ 
xal anovg xal rtJQttyatvog rrp or/^/unr» 6 ^EQfxtjg, Leonidas Anal. I,.. 
%%9f S5: xal av j€JQayX(ox^v ^ fitjkoaaoCj Maiaöog ^E^fxi}. Besonder- 
heiten dieses yiereckten Schaftes entstehen theils aus den Hermen- 
Zapfen (Anm. 20) theils aus ZnföUigkeiten ^ wie der lose auf d«, 
Schaft gesetzte Kopf eines herkulanischen Gemäldes eine ist (Pitt 
d*Erc. ly, 17). Die Ver jungu ng nach unten, die Göttling (N. Rheia 
Mus. I, 168. Vgl. Ghd. Myken. Alterth. S. 10, 54) am Löwenthir] 
Ton Mykenä voraussetzt, ist mehr aus den Abbildungen römischer 
Hermen (auf Münzen: Riccio, Julia no. |60) und etwa aus Erzfigii^ 
chen als aus gröfseren, namentlich steinernen, Hermen nad^weislidk 

"^ Verstümmelung ward dem Hermenbild in Vergleich fäH 
der gegliederten Statue beigemessen; der Beiname KvlXriytog waid 
darauf bezogen. Cornutus cap. 16: nXankjat, axeig xal anovg. Pto* ^ 
sanias T, 24, 3: TiQmoi filv yaq CAO^rivaloi) Id&riväv inatvofittaav^ n^äm 
^ axtolovg ^Egfiäg» Festus y. CyUenius . • . quod omutm rem term 
nne manibus conficiaty quibus partibu* corporis qui careani xvllovi 
vocari (Tgl. jedoch KvXXonodCiav für Hephästos) ideoque qiuidnim 
fingt. Vgl. Serr. Aen. VllI, 138. Sluiter Lectt. Andoc. p. 34. De 
Witte Nouy. Ann. I, 95. 

^) Männlichkeit. Enstath. D. XXI, p. 1249, 8: ol mXaapX 
xatä rriv latoqCav (Herod. II, 51. Unten Anm. 94) irrera/jiivov rh 
^EQfjLTJfif rftoi oQd-idCovra l&QvovTai' xal fjLaXtdra jovg yiQOVtag igfiSi 
yXv(pova$ TOiovTOvg, So bezeichnet auch Plntarch (an seni ger. respi- 
T. IX, p. 184 Rsk.) die bärtigen Hermen, die er auf den Hermei 
Log^os deutet, als nQsaßvj^Qovg ^ a/agag xal anoSag^ ivTsra/iivftvs 
dk toTg fioqloig. Vgl. Sluiter Lectt. Andoc. p. 33. — Mehr oder 
weniger merklich ward diese Männlichkeit angegeben. Ntd 
Plntarch 1. c. und Cornutus cap. 16 wären bärtige Hermen ithyphal- 
lis(h, jugendliche mit schlaffem Glied gebildet worden: ol aqx^ 
rovg fihv nQegßviiqovg xal yewavrag lav ig/iiüiv OQ&a inoiow «1 
ai&oTa IpfOi/ras', TOvg <f^ vtforiQOvg xal Xeiovg xal ayevUovg nagtiftinu 
Diese Unterscheidung wird jedoch durch die Denkmäler nicht be- 
stätigt, selbst wenn man sie auf bärtige Bildnifshermen beschraniei 
wollte: jugendliche bacchische Hermen (wie den bacchischen He^ 
kules, Pio-Clem. VI, 12) finden wir ithyphallisch, und bärtige Bild- 
nifshermen wo deren Schaft ihnen angehört gewöhnlich mit schwä- 
cherem Glied — , letzteres yielleicht aus der yon Zoega obel. p. 219 



ÜBER DIE HERMEN. 237 

Ea allgemein angenommenen Mälsigong der späteren Zeit, die in 
Athen noch nicht durchgedrungen «ein mochte als die Hermokopiden 
Athens Hermen um Kopf und Phallus yerkürzten (Schol. Thuc. VI, 27). 
Völlige Weglassung des Glieds ist selten, doch nicht ohne Beispiel 
(Anm. 71). Sollte der *ßQ/Lirjs dftvijTOS auf der Akropolis (Proy. Vatic 
I, 90) ebenfalls aus mangelnder Geschlechtsbezeichnung zu erklä* 
rcR «ein? 

^ Sinnsprüche auf Hermen Schäften pflegen dann und wann 
dem Gott selbst zu gelten, wie denn das griechische Epigramm 
(Welcker N. Rh. Mus.I, 213 f.) einer Herme zu Argos den 'JEQfjirjg dl* 
xatoSi etwa mit Orakelbezug (Paus. VII, 22, 2. Welcker ebd. S. 214), 
«nd das lateinische einer bekannten AIbani*schen Herme (Welcker 
Sylloge no. 136) den Gott der Palästra in allem Umfang seiner son- 
stigen Göttlichkeit feiert. Andre sinnige Inschriften sind mit Bild- 
nifshermen (Anm. 10) verbunden; nicht nur für Aeufserungen näch- 
sten Bezuges, sondern auch fiir manch ferner liegendes sinniges 
Wort war der auf Markt und Spielplatz augenfällige Hermenschaft 
willkommen. Beispiele geben auf yatikanischen Hermen die Sinn- 
sprüche der sieben Weisen (Pio-Clem. VI, 22) nicht nur, sondern 
•ich ein zur Auflösung dargebotenes metrisches Räthsel (Pio-Clem. 
▼1,22). Vgl. die Sentenz yon derAuletik bei Dio Chrjs. VII, 2638. 

^") Bildnifshermen, an Orten des freien Verkehrs in der 

fiereckten Form des dort geheiligten Gottes Hermes (nicht eben 

blols zu Zeit- und Kostenersparnifs, wie Gurlitt meinte : Arch. Sehr. 

S. 193 f.) sind yiel bezeugt, selbst als Siegesehren durch Volksbe- 

schlufs (Aeschin. Ctes. 184, Tzetz. Lycophr. 417. Westermann de 

Atheniens. honoribus. Lips. 1830, p. 26 s.); in grÖfserer Anzahl als 

Aaszeichnungen verdienter Männer sind sie unter den von Hipparch 

aber Athen verbreiteten vorauszusetzen (Hesych. 'Inna^x^ioi igfiaL 

Plut. Cimon. 7, cf. X oratt. cap. 4. Sim. Socr. de Incri cupid. p. 229. 

fiöckh C. I. no. 12, p. 31 ss. 880 ss. Westermann de publicis Athen. 

ilionor. p. 26. Hermann de terminis p. 33). Die noch übrigen Bild- 

lifiibermen zn übersehen ist Gurlitt's (Archr. Sehr. S. 244 ss.) Ver- 

eeicbniDB jetzt anbrauchbar, wie denn derselbe (S. 239) durch Schafte 

Hit trüglichen Inschriften selbst Hermen des Valerius Publicola und 

Clato Censorinus beglaubigt fand. Allbekannt aber sind die mit Na- 

nen und Sentenzen versehenen vatikanischen Inschrifthermen der 

(ieben Weisen (Pio-Clem. VI, 22), die damit zugleich gefundene 

Ooppelherme von Homer und Archilochos, Bias und Thaies (Pio-CL 

VIj 20. 22), ebendaher die von Zoega obel. p. 223, 38 besonders 

iiervorgehobne Herme des Perikles (Pio-Clem. VI, 29), eben dort 

die weiblichen als Tragödia und Komödia benannten Hermenköpfe 

(ebd. VI, 10) u. a. m. Hinzugekommen ist neuerdings die anziehende 

15* 



228 GERHARD 

Inschriftherine des Plato (Ärch. Z. IV, S43). Kben dahin gehört 
aueh die yatikanische Herme mit Namensinschrift des Alkibiades 
(Pio-Clem. VI, 31). Dafs man Hermen nach dessen Aehnlichkeit ge- 
bildet habe wird von Clemens (Protr. 47: toug ^Eg/Ltäg ngog HXxißia- 
Stiv amixttCov) nnd Arnobias bezeugt; doch führt dieses Zengnifs 
nach dem Zusammenhang des letzteren (VI, 13: Quis est qui ignoret 
Athenienses illos hermas Alcibindi nd corporis similitudinem ffibricatos?) 
in Vergleich mit dem Hetarenyorbild yon Vennsstatnen weniger anf 
Alkibiadeshermen als anf Benatzung des schönsten der Athener 
{princeps forma: Plin. XXXVI, 4, 8) zur Darstellung des Hermes, 
wie denn auch K. F. Hermann noch neuerdings (Studien gr. Künst- 
ler Anm. 148) es verstand. Von der spartanischen Bildnifshenne 
eines Palästriten Damokrates ist der Schaft mit metrischer Inschrift 
erhalten: Rofs Inscr. II, no. 29. Welcker N. Rh. Mus. I, 215. In 
der Reihe römischer Bildnifshermen steht für uns der Doppelkopf 
obenan, der neben häufigen JanuskÖpfen der Familie Pompeja 
sich mit dem sicheren Bildnifs des Pompejus magnus und mit dem 
muthmafslichen seines Sohnes findet (Riccio, Pompeja no. 13 vgl. 16). 
Ueber weibliche Bildnifshermen vgl. unten Anm. 125. 

") Grenzhermen bezeugt Pausanias (II, 38, 7. Vgl. VIII, 
6, 54. Sluiter p. 43) dem Parthenion gebirg zwischen Argos und Te- 
gea. In gleichem Sinne, als schickliche Benennung friedlichen Mit- 
telpunkts zwei nachbarlicher Gemeinden, ist ^Eg/nceTov hie und da 
Name eines Grenzorts: so ebd. VIII, 34, 3 C^Qi^rjs inl artjXtj Anm. 18) 
und wiederum VIII, 35, 2 mit dem Beisatz xarä ^ianoivav ein eben 
so benannter Grenzort mit kleinen Statuen von DespÖna and Deme- 
ter, wie auch von Hermes und Herakles ; desgleichen zwischen Lann 
psakos und Parion nach Polyän VI, 24. Vgl. Hermann de terminis 
p. 17, 63. Als schmückende Begrenzung städtischer Wege sind 
hauptsächlich die der athenischen Hermenstralse berühmt, denen Sai- 
das (v. ^EQfictZ) auch die bipparchischen beizählt. Vgl. Hesych. ini- 
HQfiiog ^EQfjiijg, Zoega obel. p. 220. 

") Als Marktgott war Hermes vorzugsweise bekannt (Osau 

zu Cornut. p. 73. Forchhammer Zeit. f. Alterth. 1844, S. 1065), wie 

aus Erwähnung statuarischer (Hermes mit dem Dionysoskind zi 

Sparta: Paus. III, 11, 11) sowohl als viereckter Bilder des liyoQttio; 

hervorg;eht; mit gleicher Benennung ist in einer Inschrift (G. Inscn 

2078) dem Hermes eine silberne Nike geweiht. Die viereckte Bfl- 

düng des Hermes ayoQalog ist hauptsächlich aus Pharä (Paus. VOt 

22, 3) bezeugt wo er orakelte, wie auch vom Hermes ^(xttiog einer 

Inschrift vorausgesetzt wird (Anm. 9)^ femer aus Athen wo der 

EQfxijg ayoQalog auch als nachahmenswerthes Kunstwerk bekannt 

war (Lucian. Jov. Trag. c. 33). Dafs die von den Lexikographei 



\ 



\ 



ÜBER DIE HERMEN. 229 

nter ^AyoQaTos (Hesych.) nnd ▼. *EQf^rje 6 nQÖg tJ nvXi^$y oder nQ6s 
Jf nvkCdi ^EQfifjs (Harp. Suid. Phot.) angeführten Hermen, letztere 
lit dem auf den Piräeusban bezüglichen Epigramm der neun Ar- 
donten, eine und dieselbe sei, ist seit Corsini (Fast. Att. I, 332 ss. 
hilochori Fragm. p. 49. Leake Topogr. D. A. S. 451 ss. Forch- 
ftmmer Topogr. Athens S. 53) aufser Zweifel. Im Allgemeinen ist 
[ermenanfst«llung in dtirNahe des Marktes aus Athen berühmt: was 
hilostratas (Vit. Apoll. VI, 4. Zoega p. 47. 220) als ältere Einrich- 
ing bezeichnet, Hermenreihen am Markt aufzustellen, ist durch 
inen Komikervers (Athen. IX, 67: oteTx fk dyoQav sfg tovs iQ/^äe) 
er blühendsten Zeit Athens bezeugt und gilt zugleich der Gegend 
es inneren Kerameikos, den die panathenaische Procession berührte 
Ikthen. IV, 168 — Demetrios zu König Antigonos* Zeit — txQiov 
JtTias TtQOS iQ/LiccTg IdQiaTayoQCj^ ^ fiSTetoQOTSQOv T(3v iqfjitov. Vgl. 
eake Topogr. S. 321, 4). Sehr begreiflich dafs die Hermokopi- 
en hauptsächlich am Markt nnd in dessen Umgebung ihr ünwe- 
m trieben. 

*') Als Strafsengott ward Hermes haulig verehrt {av/va S\ 
% ^JEQfisTa iv Teds oSoTg, sagt Strabo VIII, 1, p. 343), hauptsächlich 
uf Scheidewegen (Anth. Pal. IX, 441: iv tQio^oiaiv) , wie Hekate. 
[iemit hing der Begriff glücklicher Funde zusammen: xoivog 'EQfzrjg, 
f (f ^ avvtazfoQ Igt\ Trjg svQiascjgj hoöiog tav (Cornut. cap. 16), da- 
er auch ein bärtiger und mit dem TuXog bedeckter Hermes Dolios 
Paus. VII, 27, 1) viereckte Bildung hatte. Hermes auf Brücken 
sheint durch Ammian XXXI, 2 bezeugt zu sein. 

**) Als Thürgott und Pförtner ist Hermes nqonvXalog viel- 
licht schon am Löwenthor zu Mykenä (Anm. 6) zu erkennen; sicher 
ezeugt ist er vor den Propyläen der Akropolis, wo er von Sokra- 
IS* Hand mit den Chariten vereinigt stand (Paus. I, 22> 8)^ nicht 
eniger aus allgemeinem Gebrauch der Privatwohnnngen : ti^rmat 
thenienses ante ianuas pro reliyione positos hahuere (Schol. luven« 
Ol, 53). In diesem Sinn ist der schützende Hermes eines Dattios, 
irch metrische Inschrift naher bezeichnet, in Albani*scher Marmor- 
irme (Welcker Sylloge no. 136. N. Rh. Mus. 1,214) uns erhalten. 
s ein solcher Thürgott pflegte Hermes auch aTQOtptxtog zu hei- 
sa mit Bezug auf die Thürangel {atQxxfsvg: Poll. VIII, 72. Etym. 
QOffaiog, Schol. Aristoph. Plut. 1154: nccQa trjv (hvqav OTQOKpaTov 
QvaaaS-i fxe' ax-QOfpaTov ixdXovv iSQVfzevov nccQot Tj ^u^^ t6v <fa/- 
yytt • . . inl änotQon^ roSv xlenT<3v), zur Verscheuchung oder auch, 
ie bei Pollux im Gefängnifs -Abschnitt (VIII, 72: OTQOfpalog iv iß 
xij^^Tt nsQl tov axqo(fia l^QvfAevog ^eog) erhellt, zu festerem Ge- 
ahrsam der Diebe. In gleichem Sinne setzt Bötticher (Tektonik 
,1,S. 73. 92) auch im Schatzhaus, das im Opisthodom der Tempel 



230 GKRHARD 

seine Stelle za haben pflegte, einen Hermes otQOifaZog oder aacb 
Tnriaiog voraus^ letzteren nach Analogie der Topfbiider des Zeus 
xrriaios^ der als Glücksbringer in Vorrathskammern {nXovTO^otrig — , 
iv ToTg Tttfjiulots nacli Suidas v. Ztvg Krriaiog) aufgestellt war. Vgl 
Lucian. in Votis c. 20: vnö tov ^EQ^inv lov IC^tvov. Slniter Lectt 
p. 47. Nach Kallimachos (Dian. 143 ss.) ward Hermes zugleich mit 
Apoll auch als Pförtner des Olympos betrachtet,, bevor Herakies diese 
Stelle erhielt. 

") An Kampfplätzen und sonstigen Orten des Öffentlichen 
Verkehrs pflegte Hermes nach seiner bekannten Bedeutung als iva- 
ytovtog (Ar. Plut. 1161. Jahn Beitr. S. 440} aufgestellt zu sein. 
Hermen im athenischen Gymnasien zeichnet Pausanias I, 17, 12 aus. 
Als Andeutung der Palästra sind Hermen häufig, hauptsächlich auf 
Gemmenbildem (Winck. Stosch V, 1, IH. 17. 32: „Terminus**) and 
in Gefäfsmalereien zu finden: schwebende Eroten, einer derselben 
mit Leyer, umgeben eine bärtige und ithyphallische Herme auf 
einem Casuccinischen Skyphos , andre Beispiele folgen unten 
(Anm. 141). Mit Hermes theilt, yon Symbolen des Kampfplatzes um- 
geben, auch wol Herakles ähnliche Ehren (Pitt. d*Erc. UI, 36, 2. 
Müller Denkm. 1, 3). Eben so ist die Anwendung der Hermen auch 
aus dem römischen Circus bezeugt. Schol. Juyenal. YIII, 53: Her- 
mae effigics aeneae aut marmoreae sine manibus, quales videmtis in 
Circo. Vgl. Gerhard Bildw. CXX, 2. 

^®) Im häuslichen Geh rauch, selbst an den innersten Or- 
ten der Wohnungen, ist Hermes der allerorts yoUgültige Geleitsmann 
gleichfalls nachweislich. Als Kinderscheuche läfst ihn Kallimachos 
aus dem Innersten des Hauses (ßcjfAttJog (x fzu^aroiol Call. Dian. 69) 
russig heryortreten. Die Vorhänge der Gemächer pflegen durch Her- 
men gestützt zu sein z. B. in den Medeareliefs (Müller Handb. 
412, 5), und auch als Geräthyerzierung sind Hermen nicht sel- 
ten. So an Kandelabern (Gerhard Bildw. LXXXVll, 5), Spindeln 
(PoU. VII, 73: yiQü)V . . . ^v Ix $vlov nenotrjfiivov xtoviov x^^^ 
^EQfxov jergaycjvov Ijfov, ^ y^Qovxog inijv TiQogcjjiov^ ^ Bettstel- 
len u. dgl. m. 

'^) Hermen an Gräbern zu setzen, ist ein schon aus dem 
römischen Verbot dieser Sitte (Cic. Legg. II, 26: he^maa quos vo- 
cant imponi, Gurlitt S. 239) erwiesener Gebrauch. Belege dafür 
sind auch in der Herme yon Herophile (Paus. X, 12, 3), in der yoi 
Herodes Atticus gesetzten des Polydeukion (C. Inscr. 989)^ yermath- 
lich auch in den ohnweit Trier gefundenen Hermen (Anm. 1) erhal- 
ten. Als Grabesbezeichnung mag auch die Herme eines Gemmen- 
bü^s (Impr. II, 42) gemeint sein, neben welcher eine Frau mit ent- 
blÖfster Brust und trauerndem Ausdruck steht; ferner die eines an- 



ÜBER DIE HERMEN. 231 

dem (in meinem Besitz) wo zwei Vögel, Symbole der Manen, am 
Fnfsgestell zu bemerken sind. Vgl. Sluiter Lectt. p. 45 s. 

*®) Die Aufstellung der Hermen war reihenweise in ar- 
chitektonischem Ebenmafse beliebt, wie schon ans der athenischen 
Hermenreihe, aber auch aus Denkmälern heryorgeht, in denen die 
Umzäunung des Circus (Anm. 15) oder auch eines Jagdgeheges (Ger- 
hard Bildw. LXXX, *Z) durch Hermen gebildet ist. Einzelne Her- 
men pflegen nach Mafsgabe ihrer Bildung und Bedeutung bald der 
Palästra, bald auch als Andeutung freien ländlichen Raumes (Jahn 
Beitr. 202, 7) zu dienen — , welchem letzteren Fall die an einem Baum 
hangende Herme eines römischen Reliefs (Guattani Mon. ined. 1787 
maggio 2. Rofsfuhrer), die über ein Felsstück gelegte eines pom- 
pejanischen Gemäldes (Arch. Zeit. I, 5, 2) , wie auch die auf Endy- 
mionreliefs und sonst yorkommenden umgestürzten Hermen (Jahn 
Beitr. S. 61, 31. Als Cregenstück dient ein Gemmenbild^ wo zwei 
Jünglinge eine Herme aufrichten) angehören. Selbständig aufgestellt 
finden sich Hermen bei freiem Spielraum nicht selten mit einem da- 
vorstehenden Altar (Anm. 19) ycrsehen; dann und wann auch auf 
einen Thron gestellt (M. yon Sestos: Cab. Hauteroche III, 3) oder 
auf einem Untersatz an eine höhere Säule gelehnt wie hie und da 
akf Bildwerken, durch welche der ^JEQfx^g inl ar^ky Paus. YIII, 34, 3 
Terständlich wird. 

^') Hermen dien st, wie zugleich mit ländlichen Schnitzbildern 
TibuU I, 1, 15 ihn andeutet: 

nnni vereor, seu stipes habet desertus in agriSj 
seu velus in trivio florea serta lapis — , 
ist in mancherlei Weise anschaulich gemacht. Allgemeinster und 
häufigster Ausdruck desselben ist die Schmückung der Hermen 
durch Binden und Festkränze (Xenokrates: Aelian V. H. II, 41. 
Diog. Laert. IV, 2. Athen. :X, 10. 437 B. Vgl. Athen. V, 4. Poll. 
VI, 100. Grut 449, 5. Zoega obel. p. 222. Gurlitt S. 239), wel- 
chem Behuf meistens die statt der Arme heraustretenden Zapfen 
(Anm. 20) dienten. Damit yerbunden ist die aus einer mehrfach wie- 
derholten Thonplatte bei Tisc. Mus. Worthl. II, 1 5 (Müller Denkm. 1, 4) 
und Campana Op. plast. XLIV bekannte Reinigung und Salbung 
der Hermen. D^ Herme pflegte ein Altar zur Seite zu stehn, wie 
oft in Vasenbildern (Hancarv. II, 72. Cab. Durand 62) bemerkt wird, 
zugleich mit manchem Aufputz yon Votiytäfelchen u. dgl., oder es 
dienten die Stufen derselben Speiseopfer niederzulegen, wie die bei 
Aristoplianes(Pac. 923 : ;|f i5T(5«t(yfcy, &;i€^ fisfKpofitvov^EqiJLlSiov ib.Schol. 
Cf. Plut. 1122; erwähnten Gemüstöpfe. Auch von besonderen Opfern 
und Huldigungen, welche der stets nahe Thürgott theils an Woh- 
nungen, tUeils an Palästren empfing, ist mancher anschauliche Zug 



232 GERHARD 

uns erhalten. Agonistiacher und pa las tri s eher Beziehang ist die 
Verbindung einer Herme mit davor sitzender Frauengestalt (Olym- 
pia oder sonst ein Agonenort), die eine Palme hält; ferner auf Jüng- 
linge oder Kinder, die dem Gott aller Uebungsplätze mit Deyotion 
sich zuwenden oder empfohlen werden. Dahin gehört auch aus Ya* 
senbildern die Darbringnng eines Beutels (Nolanisches Gefafs, un- 
edirt) oder auch das Kitharspiel eines bärtigen Kitharoden (Pe- 
like r. Fig. bei Dr. Braun); ferner ebendaher, yielleicht auf Knaben- 
liebe zu deuten, die Darstellung Yon Kröten die einer Herme ent- 
gegenschweben. Ebenfalls eigenthümlich ist die Deyotion von Palästri- 
ten (PhialeFeoli no. 60. Innenbild); oder auch von Frauen, welche das 
Kinn des bärtigen ithyphallischen Hermes berühren. (Innenbilder von 
Schalen r. Fig. meines Besitzes). Noch andre Yasen mit Hermen- 
dienst werden im Rapporte Yolcente not. 225 6 erwähnt („Amphora 
r. Fig. des Pr. von Canino no. 1774; Kylix r. Fig. ebd. 1426"), und 
noch manche andre Anwendung der Hermen läfst sich aus Gemmen- 
bildern nachweisen (z. B. als Idol eines Schiffes, als Strafsenbild ne- 
ben einer Pferdetränke u.a.m.). 

^^) Hermenzapfen, gleichsam die verstümmelten Arme und 
Hände des Hermenbilds und daher auch x^TQcg (PoU. Yll, 73. Oben 
Anm. 6. 19), lateinisch etwa antae genannt, werden in ihrer fast k. 
durchgängigen Anwendung von Zoega obel. p. 219 als Rest ältester ^| 
Roheit angesehen, sind aber theils zur Yerbindung zusammengereih- ^ 
ter Hermen durch Stangen (Gerhard Bildw. LXXX, 2), theils zor i^^ 
Aufhängung von Binden und Kränzen (Pitt. d*Erc. III, 36, 2. Mül- 
ler Denkm. I, 3) durchaus zweckmässig. 

'') Mehrfache Kopfe entgegengesetzter Richtung ergaben 
sich an Scheidewegen für die viereckten Hermesbilder eben so na- 
türlich, wie für die meist in dreifacher Gestalt gebildete Hekate. [' 
So sind denn auch a) doppelte Hermen häufig {ßinQogfanoi äujol xa\ '^' 
äfz<pOTiQü)&6V ofzotoi: Luc. Jov. Trag. 43 ib. Schol. Doppelkopf auf ^' 
einem Scepter Rapp. volc. not. 225 «. Ygl. Zoega p. 219 flF. Yinet ^" 
Revue arch^ol. 1846, III, p. 314); den Ausdruck ^EQfiaipQo&uot in ^ 
einer viel besprochenen Stelle des Theophrast (Char. cap. 16. Ro- ^ 
chette Pomp. p. 143, 1) darauf zu beziehen, sei es im Sinne von ^ 
Ahnenbildern mit Lobeck (Agl. 11, p. 1007 &), oder von Götterpaaren^ j'( 
wie Rochette (l. c.) will, bleibt unsicher und bedenklich. Als athe- '^■ 
nischer Wegweiser ist h) die dreifache Herme des hipp archischen 
Patrokleides benannt (Harpocr. Hesych. Tgixi<paXog 6 ^Egfirig, Vgl. 
Lycophr. 680: NajvaxQtTijg jQtxiipakog (paii^Qog &€6g, Zoega p. 221,34. 
Sluiter p. 41 s. Welcker Ann. II, 76), und ebenfalls aus Athen ist 
selbst eine im Ceramicus befindliche c) vierfache Herme C^Qf^V^ 
t€TQaxi<fakog Eustath. Sly p. 1353. Intpp. Cornut. p. 281. Hermann 



s 



ÜBKR DIE HERMEN. 233 

de terminis p. 27, 106) bezeugt, dem scbriftlicb (Sery. Aen. VII, 608) 
und monumental {Ponte quatlro capi) bezeugten römischen Janus 
quadrifrons entsprechend. 

'*) Terminus, der römische, mit Merkur yiellcicht selbst ety- 
mologisch {Turms: Ghd. Abh. Etrusk. Gotth. Anm. 7) verwandte, 
Grenzgott, wird von Ovid (Fast. II, 639) als bald Stein bald Klotz 
(Tibull. sive Inpis sive es defossus in ngro stipes) bezeichnet, und 
darf demnach eben so fiiglich in grob geschnitzten Grenzpfählen 
als in Steinbildern erkannt werden welche den griechischen Her- 
men gleichen. (Vgl. Zoega obel. p. 218: quicumque lapides locorum 
tigna et custodes Mcrcurii sacrt). Die U^bereinstimmung mit diesen 
letzteren ergibt sich theils durch das Phallusymbol, welches den Ter- 
minus des Kapitels nachweislich vertrat (Abh. Etr. Gottheiten Taf. 1, 3. 
Anm. 59) und in jenen Grenzpfählen ebenfalls derb hervorzutreten 
pflegt, theils auch durch die Hindentung Ovids auf Doppelbildung 
' des Terminus, wie sie aus dem Doppelopfer zweier Nachbarn, dem 
Janus sowohl als den Doppelhermen entsprechend, unzweideutig her- 
vorgeht {Te duo diversa domini pro parte coronnnt hinaque serta tibi 
! hinaque liha ferunt: Fast. II, 641) und der jetzt veralteten Benen- 
: nang der Hermen als Termini , namentlich für Mnnztypen der repu- 
blikanischen Zeit, eine noch immer 'nicht schlechthin verwerfliche 
Beglaubigung ertheilt. Wie in solchen Münztypen der Grenzgott Ter- 
minus oder Juppiter Terminalis (Anm. 139) oder der gleich ihm altrÖ- 
miscbe Janus pater annehmlich ist, bleibt freilich bei der fortschreiten- 
den Gräcisirung des römischen Götterwesens der Gedanke an den grie- 
chischen Hermes nicht nur ehen so berechtigt, sondern ör liegt in 
^er That näher, so dafs ein vierecktes Hermesbild, auch wo es die 
"Weihe für Juppiter Terminalis an sich trägt (Ann. XIX, pl. Ä, 
p. 327 SS.), weniger diesem letzteren als dem griechischen Gott bei- 
zulegen ist, der als Grenzgott dem alten Terminus im Wesentlichen 
entspricht, ohne Besonderheiten des beiderseitigen Begriffes und 
X)ienstes auszuschliefsen. Dergleichen ergeben sich theils in dem 
kleinen, vermuthlich runden, Tempel mit oberer Lichtöffnung, wel- 
chen Terminus, dem Vestatempel vergleichbar, auf dem Kapitol 
liatte (Ov. Fast. II, 670), theils in der Ausdehnung des Terminalien- 
«pfers, welches zugleich mit unblutigen Spenden auch Lämmer und 
selbst Mutterschweine erheischte (ebd. 643ff. ). Vgl. Zoega obel. 
p. 198. C. F.Hermann de terminis, meine Abh. Etrusk. Gotth. Anm. 7 
und Ann. d. Inst.* XIX, 327 ss. 

^^) D e u t e 1 e i e n. In der Heruienbildung ward die viereckte Ge- 
stalt auf Festigkeit, die Verstümmelung gleichfalls als sei er der 
Hände und Fiifse unbedürftig, der stehende Phallus aber auf die 
Kraft der Rede, den ansQfiaTixog loyos des Hermes Logios, gedeu- 



M 



234 GERHARD 

tet. So Plotarch (An seid sit resp. ger. 797 F. «s IX, p. 184 Rsk.), 
Porphyrios (Easeb. Praep. Ilf, p. 114), Plotin (p. 321 ».)» Procloi 
(Jo. Lyd. mens. p. 101), Cornntus cap. 16. Vgl. ebd. p. 280. 

**) Hekat^bilder in ihrer seit ALkamenes vorhersehenden drei- 
fachen Durchbildung können den Hermen, deren Eigenthumlichkeit 
in Kopfgestalten mit nngegliedertem Körper besteht, nicht gleich- p 
gestellt werden, so yielbezengt auch die Verbindung beider Gott» |^ 
heiten als Wegesbeschiitzer (^Ivo^ioi: oben Anm. 13. Vgl. Heraani^ 
Gottesd. Alt §. 15, 14 — 16), so unzweifelhaft ihr gegenseitiges Ye^ 
häitnifs im samothrakischen Dienst und so wahrscheinlich es ist di& 
gewisse weibliche Hermenbildungen, die auch dreifach yorkommes, ( 
der früheren Darstellungsweise Hekate*s , eben so wohl als der ibr 
identischen Aphrodite, entsprechen. VgL unten Anm. 1646. 

'') Die phallischen Hermen pelasgisch. Von den GÖt- 
ternamen sagt Herodot II, 51: ravta fxiv vvv "EXlijveg an Atym- 
jitov vtvofiUaöi f und fahrt sodann fort, wie folgt: rov ^k ^EQfih 
TU aydlfiara ÖQ&ä ?;|f€ii/ rä aiJoTa notivvTSgovx an Atyvmlm 
fiifiad-rixaaiy cUX* ano HekaaytSVt ngcSroi fihv ^Ellriv(av antnh 
j(OV uid^fjvaioi 7i(tQalaß6vT€S i nttQct ^k tovitav ipXXoi. Id&rjvaCoiai yffj 
^Sri TTivtxavra ig "BXXrjvag TsXiovai IlsXaayol avvoixoi iyivovxo Iv tj 
/oJ^i^' oS^iV TiiQ xal "EXXijveg ijQ^avio vofxta&rjvai* ogrtg (f^ ... 
(Anm. 34). Hiebei ist aus der Anschauung zahlreicher phallischer 
Hermesidole (Anm. 8) der Umstand zu ergänzen, dafs ihre Männ- 
lichkeit an yierecktem Schaft statt des ausgearbeiteten Körpers be- 
merkt wird. 

'*) Namen der Hermenform. Der Ausdruck iQfiijg ^ hermeSf 
Hernie^ bezeichnet alle viereckle Götterbildung. Dieser von Zoegt 
obel. p. 223, 36 bestrittene und lediglich auf Darstellungen des Got 
tes Hermes beschränkte Sprachgebrauch ist nicht erst aus Tzetzei 
(Chil. XH, 593: iQf^rjg xal avfjnag ctv^Qtag) zu beschönigen; ergeht 
aus der obigen Versicherung des Pausanias (IV, 33, 4) hervor, laut 
welcher die Athener im hermenreichen Athen ( Thuc. VI, 27 i die 
viereckte Form für die Hermen (inl ToTg iQ/iaig) zuerst anwandten 
und verbreiteten, und wird durch die arkadische Anwendung der 
Hermenform auf sehr verschiedene Gottheiten (Anm. 28) unterstützt 
Das von Cicero (Legg. II, 26) erwähnte Verbot Gräber mit Hermei 
zu schmücken (^nec hermas hos quos vocant licebnt imponi) kwi 
nur sehr gezwungen auf Merkursbilder beschränkt werden, wäbrenl 
die Deutung auf Bildwerke viereckter Form ganz nahe liegt. Ebes 
so wenig läfst Cicero*s Aeufserung gegen Atticns (ad Att. I, 4), die 
Hermathene sei ihm angenehm, quod et Hermes commune omniumti 
Minerva singulare est insigne eius gymnasii, eine andre Auslegung dei 
hermes zu als die auf Bildwerke viereckter Form bezügliche; kätt^ 



ÜBER DI£ HERMEN. 235 

er den Gott Hermen gemeint, so hatte er ohne Zweifel ihn latei- 
nisch Merkur benannt. Im Ausdruck l^yaoCa ttüv kQfxmv bei Themi- 
stins XXYI (Anm. 44) sind wol ebenfalls hermenförmige Bilder an- 
dern yierschrötigen Statuen entgegengesetzt; um Hermesbilder zu 
bezeichnen hatte er vermuthlich rmv ^Eq/40v ayakfjLdtüiv oder noch 
kurzer tov ^EQfAOv gesagt. Eben so beweisen bei Philostratus Vit. 
Apoll. VI, 4 iQf4(uv ayciXfjtttja (nicht ^Eqfiov) als Marktverzierungen 
für unsre Ansicht. Dagegen ist anf Artemidors (II, 43) ^Egfi^s 6 
a(privo7i(6y(ov (filoXoyoig fiovoig avfi(f>iQei hiebei nur insofern zu geben, 
als unter den bärtigen Hermen yon denen sich träumen liefs nur ein 
kleiner Theil für Hermesbilder gelten konnte. Auch ist natürlich 
nicht abzuleugnen dafs die ithyphallische Hermesbildung, von wel- 
cher die Sitte der Hermen ausging, auch diejenige war an welche 
man, schlechthin von Hermen redend, zuerst dachte, wie wenn die 
Athener den Hermen verglichen wurden, (ag ajofxa fjLovov l/ouat »a\ 
aWola fieydla (Stob. Serm. II); wer aber wird bei den durch die 
Hermokopiden yerstümmelten Hermen athenischer Strafsen und 
Plätze (Thuc. VI, 27) lediglich an Hermesidole denken wollen? In 
allgemeiner Bedeutung dehnirt endlich auch Seryius (ad Aen.yiII,138): 
hermas vocamus quosdam stimulos (?) in modum signorum sine manibus. 

^^) Die Hermenbildung athenisch und yiereckt. Wie 
Herodot in der obenerwähnten Stelle die Athener als erste Verbrei- 
ter der phallischen Hermesform bezeichnet und die berühmte Menge 
athenischer Hermen (Thuc. VI, 27. Diod. XIII, 2. Flut. Alcib. 21. 
Harpocr. v. iQf^al, Zoega obel. p. 217 s. Sluiter Lectt. p. 36) 
dem entspricht, so mifst ihnen Pausanias IV, 33, 4 die Verbreitung 
der yiereckten Form bei: iy lats nvlaig 'EQ/4^g rix^rjg t^^ Atiix^g^ 
jiB^riyaC(ov yaQ t6 oxrjfJtcc t6 iSTQoiyüJVOV ioTiv inl jolg '^EQfialg^ xal 
naqu tovjojv fjLEfxa^rixaaiv ol aXXoi, Vgl. I, 24, 3: nqHijoi, fxiv yuQ 
IdO-rjväv iTKüvOfxaaav *EQyuvriVi ngmoi ^ dxooXovg ^EQfxag, Thucyd, 
VI, 27: eial J^, y,atd t6 ItiixcüqioVj i} jeiQaytovog iQyaaCa^ nokkoC . . . 
(ib. SchoL)* Gleichgeltend ist der dichterische Ausdruck tstQctyXcjx^Vf 
den aus Hermokreon Suidas (v. yX(o/£v: xal au rsTQccyXcjxlv f^ijXoaaos 
Mntddog ^Egfirj) erhalten hat. 

'*) Arkadische Hermensitte. Paus. VIII, 48, 4 (yiereckter 
Zeus Teleios ) : nsQiaaüig <fi} i* t^ a/rifittTi tovtc^ (paCvovraC fioi x^^ 
Q€iv ol liQxd^sg. Zum Beweis dienen dort die schon vorher (VIII, 
31, 4) aus dem Peribolos der grofsen Göttinnen angeführten Her- 
men, wo ihnen ein grofses Gebäude für heilige Zwecke erbaut war: 
Hermen von Hermes *Ayrij(oQ, Apollo, Athene und Poseidon, Helios 
Soter und Herakles. Hienach glaubte Müller Handb. §. 67 den Ur- 
sprung der Hermen in Arkadien suchen zu dürfen, während die obi- 



V 



236 GKRUARD 

gen (Anm. 27) Zeugnisse ungleich entscheidender für die Athener 
sprechen. Vgl. Zoega obel. p. 217, 29. 

^') Name des Hermes: orientalisch abgeleitet von Zoega obel. 
p. 224 („Vater der Weisheit"), nach Plato Yon Iq€Tv, tt^HV d. i. Xi- 
yiiv Crat. 399 B. Cornutus cap. 16, p. 63: mofiaarai cT« dno tov 
iQstv fxriaaaaai, oniQ iail XeyeTv (Plat. Crat. 399 B. 408 A), rj am 
tov iQVfxa rifxTv dvm xal olov oxvQojfia, Für die Ableitung von ^Q/ua 
stimmen u. a. Winckelmann G. d. K. I, 1, 9, Anm. 30. Böttiger 
Andeut. S. 45 f. Buttmann Lexilogus I, 114; dagegen Hermann de 
terminis p. 17, 66 geneigter scheint die Sache umzukehren. 

^") Heilige Steinhaufen werden im Ausdruck '£Qfiatov 
hauptsächlich verstanden, der Anwendung gleichen Ausdrucks für 
Kampfplatz und Grenzort (Anm. 6 c) unbeschadet. Zu ^EQ/nalog Xotpog |, 
• Odyss. XVI, 471 sagen die Scbolien : o&€v xal rovg tcvO^Qcjnovg xal it 
vvv efg Tifjirjv '^Eqfiov .... atoqovg noiaTv XC&tov xal öiayovxag jiQoßdX- k 
Xeiv Xi&ovg xal jovTOvg xaXsiv kqfiaCovg Xoifovg, Cornut. 16, p. 72; 
TiQogacjQsvovai öh TOifg Xi&ovg joTg iQfUttig ixdatov eva rivu uviois 
TtQogji&ivTog . . ibid. not. p. 282. Vgl. Etym. 'Eq/äwIov. Otto De diis 
vial. c. 7. Zoega obel. p. 239. Müller Hdb. 66,1. Hermann gott.AIt. 
§. 15, 9. Aehnliche Steinhäufung für Grabmäler gefallener Krieger 
scheint aus Paus. VII!, 13, 1 (atoQol XCihtav ^uaxrjxoreg an dXX^Xm) 
hervorzugehn, etwa dem Hermes Psychopompos zu Ehren. Vgl. Her- 
mann de terminis p. 29, 113. 

") Grenzsteine lediglich sah Zoega (obel. p. 209) in den Her- 
men: a stipitibus autem saxisque quae ad confinia destgnanda aul fa- 
rihus poenam denunciandam in ngris hortisque defigere solebant agre- 
stes homines . . . ortuni traxerunt Terminus et Poles hortorumque Tu- 
fclne aique viahs Lares cum Uermis Attivis et Cylleniorum Phalete. 
Ueber die unbestreitbare Heiligkeit der Grenzsteine^ die schon 
Homer erwähnt (II. XXI, 405), ist mit gleichen Folgerungen ebd. 
p. 218. 220 und in den Pitture d*Ercolano IV, p. 82 gesprochen. In 
ähnlichem Sinn hat neuerdings K. F. Hermann (Gottesd. Alterthümer 
§. 15, 9. Vgl. De terminis pag. 32) sich geaufsert und zwar mit 
der Ansicht, der Zusatz eines menschlichen Kopfes habe den rohen 
Grenzstein bei Dorern zum Apollo Agyieus (?), der eines Phallus bei 
tyrrhenisclien Pelasgern ihn zur Herme gebildet. Was übrigens die 
ebd. §. 15, 12 bestrittene Ansicht betrifft, jeder einfache rohe Grenz- 
stein sei ein Phallus, so bin ich mir weder selbst derselben bewufst, 
noch vermag ich in der dafür citirten GÖttling^schen Abhandlong 
(N. Rhein. Mus. I, 169) sie zu finden. 

^^) Abwehrungspfähle dem Hausheerd vorgesetzt werden 
bei Zoega obel. p. 210 angenommen um den Apollo Agyieus und 
den Antelios (^,daemoncs antelii''^) zu erklären; andre zum Schutz . 



i 

jC 



ÜBER DIR HERMEN. 237 

des Ackers und deshalb phallisch gebildet sah er in den Grenzmar- 
ken. Den Uebergang von solcher Grenzscheuche znm phallischen 
Grenzstein gibt er zugleich in den Worten an: ,>o?tm stipes ad 
agrum tuendum aut forum designandum statutns^ postea generntionis 
$ymholum creditus^\ worauf denn der Bezug auf Bacchus und Pria- 
pns erklärt wird. So sieht er denn auch den kyllenischen Phales 
nnr als anfängliches Marktzeichen (fort indicium) an, welches durch 
Verzierung der Grenzsäule {metn cum cnpHulo ornata)^ in ähnlicher 
Weise wie er an den etruskischen Grabsteinen nur eine solche Ver- 
zierung erkennt (p. !215, 21), erst allmählich zum Hermes geworden 
sei ; auch dafs der Phallus zum Redesymbol gesteigert sei (nicht an- 
ders als wie der br&fistige Hermes zum Xoyiog) wird p. 213 hervor- 
gehoben. Nebenher wird, obwohl das scheuchende Ansehn des Phal- 
lus seiner Anwendung zum Grenzstein zu Grunde lag, einiger Grund 
dieser Anwendung auch in der Rohheit ältester Zeit gesucht (p. 219). 
^^) Zaubermittel im Phallus: fnscinus . .. gut deus int er sa- 
cra romana a Vestnlilus colitur (PJin. XXVHI, 7). Vgl. Zoega obel. 
p. 214. Arditi del fascino. Napoli 1824. 4. Klausen Aeneas II, 755 ff. 

^*j Bätylen, so genannt von ßa^iri wegen Einhüllung in Zie- 
genfell, auch auf ßaCtvlog d. i« Gott und ßanvlia d. i. kleine Göt- 
ter zurückgeführt, werden von Sanchuniathon (Phot. cod. 242, p. 1 048. 
1061) besonders aus syrischem Götter wesen bezeugt, woneben die 
Theraphim und die schwarzen „Denksteine'' (Stuhr Relig. d. Or. 
402. 411. 447) arabischer Sitte zu beachten. Bei Görres Asiat. My- 
theDgeschichte S. 459 ist von Bätylen als Ausdruck der Elemente 
die Rede, deren Vierzahl mit den acht Patäken zusammengenommen 
der zwölf Götter Grundlage sei. Vgl. Zoega obel. p. 201 ff., ebd. 
197, 19. 232. Creuzer Symb. IV, 639. N. A. Muller Handb. §.240,1. 
Akermann Stone-worship of the ancients imNumism. Journal II, 216 ss. 
Ghd. Abh. über das Metroon (Berl. Akad. 1849) Taf. I. II. 

^^) Vom Himmel gefall ne (ßüneirj) Idole, die uns allgemein 
als Palladien (Pherecyd. fr. 57: nakiaifia IxkXovv t« ßaXXof^ava tig 
yijv ix TOv ovQttVOv äyalfiaxa • naklnv yäq ro ßuXXuv tXiyov) be- 
zeichnet werden, finden sich nicht nur in wehrhaften Pallasbildern 
bezeugt, wie das des gephyräischen Brückendienstes (lo. Lyd. mens. 
3, 21. Serv. Aen. II, 166. Klaus. Aen. I, 150) eines war, sondern 
auch in der sitzenden Athene Polias (Paus. I, 26, 7) und im kad- 
meischen Dionysos (Paus. IX, 12, 3). Alles dieses sind Holzbilder; 
roher Stein aber waren die ebenfalls vom Himmel gefallene Idole der 
Chariten von Orchomenos (Paus. IX, 38, 1 : jcig fiiv ^rj n^xQag aißovai 
re fjiakiaza xa\ j^ ^EteoxXit (paalv avjäg neaelv ix tov ovquvov), 

36-40^ Symbolik der Farbe. — ^^) Weifse Steine, in 
deren Mitte ein Holzpflock, werden bei Homer (II. XXIII, 327 ff. 



238 6BRHARD 

lue OVO} Ifvxa) als altes Abzeichen , Grab- oder Zielsteine (a^jUfi 
ßQOtoio oder vvaaa) bezeichnet. Durch Weifse zeichnet nach Delhi 
Marmora (Nony. Ann. I, p. 10) der konische Stein im Tempel za Gao- 
los (Abh. Kunst dar PhÖnicier Taf. 11, 1 a, S. !M) noch heute sich asi. 

'^'^ Oe Is al b n n g, hauptsächlich vom Kronosstein (Paus. X,24,5), 
desgleichen yon dem der Hestia (Hom. H. Zi ^ 3. Klausen Aen. 
I, 166) bezeugt. Vgl. Theophr. char. 17 not. Clem. Strom. YII,4. 
Amob. I, 39 tuhricatum lapidem et ex ulivi unguine sordidntum, VgL 
Zoega obel. p. ,198 ss. Anfser dem Vasenbild Hancarr. I, 41, wel- 
ches willkürlich hieher gezogen ist, glaubt Zoega ähnliche Sarbstehe 
(Ae^ol XinaQoC) auch auf andern Vasenbildem bemerkt zu haben. 

") Dunkle Farbe vermehrte die Heiligkeit des pessinnn- 
ti sehen Steins. Arnob. Vil, 49: allatum ex Phrygia nihil quid aÜMi 
seribitur missum rege ab Audio ^ nisi lapU qmdam non magnuSy feni 
manu Hominis sine uUa impressione quiposset^ coloris für vi ntftc: 
atrt, angellis prominentibus inaequalis et quem omnes hodie ip$o iÜ9 
videmus in signo oris loco positum^ indolatum et asperum ... Yiel? 
leicht wegen der Form eines menschlichen Mundes, meinte nach 
Prüden tius (de suppl. mart. 157) Zoega Bass. I, p. 88. VgL obel 
p. 208. Intpp. Arnob. I. c. 

^') S ch warz e Steine: der des Mars als Amazonengottes (Apoll. 
Rhod. If, 1176. Zoega obel. p. 207: Rofsopfer) und der angeblich 
konische des Elagabalus ( Lamprid Elag. 1 : in loco in quo pnus ffe- 
des Horci, Herodian. V, 5. Zoega obel. p. 203 s.). Der schwarzen 
„Denksteine** der Araber ward schon Anm. 34 gedacht* 

♦0-48^ Symbolik der Form. — *") Unförmlich ist aufeer 
dem pessinun tischen Stein der Göttermutter (Anm. 38) auch der 
Zeus Kasios, der als Fels erscheint (Miliin Gal. X, 40*. Vgl. Zoega 
obel. p. 203. Eckhel D. N. II, 180. III, 326. Akerman Stone-worship 
p« 222), und ein unförmlicher Stein ist ursprünglich wol aach 
in demjenigen gemeint, den Kronos, als sei es sein eigen Göt- 
terkind, verschlingen sollte. In Delphi^ wo Zeus diesen Kronos- 
* stein geweiht hatte (Hes. Theog. 500), sah ihn Pausanias (X,24,5) 
und bezeichnet ihn als einen nicht grofsen, mit Oel und Wolle jedei 
Tags neu geheiligten, übrigens aufserhalb des Tempels befindlichei 
Stein, dagegen der Omphalos (Anm. 41) mitten unter den Weihge- 
schenken (X, 16, 2) erwähnt wird und yon Marmor war. In enged 
Bezug zu jenem Kronosstein mufs der gleichfalls mit Oel undWolH 
betheiligte delphische Hestiadienst gestanden haben (Hom. H. 24|Sl 
Klausen Aen. I, 167); es liefse wol gar sich fragen ob nicht dei 
Herdstein dieses von Pausanias unerwähnten Hestiadienstes mit defl 
Kronosstein als einer und derselbe zusammenfalle. Klausen*s Mei- 
nung (Aen. 1, 166), als sei dieser Stein vom Nabel der Erde or 



ÜBER DIB HKRMEN. 339 

»riinglich nicht yerschieden ,' und mehr noch die Gleichsetznng des 
ronossteins mit dem Terminns bei Lactanz (I, 20, 37. Vgl. Zoega 
)el. p. 199. Ann. d. Inst XJX, 421. Dagegen C. F. Hennann de 
rminis p. 20, 81) begünstigen von verschiedenen Standpunkten ans 
ne solche Vermuthaag. Auf einen zam Sitzen geeigneten Stein lührt 
ich einer oder der andere Zeusstein, namentlich der sparta- 
sehe Zeus xanntoTctg (Anm. 42), auf welchem Orest safs, dagegen 
inz wie beim Kronosstein auch für den Juppiter lapis die An- 
ihme eines tragbaren, zum Verschlingen oder zum Wurf geeigne- 
tn Steines sich aufdrangt. Als Idol fafst diesen Juppiter lapis Zoega 
i der Aeufserung (obel. p. 209): deum a lapide pro teste adhihito 
ppellatum fuisse muUo mihi videtur credibilius quam a lapillo manu 
\ecfo, dagegen aus Festus (t. lapidem) derselbe Stein als beweg- 
eher Wurfstein, üblich bei Eidesformeln, bezeugt ist {jnlicem tenebani 
iraturi per Jovem) und eher auf die Annahme fuhrt als habe die 
Ite Symbolik das Walten des Zeus nicht nur am unbeweglichen 
tein oder, wie Pamphos (Philostr. Her. p. 98. Creuzer Symb. I, 
2 N. A.) lelirte, im Mist und Wegwurf, sondern hie und da auch 
Ol Akt der Bewegung erkannt. 

*^) Halbkreis- und Eiform. Wie in Sparta das heilige Ei 
Paas. III, 16, 1) der Dioskuren, wie an Idolen der Göttermutter der 
•um Halbkreis abgekürzte Polos (GerhardProdr. S. 6f. 23) und wie 
n Pfeilern sowohl als an den ambrosischen Steinen (Roch. Hercale 
Lssyr. p. 172) eine rundliche hutähnliche Deckung, ist hauptsächlich 
er Omphalos delphischen und sonstigen Dienstes die Heiligkeit 
«Inder Form zu bezeugen geeignet. Erwähnt als ein in Mitten del- 
phischer Weihgeschenke aber auch im eigensten Mittelpunkt der 
Crde (Paus. X, 16, 2) aufgestelltes, mit Tänien geschmücktes (Strab. 
X, 3, p. 419) MarmoTwerk (l£&ov Xevxov Paus. 1. c), ist dieser anch 
im Einsatz des Dreifufses (Statue zu Leiden: Janssen Beeld werken 
849, Taf. I, no. 2) unleugbare Omphalos, mit Wollenbinden oder 
lach mit dem Netzgewand {uyQrivov) geschmückt, als häufiges Bei- 
rerk Apollo*s und seiner Sagen in halbkreisförmiger Bildung allbe- 
juint und wie aus Delphi so anch als Merkmal delphischer Kolo- 
ieen bezeugt, woneben jedoch, dem ursprünglichen Sinn des Wor- 
es gemäfs, in derselben Bildung auch Nabelform erkannt ward, wie 
(röndsted (Reisen 1,1 20 ff.) in der Flächenzeichnung eines delphischen 
ianztypus sie nachweist. Vgl Passow inBött. Archäol. u. Kunst 1, 158 ff. 
iiiUer Eumen. S. 101 f.; Handb. 361, 5. Gerhard Yasenb. III, S. 140. 
k.bh. ^etroon 1, 1 — 4, II, 1.2. Bei dieser delphischen Berühmtheit des 
Jb Halbkreis oder Nabel gebildeten Omphalos darf übrigens eine wei- 
ere Anwendung dieses Symbols nicht übersehen werden : wie Erdmitten 
lach auiserhalb Delphi's hie und da (Pans. II, 13, 7 not.), nament- 



240 GERHARD 

lieh im paphischen Idol (Hesych. yijg 6fnfal6g)y erkannt wurden, 
glaubte Müller (Dor. I, 206) den Ursprung des Omphalos sogar in 
kretischen Zeusdienst nachweisen zu können. 



4?^ 



9l 



Heerd- und AUarform. Dreifsig yiereclLte Steine 
wurden zu Pharä yerehrt (Anm. 51); sie sind als eben so viel Al- 
täre zu fassen und durch den Doppelsinn zn erläutern, mit welchem 
eSog (Welcker Syll. p. Iss. ) sowohl Göttersitz als Götterbild ist. 
Ein ähnlicher Götterstein ist der Zeus (nach Zoega obel. p. 197 
^€vg) xannatTKg auf welchem Orest safs und seines Wahnsinns ge- 
nas (Paus. III, 22, 1. Aehnlicher Orestesstein in TrÖzen II, 31, 7). 
Aehnlich sind auch die Rahesteine verschiedener Gottheiten, na- 
mentlich des megarischen Apoll nah am Heerd der Baugötter {nq^ 
t^OfÄtig Paus. I, 42, 1), und der eleusinischen Demeter nahe beim Pry- 
taneion (Anaklethra ebd. I, 43, 2. Agelastos ApoUod. I, 15, 2. Vgl 
M (fqiaxi Paus. I, 39). Vom Stein auf welchem , als Dionysos nacft 
Attika kam, Silen eben ruhte, sagt Pausanias (I, 23, 6), zugleich zi 
näherer Bezeichnung aller ähnlichen geheiligten Ruhesteine: ^an d^ 
Ud-og ov fÄiyag^ «AA* oaov xa&^ieadat fjixQOV ccv^g«. Nicht altarfof- 
mig, sondern in viereckter Hemienform zu denken ist das ayalfui 
jejQaycjvov des Zeus Teleios zu Tegea (Paus. VIII, 48, 4); dagegei 
der arabisclie Dusares (Max. Tyr. YlII, 8. Zoega p. 205 ss.) so we- 
nig als der von Tertullian (adv. Marc. I, 18) erwähnte viereckte 
Saturn hier übergegangen werden dürfen. Vgl. Zoega de obeL 
p. 197, 19. 205 s. 

^^) Säulen- and Pfeilerform ist für Idole des amykläischei 
(Paus. III, 19 xttjv') und delphischen (Clem. Strom. I, 24, p. 418) 
Apoll und den efeuumrankten Dionysos xoXajvaTag (ebd. ^rvXog Bi\- 
ßnCoiOi ^loiwaog noXvyri^i^g) , für die argivische Hera (ebd. goldit 
Säule der Juno Lacinia Liv. XXIV, 3), für die korinthische (Jrötte^ 
matter (Paus. II, 4, 7) und neben kegelförmigem Idol für Aphroätt 
(Paphisch: Miliin Gal. XLIII, 171) bezeugt. Vgl. Zoega obeL 
p. 227^ 13« Thiersch Kunstepochen S. 7. Zwei Säulen, wie doitki 
Aphroditen, sind auch der Artemis Lochia (Miliin Gal. XXIV, 119) L 
errichtet und können, wenn niclit für die Säulenbildung ihres Idobi k 
doch für eine dem Idol symbolisch entsprechende Ausschmückmif I 
gelten. Seltsam ist die Zusammenstellung einer säulenförmigei 
{xi(6v) Aiicmis Patron zu Sikyon mit dem pyramidalen Zeus Meili* 
chios (Paus II, 9, 6 , statt deren man eher umgekehrt den Zeus sai- 
lenförmig, die Artemis nach paphischem Ausdruck der Weiblichkeit ^ 
dreieckig erwartet hätte, gleichgestellt sind beide Gottheiten in der 
nnsichern Stelle (II, 19^ 8), in welcher es heifst, Danaos habe Ssi-k 
len als (oder „und") Idole von Zeus und Artemis geweiht: rovivjei 
T€ avi&rixi xni pXijalov xlovag xal (al. ix oder ig, Clav, t^g) Jtk 



% 






I 



% 



ÜBER DIB HERMEN. 241 

xai * iQtifxiSos ioava (Codd. ^oavov). Als Götterbild , nämlich ab 
wyaXfjC ^'6a (umgestarztes Grabmal: Pind. Nem. X, 67) darf selbst 
die Säule genommen werden die nach homerischer Sitte {^ax7ikr\ in\ 
xvfjLßtf} IL XII, 371. XVIII, 434. Dazu noch ein Ruder Odyss. XII, 14) 
dem Grabhügel aufgepflanzt als Gebühr der Todten betrachtet ward 
(II. XVI, 457. 675: Iv^« i TttQxvaovai . . . ivfißtp te Cjriiy t€' to yoQ 
y(Q«g iarl ^avovrwv ) und theils als Säule, theils, bei kleinerem Um- 
fang der Gräber, als bekröntf^r Pfeiler noch spät fortdauerte; das 
Wort OTjjAi} ist beiden Begriffen zupassend. Dafs Säulen auch als 
Hermcsidole yor kommen, and zwar wegen vier kopfähnlicher Kugeln 
als ^JEQfJiijg jtTQaxi(fttlog ( Anm. 21c) am Thor zu Mykenä, ist eine 
' Annahme GÖttling's (N. Rhein. Mus. I, 163 ff.), der theils die Ver- 
. jangung nach unten , theils die sonst durchgängig eckige Form der 
. Hermen widerspricht; eher und auch wegen des dortigen Apollo Ly- 
keios wahrscheinlicher ist an Apollo Agyieus dort zu denken. An- 
' derseits ist einzuräumen dafs der in Säulengestalt oben bezeugte 
' Dionysos auch in Hermenform häufig ist (Anm. 145), worauf wol die 
•«Pfeiler mit Bacchusköpfen** sich beziehen mögen die Thiersch 
(Knnstepochen S. 22) befremdlich als dorische Sitte erwähnt. In 
ähnlichem Wechsel, wie er auch durch die bald runde bald eckige 
Gestalt der Grabesstele schon kurz vorher nahe gelegt ward, wird 
Ctera bald, wie oben, als Säule, bald auch als hölzernes Bret {aavlg nach 
Clemens: Anm. 3a. 53) bezeugt, worunter man, da auch Baumstämme 
als Götterbilder bezeugt sind (Anm. 54), nicht eben nöthig hat eine 
Votiytafel orphischer Sitte (Bode hellen. Dichtkunst 1, 117) zu verstehen. 



44^ 



*) Pyramiden und Kegel. Als pyramidales Dreieck war 
tu Megara Apollo Karinos (Paus. 1, 44, 3), in Sikyon Zeus Meilichios 
CPaas. II, 9, 6) gebildet; ebenfalls ein Dreieck, von einer Traohe 
begleitet, wird demnach aucb auf cilicischen Münzen von Panofka 
(Antikenkranz no. 3. 4) als gleichgeltendes Idol nachgewiesen. Da- 
^it vergleichbar von männlichen Götterbildern ist der dreieckte Mars 
^irigonus, den TertuUian (adv. Marc. 1, 18. Miinter Kartbag. S. 12) 
zugleich mit dem Snturnus quatlrntus (Anm. 47) anführt. Zwei Drei- 
ecke mit Stern darüber finden sich auf Münzen von Taba in Karlen 
(PeU. II, 85, 24), eines anch auf Münzen von Chalkis (PelL II, 80, 
6. Tgl- 7). Auf Aphrodite und die Chariten bezüglicli ward ein hei- 
liges Dreieck als Geschenk der Pallas im Tempel von Kyzikos anih 
bewahrt (Jacobs Anth. Pal. I, p. 297. Böckh Pind. p. 172); als Ge- 
^ehlechtszeichen wird es im argiviscben Ort Delta, mit Aeneasbild 
und verfänglicher Sage (Paus. II, 21,2: ov yaq fiot t« Xeyofieva ?^«- 
ax^v. Klausen Aen. I, 360), und im weltberühmten paphischen Idpl 
-erkannt. Allbekannt ist das als konisch (Tac Hist. II, 3 ^,metae modg**) 
oder pyramidal (Max. Tyr. VIII, 8 nvQufüg Xavxi^) bezeichnete Idol 

16 



fS42 GRRHARD 

Aphfoditens ^ das In ahnlichen phönicischen Idolen (Della ManneHi 
Sardaigne p. 12. Nouy. Anh. 1, p. 11. Abh. Knnst der Phönicier S.30Q 
und in hKufiger Bildong babylonischer Anmiete wiederkehrt; eb* 
dieses Idol wird bei SerTius Aen. 1, 724 einem umftilicus nicht miiiMr 
als einer mefa verglichen, wie denn bemerktermafsen (Anni. U) tiA 
der Omphalos zwischen Halbkreis und Nabelform wechselt. Kwnkdk 
soll anch der Stein des Elagabalus (Anm. 39) gewesen sein, iii; 
konisch, obwohl als abgestumpfter Kegel, ist das hie nnddaTMi| 
twei Fignren nmgebne Idol rorgedachter chalkidischer Monzen (PA-; 
lerin II, 80, 76. Sestini Mus. Fontana Y, 18), welches yon RathgeMr 
(BtiU. 1846 p. 111 ff.) wegen dieser Nebenfiguren als nat^m to^ 
(Pltit. q«. gr. 296 D), von Cavedoni aber (Bull. 1847 p. ») saA 
Analogien wie die obigen auf Zeus Meilichios gedeutet wird. EiAf 
litih ist in diesem Zusammenhang noch ans römischer CircasriHi 
die Bedeutsamkeit der meUit vkndifihalae zn berühren (GröttlingN.RMa» 
Mas. I, 171), neben deren bekannter obeliskenähnlicher Gestalt um 
auch kleine Dreiecke wie ein Casalisches Monument (Beschr. Roai 
in, 1, 477. 502. vgl. Zoega Bassir. I, 34) für Meten zu halten pflegt 

^'^) Männliche Form. Die im Alterthum allzeit männlich g^ 
dachte Sonnenkraft war der ältesten Zeit im Phallus sowohl 
(Macr. I, 19) als in sonstiger schlank aufstrebender Form (Anm.Sl) 
symbolisch verkörpert. In ähnlicher Weise galten auch die OhtW^ 
als Ausdruck der Sonnenstrahlen (Plin. XXXVI, 8. Zoega obel. p.t7|i 
Della Marmora Sardaigne p. 5), eine Deutung, welche durch dtf 
aus Ammian XVif, 4 und aus neuerer Hieroglyphenerklärung bekaoi- 
ten Inhalt ihrer dem Sonnengott geltenden Inschriften sich bestätigt 

♦«) Formen der Weiblichkeit und der ihr entsprechewWl 
fird- und Mondskraft sind in griechischer, hauptsächlich ili 
paphischen Idol (Anm. 44) offenkundiger, Sitte Dreieck und Nahel 
Diese Symbole, denen die Mondsichel nur selten und' spät erklntli 
zur Seite geht, begegnen sich theils mit den ägyptischen der Uft 
Sesostris zur Schmach der Besiegten als weibisch bezeichneten Stein 
(Anm^ 70), theils mit den phönicischen, wie Della Marmora zuglei^ 
mit sonstigen Analogien sie neulich nachwies: so die BrustwaifMK 
Hnf konischen Steinen (Voyage en Sardaigne p. 12), ferner die %f^ 
tung der paphischen Säulen sowohl als auch, an sardischen Bn^ 
guren, der plutoniaohen Gabel und des hie nnd da bemerklichii 
Schlangenschweifs. Vgl. Abh. Kunst der Phönicier S. 32. ' 

♦■^ Fotmen der Weltharmonie. Viereck und Kreis, A 
Grundformen vollkommener Weltordnung (Intpp. Cornnt. p. 7^^ 
335 SS.) stehen auch in besonderm Bezug auf einzelne Gottheiten. 
Als Gottheiten der statigen Vierzaht werden von Plutarcb (Is. * 
Oftir. 30. Vgl. Klausen Aen.I, 165) Rhea, Aphrodite, Demeter, Hesti^ 



ÜBER DIB HERMEN. "843 

und Hera bezeichnet; des Vierecks Bezog anf Kybole liegt seh ^fihn 
Namen der pessinnntischen (von nfaaog) Göttin, und wie den be- 
kanntesten Erdgöttinnen das Viereck als knhische ßeerd-^ «nd Altar- 
form (Anm. 42) zusteht , wird es mit offenbarem Bezug auf die läng^ 
lieh viereckte Hermenform insonderheit der Aphrodite und ihrer 
Verbindung mit Hermes zugesprochen. Vgl. hiezu: Aristoph. Plnt. 
1127 Schol. Plut. Symp. IX, 3. Suid. rergd^i yäyovas liipQoSirrfg 
»al ^EQfAov. Philoch. Schol. Hes. Opp. 770. Jo. Lyd. de mens. p. 87. 
Heinrich de hermaphrod. p. 10s. Creuzer Comment. p. 135. Symb. i, 
7 %1& f. N. A. Unten Anm. 60 und in Bezug auf die Hermenform Said. 
: T. 'Mq^sxZ, Schol. Lucian. Joy. Trag. ^3, 

In Kreisform wird die päonische Bildung des Sonnengottes 
} gewesen sein, nämlich, wie hie und da abgebildet ist, als dCaxog 
i ß^tx;(vs vnkQ fxuxqov l^vXov (Max. Tyr. VllI, 8) ; als umhilicus wird dm 
S paphische Venusidol von Servius (Aen. I, 724. Oben Anm. 44) bezeichnet. 

' *^) Aelteste Natur- nnd Knnstsymbole. Als älteste 
ITat Urbilder wurden in obiger Nachweisung Himmelsrand (Anm.ii: 
iH>los), Sonnenstrahl (Anm. 45: Phallas) nnd der dem aufrechteii 
-Cklb kreis (delphisch: Bröndsted Reisen S. 120) oder Kegel (paphisch: 
Anm. 44) in seinem Flächenumrifs gleichgeltende (Bröndsted 1. e. 
rOben Anm. 41) Nabel bereits erwähnt Nicht weniger aber lassen 
%iich Kunstbildungen ältesten Gebrauchs als nahe liegende Ge» 
lE«]ibilder jener symbolischen Grundformen sich nennen, und als 
deiche sind Heerd und Grabhügel zu betrachten: der Heerd, sofern 
ftr nicht blofs ein Grundstein der Häuslichkeit nnd eine Stätte des 
bäuslichen Feuers , sondern auch ein Göttersitz in der bedeutsam 
PU>ge8chlossenen Gestalt des Vierecks war; der Gmlhügelf insofern 
^or nicht blofs den hie und da pyramidalen, häufiger runden thurm- 
vUinlichen, Gräberbauen, sondern auch der rundlichen BekrÖnung yon 
ICrrnbespfeilern (Stele, oberwärts abgerundet: Anm. 41 am Ende) zum 
^Uüafs gereichte. 

.♦^'0 Symbolik der Zahl. — ♦') Für die Siebenzahl 
«prechen hauptsächlich die sieben Säulen, angeblich Planetenbilder, 
^r^lche Pausanias (111^ 20, 9) bei Erwähnung des Denkmals der Be- 
«idigang yon Helena*s Freiern beschreibt: otCoves ik inta, o¥ ro'S 
fKwrifMtTog wovjov diix^vüiv ov nokv,, katä TQonov olfxui t6v c«^;|f«roy» 
■^dg doT^Qav tt$v nlavf}Tü)V (fctalv ayalftaru. So schwuren die Arabet 
YoT sieben Steinen stehend (Herod. III, 8). Ebenfalls hieher gehörig 
«itid die um das Säolenbild des amykläiscben Apolls Tersammelteii 
^t«e (Paus, in, 19, 1)/ 

••) I>ie Zwölfzahl der G<rttheiten Griechenlands und EtrurieM 
•(Abh. tJt^ber die zTwolf Götter, Berl. Akad. 1839) ist allbekannt und 
Entspricht ^n giMbhfalhs- bekatintek Z^ugnSssen über die Bit €i^ 

16* 



244 GERHARD . . 

sente$. Nach Yarro (R. Rast. I« 1) sind die DH consentei , . «rbfl«, 
^ttoriMH imagines ad forum auratn staut sex mares et feminae totiii^ 
Dieselben bezeichnet Arnobius III« 40 als sex mares et totidem fet 
mominilms ignotis et miseratiouis parcissimae : sed eos summt Jovit 
siiinriQs . . • ewistimari, Hiebei ist auch der zwölf Altäre za ||p| 
denken , welche als Umkreis eines Heiligthums in Mitten des Ton»! 
setzlichen Caesareums zu Pompeji angebracht sind. 

»•) Dreifsig Steine za Phära. Pans. VII, 22, 2. 3: tts^lßdlm 
6k äyoQag fJtiyag xarä tqotiov tov agxatOTeQov iariy iv *ap«e3f, *JBf^ 
« tv (lioy tJ ayoQ^ . . . kmf\xtjg 6h ngög arr J ry yg nag^x^ai fii» 
t6 T€TQaytovov o/rifici, fjt^yi&ii 6i iariv ov fxiyag .... 'JEar^xßCh M 
iyyvtaTtt tou ^ydlfLiarog T€rQttyt)voi U&ot, rguntovra fjLctXiaia oQi^im 
Tovrov; aißovaiv ol ^'agetg, ixaorov d-eov Tiv6g ovofjta indiyonts»A 
Nach Zoega obel. p. 226 fortassis pro principum eimum numero, 

»•-»•) Wer th, Stoff und Gröfse, Leben und Tragbar* 
keit der Idole. — ") Pelasgische Göttersteine (agyol USoi) 
sind ans dem Dienste des Eros yon Thespiä (Pans. IX, 27, 1), dtf 
Chariten yon Orchomenos (Ebd. 38, 1 nixqai)^ des Herakles n 
Hyettos (Ebd. 24, 3) und des Zens Kasios (MiUin Gal. X, 40*) b» 
kannt. Ein ähnlicher Götterstein mag im Wander des Kalchas gft* 
meint sein, vor dessen Angen die Schlange znm Stein wird (U. Di 
319. Zoega p. 196). YgL Thiersch Epochen S. 22 £. 

") Rohes Holz wird als Idol yersehiedner Gottheiten erwabil 
Der kadmeische Dionysos war ein Yom Himmel gefallenes, Ton Potjl 
doros in Erz gefafstes Holz (Pans. IX, 12^ 3). Hera soll als (RtHi 
(Callim. Euseb. praep. III, 8; pluteus nach Arnobius VI, 11. Vgl. Cles 
Protr. 4 : Samos und Thespiä. Ein dem entsprechendes Idol in meiiij 
Abb. über das Metroon Tf. III, 4 — ^), Athene Lindia als Xetov ^6og (Emek 
1. c. „unbearbeiteter glatter Balken" nach Müller Handb.66, 1), PM 
Attica und Ceres Raria als rudis palus (TertuU. Apol. 16) Terehi^ 
die Ikarische Artemis ein Signum indolatum (Arnob. VI, 11) geweM 
sein 9 abgelehnter ähnlicher Meinungen über das ephesische Artejnift 
bild (Zoega obel. p. 237 vgl. Guhl Ephes. p. 78 f.) zu geschweig«i^ 
Den ausgefischten lesbischen Dionysos ^ nach Pausanias X, 19, % 4 
ehernes Gesicbtsbild, bezeichnet Oenomaus (Euseb. pr. V, 36), dt$ 
Zoega p. 225 folgt, als gesichtsähnlichen Klotz {xogfiov i^ axQm 
xi(paXoei6'^); Böttiger (Malerei S. 185 f.) erinnert dabei an die Ba* 
chusherme mitylenischer Münzen (Pell. III, 103, 19). Ais ländlidm 
Götterbild {uyQOucucov ayaXfxa Max. Tyr. VIII, 1 ; seu stipes seu '^ 
Tibull I, 1, 15) galt ein Holzpfiock noch späterhin; eben dahisf^ 
hört die spartanische Dioskurenbildun^ in Gestalt eines duerbaikeai 
(Plut. Frat. amor. Anfangs. Etym« 66xavaf taipoi, Zoega p. 2%h)* ^fti 
Zoega obel. p.226. Thiersch Epochen S.20f. MoUer Handb. 66,1* 



ÜBER DIB HRRMBN. 045 

^^) Bänme als Götterbilder. So die dodonische Eiche; in 
nanclien ähnlichen Ton Zoega obel. p. 238 znsammengesteUten Be- 
raten kommen aach Palme (Delos), Oelhnnm (Megara Plin. XVI, 39), 
^atnnus (in Aulis), Ulme (der Ephesierin: D. Perieg. 829. Call. Dian. 
f37), Ijygos (der samischen Hera: Fans. Vif, 4, 4), wie auch der 
^eigenhavm (Rnminalis) vor. Aach der ZweigMenst der kithäronischen 
lera (Clem. protr. p. 40. Arnob. VI, II. Riickert Troja S. 98) ist 
tiebei zu yergleichen, obwohl er vielmehr eine Unterlage des Idols 
is ein Idol selbst darstellt. 

®*) Reliquien als Idole. So TropHon und SceftteVy Dreizack^ 
'ganzen, Heroldstnh wnd Querhölzer als Idole ^des Zens, Poseidon, 
Ires, Hermes, der Dioskuren: Zoega- obel. p. 225tf. Maller Handb. 
16, 1. — Heroldstäbe und Thongefäfse {xriQvxia aidriqä xai x^lxic, xal 
t^qaf4,ov TQmxov: D. Hai. I, 67. Ambrosch Stad. I, 131) waren auch 
n Rom stellvertretende Symbole der Penaten. 

***) Tragbarkeit der Idole: auch in dem Palladion, wie Dio- 
nedes es in der Mand, Kässandra es auf dem Schoofse hält und in 
len oben Anm. 3 c erwähnten Hermen von Holz. Des heiligen Steins im 
Mande der pessinuntischen Göttin ward bereits oben Anm. 38 gedacht. 

*") Namenlose Götter. Herodot II, 52: ^E&vov S^ nivra 
^^r€QOV ot JlsXaayol ^hsoTcfi intv/ofisvoi, (og iyat iv /1(t}d(av^ oWa 
^novaag^ intovufifrjv ^h oucf ovvofxa Inot^mno ov^svl «vj^aiv. ov yaQ 
^inixoeattv x(o. Ebenso im ältesten Rom nach Plntarch Nnm. 8. Vgl. 
S^vega p. 224 s. 

•'^^) Haupt als Götterbild. Verehrung des blofsen Hauptes 
Ht für die Mysteriengöttin Praxidike (Hesych. Suid.) bezeugt, fdr 
Vlinerva Capta und Athene Koryphasia wahrscheinlich (Prodr. S. 64 
i]id 107); eben dahin gehört die Sage vom kapitolinischen Haupt 
les Tolus (Anm. IV, 31 fF. Lenormant Nouv. Gal. myth. p. 408S.), wie 
tuch der ausgefischte Dionysos Kephallen (Paus. X, 19, 2. Oben 
^nm. 53) zu Lesbos, von wo auch (ebd.) das angeschwommene Haupt 
les Orpheus bekannt ist. Eben dahin gehört als abgekürztes Haupt 
fcnch das Oötternnllitz des Dionysos-Akratos (Paus. I, 2, 4), der 
Demeter Kidaria (VIII, 15, 1) und der vereinigten Gottheiten Demeter, 
Dionysos und Kora (11, 11, 3). 

**) Phallus als Götterbild ist der kyllenische Phales (Paus. 
VI, 26, 3): Tov 'EQf^ov ^h lo ayaXfjia, ov ot TccvTy neQtacrtog aißovaiv^ 
iQS'OV loTiv aidoiov Inl tov ßcixhQOv. Der Name Phales bei Lucian 
Jov- Trag. 42 und bei Saidas {'PttXrjg wg ^EQfiijg). Vgl. Artemidor 
I, 45. Als mystischer Dionysosgeselle {*Pakrjg haiQS JB«x//oi/)* lehrt 
ihn Aristophanes (Ach. 263 ff. )^ als tuskischen Penaten Pnles Arnbbias 
(III, 40. Abh. Etr. Gotth. Anm. 63) ihn uns kennen. Zoega (obeL 
p. 215) ging so weit die Phallusform dieses Phales zu bezweifeln: 



%i9 GKRHARD 

^CyUgniarum PMtM «h erigine nan aliud fmMe videtnr quam fort tn- 
didiitN, meia cum cnpitulo ad instar pintae nwds fasH^ta, uti fm$ 
ctrd mefae et Ktruseorum sepmltrorum eipjfi'\ Ein genngender Gnil 
solchen Zweifels ist nicht abzusehen, um so weniger als auch dif 

weibliche Geschlechtsandentang in Steinen des hÖhern Alteithvm 

j 

«aanentUch in denen des Sesostris (Anm. 46), za symboUscber Be^ ' 
Zeichnung diente. 

*") Viereck des Hermes. Die schon oben (Anm. 42. 47) bs^ 
rührte Bedentang des Vierecks wird insbesondre ffir Hennes h^ 
zeugt. Bei Martianns Capella heiTst es: Bio numerus quadratut ff4\ 
Cyllßuio deputafur, quod quadratus deus saku habetur, Hiuc ei fMVj 
qmarius cuiusHbet mensis dies . . Vgl. Macrob. I, 19. Cornnt 16 willt\ 
p., 2S08. Die Ehre des vierten Tags theilte mit ihm Aphrodite (ProaLi 
in Tim. Vgl. Engel Kypros U, 225). Uebrigens wird anch in Ecker-^ 
mann's Mythologie (II, S. 92) eben jene angeblich statt der Steit^: 
hafifen eingetretene Geltung des Vierecks^ angewandt um mit später 
erfolgtem Zusatz des Kopfes die Hermen zu erklären; des Phallif 
ist dabei gar nicht gedacht. 

^') Alter des Phallusdiensteg. „Nil ahseoeni iu vetu^ 
^mis religionibus*^ sagt 2^ega (obel. p. 214) und ündet zugleich im 
Yon Herodot II, 49 ff. bezeugten ägyptischen phallusdiesst yerbitt«' 
nilsmäfsig jung. Aus Aegypten nämlich sind Ammon und Osiii^ 
nach Wilkinson (Manners IV, 342 ff.) richtiger Khem (vgl. oben obfl^ 
Faunus S. 92f.)9 als itbyphallische Gottheiten zugleich mit Grebräaclmi^ 
namentlich des Osirisdienstes^ bekannt wie der dreifache Phallas def 
Pamylien (Plut. Is. et Osir. VIl, 441) einer ist; eben so sind auf 
Asien syrische und phönicische Kulte ähnlicher Art bezeugt (Creaz^ 
Symb. tl, 409f, N. A. Movers Phönic. S. 567 ff. 593ff.), wozu dea 
aus Griechenland theils der tyrrhenisch-pelasgische Dienst des \i\^ 
lischen Hermes, theils der phallische Dionysosdienst des doriscbei 
Melampus sich gesellen. Vgl. Lobeck Agl. I, 660 ff. Klausen AeB.I| 
88 ff. Engel Kypros II, 234 ff. 

®') Phallus dienst m^t reiner Sitte in Einklang zu bringeü 
versucht Creuzer Symb. HI, 333 ff. N. A. 

*•*) Hermesdienst nicht ägyptisch. Herodot II, 51: %am 
fiiv VW "Elltiveg an AXyvnilfav ViVOfi^Kaai, tpv J^ 'EgfAito ... Vgl 
Thiersch Epochen S. 34 ff. 

*^) Aegyptisireude Hermesbilder. Ein Hermesbild TOt 
Panaos gemacht, aber der Sage nach TouEpeios gebildet» erwäliit 
Pausanias (II, 19, 5); ein andres zu Messene (IV, 32, 1) wird nebsl 
Herakles- und Theseusbildern unter dem gemeinsamen Ausdruck be^ 
griffen : tä Sk aydlfiaja iv Tif yvjAVnaüa nw^fima iartv icvdqmv ^ 
yv^jümv. VgL Anm. 74. 



ÜBER PIE HERNIEN. ^^7 

^^J Qerm^n aU Kunstanfang: nacl^ Wificke^ann ^. d* K, 
I, 1, II. 12. Zoega obel. p. 217. Böttiger Andent. S. 46. Knn9t- 
myth. II, 137. Gurlitt Archäol. Sehr. S. 193. In MüUer's H^ijd- 
bucli §. 345, 2 ist die Herme als Mittelstufe eines Uebergangs toiq 
Pfeiler zur Bildsäule betrachtet und jene fortschreitende GÜederung 
ebenfalls anerkannt; gründlichen Wiederspruch dagegen legte zuerst 
Thiersch ein (Epochen S. 22), wobei er jedoch ungenau die unwan- 
delbare Gestalt der „Grenz- und Wegepfeiler" als „dorische Pfeiler 
mit Bacchusköpfen und ionische mit Hermesköpfen" bezeichnet. 

Nebenher mag es zur Geschichte unsres Gegenstandes eine Er- 
wähnung finden, dafs GÖrres Asiat. Mythengesch. S. 459, wie den 
Ptha aus dem Ey und die Pätäken aus Kugelform, so aus den runden 
Bätylen die yiereckten Hermen ableitet. 

*®) Viereckte Bildnerei. Themistius orat. 26: xal nqb fikv 
^atöakov TiJQccycjyov rjv ov fJLOVOV rj jiov ^EQ^div IgyaoCa^ aXXa xa\ 
T10V Xotndiv avÖQidvtav. Das Wort leiQayiovog wird nach einem simo- 
nideisclien Sprachgebrauch (Plat. Protag. 3), den Gurlitt (Arch. Schr^ 
S. 239) wunderlich auf Auszeichnung durch Hermenbildnisse deutet^ 
für „fest und tüchtig" (füCTTa^jj?, i^gatog nach Suidas) gebraucht. 
Als tüchtige Leute nennt Cornutus cap. 14 p. 44 (vgl. p. 265) die 
Zöglinge der Musen so: ihrer sind neun, cTm t6 jttQttycjvovgy log qjn^i 
•¥15, x«l niQmovg rovg nQogrjxovrag avTaig anoiiXiiv. Vgl. Zoega obeL 
p. 218. Oben Anm. 6. Willkürlich folgerte Böttiger (Kunstmytb. 
n, 136) aus jener Stelle die hermenförmige Bildung sämmtlicfaer 
Sltester Götterbilder. 

*") Holz- und Steinarbeit, dieses als widerstrebender, jenes 
als fugsamer Stoff, bezeichnen die Verschiedenheit der dädalischen von 
der älteren Kunst. Die dädnlischen Idole sind sämmtlich Schnitzbil- 
der, meist weiblicher Gottheiten (Thiersch Epochen S. 37 f. vgl. lÄ. 
Gerhard Bildw. CCCIX S. 33, 84), dagegen die Hermen ursprünglich 
als Steinarbeiten zu denken sind, seltner Holzbildung derselben 
(Anm. 3c) unbeschadet. 

®^) Kopfbildung als Kunstanfang. Zoega p. 218, 3 recht- 
fertigte einen solchen Kunstanfang ans vermeintlichen ähnlichen Kni|st- 
versuchen wilder Völker, und auch Naturspiele im rohen Stoif {xoQfjiog 
xeqccXoai^r^g : Anm. 53) lassen sich dabei in Anschlag bringen^ als erste 
Entwickelungsstufe aber ist dergleichen minder denkbar, wie deni^ 
auch bereits Thiersch Epochen S. 20. 22 daran Anstofs nahm. 

®^) Phallus auf Untersatz: in Votivdenkmälern, zum Thei| 
kolossalen, von Marmor (Hyperb. Stud. 1, 100. Bull. 1843 p. ^, 
Arch. Z. 1, 138) und anderen StoiFen öft;er9) neulich auch in SpalatPi 
gefunden und fast eben so häutig zerstört, 

^°) Geschlechtss^eichen auf Steinen setzte Sespstris de«; 



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vtfc 



248 GERHARD 

Ton ihm besiegten Völkern zu sprechendem Angedenken, weibliche 
den von ihm f«ig befundenen — aii^oTa yvvttixog nQogiv^ygaxpB (tois 
axrilaig) dr\X(x, ßovko/Litvog noiiuv tag iirjaav avaXxiSsg» Herod. II, 102—, 
ob auch männliche auf die mit lobender Inschrift versehenen Stelen 
anderer tapferer Völker (Ji« yQctfi^ä%(ov Xsyovaag . . , tog xarsojQi' 
xpttTO , . . aq^eag) wird nicht gesagt. Einen ahnlichen Brauch männ- 
licher oder weiblicher Geschlechtszeichen nahm Lobeck Agl. p. 1007 iiiiil 
für griechische Grabsteine an — , willkürlich, wie schon Rochette 
(P. de Pompeji p. 145, 2) bemerkt hat. 

'') Hermen ohne Phallus sind, der zuweilen geringen An- 
deutung desselben (Anm. 9) unbeschadet, nur selten zu finden, zu- 
mal wenn die Verunglimpfung neuerer Hermokopiden abgerechnet 
wird, wie sie z.B. in Villa Albani bei neulicher Umstellung schöner 
ithyphallischer Hermen (Anm. 3ft) sich thätig erwies, und wenn, wo 
Hermen nur als Nebenwerk der Darstellung erscheinen, dergleichen ^ 
als sehr verzeihliche Nachlälsigkeit betrachtet wird: so neben einer f' 
Venus von gebrannter Erde (Dubois Caucase IV, 16, 3; wenn anders 
der Stich getreu ist) und sonst hie und da. 

^'3 Oberwärts ausgeführt pflegen mit umgeschlagenem Ge- 
wand Hermen des Merkur sowohl (schön im Braccio nuovo des Va- 
tikans) als auch des Herkules (Berlins Bildw. no. 136. Vgl. 114 k. L 
MiUin Gal. LXVI, 263. Gerhard Bildw. XLI, 4. — Herkoles und 
Theseus in V. Ludovisi: Beschr. Roms HI, 2, 579 f.) und des Bacchm 
(schöne im Braccio nuovo; andre mit Thyrsen, Becher und dgl. in 
den Armen erwähnt Müller Handb. 345, 2. Vgl. Impr. d. Inst. II, 18. 
Unten Anm. 145a) dargestellt zu sein. Seltner und fast lediglich 
römischen Gebrauches sind nackte männliche Hermen mit ausge- 
führtem Oberleib und heraustretenden Extremitäten, wie sie in mehre- 
ren zusammengehörigen Marmoren der Villa Ludovisi (Beschr. Roms 
in, 2, 579 f. no. 20. 22 a. h. 24. 28 Vgl. Clarac pl. 347) auf Familien- 
münzen der Papia, desgleichen in karischen Münzbildern (Mylasa, 
Geta), ferner auf Münzen von Tripolis (Pell. II, 82, 35: in jeder 
Hand ein Götterbild vorkommen). Eben so finden von römischen Land- 
göttern sichPriapus mit Schale und Röhre (Ghd. Bildw. CII, 6) und ein 
ähnlicher Gartengott sich mit einem Eimer (Ebd. LXXXVIII, 1. Vgl 
unten Anm. 148). Auch an weiblichen Analogien dieser freieren 
Hermenbildung fehlt es nicht; so die Victorien die einem Gladia- 
torenbilde aus dem Amphitheater zu Pompeji (Zeichnung bei Zahn) 
zur Einfassung dienten, und manches weibliche Biidnifs (Anm. 159). 
Für das Alter dieser ausgearteten Hermenbildung führt man ver- 
gebens die Palladien an (Gurlitt Arch. Sehr. S. 195) ; wohl aber ge- 
hört die delische Aphrodite (Paus. IX, 40, 2; unten Anm. 74. 160) hie- 
her, der auch die übliche Bildung des Hermeros (Anm. 107) entspricht 









ÜBER DIB HBRMEN. 249 

''^) Unterwärts ausgeführt, wenigstens durch Sonderung 
der Schenkel, ist die yiereckte nackte Veniisherme der Villa Albani 
(Winckelm. Storia 1, tav. 1. Fea Indicaz. no. 244. Vgl. Beschr. Roms 
III, 2, 537), die man der delischen Aphrodite (Anm. 74) vergleichen 
kann. 

^^) Hermen mit Fufsen bleiben, nachdem der Zasatz aus- 
gebildeter Arme zugleich mit dem Oberleib mancher Hermen eben 
nachgewiesen ward (dem Ausdruck x^^Q^S Anm. 20 der Hermenzapfen 
entsprechend), bei yierecktem Unterleibe der Hermen unerhört > was 
bei Brläuternng der Vestahermen des Casino Rospigliosi (Gerhard 
Bildwr. LXXXI, 1. 2 S. 319 f.), deren Fiifsie neuerer Zusatz sind, 
nicht entschieden genug ausgesprochen wurde. So hatte auch die 
delische Aphrodite zwar Hände, aber keine Fnfse: xatetat ^k avrl 
TioSwv ig teTQccyojvov o^rj/^ct (Paus. IX, 40, 2), was der Albanischen 
Herme bei so gerioger Gliederung des Untertheils (Anm. 73) immerr 
hin entsprechen mag. 

''^j Schnitzbilder ältester Art. Nächst den Palladien 
(Müller Handb. § 68, 1) gehören angebliche Weihgeschenke des 
Danaos hieher; als solche erwähnt Pausanias Schnitzbilder des Apollo 
Lykios (II, 19, 3), des Hermes (Ebd. 5, von Epeios: oben Anm. 64) 
und der Aphrodite Nikephoros (Ebd. von Hypermnestra geweiht) 
zugleich mit dem Relief eines Thierkampfs (Ebd. 6). Drei theba- 
nische Schnitzbilder Aphroditens (IX, 16, 2) sollte Harnionia geweiht 
haben , woneben ein den Danaiden beigemessenes lernäisches Stein- 
bild der Aphrodite erwähnt wird (II, 37, 2). 

*'*) Aegyp tische und pelasgischeßildnerei erscheint gleich- 
geltend theils im ebengedachten Hermes des Danaos, der zugleich mit 
|»elasgischen Hermen bestand, theils auch im Hermes des kekropi- 
sehen Poliastempels. Paus. I, 27, 1 : xalrai (f^ iv t^ v«^ j^g IloUaSog 
JEQf^rig ^vlov, K^xQonog ilvui Xayofitvov avadrifxa^ vno xXa^tov fivg- 
tsCvrig ov öuvonjov. Man konnte zweifeln ob ein von Pausanias fiir 
kekropisch gegebener Hermes in pelasgischer Hermenform gebildet 
gewesen sei, doch spricht aufser der nahe liegenden tyrrhenischen 
Einsetzung desselben auch die Myrtenbekleidung (Welcker Tril. 
S. 287 f.) für dessen ithyphalHsche und dann auch fiir die viereckte 
Bildung. 

Im Uebrigen finden wir die alterthnmliche griechische Bildnerei 
auch schlechthin als ägyptisch bezeichnet; so bei Pausanias IV, 32, 1 
die bereits oben Anm. 64 berührten Figuren des Hermes, Herakles 
und Theseus. 

II. Kabirenl^hre von Samothrake (77 — 138). 

'''') Hermes und die Kabiren. Herodot II, 51 (oben Anm. 25): 
SsTig 6k tä KaßeCqwv ogyuc fiaf^vtitMy lä SafAod-qfiixeg initeXäovOi 



990 GERHARD 

2fßgalttßQVT€s naga JJsltcciyaiv^ ovTOg tavriQ oUe ta Xiyta, %r\v yaq Za- 
fiQ^QTi'ixijv oixsov TiQOUQOp lUXftoyoi ovTOt'y TOinag -"d^vaCüiai avpoi- 
^Qt> iy^vQViOy xaX naqä tovkov SufioOgriixig 7« ogyia nagala^ßon'Qvai. 
QQ^ä tüv ex^iv tit aiSola jaydlfiaia jov ^EgfjL^ca ^Ad^atot 
TiQMTOi 'Ekkrjvcjv TTttQa Iltkaoyaiv fxaOovTig Inoti^aavTO. ot cff IleXagyo) 
Igov jiva ^Qyov Tiegl avrov iXe^av, t« iv talot iv Zaino&gfitxt} 

") Kabiren des Orients, ägyptische (Herod. II, 51. Vgl. 
Anm. 133) oder pliönicisolie (Damasc. bei Phot. p. 1074), werden 
allerdings nns bezeugt und durch verwandte semitische Benennangea 
and erklärt, für welche, älterer Autoritäten (beiCreuz.Symb.III, 159ff.) 
zu geschweigen, hauptsächlich Schelling (Gotth. y. Samothrake), 
Movers (PhÖnicier 65!2ff.) und Roth (Aeg. u. Zoroastr. Glaubensl. 258£) 
t\a Gewährsmänner eintreten. Dagegen haben auch für die Selb- 
ständigkeit der griechischen Kabiren Welcker Tril. S. !^43ff. aad 
Müller Orchom. S. 451 genügend sich ausgesprochen. Der orienta- 
lischen Abstammung mag wohl auch die dunkle Stelle des Hesychius 
*A(^ot d-ioC ot ix AQOfiov (?) xo/uia&^vreg ifg Httfxo&QuxTjv tj Ariftnv 
(wie Lobeck Agl. II, 1^284 statt 2afji. l^fivrjv vorschlägt) gehören. 

'*) Kabiren Feuermänner: ''Hipaiaioi nach Photins (Xi^. 
"Hy. rj TiTccveg), von xato, xa((o {KdFsiQog): Welcker Tril. S. 160ff. 
Als zwei HephästossÖhne bei Nonnus XIV, %3, (Vgl. Cic. N. D. III, 
t\ p. 588 f.); Kabir heifst auch der Vater des Bacchus Sabazius bei 
Cic. N. D. IV, 23 p. 618. 

^") Kabirenbilder. Die einzig sicheren, einen Jüngling mit 
Hammer und Trinkhorn darstellend, auf Münzen von Thessalonike 
(Welcker Tril. S. 257 iF.). In einer derselben, mit der Umschrift 
KaßeiQogy scheint das letztere Geräth mit einem Schlüssel. zu wechseln 
(Combe Num. Brit. V, 3). Willkürlich so benannt ist eine nackte 
jugendliche Erzügur mit Pileus und Hörn in der Rechten (Bronzi 
d'Krcol. II, 73. Mus. Borb. XII, 12). Phönicische Kabiren glaubt 
Della Marmora (Sardaigne p. 210) in mehreren sardinischen Idolen 
und im Typus balearischer Münzen zu erkennen. Vgl. auch Movers 
Phon, S. 652 ff. Gerhard Abb. Kunst d. Phönic. (Berl. Akad. 1846) 
Taf. IV, 7—9. V, 4. S. 35 ff. Rochette Hercule assyrien pl. V, 12-14. 

»') Dardanos in Samothrake. Strabo Ex«. VII, 24, 492: 
jiiy 2afio^g4^Tiv ^JaaCfüvog Q /taq^avog änqgag ix 2aiio^gq^xrig $^0i 
Amgdavlav . , Vgl. Lob. Agl. II, 1224. Klausen Aen. I, 32ßtFr (Dv^ 
danos ein der Blutschuld entnommener Schwimmer). Aqfser den Be- 
sonderheiten des heiligen Eilands , welche hienächst berührt werden, 
verdienen hier besonders die Oertlichkelt und der Begriff der Rettungs- 
insel {2ccfiog, Zdbiv Anm. 80. 101. 125) hervorgehoben :za werden, 
der ihre grofse Heiligkeit (Lpb. Ag>. 1284 19.) im i^oBammeBfluÜB d«r- 



ÜBER DIB HBRMEN. 8M 

tiger yerschiedenster Gottheiten und heiliger Gebräuche (Blutiähne 
Anm. 127 rl; Orakel Plutaroh VI, p. 855) YorzugBweiae heryorrief. 



8 



^) Mystische Götternamen samothrakischen Ursprungs, 
doch wohl die oroftaia ftvajixa Strabo's (X p. 210. Lobeck Agl. IT, 
1285), sind die von Mnaseas (Anm. 83) überlieferten Id^i-iqtag^ H^Co- 
x€Qaog^ 14^10-xiQatt, deren Ableitung von «|#o?, I^oi?, f^cri; und einem 
entsprechenden Maskulin ^QCfog einleuchtet, nach Welcker Tril. 
S. 238. Sehr hemerkenswerth ist die auf gemeinsame Wurzel zn- 
riickweisende Aehnlichkeit dieser Namen, denen noch^E^fos als Zeus- 
name aus Hesychins sich hinzufügen läfst; die orientalischen Ablei- 
tungen (Anm. 78), obwohl zum Theil überraschend, kommen dagegen 
nicht auf. 

^^) Samotlirakische Yierzahl. Schol. Paris. Apoll. Rbod. 
I, 917 (vgl. 8chol. Rom. und Ktym. M. 428, 27): ols 6h fjivovvja$ iv 
XccfjtoOii^xfj KaßeCQOvg iivotC (prjai Mvuaias TQfls oviag tov aQi&fAOVt 
Idl^igoVf Id^i^oxiqaav^ ui^ioxigcov, Id^Cegov (jl^v eivai liiv ^ri^ri%Qov^ 
Id^ioxiQOav Sk triv Il€Qai(f6vfjVt Id^ioxtgaov cT^ TOvli^/cTijv. Ot d^ ff^of- 
ji^iaoi xal j^TftQTOW KaOfiTlov, tan 6k Qmog 6 'EgfArjs^ wg Ustoqü JiQfitV" 
aoiScjgog, Vgl. Welcker Tril. S.236if. Lobeok Agl. II, 1221 ff. 124». 
Gerliard Prodr. S. 113 ff. wo die auch Hyp. Rom. Stud, I, 34 abge- 
druckten Tabellen für die nächstfolgende Erörterung durchgängig 
za vergleichen sind. Der gedachten Yierzahl entsprechend sind im 
attischen Thesmopboriengebet (Aristoph. Thesm. 304) Demeter, Kora, 
Plutos und Hermes mit wenig andern Gottheiten verwandter Bedea« 
tang vereint (Anm. 96); eben so scheint dasselbe Göttersystem, des 
Kadmos als Kadmilos gefafst, durch Zeus, Kora und Demeter: Thes- 
mophoros in Theben nachweislich zu sein (Anm. 88); vollends in 
später Zeit finden sie sich wie bei Mnaseas zusammen, dergestalt 
dafs noch ein vierecktes Amulet aus Vindonissa in verschränkter Zu- 
sammenstellung die vier römisch geschriebenen Namen ^;ri'(ero8) 
^orKocersas) ^j7i(ocersa, verkehrt) und Cri«m(ilus) mit dem griechi- 
schen Yyuia zusammenstellt (Orell. Inscr* no. 440). 

®*) Kadmilos. Dafs der eben als Ministrant und vierte Person 
jener samothrakischen Yierzahl nachgewiesene Kadmilos den drei 
andern Gottheiten nicht nothwendig verbunden war, geht theils aus 
den Worten des Mnaseas (Anm. 83: ol 6h nQogri&iaai xal Tiiaqxov 
KaafxTXov), theils aus dem Mangel jeder alle vier Gottheiten umfas- 
senden Kunstdarstellong hervor, so bekannt aach die drei ersten 
als cereaiische Dreizahi sind und »o wenig es an Yarietäten eben 
dieser Dreizalil in Zeugnissen oder Bildwerken fehlt. Vgl. Müller 
Orchom. 8. 456. Welcker Tril. S. 242. Unten Anm. 99. Samothra- 
kisohe Götterbilder des itbyphallischen Hermes sind übrigens nnr 



353 ' GERHARD 

im Allgemeinen durch Herodot (Anm. 125. 54) uns bezeugt; Bendtsen 
(Samothr. p* 19) vermathet dergleichen wenigstens iv roig ogots. 

®'^) Samothrakisches System. Schelling's und andere phi- 
losophische Auffassungen desselben finden sich zusammengestellt in 
Creuzer's Symbolik III, 159tf. IV, 19ff. 29ff. 34ff. N. A. Vgl. C. y. 
Paucker att. Palladion S. 114ff. 

^^) Axieros, das man nicht auf Ugog, sondei^n gewifs auf l^oi; 
wird zorückfuhrea mögen, mochte der Urgottheit Eros, wenn nicht 
als Mannweib gedacht, doch in unvordenklicher, der Trennung der 
Geschlechter vorangehender Ferne entsprechen (Ghd. Abh. über den 
GottEros. BerLAkad. 1848Anm.32, vgl. Plat. Symp. p. 19), dergestalt 
dafs selbige den ersten und allgemeinsten Naturtrieb allen sonstigen 
Personen und Offenbarungen der Gottheit voranstellt. Eine ähnliche 
Ansicht hatte auch Schelling, doch mit Annahme des Pothos als 
erster Potenz. Es kann nicht befremden wenn jener erste und durch- 
aus fügsame Naturtrieb im Fortgang des Kultus zu einer weiblichen 
Schöpfungsgottheit ausgeprägt wurde, bei welcher Eros höchstens 
als ihr Trabant in Rede kommt; Axieros und Axiokersos für Vulkt» 
und Mars zu nehmen, ist einer von den willkürlichen Einföllen 
Millin's (Vases II, 12. Gal. LIV, 255). 

*^) Axieros als Athene zu fassen, wird durch das dardanische L 
Pallasbild (Klausen Aen. I, 337. Vgl. 31, 109. 159, 305) und durch is 
den Dienst der Athene-Chryse auf Nachbarinseln Samothrake*s, wie \i 
durch die beiden verwandte Athene Ilias troischer Münzen nahe ge- 
legt , der dreifachen Natur Athene Chryse*s {TQtTittKOQ : Dosiadas 
Anth. Pal. XV, 26. Paucker Pallad. S. 116) und etwaniger Annahme 
einer hermaphroditischen Hermathene (ebd. S. 79 f.), ferner der Got- 
tertriäs zu geschweigen, laut Servius (Aen. III, 264. Paucker 1. c.) 
einer samothrakischen , in welcher Pallas zwischen Zeus und Hermes 
als grofse Göttin erscheint; dazu kommt die hohe Stellung, welche 
Athenen als Muttergöttin neben Demeter und Kora in eleusinischen 
Göttersystemen (Prodr. S. 114, 8 — 12. Hyp. R. Stud. S. 83 f.) ge- 
geben ist. Auf samothrakischen Münzen erscheint sie einer Kybele 
im . Revers entsprechend (Klausen Aen. Anm. 507rf), und in ganz 
gleichem Gegensatz erscheint auf Münzen der Hypoplakischen Thebe 
auch Tyche (ebd. Anm. 311p. 491. 507(/), deren anderweitig bekannte 
(Prodr. S. 63 ff.) Gleichsetzung mit Athene auch auf Axieros (eher 
als auf Axiokersa) anwendbar ist. 

^^) Axieros als Demeter von Mnaseas neben Dionysos- 
Korsos und Kora- Kersa gefafst, entspricht dem verbreitetsteB 
Typus eleusinischer Gottheiten, der im italischen von Ceres ^ Lihtr 
und Libero, sich wiederholt, woneben die Liebessage von Demeter 
und Jasion die GrÖttin nueh ais Ker$(% iorscheiiien läfst. Als samo- 



ÜBER DIE HERMEN. 253 

thrakisch wird dieser Dienst beider Göttinnen auch yon Strabo bei 
Vergleichung eines britannischen Götterdienstes bezeugt (IV, i: xaS^ 
ijv OfjLola toig iv ^a/iod^g^xy 7I€qI ji]V ^rjfÄtiTQav x«l i^v KoQrjv Uqo- 
noieirai) und ein samothrakischer Hafen hiefs Demetriam (Liy. XLV, 
6), woneben Lobeck Agl. U, 1222 auch cerealiscbe Orgien (z/^/uijr^o; 
xal KoQTig Klustath. 1528, 12) des Jasion nachweist, der in Begier 
nach der Göttin Besitz anf Samothrake sowohl als zu Kreta gestor- 
ben hiers (D. Hai. I, 61 ^laaog. Vgl. Klausen Aen. I, S. 30). Durch- 
aos cerealisch erscheint der samothrakische Dienst auch in seinem Ab- 
bild zu Theben, wo Zeus aXs GemdJil Persephone^ 8 mit Demeter Theo- 
mophoros (Müller Proleg. S 146ff.) eine Trias bilden, welche, wie 
Kadmos dem Kadmilos gleichgilt ^ sogar der Yierzahl des Mnaseas 
YÖllig entspricht, der mit Fenermännern verbundenen Demeter Kabiria 
des Methapos (Paus. IX, 25, 5. Welcker Tril. 270 ff. Unten Anm. 131) 
zu geschweigen. 

^^) Axieros für Rhea oder die ihr frühzeitig gleichgesetzte 
Kyhele zu halten, berechtigt zunächst der auf die Brunst des Hermes 
(Anm. 94) bezügliche samothrakische Widdermythos, der laut einem 
unverkennbaren Zeugnisse des Pausanias (II, 3, 4) in den Weihen 
der Göttermutter {iv wiLfTJi fiijtQog. Vgl. die Tochterehe der Bona 
Dea: oben S. 81, 41) gelehrt ward und theils im Widder als samothra- 
kischem Münztjpus (Mionnet S. 11, 532) theils selbst im ehernen KQtog 
äaeXyox^QCjg (Hesych. Phot.) der athenischen Akropolis gemeint sein 
mochte. [In gleichem Sinne wird die Befruchtung Deo^s von Zeus 
durch Widdertestikeln (Clem. Protr. p. 13) berichtet, und ^ijcu wird 
Yon Marini (nach Grut. p. 120 f. Murat. p. 312. 340 f. „^^cs zfijoi**) und 
Creuzer (zu Cic. N. D. p. 606) der Dea Dia gleichgesetzt, welche 
in jener Legende des Hermes Mutter von Zeus heifst.] Damit stimmt 
ferner, dafs Sochos (Hesych Sto/og), ohne Zweifel Hermes 2c5xog, 
yon dem auch Samothrake 2a(oxlg heifst (ebd.), der Kureten Vater 
genannt wird. Aber auch ohne solchen Bezug auf die mystische 
Hermessage wird bald üAe<idt«ft«e (Schol. Aristid. p. 106: ^af^o&Qi^xsg 
, . . fivarriQitx, to^QV (foßeQa jijg 'Piag, Etym. Gud. p. 289 : KaßUQOi 
äaCfiovag mql jijv ^Piav oixovvzeg jr^v 2afio&gi^xi}V. Lobeck Agl. 11, 
1224), bald sonstiger phrygischer (Luc. Dea Syr. cap. 15) Götterdienst 
dem samothrakischen gleichgesetzt, wie denn auch Diodor (V, 51) 
die Gründung samothrakischer Mysterien der Göttermutter durch 
Elektra bezeugt und Ivorybanten auch sonst, obwohl erst spät, den 
Kabiren gleichgelten (Welcker Tril. S. 254 £ Vgl. die Kabiren als 
UranossÖhne bei des Zeus Geburt , pergameniscb , Welcker Syil. lio. 
183, 7). Lobeck (Agl. II, 1224|ff.) erklärt diese Zeugnisse aus der bei 
Euripides (Hei. 1304) nachweislichen Gleichsetzung der Demeter mit 
Kybele, die auiserdem hauptsächlich aus der Abkunft des samothrsjr 



256 GERHARD 

andere Grammatiker (Möller Prolegg. 147 fr. Preller Demeter 364X 
theiU aach aus italischem Sprachgebrauch des Wortes Cnmillus (Macrob. 
III, 4: Tuscos CamiUum appellare Mercurinm, nach KaUimachos 
Fragm. p. 417) und durch die Mehrzahl yon Opferdienern bezeugt, [ 
die gleich den Camillen italischer Sitte im Trophoniosdienst den |, 
Namen des Hermes (dreizehn ^EqfjLal: Paus. IX, 39, 4) tragen. Vgl. r, 
Welcker Tril. S. 218 f. ^ 

^^) Hermes und Brimo. Cic. Nat. d. III, 22: Mercvrius tdit» ^ 

j 

Caelo patre Dia matre natus: anus obscoenius exdtntn natura (ygl. Amob. 
lY, 1 4) trndUur quod aipectu Proserpina commotus sit, Tzetz. Lycophr. a 
698: BQifito xrel ^OßQifxot rj IliQastfovTi, ort tfp'^EQfi^ ßidCovri avr^ h jui 
icvvTiy€aC(^ ivfßQifiriaaTO j xal omtag Ixtivog inav&ri tov kyxst^rifiajdi» t( 

h 

« 

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!1 



Ebd. 1176: Bqijko, iJ avxi\ ^ (leg. Jfai) ^Exarrj^ oti'JiQiLirjv . . . ivfßQi- 
firioctto xtt\ omtjg iTrav&rj, xal tj negatcpovri Bgifiaj Xiysrai, Etym. 
M. s. V. Bgifztit Tj ITtQ(xe(p6vrj, rj avtr} (f^ Ifytrai xal '^Exarrj . . . xal ^ 
JIsQoeifovri Bqi/lko Xiynai, Neben dieser Sage der a) widerstre- 
benden Brimo besteht die über &) YoUzogenes Liebesbund- 
nifs bei Properz II, 2, 9: Mercurio et Brimo fertur Boebeidis wndit ^ 
virgineum f)rimo composuisse latus*), daher auch von Hermes und der 
mitBrimo gleichgeltenden Daeira (Cr. Symb.iy, 321) Eleusis erzeugt sein 
sollte (Paus. I, 38, 7). Vgl. Zoega obel. p. 219 ff. (mit der Deutung 
auf Mondsabnahme). Creuzer zu Cic. N. D. p. 203 ff. Lobeck AgLIIi , 
1212. Welcker Tril. p. 239 f. Klausen Aen. I S. 500 f. Paucker att 
Palladion S. 114. — Es konnte nicht fehlen dafs die so vollzogene Ehe 
auch c) für fruchtbar (Anm. 91 w) gelten mufste; wer ist nun aber der 
Spröfsling von Hermes und Brimo? Die Antwort auf diese Frage 
liegt vielleicht in dem Zeugnifs dafs der Heros Eleusis von Hermei 
nnd der mit Brimo gleichgeltenden Daeira stammte (Paus« I, 38, 7): L' 
dieser Heros kann aber als Ortsdämon in Schlangengestalt und so- 
mit als Agathodänwn gefafst werden. Vgl. Abh. über AgathodämoB 
Anm. 63 (ebd. Anm. 85 über Dca Dia), 

'*) Hermes und Herse (ßQöri): Welcker Tril. S. 286. Forch- ^ 
hammer Hellen. I. S. 76 ff. Oben Th. I. S. 42. 

'^) Ausdehnung des Göttersystems von Samothrake wie 



^ 



r 



*) Hesiod. Fragm. 76 GÖttl. : BoißCa^oQ ktfivrjg, nämlich der Ko- 
ronis, J(aj((p iv möCfp. Steph. BoCßri noXig SaaaaUas . . . xal Xififtf 
Botßtdf, Uist gleichnamig der trözenisch-saronischen ^oißaCa Kfivn 
Paus. li, 3Q, 7 und der Artemis heilig wie auch diese, nämlich der 
Artemis ^egaia (Lycophr. 1180. Müller Dor, I, 384. Unten Anm. 105c)i 
dagegen die chalkidische BoXßrj Ufxvri Athen. YIII, 334 E keine Les- 
art Bolbeidis (wie Paucker Pallad. S. 114) begründet, üeber die 
Lesart Merc. et 8ais (wie Hertzberg) handelt Schneidewin (Philolo- 
gim li 384 ff.), der sanctis . — alsdann ohne Subject? -:r- yermathet 



I' 



Ober dir hermen. 257 

ea ihm entsprechenden elensinischen ist theils in Voranstellung: einer 
öttermutter (Paus. VIIl, 37, 1) oder Gäa, vor Demeter und Kora 
^n, 21, 4) oder vor Aphrodite (I, 22, 3), theils in dem Umfang 
ichweisLicb, in welchem das Thesmophoriengebet (Arist. Thesm. 304) 
»ben Demeter, Kora, Plutos und Hermes (der samothrakischen 
ierzahl Anm. 83) andre Gottheiten einer durchaus entsprechenden 
^deutung, nämlich noch Ge Knrotrophos, Kailigeneia und die Cha- 
ten nennt. Vgl. Prodr. S. 52. 114. 

'^) Die Heiligkeit der Drei zahl wird nicht blofs in den Ab- 
immlingen lemnisch-kabirischer Systeme , Brüdern oder Schwestern 
knm« 122ff.)> sondern auch in einer dreifachen Anschauung erkannt, 
.6 den samothrakischen Urgottheiten beigelegt wird: so heifst Athene 
hryse TQinaTtoQ bei Dosiadas (Anth. Pal. XV, 25. Paucker att. Pallad. 
. 116), und Hekate, die der Axiokersa entspricht, ist allbekannt als 

lifAOQifOg, 

''') Aegyp tische Göttertrias: Osiris, Isis, Horus zu Phila, 
mun-Re, Maut und Khonso zu Theben, andre zu Mahsara und 
»nbos (Wilkinson Manners IV, 231). 

^^) Cerealische Trias: tabellarisch nach ihren mancherlei 
Tarnen und Gestalten nachgewiesen in meinem Prodromus m. K. 
• 11 3 ff. (oben Th. I. 8.34) und hauptsächlich als Demeter, Dionysos 
md Kora, Ceres, Liber und Libera allbekannt; hermenähnlich yer- 
QBden, statt des Pfeilers an einem Baumstamm der die Benennung 
Ises Bacchus Dendrites yeranlafst hat, findet sie sich, zugleich mit 
üieDi Fiügelknaben, etwa Jacchos, am Fufse des Stammes, in einem 
tarnior der Villa Altieri zu Rom (Braun Marmorw. II, 2. Jahn Bei- 
rige S. 325). Der Ursprung dieser Trias geht, wenn wir griechi- 
cbe Zeugnisse befragen, bis zu den Thesmophorien des Danaos and 
« nicht minder alten ReligiShsinstituten zu Eleusis, Hermione, 
^reta hinauf. 

^') Kadmilos, als vierte samothrakische Gottheit nur 
«hwach bezeugt; nach SchelUng jedoch (Gotth. y. Samothr. S. 23) 
ftt Ton den vier samothrakischen Gottheiten „Axieros zwar das 
rrste, aber nicht das oberste Wesen, Kadmilos unter den yieren 
las letzte aber das höchste'*, und eben so pflegt er auch sonst als 
mtegrirendes Glied jenes Göttersystems betrachtet zu werden, wie 
auch neuerdings Yon C. y. Paucker (att. Palladion S. 117). 

*^'') Kadmilos vom thebischen Kadmos entlehnt: Welcker Kret. 
^ol. S. 39. 

***^) Saon und Dardanos: Diodor. V, 48. Müller Orchom. 
B. 65. 157. 441. ♦ 

^^').Tyrrhenische Pelasger und mit ihnen der Kadmilos 
^%res Dienstes sind in Samotlirake nicht vor dem Dorerzug, der sie 

17 



358 GKRHARD 

nordwärts drängte, Torauszusetzen , nach Müller Orch. S. 439. 452. '■ 
Klausen Aen. I, 333. >, 

*"^) Harmonia, Ares und Aphroditens (Hes. TIi. 937. 975) oder ^n 
anrh Zeus und Elektra^s (Diod. IV, 48. V, 49), oder Zeus und Dia'« (n 
(Eckerm. Myth. II, 117) Tochter, des Dardan os und Jasions Schwester, km 
Thebens mit Peitho und den Chariten yerschwisterte Göttin (Plnt. tim 
Pelop. 19), wird als Mnndschenkin der Götter (Athen. X, 25), im Ib 
olympischen Chortanz mit Musen, Chariten, Hören, Hebe und Apbro- k 
dite (Hom. H. Apoll. 195. Vgl. Hellan. Fragm. 71) und als Lieblisf li^ 
der Götter genannt, die ihrer Vermählung mit Kadmos, reichlielM |ie^ 
Geschenke (darunter Eriphyle^s Halsband) darbringend, beiwohntet k 
(Pind. Py. Hl, 167. Apollod. II, A, 2. Diod. 1. c). In Bezng auf dieiek't 
Tielberühmte Hochzeit blieb ihr hochzeitlicher Raub samothrakisdiein^ 
Festgebranchs (nach Ephoros Schol. Eur. Phoen. 7), in welchem bektelBd 
Heroengestalten dem Götterpaare Kndmilos - Hermes und Hekate 
(Welcker Kret. Kol. S. 35. 67), um nicht mit Varro (L. L. V, 58) 
Yon Himmel und Erde zu reden , gleichgalten. Vgl. Welcker Kiet 
Kolonie S. 35 ff. 67ff. Eckermann MythoL I, 225. II, 116. PaaJDfl4 ' 
Archäol. Zeitung III S. 37 f. 

^^*) Dardanische Brüder, die grofsen Götter am samo 
tischen Hafen, bezeugt Varro L. L. iV, 10. Vgl. Welcker Tri 
S. 223 f. 

^^'^) Hermes und Axiokersa sind in Gruppen yerschiedeiis 
Benennung, ztiTÖrderst in den sonst bekannten Gruppimngen 
Göttin mit Hermes, zu suchen. Obenan steht, durch die Sage 
seiner Liebesbrunst (Anm. 94) Torzugsweise bezeichnet, ßrimo, 
bald «) als Persephone (Cic. N. D. III, 22. 'Egfiijg Trjg Il€Q<f€(f4 
auvotitog Plut. orb. lun. 943s=3lX, 718 Rsk.)^ auch wol (/>») als 
(Orph. Arg. 17. Vgl. Anm. 106 rf), bald und besonders häufig (h) 
Hekaie erwähnt wird, bei Apoll. Rhod. 111, 860. 1210. Lycophr. 11 
ixQCfi^Qifog) und sonst. Vgl. bei Hesiod. (Th. 447. Welcker Ann. II 
78, 3) ßQiaH neben dortiger (Vs. 444) Verbindung Ton Hermes !in# iJ> 
Hekaie. Ihnen gleichzusetzen ist (c) Artemis, theils wiedemm sM ^ 
Brimo, sofern der böbeische See Thessaliens (II. II, 711. Steph. Bow<iru 
Oben 8.256), bei welchem nach Properz II, 2, 1 1 die Liebe zu Bria&iiei 
spielt, der XCfJivri 'Poißa^a Paus. II, 30, 7 mit Lobeck AgL II, Ul4rtei 
gleichgesetzt werden darf, wo Artemisdienst, yermuthlich der Artemil jo 
^iQnCa (II, 35, 4), stattfand, theils aber auch als Matter des Tod^ ^ 
Hermes geborenen ältesten Eros (Cic. nat. d. IIF, 23. M. d. Inst^ 
118 B. Ann. II, 73), dessen nämlich welchen Ölen (Paus. IX, 27, 2) eisJ^ ' , 
Sohn Jlithyin's nannte (Vgl. Abh. über Eros Anm. 73* 74). So f^it^jL 
denn Hermes und Artemis auch sonst (Schale des Soaias: Berli«. 
Bildw. no. 1030 Trinkschalen VI. Vil) aieh yerbunden. Selteif. 



ÜBER DIK HERMBN. 259 

imen zu geschweigen, yon denen {d) Daeira^ ein Doppelname Per- 
phone*s (Lycophr. 710), den Hermes als Vater des eleusinischen 
tsgenins Eleasin (Pans. I, 38, 7) nachweist, und (e) die latinische 
irtt (Ovid. Fast. II, 613) auf einem Wandgemälde nur irrthumlicli 
kannt ward (Pitt d'Erc. III, 12. Vgl. Mus Borb. XII, 52), hat (f) 
fhrodite hauptsächlich Anspruch als samethrakische Gemahlin des 
nrnes zu gelten, nämlich als kosmische Werkmeisterin Mtixavltt^^ 
e sie im Mysteriendienst Ton Megalopolis (Paus. VIII, 31, 3) neben 
m hiefs. Die Verbindung beider Gottheiten ist mannigfach (Plut. 
*&€€. conjug. p. 1 38 : ol nakatoi t^ ^AtfqodCii^ t6v 'Eq/htjv avyxa&C^qvaofW, 
gl. oben Anm. 91 i. Abh. über Eros S. 9. Anm. 83), unter andern 
ich durch ein Wandgemälde bezeugt, wo zwischen beiden aii einen 
andelaber gelehnt ein ithyphallisches Knäblein, yermutblich das 
tnd Priapos, zu sehen ist (Mus. Borb. I, 32. Abh. Eros Taf. II, 2). 

"*) Hermes mit Axieros, der Rrdmutter, verbündet ist 
leils dann zu erkennen, wenn diese (n) schlechthin als Oän be- 
eichnet ist, wie auch in Beschwörungen (Aesch. Pers. 629: rij re 
tcl'EQfifj ßaadev t Mqcdv, Vgl. ^EQf^rj xal rij C. Inscr. 539, 11) 
eide yerbunden werden, theils wo einer tlironenden GrÖttin mit 
«hren und Modius wie {h) Demeter eine bärtige Herme zur Seite 
Mt (M. YonSestos: Streber Num. 1, 13. 14 p. 105tF. Vgl. Merkurs- 
i»pf ebd. I, 10) oder in ilirer Hand vorausgesetzt wird (Demeter 
^fufv/og zu Delphi Athen. X. 416 B. Preller Demeter S. 34, 15V 
Mils auch wenn Hermes mit (r) Athene Polias, (Paus. I, 27, 1. 
ütticher Tekt. II, 1, 189. Paucker Pallad. S. 2, 10. Oben Anm. 3c), oder 
meh mit (d) Uere^ nämlich als Parammon der ammonischen (Paus. V, 
t^ 7. Prodr. I, 42, 120) verbunden ist, welche durch die sonst 
Bbd. I. Anm. 90. 120) bezeugte Verwandtschaft dodonischen und 
^monischen Dienstes verständlich wird. In allen diesen Verbin* 
hngen ist eines brünstigen Gottes Verhältnifs zu einer Mmttergöttin 
^gedeutet, dem umgekehrten VerhältniTse der italischen Bona Dea 
fe ihrem Vater Faunus (oben S. 00. Anm. 41) sehr ähnlich. 

a *"0 Hermes zu Athen: der Athene Polias (Anm. 106c) auf- 
gedrungen, zufolge der aus Herodot (Anm. 25) bekannten dortigen 
Kniedlung tyrrlienisch - pelasgisoher Verehrer des ithyphallischen 
kttes. Vgl. Anm. 130. 

^ ****) Hermes als Widder, in Bezug auf Rhea schon obeii 
feim. 89 erwähnt, ist dem Pan zu vergleichen der als Widder Selenen 
S'ng. Georg. III, 391 ib. Serv. Macr. V, 22. Creuzer Symb. IV, 255 
■i A. Prodr. S. 04, 105), und dem Poseidon^ der in gleicher Gestalt 
w Theophnne nachstellt (Hygin. fab. 188)^ alles dieses mit Bezug 
^ kosmische Zeugung im Frühling. Vgl. aber die Widdergott- 
^'ten Archäol. Zeitung VIII. Taf. 15. S. 149 if. 

VI* 



260 GRRIIARD 

«"•) Werkmeister, ^fol (Qyutai, heifsen ApoUon als Agyieus und 
Athene (Paus. Vlll, 32, 3), letztere als Ergane oder Ergatis (samisch, 
nach Hesychius. Vgl. Athene Mri/avirtg ohnweit des *^ya&6g *toV: ^ 
36, 3) in Umgebung yon Hermes^ Herakles, llithyia. Eben so sind *" 
beide Gottheiten mit Hermes ^AyrittoQ and Poseidon, ferner mit Helios * 
und Herakles (als aiojr\Qig) auch im Mysteriendienst von Megalopolis '^' 
vereinigt, und zwar in bedeutsamer viereckter Hermenform (VIII, '^' 
31, 4). Die Bedeutung von Natorgottbeiten liegt offenbar hier zi ^^ 
Grunde; sie wird bestätigt, wenn Apollo Agyieus. dem Regenze« "^ 
(II, 19, 7 'Yitiog) benachbart erscheint, und wenn das Prädikat Af^ ''^ 
XaviTig auch auf Aphrodite (36, 3) übergeht, der Hermes zur Seite: 
steht. Vgl. Abh. Zwei Minerven (1848) S. 11. H 

•*") Apollo gleich Hermes: wird, wie dieser, theils der («)| 
Athene Ergane Terbonden (nach ebengedachten Stellen Paus. VIfl,j 
31, 4. 33, 3), theils auch, in Dolos und sonst, der (b) Aphroditt 
(Anm. 91 f) Terbonden. Für seine von Zoega obel. p. 212 vorai»- 
gesetzte Verbindung mit (c) Uekate ist kein Zeognifs zur Hand. 

***) Spröfslinge des Kadmilos sind nach aller Analogie! 
alter Götterehen vorauszusetzen und in der That auch nicht anbe-f 
zeugt. Wie die Göttermutter Kybele, Rhea, Persephone, Myrina 
oder ohne Vater in heimlicher Ehe den Korybas gebiert, oder 
Kora von Zeus die Tritopatoren , so Hephastos von Kabeiro d< 
Kadmilos , so Hermes von einer samothrakischen Nymphe den Sas^f °^ 
so Apoll von der Rhytia die neun Korybanten, so endlich Phaeth« 
von Aphrodite den Pothos (umgekehrt, Pothos den Phaethon? Paa< 
Pollad. S. 116). Dieser von Paucker (att. Pallad. a.a.O.) gelc 
und scharfsinnig gegebenen Zusammenstellung ist die Erwägung hii 
zuzufügen, dafs noch andre SprÖfslinge ähnlicher Abkunft doi 
die wundersame, zum Theil abschreckende, Form uns entfi 
mögen, in welcher das Mysterium gern sich verbirgt: nicht nur 
Fiugelknabe Eros (vgl. Pothos), sondern auch der geflügelte Fl 
Tychon (Anm. 144) und die Schlange Eleusin (Anm. 93 a) mögei 
gut als Arion das Wunderrofs und als das goldene Phrixosvliefs, P« 
seidons Ausgeburten von Demeter und Theophane> hieher gehorea« 

"') Hermes beim Götterpaare Dionysos and Koral|*) ^o 
im dreifachen Chablaisschen Hermenbilde (Gerhard Bildw. XLI. S.! 
Oben Th. I S. 45. Vgl. Müller Handb. $. 345, 2. Braun Ann. 
249); eben so werden Ge^ Hades und Hermes im Gebete verei 
bei Aeschylos (Pers. 629). 

**') Hermes und Eros gleichgeltend : im Namen Imbros, di 
einem Eiland sowohl als dessen Gott Hermes gilt (Steph. s. v.), 
Himeros aber, der Doppelname des Eros ist (nebst Pothos: Paul 
43, 6), offenbar gleich ist. Vgl. Abh. über den Gott Eros Ann. ^1 



Ober die hermen. 261 

*^^) Eros beim GötCerpaare Helios und Aphrodite: 
frie in-Korinth (Pans. II, 4 extr.), so auch in Saiiiothrake, wenn 
nders Venas, 'Pothos, Phaethon (^Samotkrace vetustigHmit cneirimoniis 
oinntiir: Plin. XXXVI, 4, 7. Vgl. Prodr. S. 16T, 13. Hyperb. Sind. 1^ 
S> Statt Phaethontem wollten Hirt und Lobeck Agl. 1284 Phnnetem) 
egen Welckers Ansicht (Tril. S. 241) ihnen entsprecli«n. Minder 
inleachtend ist die Ton Crenier (Symb. IV, 172 N. A.) neben Demtter 
nd Kora und deren idäischem Begleiter Herakles nttQa&iarrjs^ (nach 
*aa«. VI, 23, 2) gesachte Bedeutung des Eros und Antero« als Mi- 
tstranten der Göttinnen im idäisch-samothrakischen System. 

•**) Zwiefache Lichtgötter, der Ober- und ünter- 
relt, sind im ältesten griechischen und italischen Götterwesen mehr 
•der weniger alle männlichen Gottheiten, am augenfälligsten« Zeus, 
ler als VejoTis auch ein unterer Lichtgott ist, wie Dionysos nach 
len Mysterien auch ein überirdischer. 

**^) Zwiefach ist auch Hermes selbst nach Kanstdenkmälern 
-Arch. Z. IV, 350 f. Auserl. Vas. II, 240), deren frühes Alter bei etros* 
bischer Abkunft die Verbindung eines Hermes ovQapios und x&ovtog 
nie Persephone, die Plutarch (orb. lun. iX p. 718 Rsk.) bezeugt, 
wesentlich unterstützt. Eben so wird nach einer allerdings späten 
j^orstellungsweise (bei Synesius: Zoega obel. p. 233, 37) der bärtige 
r«m un bärtigen Hermes, jener ithyphallisch, dieser schlaffen Gliedes, 
jA der viere^kten Bildung nachdrücklich unterscheiden, 

''^) Zwei Lichtgötter mit einer Göttin verbunden finden 
lieh im Vereine (a) des Hepkästos und Ares mit Aphrodite (Vitruv.l, 
r), (b) des zwiefachen Hermes (Anm. 115), (c) des Dardnnos nnd 
Vfision mit Harmonin (Steph. JaQ^avia, Welcker Tril. S. 23t. Arch. 
Eeitnng III S. 36); (d) der Dioshtren mit Helena (Gerhard Etrusk. 
^ieg«l II, 202 ff.), aber auch mit Athene (Aristoph. Lys. 1300. Athen. IV, 
B4 p. 184 F. Aristid. I, 26. Lucian D. D. VIII not Gab. Durand nm 25. 
Gerhard Etrusk. Spiegel I, 59, 1—4), JHthi/ia (Paus. II, 22, 7 durch 
Helena), Kybele (M. von Tripolis: Sestini N. Lett. V, 2, 11), Tijche 
(M. von Sagalassos: Sestini N. Lett. V, 2, 2) und andern Göttinnen. 
Einer dieser Verbindungen, lieber noch der leicht voran szusetcenden 
(e) von Kora mit den Dioskuren mag das von Panofka (Arch. Zeit. III, 
17, 1) auf Harmonia gedeutete Brustbild einer Göttin mit verzie- 
rendem Männerkopfe auf jeder Schulter angehören ; ähnliche Brust- 
bilder von gebrannter Erde pflegen gemeinhin der Kora zu gelten, 
lagegen Harmonia in diesem Bilderkreise bis jetzt nicht bezeugt 
st Womit denn endlich noch die Verbindung zweier Brüder mit 
)iner Schwester {f^/ftog xoqtj und ^log xoQot, die Potenzen nicht in 
^«wegung** Paucker Pall. 117) sammt dem Verein der um Adanis 
(reitenden (Apollod. III, 14, 3) zwei Göttinnen zu vergleichen sind. 



262 GKRHARD 

^^^) Hermes in Lemnoa: *£Qfuuov linag hieC» die höciiste 
dortige Bergspitze Aesch. Ag. 290 ; anch hiefs der letzte Pela8ge^ ji 
farst der lemnischen Hephästia Hermon (Hesych. 'EgfAioyios ;t<^<()' 
Hermetdienst im benachbarten Imbros ward ans Stephanus Byz. s. t. 
(Vgl. Müller Proll. S. 151) schon oben (Anm. 113) erwähnt nnd wird 
durch Miinzbilder des ithyphallischen Gottes von dort bestättigt k 
(Welcker Tril. S. 218); anter den Kabiren, die mit ihm zugleich i^ 
▼erehrt sein sollen (Steph. "ifißQOs, vrjaos ioii OQ^^rig tegä Kaß^lq»v \^ 
xaX *EQfj,ov)j sind wahrscheinlicher die lemnischen FeaerkabireB, |^ 
als die cerealischen yon Samothrake zn verstehen. Wi 

*'^)Kadmilos in Leranos: Kabirenyater nach Akosilaos. \f 
Hesych. und Steph. v. KußfiQ^a, pc 

^'^) Göttertrabanten, für zählreiche griechische Gottheiten 
nachweislich, beginnen in Piiallas- nnd Schlangengestalt die früheste 
Entwicklung alles griechischen Götterwesens. In erweiterter Zahl 
begegnen sie uns theils in Scliwestervereinen , nymphenähnlich (121)) b 
theils als Brüder (122). lii 

*'*) Weibliche: als dodonische und sonstige iVf/mpAeft, Hyaden, 
Oenotropen, Saatgöttinnen und desgl. Vgl. unten 127 c. Rackert |rz 
Troja S. 98 f. 

*") Brndergottheiten Samothrake'^s. In solcher Geltang 
sind nns bezeugt: (a) Bardanos und Jasion (ApoUod. TU, 12, 1. Schot, ö 
Ap. Rhod. I, 915. Serv. Aen. 111, 15. 167. VU, 207. Welcker Trill^t 
S. 231. Klansen Aen. I, 388. Als drei mit Eetion der dem Jasion auch 
gleichgesetzt wird: ebd. J, 332 f. Unten Anm. 129^), (b) Jasion andb 
TripfoUmos (Hyg. Astr. II, 22. Müller Orch. 458, 3) und (c) die 8pa^L 
tanischen Dioshuren (Welcker Tril. 222 ff. Vgl. das Vasenbild Millia v 
gal. LIV, 255), diese aus späterem Dienste; zugleich aber, als Aasle- i 
gnng der beiden dardanischen (d) grofsen GötUr (D. Hai. I, 68) 
am samothrakischen Hafen (Varr. L. L. IV, 10), die man aach in des 
(dd) civaxreg TialSeg (Paus>. X, 38^ 3 „Dioskuren, Kureten, Kabiren") 
TonAmphissa wiedererkennt nnd (.e) in den Pt'fiat^n Latiums wieder- 
fand, die Götterpaare (f) Ze\i$ und Apollo (Hesych. t. ^EqxiüK' 
*En6^>iog, Auch in Hermonthis: S trab. XVII. 817), Zeus und JDtoiay«» 
(Schol. Ap. l, 929), auch Zeus und Hermes (Serv.. Aen. III, 264). 
VgL Paucker Fall. S. 117 Oben Anm. 87. Ferner (g) Neptun ond ApolU^ 
(Macr. III, 4. Arnob. Ilf, 40. Serv. Aen. III, 119: Erbauer lUons. Vgl. 
Welcker Tril. 231. Klausen Aen. II, 1101 f. VgL für Poseidoa auf 
Samothrake II. XIII, 13. XXIV, 78, für Apoll Hom. H. Del. 34. 
Klausen Aen. 1, 335); vielleicht auch (h) Vulknn und Merkur^ derei 
Grnppirung aas einer Gruppe im Louvre no. 488 (Clarac 317, 546) 
bekannt y yielleicht aber (Nouv. Ann. II, 168) gegen die Annahme 
von Merkur und Apollo aufzugeben ist. Auf ähnliche samothrakisehe 



tBKR DIB HßRMEN. 263 

Verbrüderung sind wol aach die Irei Nonnu« (XIV, 19. XXIX, 193. 
Muller Orchom. 458, 3. Lobeck Agl. II, U50. Panofka Ann. XVII, 
58) genannten Kabiren (i) Alkon und Eurymedon zn beziehen, ob- 
irohl solclien Briiderpaaren samothrakischer Kultusform die Benen- 
nung von Kabiren überhaupt streitig gemacht worden ist (Welcker 
rril. S. 232ff.). Dafs dergleichen Brndergötter, in denen das Wechsel- 
Leben männlicher Kraft, als ij€QTifi€Q{ct der Dioskuren oder wie sonst, 
aasschliefslich dargestellt sein soll, auch den yon Grund aus Ter* 
ichiedenen Gegensatz männlicher und weiblicher Doppelkraft in sich 
begriffen hätten, ist ein durch Yarro^s Ausdruck IV, 58 sed H mas 
et feminn veranlasster Irrthum Heinrich*s hermaphrod. -pag. Hl , dem 
Rochette (P. de Pompei p. 140, 14, zugleich mit der Verweisung 
auf Kpimenides bei J. Lyd. de mens IV, 13) auch hierin gefolgt ist. 

"') Göttermutter und Bruder gÖ tter. In solcher Ver- 
l)indung sind (a) die Dioskuren neben Demeter oder (b) Kyhele und 
^c) Tyche (M. von Samothrake) bekannt, ferner (d) neben* Pir?/«« 
<Anm. 116). 

*^'*) Leranische Feuerkabiren, von Hephastos und Kabeiro 
«rzeugt, nach Akusilaos und Pherekydes bei Strabo X, 472. Vgl, 
Welcker Tril. S. 161if. 

^^^) SamothrakischesFeuer. Rettu n g«fiämmc]ien der grofsen 
tjrötter sind, hauptsächlich aus dem Fenerdienst der ihnen gleichge- 
setzten Dioskuren (Paus. VlII, 9, 1. Welcker Tril. S. 231 if.), allz» 
bekannt, als dafs auf den Mangel solchen Feuerdienstes irgend ein 
Einwurf (Eckerra. Mythol. II, ll^j) gegen die Ableitung der eamo- 
thrakischen sowolil als der lemnischen Kabiren von .xd(o begründet 
werden konnte. Allgemein als Reiinnysin^aV ist Samothrake schon 
durch seinen Namen, wenigstens durcli den seines Ahnherren Saon 
(Oben Anm. 101), bezeichnet. 

*^^) Sainothrakische Kabiren kennen llerodot, Stesimbro- 
tos und spätere Schriftsteller, deren Autorität Welcker Tril. S. 231 if. 
bekämpft; bei Herodot ist der phallische Hermes darunter begrilfen, 
während in einer delischen Inschrift (C. 2296) und sonst auch die 
statt der dardanischen Brüder eingetretenen Dioskuren so heifsen. 
Derselbe Sprachgebrauch liegt zu Grunde, wenn die Beziehung auf 
Korylnnteiiy die nur für Samothrake, nicht für Lemnos nachweislich 
ist, für Städte am Ida bezeugt wird, in denen man auch von Kabi- 
rendienst wufste (Tril. S. 162)-, ferner wenn, wie bei den Kabiren 
von Pergamos (Paus. I, 2, 4. Welcker ebd.), an dardanisch-arkadische 
Abkunft zu denken« ist, die nur auf Samothrake , nicht auf Lemnos 

pafst. 

''^) Samothrakisches und Lemnisches Kabirenweisen 
gleichzusetzen heisehten gegeii Welcker*s ebengedachten Einspruch 



AT 

1 

iL 



264 GERHARD 

auch Lobeck (Agl. 11, 1212) und Klausen (A. Lit. Z. 1833. no. 156. 

S. 25). Uebereinstimmend findet sich beiderseits die Erdmuttetf eat' 

weder (a) als Demeter gefafst, wie in Samothrake nach Mnaseas, in 

Lemnos als den Göttinnen uifjfAvog (Steph.), Burjnome (Alciphr. I, 2), 

Hera (Matter des Hephästos) gleicbgeltend, in lemnisch-korinthischem 

Dienst mit Nymphen (Prodr. S. 91), endlich im iemnisch-thebanischen 

Dienst einer yon Feuermännern (Aetnäos Sohn des Prometheut: .jt 

Paus. IX, 25, 5. Welcker Tril. 271) sowohl als von Kora begleiteten ^«^ 

Demeter Kabiria, welche ein mystisches Kästchen reicht, wie in Athen n 

Pallas derHerse; oder auch (b) als Pallas (Anm.87), deren attisches ic^ 

(Welcker Tril. 284ff.) Verhältnifs za Hephästos der lemnischen Ehe l^^ 

Ton Hephästos und Kabeiro entspricht, wie deren Name and Begriff 'le 

{KttFeiQiOf Feuerweib) der ätherischen Natnr Pallas Athenens: Welcker ifj 

Tril. S. 277 ff. Ferner sind beiderseits (c) Nymphen betheiligt, in i^. 

Lemnos neben kabirischen Brüdern (Anm. 124), lemnische auch in j^i 

Medea^ korinthischem Kulte neben Demeter (Prodr. S. 91), samo- i^. 

thrakische im attischen Mythos von Hermes und der mit Axio-Kena ^[^ 

gleichnamigen Herse. Aber auch (d) die Belebung durch Brudertod, {^ 

die aas den kabirisch-korybantischen (Clem. Protr. p. 12) Mysterien jy^ 

und Munztypen von Thessalonike (Jnl. Firmic. p. 15) auch ftir den |^j 

lemnischen Dienst gefolgert wird (Welcker Tril. S. 252 ff.), findet in i^ 

Samothrake wenigstens insofern sich wieder, als Jasion durch Dar- ic^ 

danos (Serr. Aen. III, 167. Lob. Agl. 1259) fällt und das Purparge- ^ 

wand des erschlagenen dritten Kabiren (Clem. protr. p. 12. Welcker ^ 

Tril. 252f.) in samothrakischer Blutsiihne (Hesych. Koirjg. Lob. [^ 

Agl. 1290 ff. Klansen Aen. I, 330) sich kund gibt, womit als blofse 

Ansicht über die Yorherrschenden Kaltusgebräuche des Demetrios 

Ton Skepsis Versicherung immerhin yerträglich ist, als habe in Samo- | 

thrake kein ftvattxds Xoyog tisqI KaßiiQOiv (Strab. X, 472. Kovqi^ttof 

wollte Miiller Proll. 150 f. Eckerm. Mythol. II, 117) bestanden. 

^'^) Samothrakisches in Lemnos. In solcher Beziehung 
sind (a) lemnischer Kultus von Hermes (Anm. 118) und Dioskuren, 
(b) die Sage Ton Kadmilos als Hephästos -Sohn und der Kabiren 
Vater (Anm. 119), (c) die augenfällige Verwandtschaft der samothra- 
kischen ^rtmo-Hekate mit der iemnisch-brauronischen Artemis 
(Lob. Agl. 1214ff.), endlich (d) das Phallussymhol zu erwähnen, das 
in der Sage vom lemnischen Brudermord nicht minder hochgestellt 
ist als im samothrakischen Mythos von Hermes und Brimo. 

''^) Lemnisches in Samothrake ergibt sich zunächst aus 
Ortsnamen, von denen (a) Aethalia ,,Brandland*% als Name des yqI- 
kanischen Lemnos bezeugt (Welcker Tril. S. 209. 162), einem ähn- 
lichen Namen der Insel Samothrake, nämlich Aethopia entspricht 
(Hesych. s. v.). Es kehrt ferner (b) die neuntägige Dauer des grofsen 



11 



l 



ÜBBR DIE HERMEN. 265 

lenmisciken Festes (Phiiostr. Her. p. 740) im eleusinischen Dienst, 
welcher dem samotlirakischen otfenkundig verwandt ist, und selbst 
in der Neunzahl yon Männern und Frauen wieder, welche den Dio- 
nysos Aesymnetes (Paus. VII, 20, 1) zn feiern hatten} eben so er- 
wähnte Pherekydes (Fragm. 31) nenn Korybanten als Apolls und der 
Rhytia Kinder, wie Strabo X, 472 nenn kretische Kareten. Sodann 
ist (c) Feuer- und Berggeistern, wie die lemnischen Kabiren waren, 
nach aller sonstigen Analogie Zwerggcstalt ^ gleich der der Kabiren 
zu Memphis (Herod. III, 37), beizumessen, und eine solche ergibt 
sich auch aus cerealischen Diensten, welche dem samothrakiscben 
entsprechen, namentlich im idäischen Daktylos als Tempelhuter De- 
meters (Paus. IX, 19, 4), wie denn auch die Dioskuren bald knabenhaft 
(juVttXTfs n(ttd($, zwischen Dioskuren^ Kureten und Kabiren schwan- 
kend. Paus. X, 38, 3) bald auch in Fufshöhe {nodiaia III, 26, .2) er- 
scheinen. Endlich ist (d) auch noch auf das Prädikat a^iog der 
grofsen samothrakiscben Gottheiten insofern Gewicht zu legen, als 
dieses Prädikat in thrakischen Ortsnamen, des Flusses Axios u. a. m. 
(Rhein. Mus. V, 180 f.), sich heimisch zeigt. — Nebenher (e) ist 
nicht zn übergehen, dafs auch Drillinge ^ wie zu Lemnos, in Samo- 
thrake sich finden , wenn anders nicht nur Dardanos und Jasion oder 
Eetion dorther angeführt werden (Anm. 122 /t)^ sondern nach Arrian 
(Eustath. Od. V. p. 1528. Klausen Aen. I, 331) diese drei auch als 
drei Brüder; ferner dafs (f), wie zu Samothrake Kersos und Kersa, 
so auch zu Lemnos Hephästos mit Kabeiro oder mit Aphrodite 
(Engel Kypros II, 510) verbunden als herrschendes Götterpaar oben 
an stehn. 

*^") Attisches aus Lemnos und Samothrake. Dahin ge- 
hören :{a) der neben Athene Polias aufgestellte Hermes (Anm. 107) und 

(b) die lemnische Artemis in Branron (Müller Dor. I, 381); ferner 

(c) die den drei Kabiren entsprechenden Tritopatoren (Cic. N. D. HI, 
21 p. 586 if.), und hauptsächlich (d), den lemnischen Nymphen ver- 
gleichbar, der Dienst kekropischer Nymphen, denen Herse angehört: 
eben diese Herse aber (e) ist als Geliebte des Hermes dem samothra*- 
kischen Paare von Kersa und Kadmilos gleichzusetzen. Endlich 
weist (f) auch die Schlangencista der Aglauros nach Samothrake, wenn 
dort die samothrakische Trias der eleusinischen durchaus entspricht, 
in welcher dieselbe Cista üblich ist. 

*'*) Thebischer Kabirendienst: der Erdgöttin Demeter 
und drei Feuerbrüdern gewidmet, deren .einer Aetnäos, ein Sohn des 
Prometheus von Demeter die heilige Lade erhielt (Paus. IX, 25, 5). 
Dieser von Welcker (Tril. S. 270) auf den attischen Methapos zu- 
rückgeführte Dienst zeigt, auch wenn er wirklich nicht hoher hin- 



266 GERHARD 

aufreichen sollte (tyrrheniscli : Eckerm. MythoL II, 118 f.), jedenfalls 
attisch'lemniscbe Analogien, namentlich im Prometheus. 

'") Sehlangen- und Phalluscista (Etruskische Spiegell, 
S. 69 ff,): jene der samothrakisch-elensinischen Erdmutter, diese der 
Sage vom lemnischen Bradermorde entsprechend — , Jene den cerea- 
lischen, diese den bacchischen Religionen angehörig, beide zugleich 
dem yereinigten eleusinisch-thrakischen Götterdienst und daher auch 
der späteren bacchischen Sitte römischer Reliefs, wo beide Geräthe 
Tereint sich zu finden pflegen. 

'") Aegyptische Parallelen gewährt lediglich Herodots 
(III, 37) Erzählung von den Kabiren zu Memphis, Zoega*scher (obel. 
p. 220. 213, 17) von Kabir und Phallus aus dem Koptischen zu ge- 
schweigen. Der Sage vom Brudermord der Rabiren nachgebildet, 
aber ganz spät aus christlicher Zeit, ist des Faanos-Mercurius durch 
dessen Brüder yeranlafste Flucht nach Aegypten (Said. vv. MtT(dwg. 
*Pttvvog). Vgl. oben Anm. 78. 60. 

^^*) Lemnisches in Ktrurien. In solcher Beziehung lassen 
sich (a) das nacli Tyrrhenien yerwiesene Lokal des kabirischen Bruder- 
mordes {Anm. 1 27d), ferner (b) die Drillingsköpfe an etruskischen Thoren 
(Volterra und sonst: Micali Storia tav. VII. CVIII, von Göttling N. 
Rhein. Mos I, 170 wunderlich als „drei Kopfe des etruskischen 
Hermes*^ gefafst) und das entsprechende öfters wiederholte etros- 
kische Spiegelbild dreier Jünglinge anrühren, welche vielleicht den 
drei Kahiren gelten (Etr. Spiegel I, 55. 56. Vgl. Abh. Metallspiegel 
S. 16 f.), nächstdem (c) der Schicksalsn/f«/«?/ der Nortia und (d) der 
Todeshammer des Charon: beide Attribute hinweisend auf hephästischen 
Dienst, wie der lemnische einer war. 

*'*) Samothrakisches in Etrorien. Dahin gehören (a) 
die dardanischen Brüder, in Diosknrengestalt und in Geltung der 
Laren aus etruskischen Spiegelzeichnongen (Gerhard Etr. Spiegel I, 
45—54 Abh. Metallspiegel S. 12 ff.) allbekannt, obwohl ihre Za- 
sammenstellung mit einer der Axieros oder Kersa entsprechenden 
Göttin Pallas — Etr. Spiiegel I, 22 Anm. 42 (Mus. Greg. I, 22). Ebd. 
I, 59, 1—3. Vgl. Athen. IV extr. Schol. Pind. Pyth. II, 127. Hemst. 
en Lucian D. D. 8 p. 27. Oben Anm. 116 d — nur wenig bezeugt hl 
Ferner entspricht (b) der angeblich etrnskische Penaf ^«verein ron k 
Ceres, Foriunn, Pnles und Genius JovinUs (Abh. Etr. Gotth. 21. 135. m 
161) dem samothrakisch-eleusinischen von Demeter, Kora und deren L 
sclilangengestalten Erddämon, dem als anderes altpelasgisches Symbol m 
Pales^ nämlich ein phänischer Phales (Ebd. Anm. 63), beigesellt !!<• k 
Ebenfalls sainothrakisch ist auch (c) die Paarung von VenM üOtlL] 
Mars, denen als dritte Gottheit der lemnische Vulkan in Etrarieike 
beigesellt war (Vitruv. 1, 7). Hiebei ist jedoch nicht zu verschwel- \^\ 



ÜBKR DIE HERMEN. 267 

gen dafs (d) der ithypliallische Hermes in Etrarien sowohl als in 
Latiuni fast unbezeugt ist, man miifste denn aus Etrurien die Spita- 
säolen (Etr. Gotth. Anm. 62), aus Latinm den Faunas und Lnpercnt 
dafür geltend machen. 

'^®) Samothrakisches in Latium. Aufser (a) den ebenge-» 
dachten, mit Vesta oder dem Palladiam verbundenen und als Pennten 
bekannten dardanischen Brüdern, die Varro für samotbrakisch er> 
kennt, und _aufser (b) dem Götterpaare Venus und Mnrs, wird auch 
(c) der snlische Wajfenianz aus Samothrake abgeleitet (Plntarch 
Num. 13. Serv. Aen. VIII, 285. Lob. Agl. 1292. Klausen Aen. I, 337 ff.)» 
und nicht minder entspricht (d) die üblichste Benennung latinisclier 
Opferdiener, CamiUij dem samothrakischen Kadmilos. 

*'^) Lemnisches in Latium. Die Aehnlichkeit der Camillen 
mit lemnischon Kabiren geht aus deren in Münztypen erhaltener 
(Anm 80) Abbildung hervor. 

''") Lemnisches in Sicilien: Paliken, Prodr. II, 219. S. 110. 

in. Gottheiten in Hermenform. 

*^^) In Herraenform unzulafsig wegen ihres höheren, volks- 
mäfsigem und von Geheimdienst entfernten, Götterbegriffs scheinen 
namentlich Zeus und Poseidon gewesen zu sein. Arkadische Her- 
menbildungen beider Gottheiten, des als liksiog gefafsten Zeus 
(Paus. VIII, 48, 4) und des im Mysterienwesen von Megalopolis auf^ 
gestellten Poseidon (Ebd. 31, 4. Vgl. 35, 6, von Lykaons Sohn), 
bilden theils wegen der arkadischen Vorliebe für Hermenform, theils 
wegen ausdrücklich erwähnten Bezugs auf Mysterienwesen keinen 
Einwurf gegen jenen Satz. Eben so wenig spricht bei zwitterhafter 
Bildung des Juppiter TerminnUs (Anm. IM) oder bei überwiegend« 
chthonischem Bezug des dodonischen Gottes (eichenbekränzt: Braun 
Marmorw. I, 4; zu Berlin no. 425) oder des Sertq)is und Ammon 
(Ammon und Serapis: Gerhard Bildwerke CCCXX, 3) irgend eine 
sonätige Juppitersherme dagegen, so häuüg auch vormals die Deu- 
tung bärtiger Hermen auf Terminus und Juppiter Terminalis, der 
ihnen gepaarten weiblichen auf Juno, war (Mus. Cap. I, 6, 2. 3. Vgl 
zu M. Chiaram. I, 32). Vgl. oben Anm. 22. Eine auf Blitzen ruhende 
Herme auf Familienmünzen der Julia (Riccio Farn. Julia no. 60 p. 114, 
82) erscheint nach ihrem Kopfputz eher als Herkules; eben so 
wenig für Terminus gesichert sind archaische Jovisköpfe, denen bei 
Adler und Scepter die viereckte Hermenform fehlt (Moreil. Caecilia 
tab. 3, 2. Vgl. tab. 2, VI. und E. p. 52 f. „Jup. Terminalis". VgL 
ähaliche Köpfe des Neptun mit Dreizack ebd. Lucretia C. Plautia 6'* 
Caecil. consul. X, 17. 20 mit Lorbeer, p. 525. Ebd. 18, Goltz, mit 
noch einem Kopf „Jovis*'). Die Benennungen ähnlicher Kopfe sehwan- 



268 GERHARD 

ken zwischen Neptun („Varro** Terentia 4. 5 B. Nämlich bei MorelL 
HO. 4 „Romnli sive Qnirini**, no. 5 Neptani, no. 5 B Quirini p. 412f.> 
Qairinus (Inschr. Memmia 1. 2. p. 275 ff.) Numa (Inschr. Pompejal, 1. 
bei Riccio Calpurnia I); auch die Dioskuren haben Anspruch darauf I 
(Kopf mit Stern: Valeria2ff.)* Sicherer dem Terminus entsprechend | 
sind die bereits oben (Anm. 22) berührten Doppelköpfe , die jedoch 
nicht ohne Grund in den Münzbeschreibungen zwischen Tertmu» 
(Morell. Pompeja I, 2 „caput Jovis Terminalis**) und Janiu (Riccio 
Pompeja no. 8. 13. 14 Vgl. Fonteia Anm. 169d) schwanken und aecb 
geflügelte Meriurshöpfe (M. der Calpurnia Anm. 142. „Terminus'* 
bei Morell, „Giano** bei Riccio no. 6. 7) in sich schliefsen. Die 
Benennung Terminus begünstigt auch Stieglitz Distrib num. £un. 
pag. 72. 

Hermen des Ammon (Paus. YIU, 33, 1) bei Alexanders Haus geben 
in späterer Zeit durch die Verbindung mit Bacchus (Ammon und Bacchus 
in Doppelhermen: Anm. 145c nach Beschr. Roms II, 2. S. 281, 33 n. a.) 
ihre mystische Beziehung zu erkennen. Ein gleiches Streben die ge- 
heime Natur des höchsten Gottes anzudeuten, mag späten Bildungen 
des Zeus Labrandeus zu Grunde liegen (M. von Mylasa, Geta: Bno- 
naroti medagl. p. 214), die ganz unten in Hermenform enden. Dem- 
nach ist Böttigers Meinung (Kunstmyth. II, 137), alle viereckte Bil- 
dung sei von Juppiter Terminalis abzuleiten, offenbar irrig, und es 
kann auch seltene Hermenbildung neptunischer Wesen {Oceanns 
Pio-Clem. VI, 5; Triton und Tritonis Ghd. Bildw. CCCXX, 1. 2) nur 
der spätrömischen Vorliebe für mystische Form und Bedeutung zu- 
gerechnet werden, die gern alle Naturwesen in ihren Bereich zog. 

**") Bärtige Hermen ohne Attribut, meistens mit langem 
.iliersendem Bart versehen (yi^wv) und auch deshalb dem Hermes 
atprjVOTKaycaVj dem Müller Handb. S. 559 nach Zoega obel. p. 222 sie 
beilegt, weniger znpassend als dem Dionysos, weiland als Piatons- 
köpfe bekannt, von Visconti Pio-Clem. VI, 7 auf Phanes gedeutet, 
finden sich häufig. Vorzügliche Exemplare sind die kolossalen zn 
Berlin (Berl. Bildw. no. 376. 377). Doppelbildungen gleich unbe- 
stimmter Art (Pio-Clem. VI, 8 u. a. m.) werden ebenfalls von Vis- 
conti auf Phanes, von Zoega (p. 222, 36) auf Merkur bezogen und 
von letzterem auf den „Janus pater** des Skopas (Plin. XXXVI, 4,8) 
zurückgeführt ; mit nicht geringerem Grund lassen sie auch auf Dionysos 
«ich deuten. Vgl. Anm. 145 e. 

*^*) Bärtige Merkurshermen, dem Hermes li^^^oi^ von Me- 

■galopolis (Paus. VIII, 33, 4) und ähnlichen entsprechend , können in 

unserm Hermenvorratli um so weniger fehlen je reichlicher sie bezeugt 

sind. Dieses ist denn auch theils in Münztypen solcher Städte der 

Fall deren Hermesdienst anderweitig bekannt ist, wie in denen von 



ÜBRR DIK HERMRN. 269 

Aenos (Müller Denkm. II, 297. 298), Sestos (Abh. Ag:athod.IV, 4ff.) aml 
den mit Samotbrake nächstyerwanclten Inseln, die, wenn nicht den Phallas 
schlechthin (Eckerm. Myth. II, 93), doch den phänischen Hermes mehr- 
fach zeigen; theils in Vasenbildern freien Styls wo der Cadoceus 
am Schaft keinen Zweifel darüber läfst dafs wirklich Hermes gemeint 
sei. Namentlich ist dies der Fall: (a) in einem durch Mazocchi Tab. 
Heracl. p. 138. Zoega obel. p. 222 bekannten Gefafse; (b) in dem 
▼on Altar und kahlem Banme nmgebenen Gefafsbilde bei Hancar- 
yille 11, 97. Inghir. Vasi HI, 237; ferner (c) in einem ans Neapel her- 
rührenden mir gehörigen Skyphos, wo auch ein Petasus die Herme 
bedeckt, und (d) in einem nolanischen Lekythosbild, gleichfalls meines 
Besitzes. 

*"*') Bartlose Merkiirshermen, hie und da selbst durch 
Flügelhut kenntlich (Ithyphallische Erzfigur: Neapels Bildw. S. 469, 
11), sind besonders aus palästrischem Gebrauch nachweislich, den 
die Albanische Herme eines Hermes jiQOTivXcaog (Anm. 10) auch durch 
Trimeter, griechische und römische, sich aneignet (Fea Indicaz. 
p. 121. Welcker Sylloge no. 136). Von zwei palastrischen Scenen 
Vatikanischer Reliefs ist die eine von einer bartlosen (Pio-Clem. V, 
35), die andre (ebd. V, 36) von einer bärtigon Herme begleitet. 
Eben so finden bartlose Hermen sich auch in Vasenbildern , nament- 
lich auf zwei glockenförmigen Gefäfsen des Museo Borbonico (Neapels 
Bildw. S. 457, 6. 458, 10), wo beidemal eine Frau in Umgebung von 
Männern einer bartlosen und ithyphallischen , im zweiten jener Ge- 
föfse auch strahlenbekränzten, Herme opfert, an deren Schaft beidemal 
ein Caduceus angegeben ist; desgleichen in Munztypen (phallisch und 
mit Blitz Morell. imper. Aug. XV, 12; eine doppelte aufM. vonAntiochia 
Pell. II, 76, 13. Zoega p. 223, 37. Räthselhaft ist eine bartlose Herme 
mit Pileus neben dem landenden Egestes auf Münzen von Segesta 
(Nöhden Spec. pl. VIII). Für eine Merkursherme hat doch wol auch 
die am Haupte mit Flügeln und Stirnband versehene, hie und da 
in Gewand gehüllte (Riccio no. 2), Herme auf M. der Calpurnia zu 
gelten, die als Terminus oder Janus bezeichnet wird; das Stirnband, 
das für Merkur allerdings ungewöhnlich ist^ mag die palastrische 
Tänia vertreten. 

**^) Eroshermen, dem griechischen Ausdruck Hermeros {Her^ 
merotes Taurisci Trnlliani: Piin. XXXVI, 4, 10) entsprechend und 
durch des Eros Verhältnifs zum samothrakischen System (Anm. 86) 
gerechtfertigt, finden sich theils einzeln wie in einem Borgianischen 
Erzbilde (Zoega obel. p. 221, echt?) und Öfters in Gemmenbildem 
Caylus (V, 67, 1. Vgl. 84, 3), theils auch in Tempelansicht neben 
einer vollständigen Vennsgestalt, in einem Chiaramontischen Relief 
(Ghd. Abh. Eros Taf. IV, 1). 



272 6BRHARD 

p. 114 ed. Col. Vgl. Creuzer Cic. N. D. p. 605) die hohe, noch über 
Hermes und Hekate reichende, Geltang dieses Gottes. Marmore 
zeigen ihn in solcher Hermenbildnng theils einzeln (Gerhard Bildw. 
CCCXIX, 1. 5. Vgl. „Neptunus Taurus" Spanli. praest. 7 p. 3W), 
theils in Paarung mit dem jugendlichen Bacchus (Bildw. CCCXIX, 7^\ 
mit Silen (Creuzer Symb. IV, S. 217. Taf. I, 2. Vgl. Boll. Nap. lY \ 
p. 75f.), oder auch mit einer Göttin (Betchr. Roms III, 19, 3. A) die 
man in griechischem Sinne für Kora-Libera, in römischer Benennung 
für Fauna halten kann. Im obscönen Dienste dieser letzteren oder 3 
der ibr gleichgeltenden Bona Dea zeigt ein berüchtigter Sarkophag -i 
(Gerhard Bildw. CCCXI, 1. 2) mehrere Pans- oder Faunashermen, fl 
die mit Bart und Beliörniing mehr oder weniger yersehen sind; nm 
so weniger befremdet denn auch im bacchischen Zusammenhange 
drei Colonna*scher Mysterienreliefs (Gerhard Bildw. XLII, 2) die 
Darstellung einer Panslierme neben einem Syrinxspieler, etwa Olympus. 
Eigenthümlich ist auch die zottige FellumhüUung, welche mit Hörnern, 
innerhalb deren ein Fruchtkorb, in der einem yermuthlichen Merkur 
zur Seite gestellten Chiaramonti^schen Herme (Beschr. Roms II, 2 

■ 

S. 67, 448) verbunden ersciieint, die man demnach als Pnnherakles 
bezeichnen könnte. 

*^'') Bacchisches Gefolge in Hermenbildung. Aufsermanchea 
hiehor gehörigen ßinzelbildungen and den ebengedachten Doppel- Id 
hermen von Pan-Faunus und Libera- Fauna (Anm. 146) sind aha- \. 
liehe hermengestalte Verbindungen des Silenns mit Libera -Fauna 
(Gerhard Bildw. CCCXIX, 3. 4), die eines Satyrs mit einem Paa ] 
oder Faun (Mus. Borb. X, 13), eines Silens mit einem Satyr (Beschr. 
Roms II, 2. 281, 34), ferner eines Satyrs mit einer Satyrin (Mus. 
Borb. X, 13. Müller Handb. 385, 2), endlich auch der Doppelkopf 
eines Silens auf Münzen Ton Thasos (Mionnet S. II, 545, 8) zu er- 
wähnen, dessen zwei ihn begleitende Dioten Cavedoni Spicil. p. 45 
auf zwei dortige Weinsorten deutet. 

'^") Land- und Gartengötter in Hermenbildong. Unter 
diesen steht (a) Priapos oben an, dessen Hermenbildnng mit aus- 
geführtem Oberkörper aus lampsakenischen Münzen (Mionn. II> 564) be- 
kannt und auch in den yorhandenen Mannorwerken (Berl. Bildw. 
no. 378 und sonst) nicht selten ist. Efeubekränzung nnd scnrrile 
Gesichtsbildung sind in einer zwischen Pan und Priapns schwan- 
kenden Marmorherme des Mnseo Borbonico (Neapels Bildw. S. 464, 
25) yerbunden; die yermuthliche Entstehung solcher hermenfÖrmiger 
Gartengötter aus Schnitzbildern mit übertriebenem Phallos {rqtoxili^^ 
hifurcus: Theoer. epigr. 4. Hör. Serm. I, 8, 1. Arnob. VI, 25) bemerkt 1" 
Zoega (obel. p. 222. 229. Vgl. Dionysos Phallen Anm. 145 fi. Max. p 
.Tyr« Vlil: yiioQyol /liowaov rifitaai Tttf^avus iv OQx^fjUfi aiftoffvk '^ 



\ 



ÜBKR DIE HERMEN. 273 

jtQ^^voVf aygoixixov ayttXfjia), In ähnlicher Ausführung finden sich 
Gemmenbilder jenes Gottes mit Attributen wie Thyrsns, Pedum, 
Apfel (Winck. Stosch. II, 1614 — 1618) versehen nicht selten, ohne 
dessen Hermenbildung aufzuheben. Hermen mit je einem Fruchtkorb 
sind auch in Reliefdarstellung (Gerhard Bildw. Taf^. 88, 1) nachza^ 
weisen; auch der Fruchtkorb zwisclien den Hörnern eines seltsamen 
Panherakles ron Marmor (Anm. 146) gehört hieher. 

'^*) Hephästos hermenförmig in einem vormals bei Yescovali 
zu Rom befindlichen bärtigen Kopf (Gerh. Bildw. Taf. 81, 3). Eben 
dahin gehört wol auch der rathselhafte vatikanisehe Kopf Pio-Clem. 
Yf, 4«r. So scheint eine Yulkansherme auch in der von Eros voll- 
führten Salbungsscene einer bemalten Schale mit der Inschrift „Yolcani 
pocolom" (Berlins Bildwerke no. 909. Trinkschalen Taf. YIII, 1) ge- 
meint, obwohl ihre Hermenform unterhalb einem Kandelaber ähnelt. 

*'^") Ammonshermen, wie sie im Zusammenhange etwaniger 
Hermenbildung des Zeus schon oben (Anm. 139 a) berührt wurden, 
machen auch den häufigen Widderschmuck an Helmen des hienächst 
anzuführenden Hermares verständlicher. 

***) Areshermen (Hermares) finden sich hie und da theils 
«inzeln (im römischen Kunsthandel), theils auch in Yerbindung, 
namentlich mit einem bärtigen Merhur (Gerhard Bildw. CCCXYIU, 1) 
oder Jßacchitskopf (Ebd. no. 3), oder auch mit Pallas (Anm. 158) und 
mit Venus (Mus. Borb. XI, 41, 1—3). 

**^) Herakleshermen, in griechischer Benennung 'EQfzrjgaxXdg, 
Hermherakien, mögen ursprünglich auf der Beziehung des Herakles zu 
Jfj/^/ertVfidienst beruhen, wie denn im Hermenverein zu Megalopolis 
(Paus. YIII, 31, 4. Münze bei Pellerin IIJ, 125, 6) Herakles mit Helios 
SanrjQ vereint war, eine Herkulesherme als Tempelbild neben Bac- 
chus und Ampelus erscheint (Gerhard Bildw. CXLI), und Wein- oder 
Pappel-Bekränzung mit Herkuleshermen verbunden ist (Pio-Clem. YI, 
12). So scheint auch eine vatikanische Doppelherme (Ebd. YI, 13, 2), 
beiderseits bacchisch bekränzt (Ebd. YI, 13), einen bärtigen Herkules 
mit einem jugendlichen Bacchus (nach Yisconti Merkur) zu vei binden; 
eine Herkulesherme gesenkten Blicks, mit Gefäfs oder Trinkhom, 
gibt Clarac 125, 127. Nächstdem ward häufige Hermenbildung des 
Herkules durch dessen athletische Beziehung veranlafst, wie am 
Gymnasium zu Sikyon (Paus. II, 10, 6) und wie in römischen Bild- 
werken, namentlich Reliefs, Mosaiken (aus den Caracalla-Thermen) 
Qnd Wandgemälden (mit athletischen Attributen P. d*Erc. III, 36, 2 = 
Müller Denkm. I, 3) häufig ist. Die Fellumhüllung, deren auch Pau- 
sanias bei der sikyonischen Herme gedenkt, ClJQttxkrjg rä xara roTg 
BqfAoXg roTg rergaytovoig ifxaafA^voe, Ygl. VI, 23, 4: nQogtonov ^Hga- 
xUovg äxQig ^g rovg ojfiovg), ist für diesen l^chutzgott griechischer 

18 



274 GKRHARD 

Kämpfer sehr gewöhnlich; sie findet sich auch in einer Gruppirang 
angewandt, welche durch den von seinem Arm gehaltenen Knaben 
Telephos (Gerhard Bildw. CXIII, 2) erreicht wird. Schliefslich ist 
die Verbindung des Herakles mit Hermes als gemeinsamer Gottheitei 
der Athleten hier zu erwähnen — , eine Verbindung, welche tob 
Dichtern hervorgehoben (Leonid. Anal. I, 227), Ton Bildnern (Münze der 
Rubria: Eckh. D. N. V, 296 f. In Marmor Pio-Clem. VI, 13, 2) zuweilen 
in Doppelhermen dargestellt wurde, aber keineswegs so gewöhnlich ' 
ist um den häufigen, von Mazocchi Tab. Heracl. p. 149 und Visconti f 
Pio-Clem. VI, 12 wohl verstandenen, Ausdruck eines UermherakU$ ^ 
d. h. einer Heraklesherme gegen sonstige Analogie mit Eckhel * 
D. N. V, 297. Zoega obel. p. 221. Arditi Mem. Ercol. I p. 11 and |t 
Anderen auf Doppelherme der beiden gedachten Gottheiten gewaltsam i 
zu deuten (Vgl. Anm. 158). Noch eine ähnliche Verbindung heroischer If 
Vorbilder der Palästra, des Herakles und des Theseus (Vgl. Pans. IV, 
32, 1), ist in zwei kolossalen und halbausgefuhrten Hermen der 
Villa Ludovisi erhalten (Beschr. Roms III, 2, 579). 

"^) Dioskurenhermen werden von Eckliel D. N. V, 218 mit f* 
Wahrscheinlichkeit im unbärtigen Doppelkopf auf Münzen der Fonteia 
erkannt» auf denen auch (ebd. p. 219) Dioskurenhiite sich finden. ^ 
Ein eben so gedeuteter Doppelkopf von Marmor befindet sich im 
Berliner Museum (Berl. Bildw. no. 97). 

***) Helios hermenförmig: als atojriQ im Mysterienyerein von 
Megalopolis (Paus. VJII, 31, 4). 

'^^) Hermes solarisch. Strahlenbekränzt ist auch die darch 
den Caduceus am Schaft dem Hermes zugeeignete bartlose und ithy- 1||> 
phallische Herme eines schon oben Anm. 106 erwähnten Vasenbiids: • jj|^ 
demzufolge könnte die lorbeerbekränzte (nicht ithyphallische) Jugend« ^ ^^1 
liehe Herme mit Lorbeerbekranzung im Unterweltsbild des Miu^ |^ 
Blacas pl. VII (Arch. Z. Taf. XIV) vielleicht eben so füglich ein ^^ 
chthonischer Hermes als ein Apollo Agyieus sein. 1^^ 

***) Apollo Agyieus (Hesych. Suid. Etym. *Ayvuvg, Zoegt t}^ 
obel. p. 21 Off. Siuiter Lect. p. 48 f. Hermann de terminis p. 30ff.). 
Dem Hermes vergleichbar — quod apud Dorienses erant A^iet, ofMd 
AtHcos erant Hermae (Zoega obel. p. 218) — ist dieser Gott («) ii€ 
selbst etymologisch, sofern die spielenden Ableitungen von a-yvii \\i 
(Zoega p. 210, 11. Vgl. axtalog 'EQfifjs Anm. 6) oder gar von fly»*iii 
(Vgl. Hermes aytjTüyQ) nicht ohne alte Autorität und Beziehung sind. 
Aufserdem ist er (b) aus Orts- und Begriffs-Beziehungen als ein nie&t 
blofs dorischer (Schol. Ar. Vesp. 870: ^ari dk ISiov JtoQiätov)^ sonden« 
nach des delphischen Orakels (Schol. Hör. Od. IV, 6, 28), nament- 
lich der Hyperboreer Pagasos und Agyieus (Paus. X, 5, 4), Gebe* 
auch nach Attika verpflanzter, aber doch ursprünglich und vorzog*- \a 






kr 
II 



\ 



ÜBER DIB HERMEN. 275 

eise dorischer, dem Hermes als pelasgisch-attischem Strnfgen^ und 
kürgoti genau entsprechender Gott bekannt, der inTegea auch dieBe- 
iutung eines Todtengottes (Todtenfest für Skephros Paus. VIII, 53, 1) 
it Hermes theilt, sonstigen Andeutungen Apollo*8 als eines Grenz- 
ortners der Ober- mid Unterwelt (Aaserl. Vasenb. I, 34 S. 135) ganz 
ohl entsprechend. Dieselbe BegriifsTerwandtschaft gibt auch in 
im gemeinsamen Verhältnifs zu andern Gottheiten sich kund: wie 
ermes mit Athene Ergane und Aphrodite Mechanitis wird Apoll 
it Athene Ergatis (Anm. 109) verbunden^ und eben so scheint die 
»kannte Gemeinschaft des Hermes mit Hekate auch auf Apoll sich 
Dszudehnen, wenn anders deren drei Bildungen vielleicht in den 
yrtiX£ots (Hesych. i?^fol o^ ngo rdiv nvXwv tSgy/nevoi. TertuU. idol. 
ip. 15: Apollinem Thyraeum et Antelios daemones ostiorum praesides 
fgimus. Vgl. Bötticher Tektonik II, 1. S. 92) gemeint sein sollten, 
^es Agyieus (c) Bildung ist bei späterer Abschleifung alten 
Lunstgebrauchs sehr ausnahmsweise in menschlicher Gestalt 
achzuweisen: ein Epigramm (C. Inscr. II p. 455. Welcker Sylloge 
. 170. Hermann de terminis p. 30, 122) erwähnt sein lorbeerbe- 
jränztes Haupt, dagegen ähnliche Voraussetzungen Zoega^s obel. 
»•211, auf Helladius (Phot. cod. 279 p. 1596: runder Altar) und auf 
Lcn pythischen Siegsreliefs (p. 212, 16) beruhend, unhaltbar sind. — 
d) Eben so selten ist Agyieas in Hermenform nachzuweisen; doch 
Bt viereckte Bildung ihm ausnahmsweise theils aus Megalopolis 
l*aas. Vni, 33, 1. Vgl. Arch. Z. II, 260 zu Taf. XIV «Mus. Blacas 
ni) theils aus Zusammenstellung von Hermen des Hermes und des 
^poU (dieser mit Rabe) bezeugt, wie solche auf einer zu Berlin be- 
*dlichen Pelike (r. Fig. no. 1987) unleugbar scheint und dadurch der 
^eichsetzung von Agyieus und Herme bei einem Grammatiker bei> 
öichtet (ülp. Dem. Mid. p. 652: dyvias rovg ^Egfiag ixdlovv). Viel- 
^ht dafs auch der Beiname Karinos (Paus. I, 44, 3) d. i. Kopfgott 
^^Qa) einen ähnlichen hermenformigen Apollo in sich schliefst, 
-^ch dafs im spitzen Agyieus wie im viereckten Hermes Dionysos- 
ttder erkannt wurden — idCovg ^i (paaiv avrovg elvai IdnoXltovogy 
^ &k ^lovvaov^ ot Sk dfi(poTv: Schol. Aristoph. Vesp. 870 — stellt 
^de einander gleich. Gesetzlich aber und noch in später Zeit an- 
^annt ist (e) die Bildung des Agyieus in der Form einer spitzen 
•^n\e (x(ov(o€iSrjg xt(avi dem Pfeilergott Hermes schon ursprünglich 
^hr analog), wie sie auf akarnanischen und sonstigen Münzen (Am- 
ttütia, Nikopolis, Orikos u. a. Eckhel num. vet. VII^ 7. 9. Müller 
'^Hkm. I, 2) sichtlich und vielfach bezeugt und vielleicht auch in 
^^ spitzen Grenz- und Grabessäulen altgriechischen und altitalischen 
>^achs (Zoega obel. p. 215, 21. Gerhard etrusk. Gottheiten Anm. 62) 
^«derzuerkennen ist. Ob diese Grundform des Agyieus in Athen 

18* 



276 GERHARD 



P4 



Terändert wurde, steht in Frage und scheint aus der vom Scholiastea 
des Aristophanes (Vesp. 870) gemachten Unterscheidung za eriieUcn. 
Es heifst dort: l/iyvteifs xitov eh o^v Xr^tov . . . toxi dk lätov d&tQiinv,.. ^ 
shv d* av xal ol naQ 'AjuxoTe Xeyofiivoi äyvietg ol nqb rmv clhmv fg: 
ß(OfioC, Indefs ist die Bestimmnng, laut deren der Agyieus, welcber ^ 
Apollo*s Idol ist, zugleich auch dessen Altar heifst, bei den Gram- n^ 
matikem durchgängig, wie denn Hesychius den *Ayvi€vs als fimfik ^ 
h axrifJtaTi xiovog^ und Pollux IV, 123 als scenischen ßtufios {hmo j,^ 
TiQO ttSv &vQ(ov) definirt. In gleichem Sinne wird aus Eustathitii *^ 
IL p. 166 angeführt : ^<fri di jtg xai ayviaiidag &SQana£vaq rovg ßmfiOvS' l^. 
An der Aeufserung des HeUadius (Phot. cod. %79 p. 1596: ror ßmfUf j^ 
ix€ivov äyviä Ao^tav ixalovv nach Becker) nahm Zoega (obel. p. 211) ^^ 
demnach unnöthigen Anstofs. Vgl. Hermann de terminis p. 31, 124*— ^i^ 
(£) Der ähnlichen etruskischen Spitzsäulen ward bereits obei u ^ 
Anm. 135(f gedacht; eben so (g) seiner Verbindung mit Ath^ie in d«r j ^^ 
gemeinsamen Geltung werkthatiger Götter {&sol iQydxai Anm. 1^>T^; 
Vgl. Hermes bei Athene Polias (3 c. 106c) und Aphrodite Mecha-ij^^ 
nitis (91 Ar). ip^j 

*''') Demeter ist hermenförmig nicht leicht bekannt; doch ist -^I 
ihr eine aus Mantinea bekannte Herme gewidmet: C. Inscr. zu 1518 j 
(t^ JrifxrjTQi). 

*^^) Hemiaihena gralum est ornamentum Academiae proprium meutf 
quod et Hermes commune omnium et Minerva singulare est ifMtfMhjn 
eius gymnasii. Hätte Cicero (ad Att. I, 4) in diesen VForten toi 
einer Verbindung Merkurs mit Minerva reden wollen, wie nach zahl- 
reichen Vorgängern, seit Tumebus und Casaubonns, Arditi TErmateaa 
p. 27 meint, so hätte er ohne Zweifel die lateinische Form Jferciirtiii 
gewählt statt der auf die Hermenform bezüglichen griechischen Bermst. 
Nichtsdestoweniger ist jener Ausdrijck gemeinhin, selbst von Zoega 
(p. 221, 35), neben besserer Kenntnifs analoger Ausdrücke (S. 194) 
auch von Visconti (zu Pio-Clem. III, 37. Vgl. zu VI, 12) und nit 
gleicher Inconsequenz auch von Gurlitt (Arch. Sehr. S. 219. Vgl 
S. 194), als Doppelbild beider Gottheiten gedeutet worden. Vorai 
ging Eckhel (D. N. V, 297)> indem er sich auf den Zfivonoasiith 
(Athen. XIII. 561) berief, der eher ein Zeus mit Dreizack, ein Po- 
seidon mit Blitz gewesen sein mag als ein Doppelkopf beider Götter, 
und in gleichem Sinne spricht auch Heinrich de hermaphrod. p. lit 
dessen überdies erwähnter Uernklammon auch bei Rochette PoKpei 
p. 142, 1 ohne Zeugnifs geblieben ist. Ebenfalls für Doppeibildii- ]in, 
gen stimmt neuerdings Raoul -Rochette (P. de Pomp^i p. 14|, 16); /f,'^] 
für die Auslegung der Hermathene als Merkur und Minerva iifl^/gej 
sondre, der auch Müller (Handb. 345, 2) und Rochette (i. c. p. 14Ä/vie 
i) beiptilchtenf hat zu Behufe eines akademischen Siegels noch Arditi 



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ÜBBR DIE HERMEN. 377 

geschrieben (L*Brmatena in den Memorie Ereolan. 1, p. 11. %7)^ dem 
Campanari (Vasi Feoli p. 77) folgt. Grücklicherweise dienen auch 
die Denkmäler hier zur Berichtigung; denn Doppelhermen von Hermes 
und Athene sind zufällig nicht erhalten, dagegen die alleinige Her- 
menbildung der Göttin theils aus einer vermuthlich auf die verbundene 
Promachos und Ergane bezüglichen kapitolinischen Doppelherme» 
(Mas. Cap. I, 6. p. 18. Visconti Pio-CIem. III p. 160 f. ed. Milan. 
Beschr. Roms III, 2. 580, 24. — Arditi Mem. Erc. I p. 70), theils 
auch aus Einzelbildungen der hernienförmigen Pallas bezeugt ist, 
denen ein gröfstentheils ausgeführtes Kolossalbild der Villa 
Lndoyisi (Beschr. Roms III, 2, 580) angehört. [Die kapitolinische 
Doppelherme fallt indefs weg, wenn nach Braunes neuester Beschrei- 
bung derselben, Arch. Zeitung 1849 S. 32, Ares und Athene Tritonia, 
wie bei Paus. V, 15, 4, gemeint sind.] Ausnahmsweise kommt 
diese Hermenbildung selbst in Palladien vor (Mus. Borb. IX, 33 
„Cassandra**; auch in einer Thoniigur des Diomedes, jetzt zu Berlin. 
Vgl. das Lampenrelief bei Passeri Luc. II, 99. Müller Denkm. 1, 5), 
denen auch ein Pallasidol auf Münzen vonMelos (Eckhel. D, N. II, 332. 
Pelierin III, 104, 4) und ein andres auf Münzen von Caesarea (Morell 
Imp. Nero 13, 2) angehören mag. 

*'') Weibliche Hermenform ist für Bildnisse dann und 
wann nachweislich: so die vatikanische Aspasia (Pio-Clem. VI, 30. 
Iconogr. gr. XV, 3. 4), die Payne Knight und wegen vermeintlicher 
Unerhörtheit weiblicher Bildnifshermen auch BÖttiger Amalth. I, 364 
mit Unrecht zur Venusherme machten, nämlich zur Venus Architis 
(Macrob.1,21), wie bei einer eben auch nicht ohne Willkür so benannten 
schönen in ihren Mantel gehüllten Herme des brittischen Museums 
(Specimens I, 58. Gerhd. Abb. Venusidole II, 2) geschah. Ein anderes 
Beispiel oberwärts ausgeführter weiblicher Bildnifshermen bietet die 
jiikicc UaTQOtfila einer kapitolinischen Marmorherme dar. Für Her- 
menbildung von Göttinnen giebt die etwa auf einem Pfeiler zu 
denkende Kopfbildung der Praxidiken (Hesych. s. v. Müller Pallas §. 39, 
95) eine, von Venushermen abgesehen, aus Denkmälern erst spät be- 
legte Autorität, der zunächst ein und der andere weibliche Doppel- 
kopf (M. von Syrakus Eckhel D. N. V, 216. Eben dort p. 217 wird 
der weibliche Doppelkopf verschiedenen Alters — Demeter und Kora? 
— auf einem Vasenbild bei Caylus II, 26 wunderlich gedeutet), dann 
aber auch manche Hermengestalt mit bekleidetem Schafte sich an- 
reiht. Hiefür gibt die von Pausanias II, 10, 6 erwähnte Artemis mit 
ausgeführtem Oberleib (t« h i^vv fxovov ÜQyaOfjiivri) einen vermuth- 
lich nicht sehr frühen Beleg; aufserdem findet manche weibliche 
Herme von unentschiedner Bedeutung sich auch auf Münzen (M. von 
Nicomedia: Med. R. Christine L VIII. — Farn. Calpurnia, Herme mit 



278 GERHARD 

Lampe and Kranz. Morel! II, 2. — Cerealitche aaf M. tob Myrlea: 
PelL III, 133, 13). 

'**) Yenuthermen sind ans DeloB and Athen bezeagt. Paus. IX, 
40, 2 : driKoig ji^fqodCtr^i larlv ov fifya i6ayoVf lelvfiaafjiivov r^ «f«- 
tuiv X^^9^ ^^^ 'oi; XQ^^^^» xttjHai Sk ayrl nodtav U mQdytovov opliut, 
ne^dofiai toi/to lAQid^vriv XaßsTy na^a Jaidulov . . . Den Athenern, 
meint er, habe man sie vorenthalten, um nicht des Theseus Liebe 
za Ariadne neu zu entzünden. Dasselbe hermenartige Idol, kretischen 
oder tyrrhenischen Ursprungs, scheint nun auch zu Athen und zwar 
alt Urania sich Torzuiinden. Unmittelbar nach Erwähnung des Ton 
Theseus nach der Rückkehr aus Delos berührten Heiligthums des 
Apollo Delphinios folgt dort die Erzählung vom Aphroditedienst in 
den Gärten (Iv x^ttoi;), wobei zugleich auch des dortigen Tempels 
und einer aufserhalb desselben stehenden Herme gedacht wird, Ton 
welcher Pausanias I, 19, 2 sagt: xavxrig axvf^^ f^^'^ texQaytovov xor« 
tavxd xai ToTg *EqfJtuTg^ t6 dl intyga/ififc arj/na^vH t^v OvQav^avuiifgih 
Stirjv Ttav xaXovf^evuiv Moiqtav iJvcn nQesßvrdjriv. Er fShrt fort: 
t6 Sh ayaXfJia xr^g HifQoddr^g iv roTg Krjnoig tgyov i<nlv Idlxaninv^. 
Zoega*s Irrthum (obel. p. 217, 27. 223, 38), der dieses Tempelbfld 
des Alkamenes mit der Herme aufserhalb des Tempels verwechselte 
(^ Tov vaov nlrjaiov ^(Tri^xf, sagt Pausanias kurz vorher), ist augen- 
fällig. Demnach können Yenushermen welche, wie die Albanische 
(Wlnckelm. Storia I, 1. Abh. Yenusidole I, 1) oberwärts ausgeführt 
•ind^ mit Wahrscheinlichkeit als Nachbilder nicht nur der delischen, 
sondern auch der ihr entsprechenden attischen Herme betrachtet 
werden, sofern nichts entgegensteht sich beide als unbekleidet za 
denken. Dafs auch weibliche Hermen mit Gewandbekleidung, wie 
eine des brittischen Museums (oben Anm. 159 Abh. Yenusidole 11, 2. 
Aehnliche in einem Wandgemälde zu Pompeji, mit Gefafs in der 
Hand: Bull. Nap. Y pag. 1) auf Aplirodite zurückgeführt werden 
dürfen, bleibt unerwiesen (Ygl. Müller Handb. §. 377 S. 582f.). Wesent- 
lich aber hieher gehörig sind die mehrfach nachweislichen weiblichen 
Hermen mit Modius. Eine solche viereckte Göttin mit Brustbeklei- 
dung dient einem Jüngling, etwa Apoll, zur Stütze, in einer Thon- 
Hgur des Berliner Museums; häufiger stützt sich darauf eine weib- 
liche Figur die man für Aphrodite selbst halten kann: so in einer 
kleinen Marmorgruppe des Yatikans (Yenere-Proserp. tav. YII). Ein 
ganz ähnliches Einzelbild ist, dem phallischen Terminus gegenüber, aof 
einem berühmten Spiegelbild (Etrusk. Spiegel IT, 147) für Juventas 
zu halten. Ygl. Ann. d. Inst. XfX p. 331 f. tav. T. 

*^') Mann weibliche Hermen sind unzweifelhaft, seit die mit 
beiderlei Geschlechtszeichen am Schaft versehene mit der Inschrifit 
„JoviTerminali**(Bull.d. Inst. 1831 p.82ff. Ann. XIX pl« S. p.327tf.) 






ÜBER DIE HERMEN. 379 

bekannt ist. Dort scheint ein Merkur gemeint; andremal eher eine 
Venus. Es fragt sich nämlich ob nicht auch gewisse männliche 
bartlose, mit schlaffem Glied und mit Modius auf dem Haupt ver- 
sehene, Hermen (Abh. Eros Taf. III, 5. 7) ebenfalls und zwar als 
Bilder des Hermaphroditos dahin gehören (Anm. 163). 

"') Venusidole mit Phallus sind sowohl im paphischen 
Idol als auch in statuarischen Gruppen zu erkennen, in denen dieser 
Göttin entweder ein Priaposbild oder auch, wie im Henkel eines 
Erzgefafses des Hrn. Hertz (Arch. Anz. 1851 S. 118), ein wirklicher 
Phallus beigeht. 

**') Hermaphroditos. Die zum Verständnifs der Hermathene 
(Anm. 158) zum Ueberflufs angesprochne Analogie des als Doppel- 
gottheit allerdings nachweislichen Hermherakles (Anm. 152) gestattet 
es im Hermaphrodit ein Doppelbild von Hermes und Aphrodite zu 
vermuthen, und wenn Theophrast char. cap. 16 in einer seit Schneider 
und Heinrich (hermaphrod. p. 8 ff.) vielbesprochenen (Rochette Pomp, 
p. 143, 1) Stelle die Bekränzung von Hermaphroditen in der Mehr- 
zahl als einen griechischen Hansgottesdienst uns bezeugt, so ist es 
ein nahe liegender Erklärungsversuch dieser Mehrzahl, unter Her- 
maphrodit mit Böttiger Amalth. I, 364 und Rochette Pomp« p. 143 
Doppelhermen einer männlichen und einer weiblichen Gottheit dar- 
unter zu verstehen. Nach allen sprachlichen und monumentalen 
Analogien aber ist unter diesem allbekannten Ausdruck, möglicher 
Doppelbilder und vereinzelter Curiositäten (Weiblicher Kopf mit 
Flügelchen, ein Mercurius -Venus aus Bernay: Lenormant Ann. VI, 
249 ff.) unbeschadet, der Regel nach weder eine Verbindung noch 
eine Mischung von Aphrodite und Hermes zu verstehen, sondern 
vielmehr eine Aphrodite in Hermenbildung, wie denn eine solche 
auch eben so bezeugt ist (Anm. 159 : mit Wahrscheinlichkeit erkannt von 
Schweighäuser, Böttiger u. A. in den 'EQfjLa(^Qo6C%ovg bei Theophrast 
a. a. O., und alsdann auch mit einem Phallus zuläfsig, wie Böttiger 
bemerkte, trotz Rochette's Einspruch p. 143, 2) als jene noch neuer- 
dings von Rochette — p. 143 : je suis convnincu quc le nom iV Hermaphrodite 
8*appliqua, dans Ic principe^ a tin Hermes ä deux tetes — vorausge- 
setzte Verbindung für uns ohne Beispiel ist. Die bekannte spätere 
Bildung des Hermaphroditen (Müller Handb. 128, 2. 392, 2) spricht 
nicht dagegen ; sie ist nicht als blofse Verjüngung der vermuthlich 
bekleideten (Arch. Zeit. I, 5, 1) amathusisch-kyprischen BartgÖttin 
(Macr. lll, 8. Serv. Aen. 11, 632. Heinrich hermaphrod. p. 28 ff. Le- 
normant Ann. VI, 262) zu betrachten, so dafs sie lediglich der ver- 
zärtelnden Kunst anheimfiele, sondern beruht auf ursprünglicher 
Nacktheit und Bartlosigkeit, als eine den nackten Venushermen 
(Anm. 160) und den schlaffen Jünglingshermen mit Modius (Anm. 161) 



280 GERHARD 

ebenbürtige Kultusform. In solcher Geltung eines Kaltasbildes iii 
der oben weibliche, unten mannliche Hermaphrodit stehend (wk 
Öfters : Müller Handb. 392, 2. Statae mit Satyrohren za Neapel), ien 
Weltschöpfer Eros im Arm, theils in einer Marmorgrnppe (Chablais: 
oben Th. I. S. 102. Vgl. Arch. Z. IV, S. LXIV), theiU vor Bacchns- 
qnd Liberaidolen als Hauptfigur eines Colonna*schen Reliefs (Gerhd. 
Bildw. XLII, 1 S. 287) dargestellt und im unteritalischen Mysterien- 
genius, dem mannweiblichen Eros-Hermaphroditos dortiger Vasenbilder, 
unschwer wiederzuerkennen; im greif- und pantherbespannten Wagen 
eines Vasenbilds (Tischb. III, 21) erscheint derselbe Hermaphrodit, 
dem Eros voranläuft, in der Bedeutung eines mannweiblichen Dio- 
nysos. In gleicher Bedeutung läfst er, ein ofi'enes Kästchen haltend, 
in der Nähe eines Brautpaares (Gerhard Mysterien b. Taf. V. S. 380f.) 
als Hochzeitsgott sich erkennen, wenn auch die Annahme eines 
Wittwenopfers für Hermaphrodit als athenischen Gott (wie Heinrich 
de hermaphrod. p. 7. Creuzer Symb. II, 328. Ed. II. Rochette P, de 
Pompei p. 144 f. nach Alciphr. 111, 37 annahmen; dagegen Weicker 
Studien IV, 214. Lobeck Agl. II, 1007) Schwierigkeiten hat. Wesent- 
lich ist hiebei die Bemerkung dafs die Männlichkeit dieses Herma- 
phroditen wie der sämmtlichen vorgedachten nur schwach angegeben 
ist, dagegen ein ithyphallischer Hermaphrodit oder weibischer Priapos 
(Diod. IV, 6. Heinrich hermaphr. p. 33) theils als Mi ttelfigu rohen 
zwischen seinen Eltern Hermes and Aphrodite (Mus. Borb. I, 32. 
Abb. Eros Taf. II, 2), theils als Idol neben einer bekleideten Aphrodite 
nnd neben Eros sich findet. Letzteres in Marmorwerken griechischer 
Herkunft, welche zu Berlin (Abh. Eros Taf. IV, 2) und Paris sich 
befinden. 

***) Götterpaare in Hermenbildung eines vereinten männlichen 
nnd weiblichen Kopfes, wie solche nach Alter und Wichtigkeit von 
Zoega obel. p. 221, 34 und noch neuerdings von Rochette (P. de 
Pompei p. 141) hervorgehoben sind, werden in den häufigen dahin 
einschlagenden Doppelhermen (Mus. Chiar. I, 32. Beschr. Roms II, 
2, 281 no. 27. 35. Brit. Mus. II, 17. Fünf in Pesaro: Passeri Lucem. 
p. 7. Sabazisches Götterpaar? Ghd. Bildw. CCCXX, 4—6) zunächst 
und am füglichsten auf (a) Liber und Libera gedeutet, obwohl 
Müller Handb. 383, 3 sie lieber als (b) Hermes und Hekate ge- 
fafst wissen wollte: vielleicht in Bezug auf den oietfttvovvta xal 
(ptti^QvvovTci Tov ^EQf^rjv xccl rrjv ^Exdrrjv in der Erwähnung von Neu- 
mondsopfern nach Theoponip (Porph. abst. II, 16. Lob. Agl. II, 1006), 
wo doch am natürlichsten beide Thür- und Wegegottheiten gesondert 
verstanden werden — , oder auch nach der Analogie orphisclier Ver- 
bindung von Heknie mit Janus (Zoega obel. p. 212: x^^Q 'J^xairj tiqo- 
(hvQaCa , . .;if«ro "/«vc nQonajOQ Cod. Matrit.) oder nach Zoega (ebd. 



ÜBBR DIB HBRMRN. 281 

„Schol. Theoer. 11, 36**) auch mit Apollo Agyieus, — Ferner gepaart 
iat Libera (c) bei gleicher Herinenform anch mit Pan (Beschr. 
Roms II, 2, 281. no. 38; mit Becken Mns. Borb, XI, 41, 4—6) oder 
einem Satyr, er mit Pinienreis, sie mit Efeu bekränzt (Beschr. Roms II, 
2, 281 no. 25. Gcrhd. Bildw. CII, 4. 5. Vgl. Fannas und Fauna), an 
erkennen, ohne ähnliche Verbindungen — des Pan mit Aphrodite 
(Vgl. Anm. 91 L) und namentlich des Silens mit einer Frauengestalt 
(Doppelkopf eines Rhytons bei Gargiulo, und sonst) — aufzuheben, 
wie solche auch in Gruppen Ton Thon (Panofka T. C. I „Agathe 
Tyche und Daimon Agathos**. Ghd. Abh. Agathod. Taf. III, 1) und 
Marmor (Ghd. Bildw. CCCXIX, 3. 4) sich finden, meines Erachtens 
als Darstellungen eines mit Kora yerbundenen silenesken Pluto». 
(Vgl. Abh. Agathodämon Taf. III, 1 — 5. S. 4). — Noch eine hier ver- 
gleichbare Verbindung ist endlich (d) die des Zeus Ammon mit 
einer an Here Ammonia (Paus. V, 15, 7) erinnernden Frau, in 
einem marmornen Doppelkopf m*eines Besitzes. 

'^^) Libera-Hermen, einzeln: Berlinlä Bildw. no. 322. 345. 

>®^) Vesta-Hermen, ihrer zwei im Casino Rosptgliosi: Ghd. 
Bildw. LXXXI, 1—3. 

'^^) Diana und Apoll in Hermenbildung: DodwelPscher 
Marmor, Gerhard Bildw. CCCXX, 7. 8. Audi ein Doppelkopf der 
Hertzischen Sammlung gehört hieher (Coli. Hertz. Lond. 1851. p. 153 
no. 36. Arch. Anz. 1851 S. 115). 

*^^) Janus, der aus Nordgriechenland (Perrhäbien: Plutarch 
Quaest. Rom. cap. 22) nach Latium versetzte Gott, ist seinem Wesen 
nach iheils solarisch und dem Apoll^ theih, wie Zoega obel. p. 224 aus- 
führlich nachweist, dem Hermes vergleichbar. Gegen die Uebereinstim- 
mung beider als Thur- und Marktgottheiten, beiderseitiger Doppelbil- 
dung und der für beide nachweislichen Abstammung als Uraniden bringt 
er seine Ansicht in Anschlag, dafs Hermes eigentlich ein ägyptischer 
„pirfer scientiae^*^ alles üebrige an ihm accessorisch , Janus dagegen 
nur eben Thur-, Strassen- und Marktgott, Alles Uebrige aber nur 
als Anfanger und Beschliefser jeglichen Dinges geworden sei. 

^«^) Janus als Doppelkopf: Eckhel D. N. V, Uff. 215ff. 
Dieser hauptsächlich aus altitalischen Assen bekannte Doppelkopf 
stellt (a) fast durchgängig (ebd. p. 216) zwei härlige^ ausnahmsweise 
(auf einzelnen Assen von Volterra, auf Silbermünzen von Capua, auf 
Familienmünzen der Fonteja und sonst: Bull. Napol. III p. 75; Bi- 
tontum nach Rochette) auch (b) zwei »nbürtige Kopfe dar, die man 
jedoch lieber für Dioskuren oder Penaten zu halten pflegt (ebd. p. 218). 
Sodann ist auch (c) die Verknüpfung eines härtigen und eines nn- 
bärtigen Kopfes, zwar nicht als eigentliche Janusbildung, wofiir sie 
Böttiger Amalth. I, 354 vorzugsweise hielt, aber doch sonst — ans 



882 GBRHARD 

AateB TOB Volterra (Arigoni etr. 13. Eckhel. D. N* V. p. 216. Rochette 
Journal des SayanB 1840 p. 726. 738, 1. Peintaret de Pomp^i S. 141, 
17. Bei Carelli tab. I, 1 neben gleichmäftiger bartloser F, 2. II, 1—4 
oder bärtiger V, 8. 9 Doppelbildang) und ans griechischen Vorbilden, 
■amentlich den Monaen von Tenedos (Anm. 171), bezeugt. —Für 
sichere Doppelköpfe des Janas aof römischen Familienmanzea (rgL 
Afiraaia 2. Atilia 6. Aurelia 9. Antonia 2 o. a. bei Riccio) geltes 
unter andern hauptsächlich die auf (d) Münzen der Fonteja (MorelL 
p. 180f. aus a. u. 641), obwohl Lenonnant (Nouv. Ann. II, 152. Vgl 
Vietoria) gerade dort an Vejovis dachte: für diesen pafst schwerlich 
ein Gott doppelter Bildung. Aehnliche Bedenken können vielleicht 
auf das (e) schlangenumwundene Ey (oder Omphalos) begründet 
werden, welcher dem Doppelkopf der Familie Ej^ia (Morel!. 2 p. 163. 
Vgl. ebd. Terentia 2. Gefäfs? 5. Ruder? — Titinia 2. — Titoria 1. 
G. und bei Riccio Pompeja 14. Furia 2) beigeht; aber auch in Bezog 
auf jenes Heilsymbol ist der solarische Janus wenigstens eben lo 
passend als Vejovis. 

>''<*) Zusätze des Doppelkopfs, wodurch er zur Menschen- 
gestalt wird, sind für Janus so selten als spat bezeugt. Auszunehmei 
ist vielleicht das hübsche Gemmenbild eines Karneols in meinem 
Besitz (Impr. d. Inst IV> 86. „Janusherme*" nach Müller Handb. 
f. 407, 2), das ihn mit Wanderstab und Gefafs darstellt ; spät aber 
bei überdies bestrittener Bedeutung ist die Doppelgestalt auf Münzendes 
Caracalla (Cuper Harpocr. p. 204. Braun Marmorwerke I, 3. Hermann 
Gott. Anz. 1844 S. 344, für Janus. Vgl. Forchhammer Zeitung für 
Alterth. 1844 S. 1074ff.)> noch später die mit der Beischrift Jano 
patri auf Münzen des Gallienus (Pellerin M^langes I, 5, 12), eben 
auch spät die von einem Amor begleitete auf Münzen von Thessa- 
lonike (Mionnet Snppl. III, 9, 1.) 

*^') Griechische Doppelköpfe. Dem Doppelgesicht des 
Janus und den oben gedachten römisch -griechischen Doppelköpfen 
des Hermes und Dionysos (Anm. 141. 145) entsprechen aus älterer Bild- 
nerei manche Doppelköpfe griechischer Münzen, namentlich von Te- 
nedos (bärtig und bartlos D. N. II, 488 oder auch beide bärtig 
Arch. Z. IV, 21, 17), aber auch von Athen (bärtig und unbärtig D.N.H, 
209), Syrakus, Pergamon — , desgleichen, beide bärtig, auf M. von 
Katana (D. N. I, 204), Panormns (ebd. p. 231; mit Widder, wie fdr 
Janus pater: Minervini Bull. Nap. 111 p. 75), Amphipolis (D. N. U) 
66 f. Sylloge I tab. 3, 6) u. a. Vgl. £ckhel D. N. V, 218. 297. Rochette 
Point, de Pomp^i p. 142, 7. Minervini Bull. Nap. III p. 74f. Vinet 
Revue arch. 1846, 3 p. 314. — Sonstige griechische Analogien bietet 
hie und da ein doppelköpfiger Aryos (Lobeck Agl. p. 491 : utgäciv 
ofp^tilfioTaiv, Bildlich bald mit zwei bärtigen Köpfen, bald bärtig 



\ 



Ober die hermbn. 283 

t>artlo8: Panofka Argos Panoptes S. 7. 34. BoU« Napol. 111, 4 
£f. Vgl. 24f.) oder G^ryones (Noqt. Ann. II, 123. 195. Bull. 
III p. 76), wie denn auch der nach Einigen mit Tier Obren und 
en versehene amyklaische Apoll (Zenob. I, 54. Diogenian. II, 54) 
lier yergleichen läfst. Vorbilder, wenn nicht Aegyptens (irrig 
sgesetzt von Caylus RecneillY p. 118 „signum aeneum**), doch 
Orients, wie namentlich der geflügelte bärtige Doppelkopf anf 
»höniciscben Münzen von Marathos (nachgewiesen von Rochette 

Pomp^i p. 142) dahin einschlägt, lassen für ausländischen Ur- 
g ähnlicher Doppelbildungen immerhin sich erwähnen^ bei denen 
nti (Pio-Clem. VI, 8. Vgl. Minenrini Bull. Nap. III p. 74) an 
Phanes dachte. Ob dieses orphische Wesen hieher gezogen 
m könne bleibt zweifelhaft, dagegen der Sinn desselben, nicht 
il als CfJiiov XI a^Q€v6&tjXVf sondern Tielmehr als ansehendes 
n den gedachten Doppelköpfen allerdings als Hauptgedanke zu 
le liegen mag. Namentlich erhellt dies aus der doppelköpflgen 
ng des Argos, dessen Beiname navomrig nicht nur jenem 
sehen Dämon, sondern auch dem Zeus (Procl. Tim. If, 102. 
Lobeck Agl. I, 482 äupvrj ntQuanea) beigelegt wird; eben so 
Janus als Hüter der Ober- und Unterwelt gefafst (Macr. I, 9. 

Ann. II, 296, 1. Bull. Nap. III p. 75), wonach denn die Deu- 
n auf Romnlus und Quirinus, oder auch auf Penaten und 
uren (D. N. V, 218), höchstens in secundärer Geltung zuläfsig 



V. 



Aus Stackelberg's Nachlass. 



1. Mythologisches Gedicht. 

3. Periegetisches : die Reise zum Styx. 



Aus Stackelberg's Nachlass. 



1 . Mythologisches Gedicht. 

Otto von Stackelberg's mythologischer Standpunkt ist 
en Lesern seines Werks über den ApoUotempel zu Bassä 
nd seiner Einleitung zu den Gräbern der Hellenen genug- 
im bekannt. Ohne durch wissenschaftliche Strenge allerorts 
1 befriedigen, war es ihm wie wenig Andern gegeben nicht 
xr die Werke griechischer Kunst^ die er in seltenstem 
iafs zu empfinden und productiv nachzuempfinden wubte, 
)ndern auch das poetische Spiel griechischer Mythen mit 
nem für Natur^ Kunst und Dichtung gleich offenem feinem 
refühl zu verfolgen. Den ganzen Umfang der mythologischen 
orschung zu überschauen war ihm, der ursprünglich 
Is Künstler I Utterarisch aber nur mit den geringen Hüifs- 
kilteln damaligen römischen Büchervorraths arbeitete, nicht 
ewährt, und es mag daher einerseits vielleicht mehr als 
r eständnifs gelehrter Unzulänglichkeit, anderseits aber doch 
Uch als Ausdruck eines richtigen Gefühls betrachtet werden, 
renn er das als Frucht seines forschenden Wanderlebens 
llmählich ihm eigen gewordne System griechischer Mytho- 
>gie am liebsten in einer zugleich anspruchlosen und dem 
Tsprünglichen epischen Vortrag des Mythos gemäfsen 
'orm darzustellen versuchte. Naturanschauungen des klas- 
ischen Bodens, dessen er in Italien und Griechenland, Qach 
läfsiger Unterbrechung demnächst wieder in Rom bis zum 
ahr 1828, in der Erinnerung auch seitdem noch einige 



288 STACKELBERG. 

Jahre hindurch sich erfreute, dienten ihm zu belebendster 
Anregung seiner, das Wesen der griechischen Göiterwdt in 
der von ihr beherschten Natur und deren Bildersprache 
nachweisenden, mythologischen Studien. Wie Arkadiens 
Bergnatur den lykäischen Zeus, der Tempel zu Bassä alle 
tektonische und geistige Harmonie des Lichtgottes Apollo^ 
die Bildersprache athenischer Grabdenkmäler den finsteren 
Ernst wie die anmuthsvoUe Verkleidung griechischen Todten- 
dienstes ihm offenbart hatten, mochten einige der erhabensten 
Eindrücke römischer Umgegend und Wanderung die Stim- 
mung begründen, in welcher er, von Umwandlung des 
Aniosturzes zu Tibur und von Gewitterschauern die auf j 
der Höhe des Albanergebirgs uns überfielen gleich mächtig \ 
angeregt, eine passende Form zu Eröffnung und Abschluß | 
des längst ihm vorschwebenden, die mythischen Räthsel 1 
der Vorwelt divinatorisch beleuchtenden, Wortes gefunden 
zu haben glaubte. Ein solches prophetisches Wort schien, 
den Schleier^) des hie und da sehr durchsichtigen, andre- 
mal nur durch Herstellung verlorner Verbindungsfäden ver- 
ständlichen Sagengewebes zu lichten, ihm zweckgemäfs; die 
Prophetin von Tibur trat ihm hiezu willkommen entgegen, 
und so mochte es dem in Latium und im Sabinerthal über 
jene mythischen Räthsel nachdenkenden Forscher wohl F 
zustehn die „weifse"' ') Göttin Albunea für sich reden zu lassen, r 
Sein Gedicht that dies, so viel ich ersehen kann, indem einer^ 

glänzende Schilderung der Waldschlucht von Tibur und ^^ 

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') „Fahr in die Luft hin, Schleier! Gewand Polyhymnia's, breite 
über die Welt dich nieder, mit bildlichen Sagen gezieret! 
HäU* in das heitere Mährchen, der Weisheit kindliche Rede, 
wieder die alternde Welt! gib jugendlich Leben und Sprache 
wieder der stummen Natur, wie einst an dem Morgen der Menschheit! 
Ueber der Vorwelt Grab, dem vergessenen, spann ich den Schleier 
hoch an das Wolkengezelt . . .** 

') „Fern aus ebenem Boden entspringt Albunea*s WeifsqneD: 
weiTs, wie der sturzende Schnee und am Berghang eilend Gewött«! 
weifs wie die Milchstrafs oben am nächtlichen Himmel dahin zieht"' 



\ 



MYTHOLOGISCHES GEDICHT. 289 

ihrer bei neuester Zerklüflung des Thals vernehmlich ge- 
wordnen Prophetin erst einer Schilderung der Sibyllen und 
ihres Sagenkreises, dann einer Erhebung der Prophetin 
von Tibur aufs Gebirge des Juppiter Latiaris und Eröff- 
nungen des von dort aus waltenden Naturgeistes vorangeht 
Diese der Vergangenheit Latiutns und zunächst seines grie- 
chischen Mutterlandes geltenden Eröffnungen sollten in drei 
Büchern erstens die Götter- und Menschenbildung, sodann 
die Heroensage enthalten — , diese vertheilt nach den mannig- 
fachen Erscheinungen des am Himmel abgespiegelten Erden- 
lebens, welches, nachdem es Jagd, Hirlenleben, Landbau 
und Schiffahrt als bildliche Ausdrucksweisen kosmischer und 
göttlicher Thätigkeit vorgewiesen, zuletzt in der Gründung 
von Städten, in Troja's und in Roms Sagenkreis seinen 
Abschlufs fand, und einer schhefslichen, der Sibylla und 
dem Berggeiste Latiums in den Mund gelegten, Belehrung 
über die letzten Ergebnisse mythologischer Forschung zum 
Anlafs gereichte. 

Aus diesem vom Verfasser nicht allerorts gleichmäfsig 
vollendetem, in der Anlage und in der Mehrzahl einzel- 
ner Abschnitte zwar ausgearbeitet zurückgelassenem, wegen 
Schwierigkeiten der Handschrift aber auch des Verfassers 
nächsten Freunden grofsentheils ungeniefsbar gebliebnem, 
Gedicht ist die nachfolgende Darstellung der Nereiden 
entnommen. Dieselbe Gndet hier ihren Platz, theils um 
eine mit Sorgfalt gepflegte letzte Arbeit Stackelberg's einiger- 
mafsen der Vergessenheit zu entziehn, theils wegen des 
selbständigen Werths, welchen dieselbe in Behandlung 
eines anziehenden und auch neuerdings von Emil Braun') 
scharfsinnig behandelten Abschnitts der hesiodischen Theo- 
gonie beanspruchen darf. Mit steter Hinweisung auf deren 
(Hes. Theog. 240 ff.) und den verwandten homerischen 
(11. XVIII, 39 ff.) Text lassen wir demnach Stackelberg's 
die Nereiden betreffende Ausfuhrung hienächst folgen: 



=») Griechische Mythologie yon Kmil Braun (Gotha 1850) §. 71 ff. 

19 



290 STACKELBERG 

Meereserscheinungen bilden des Nereus liebliche Töchter, 
welche zn fünfzig gesellt gleich wechselnden Phasen des Mondes 
magisch gezogen den Tanz anf spiegelndem Raum darstellen, 
den in des Zeitstroms Laufe die schimmernden Wellen begehen. 
Meergrün schimmern die Locken um blendende Schaltern der Schwestern, 
silbern die hüpfenden Füfse. Des Chors Anführerin Thetis 
ordnet den Zng mit der Wogen Geschütz. Dem yerwandelnden Proteus 
gleich als Seele der Flath, ist sie wechselnder Bildungen föhig, 
und sie vereinigt die Macht, die jede der Schwestern besonders 
heget, den Zustand, Formen und Färb*, auch Stimme zu ändern. 
Wenn Kymodole sich zu Empfang der gekränselten Wellen 
naht, zeigt Proto die Erste sich schon nächst Kymo (Gewoge); , 

Speio tief aus MeeresgehÖhl drängt rennender Wogen , , 

drängt Kymothoe^s Hast, dafs Hipponoe schüttelt die Mähne. 
Drauf Leükothoe nieder, der weifshintreibende Schaum, rinnt, 
Maera^ die funkelnde, Funken versprüht phosphorischen Scheines, 
Kymatolege schliefst, und in ranschender Sprache der Wogen 
singt nächst Melie Lieder des Meers Eumolpe mit Wohlklang. 
Aber ein Sausen und Rufen erhebt nächst Ligea Kleio, 
Wenn jetzt Bero den Streit anhebt und im Wogengetümmel 
bald Ämphiihoe kreiset in ringsumlaufenden Wirbeln, 
bald Alstaea Gestad, Natisiihoe Schiffen entlang läuft,- 
EuUmene den Hafen umrauscht, Nesaea die Inseln, 
Sao die rettende Wog' und Eralo die liebende waltet, 
aber Knlypso verhüllt in den Abgrund ziehend die Schwimmer, l" 
Lysianassa zugleich Auflösung wirkt und den Tod bringt, 1^ 

freut Eunike des Siegs sich im Wettkampf über die Schwestern. flt^ 
Wenn dann Thetis erscheinet, die Legerin rauschender Wogen, 
bleiben die hüpfenden stehn, hört auf wie der Lärm so das Kampfspiel, 
folgt Mcerstille Galene, Da mufs bald GlauJse die Bläue 
über die Fläche sich giefsen und bald milchweifs Galatea^ 
oder lone wie Veilchen und gelbblond Xantho sie färben. 
Hinten im schimmernden Spiegel erschliefst Panopea den Allblick, 
und es bewahret das Licht LyJcorias fern an dem Sehkreis. 
Eine beharret allein, und gehorcht nicht Thetis* Befehlen: 
Amphitrite beherschet die ringsaufreibende Brandung, 
die mit dem König des Meeres, Poseidon, einst sich vermählte. 
Hrtlia salzet die Fluth, stets hält Pherusa die Schwimmer, 
tragend in sicherem Schofs> und die wankenden Lasten der Schiffahrt. 
Psamathe weilt in der Tiefe, die sandige Mutter des Seehunds 
Phokos; sie tritt mit der Ebbe hervor, doch schwindet sie wieder, 
wenn Pasithea folgt und die allhinlaufende Fluth steigt. 
Andere treiben ein ander Geschäft in den launischen FInthen. 



MYTHOLOGISCHES GEDICHT. 391 

Tei kündet Apseudes nnd wahrhaft macht Nemertes, 
für ein Wechselgeschick auf wogendem Feld sich bereite, 
n im ruhigen Grund, aaf steinernen Thronen gelagert, 
len des Nereas Töchter an goldener Spindel das Schicksal 
sergeschöpfen und Pflanzen. Es stehn Webstühle gesondert 
und sie weben mit Sang meerpurpurne Lebensgewänder. 

Andere Abschnitte jenes Gedichts in ähnlicher Weise 
anzureihn würde den hyperboreischen Freunden des 
fassers, denen derselbe vorzugsweise es zugedacht hatte, 
r unverwehrt y unsern Lesern vermuthlich nicht unwill- 
men sein, wird jedoch sowohl durch den bereits an- 
muteten Zustand der vormals länger von mir eingesehenen 
idschrift als auch durch die Erwägung unräthlich, dafs 
allem Reiz, den sibylhnische Blätter sonst haben können^ 
nach Gegenstand und Behandlung sehr eigenthümliche 
llinische Dichtung von welcher wir reden doch nur 
Irem vollen Zusammenhang einer billigen Beurtheilung 
artig sein dürfte. Selbst aus dem v^eniger der For- 
mg als der Theilnahme an Latiums Natur und Geschichte 
»rechenden, auf Tiburs Bergschlucht, auf die Sibyllen, 
den Latinerberg und Juppiters von dort aus redenden 
Itgeist bezüglichen, Eingang würden sich abgerissene 
heilungen nicht wohl geben lassen; in noch geringerem 
d würde eine solche VeröffentHchung auf die didak- 
len Abschnitte anwendbar sein, welche der Verfasser, 
e er noch am Leben, in Folge neuerer Forschung 
Duthlich oft anders abfassen würde als es in seiner un- 
sndet gebliebenen Arbeit geschah. Angemessener wird 
ein, bei dieser Gelegenheit die bisher spärlich ins Pu- 
jm gelangte Kunde über Stackelberg's Reise durch 
n seinem Tagebuch entnommenen anziehenden Ab- 
litt derselben, und gleicherweise die Kunde seines Lebens- 
s und durch einige biographische Notizen zu ergänzen, 
anhangsweise nachfolgen sollen ; was aber Stackelberg's 
icht betrifft, so darf wenigstens die am Schlufs desselben 
idliche Zueignung desselben seinen hyperboreischen 
anden nicht vorenthalten bleiben. Nachdem die SeKedw. 



292 STACKELBRRG 

mit dem durch ihre Wiederkehr neu ofTenbarten Ntiturgei 
Worte getauscht und über die verborgene Weisheil der Sag 
sich beiehrt hat, verrauscht die Stimme des Geistes, un 
es heifst weiter wie folgt: 

Also die Stimme verhallt in gemach ablassendem Wehen; 
wie nach Sprache verlangend erzitterten lispelnd die Zweige, 
und für des Sterblichen Ohr klang nicht ein vernehmliches Wort mein 
Doch ans heiligen Eichen verstreut sie die redenden Blätter, 
denen der Nachhall schnell den Gesang des Geheimnisses eingrob, 
wie durch Meisseis Gewalt pfeilförmiger Züge Verschlingung 
griechischer Urschrift ähnlich zu lesbaren Worten gestaltend. 
Aber die Seherin sammelt mit spähendem Bifer die Blätter, 
die sie genau durchsah^ anordnete oder herausschied. 
Drauf kunstfertigen Sinnes erkohr sie die biegsamsten Halme, 
schlang mit den Stielen des Laubes im Flechtwerk diese zusammeo. 
Blatt auf Blatt aneinander gefugt, war bald das Gesammte 
als drei Bucher gestaltet und fest an den Stielen verbunden. 

Nach vollendetem Werk trat dicht an des Gipfelaltares j 

Rand die SibyUe heran, und den Blick auf Ländergebreite 
rings um die Höhe gerichtet, entschwang sie die Bücher, des Wiod 
Flügeln vertrauend > in Weite des Raums mit dem schallenden Zm 

„Auf! ihr eilenden Pfeile, vom tonenden Köcher des Mandes 
rauschend Geheimnifs werte , die Luft durchfliegt! und der Sonne 
folgend im kreisenden Lauf, fahrt hin, wie mit Abaris vormals 
als pfeilfahrendem Seher die lebende Schrift um die Welt flog! 
Leite sie, hauchender Süd! fernhin zu des Phöbos Apollon 
Volke, den Hyperboreern, wo durch pfeilförmige Runen 
Fels und Gestein noch reden. Zu euch, frommsinnige Forscher, 
send* ich das letzte der Worte, den wandernden Schwanengesang 
der von den Lüften erregt alsbald auch wieder verwehet. 
Trauet der Botschaft, horcht Albunea*s wissender Stimme! y 

denn sie vergeht gleich Licht und Gesang und sie kehrt nie wiedef''"^ 

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HEISE ZUM STYX. 293 



2. Die Reise zum Slyx*). 



Des Styx verhasstes Gewässer haben wir geschaut^ aus 
dessen Quelle noch kein Franke getrunken hat — , was 
einem Neugriechen schwerlich einfallen wird. Durch Mühe 
nnd Gefahr allein kann irgend ein Mensch sich ihr nahen. — 
Was die Griechen aus der Natur zur Dichtung erhoben, 
«eigt immer ein tiefes Gepräge. 

Es war ein beschwerlicher Aufgang vom Kloster von Phonia 
'auf das Gebirge. Man hatte uns den Pfad zu weisen einen Wahn- 
sinnigen mitgegeben. Er führte uns durch die grofsen Fichten- 
Wälder auf die Höhe zum Berg Krathis hin ) wir wanderten immer 
der untergehenden Sonne entgegen. Kühle Quellen rieseln aus 
den Wäldern hinab. Man kann das ganze ebene Thal von Phe- 
neos mit den umgebenden gedrängten schroffen Bergreihen, unter 
^enen der Kyllene steht, von dort überschauen. Auf der rechten 
S«ite breitete sich diese Aussicht aus. Auf der linken Seite sahen 
^ir in vollkommen reguläre Windungen eines Thalgrundes hinab, 
der nur für einen Bergstrom des Krathis Platz hat, and in gerader 
Dichtung von Südost nach Nordwest durch die gleichmäfsig sich 
kreuzenden Füfse der Berge gebildet wird. 

Mit freundlichen Dörfchen sind beide Seiten des Grundes 
geziert, die zwischen Fruchtbäumen hervorblicken; sie haben ge- 
lammt den Namen KXsx^vig und sind acht in der Zahl: ZagixXa, 
i^yla BagßuQa, Bövuxi, XaXxtuvtxa, l^ygtöi^ IliQiajtQa^ MeaO" 
^byt, 26Xog, Wir stiegen den schroffen Steg von jener so be- 
trächtlichen Höhe nach ZagöxXa herab, 2 Stunden vom Kloster 
v-on Phonia. In diesem Dörfchen, das am tiefsten liegt, wurden 
^ir schlimm empfangen ; es hatte sich eine Nachricht von der 



*) Aus Stackelberg*s Tagebuch: datirt von Solos 25. Jani 1812. 



294 STACKELBBRG 

Pest verbreitet uud man hatte hier angefangen Quarantaine fest- 
zusetzen. Niemand wollte uns aufnehmen. Wir hätten die Nacht 
auf der Strafse bleiben müssen, wenn nicht die Idee, dafs wir 
Bekannte des Notaras sein u,nd vorzüglich unser tapfres Streiten 
gegen die um uns versammelten Archonten, denen wir zu ver- 
stehen gaben, dafs sie ]etzt alle Quarantaine machen müCsteD, 
weil sie sich uns genähert und wir sie berührt, gesiegt hätte über 
diese hartnäckigen Dorf archonten. Wir erhielten Nachtquartier 
und Besuche, wo man sehr um Verzeihung bat. Der IlQotjyov' ' 
fiivog des Klosters von Phonia hatte die Gefälligkeit uns, nach- ' 
dem wir nun wieder IV, Stunden zum Stjx weiter gewiesen , 
worden, eine Adresse nach Solos zu geben, in dessen Nähe der ,. 
Stjx, nun unter dem bedeutenden Namen Mavroner, des schwär- ! 
sen Wassers, bekannt, zu finden ist. Unser Verlangen die be- [ 
rühmten Quellen zu sehen verdoppelte sich je weiter der Gegen- ! 
stand Yon uns wich , und wir achteten nicht auf den Verlauf dei ! 
Termins in dem wir in Leondari ankommen sollten. Wir erkannten f 
in jenem Namen mit Freude die Uebersetzung des homerischen L 

Den 24sten kamen wir Morgens frühe nach Solos und traten 
in das Haus des freundlichen guten Alten XgiaTodaXog jh Nt- 
xoX(x&, an den wir adressirt waren. Ueber den Krathis bei einer 
Mühle hinauf zogen wir an dem Gebirge auf seiner linken Seite 
hieher. Der grofse Thalgrund der Kutsines wird hier geöffnet 
durch eine Nebenschlucht, die südlich von der höchsten schnee- 
bedeckten zackigen Bergreihe der Arocmischen Gebirge herab- 
kömmt. Am Eingang der Schlucht liegt Solos gegenüber einen 
andern freundlichen Dörfchen, das wie dieses voll Quellen und 
von Frucbtbäumen beschattet ein echt arkadisches Dörfchen iit, 
aus wohlhabenden Häuschen bestehend, nicht wie gewöhnlich 
aus armseligen niedrigen Hütten. Die frischbelaubten Bäume e^ L 
klangen vom Gesang der Nachtigallen, denn auf dieser Höhe ist 
noch P'rühling. In der Tiefe der Schlucht flielst ein Bergstroo, 
den Pausanias den Stjx nennt. In der Nähe der vielen kaltes 
Quellen, die in dieser Schlucht zusammen fliefsen und denen nodi 
jetzt theils heilsame theils schädliche Kräfte zugeschrieben werdeO) 
mufs Nonakris gelegen haben. Es existirt hier auch die Tradi- 
tion von einem JJaXaioxaoxgo , aber es soll nichts naehr davoo F 
zu sehen sein. Pausanias bemerkt, dafs die Ruinen meist voa 
der Erde begraben waren. Von der Höhe bei Solos sieht man 
am Ausgang des Thalgrundes der Kutsines den Paroafs. Wir 



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RBlSß ZUM STYX. 295 

sind froh durch unsere Adresse eine gute bürgerliche häusliche 
Familie gefunden zu haben ^ die von der Regel des interessirten 
Wesens der Griechen, das aus jeder ihrer Handlungen blickt , ab- 
weicht. Wir werden liebreich behandelt und können gemüthlich 
uns mittlieilen. Mit Freude hörten wir bei den Beschreibungen, 
welche die guten Leute ron dem Mavroner machten, nach dem 
wir sehnlich fragten, übereinstimmende Angaben mit denen des 
Pausaniasy sogar Ton der wunderbar tödtenden Kraft der Quelle, 
die aber von ihnen, als aufgeklärten Leuten, wie Kindermärchen 
verlacht wurde. Der Berg, wo von einer Felswand der Mavroner 
herabtropfend uns beschrieben ward, heifät XuXfidg, und bis zur 
Felswand gab man 3 Stunden an. Nur besorgte man wir könnten 
nicht wegen des Schnees hinaufsteigen und führte als ein Beispiel 
einen Franken an, den einzigen den sie bisher von Milordos hier 
gesehn hatten, der, weil er im September hier auch nach diesem 
Wasser fra*gte, wegen des Schnees umkehren mufste. 

Es war gestern gegen Mittag als wir mit einigen Leuten unsre 
Wanderung antraten. Der Sohn des Hauses kam als Führer mit 
uns. Wir gingen am Bergstrom entlang, der aus der Schlucht 
kömmt. Die freundliche beschattete Berggegend wurde immer 
oder und kahler. Am Ende, wo die Bergschlucht sich erweitert, 
zeigte sich plötzlich eine Reihe der höchsten zackigen Felsen- 
massen, wie ich sie nur in der Schweiz sah, und mit ewigem 
Schnee durchzogen. Es ist die Kette der Aroanischen Berge, die 
bis nach Pheneos geht und durch ihre Höhe und Form sich in 
Arkadien auszeichnen. Unter ihnen ragt vor allen der pyramida- 
^sche Chalmos hervor, bis auf den Fufs von jedem Gräschen 
Qackt, und schroff von dessen Höhe, eine gerade hohe Fels- 
*rand hinab, sieht man den Stjx in die Schlucht stürzen, die 
durch den nächsten Felsen mit dem Chalmos gebildet wird, 
^chneefelder unter ihm. Schwarz ist der Felsen von seinem 
ichaumgewässer, die Höhe des Falls entlang. Es erreichet 
limmer die Erde, löst sich in Staubregen auf and verschwindet. 
äin anderes Gewässer sieht man im Thal am Fufs der Gebirge 
ivrvorkommen und dieses fällt sich schlängelnd durch die Thal- 
chlucht in das Bette des Krathis. Herrlich stimmt die öde 
!i*storbene Felsgegend, in der einige Tannen verloren stehen, hin 
ind wieder ein Grasplatz, die sonderbaren Felsenhörner und 
backen, mit dem Flufse der Unterwelt, des Todes. 

Es war eine schwierige Wanderung an den tiefsten Abgründen 
Ind Schluchten des Chalmos, die Felsen hinauf und hinab einen 






296 STACKELBBRG 

Weg zu suchen; gleitete der Fufs, so kostete es das Lebeo. Wir 
stärkten uns aus den eiskalten Quellen und waren zufrieden des 
Schneefeldern entgehen zu können und erklimmbare Felsen zu 
finden, um unser Ziel den Styx zu erreichen. Es ist einem 
Liebenden lieb zu wissen, dafs an den Ufern des Styx alles voll 
blühender Vergissmeinnichte steht ; es sind die ersten die wir je in 
Griechenland gesehn. Ein Grund ist gewifsdie grofse Hitze; aber 
in dieser Höhe sind es die ersten Boten des Frühlings, wäbreod 
jetzt im Thal die Sonne sommerlich brennt. Wir kamen end- 
lich zur Ansicht des Stjx, der unten wie ein Silberfaden, hier 
wie ein Staubbach erschien. Auch die Höhe erschien uns wie die 
des Staubbachs in der Schweiz. Die gewaltige Masse der schon 
geformten senkrechten Felsenwand , die abgesondert dasteht uod 
röthlich grau gefärbt war, überraschte uns. Nie, wie auch Pausaoias 
sagt, haben wir, nicht einmal in der Schweiz, etwas ähnliches ge- 
sehn. Dem Staubbach fehlt besonders die schöne Form der Felses. 
Das Wasser donnert und tost in umgestürztem Falle, es scheint 
aus einer Wolke zu kommen. Im Sonnenschein wächst die Staub- 
säule erstaunend an, die im Schatten, weil sie durchsichtig wird, j 
viel geringer erscheint. Wir mulsten noch durch die grolste 
Tiefe, wo der Bergstrom, der unter dem Styx hervorkommt, aber 
aus derselben Felswand, in vielen Cascaden unter Schnee- uod 
Eisgewölbe sich den Weg bahnt. Hier konnten wir einem Schnee- 
felde nicht entgehen, und mit Hacken Stufen einhauend kameD 
wir glücklich herüber. Von hieraus erkletterten wir, ein paar 
Mal über Felsen in den Bergstrom springend, mit Händen und 
Füfsen den nassen glatten Felsenhang; im Regen unter dem Fall f 
des Styx hindurch erreichten wir die Felsenwand und die Höhle 
in derselben, gerade unter dem Styx, vor welcher er in Staub 
vergeht. Aus dieser springt einige Fufs über dem Boden, wie 
mit einem Mosesstab hervorgeschlagen, eine schöne kalte Quelle 
hervor und diese ist es die hinab zum Krathis fliefst, nicht der 
herabregnende Styx. Man konnte leicht dem Styx alle Wunder- 
kräfte zuschreiben, die Pausaoias nennt, jedes Gefäfs aulser eioes 
von Pferdehuf zu zerbrechen, Menschen zu tödten, weil niemand hier 
sein Wasser sammeln kann, wo er vergeht und zu den Quellen auf 
der Höhe des Berges zu steigen den gröfsten Theil des Jahres 
unmöglich ist, immer aber halsbrechend. Sdiön ist die Sage, 
dafs Alexander mit dem Wasser des Styx getödtet wurde. Paa- 
sanias scheint nicht an dem Ort hinauf gestiegen zu sein, «o 
maD die Quelle in der Höhle sieht und der Styx herabregoet, deoo 

\ 



REISE ZUM STYX. 297 

er erwähnt (18 Cap. 8 Bucb» Arkadien) eine Stelle aus dein Homer, 
von dem er »agt er sei doch selber hier gewesen, die ihn ver- 
wundert, weil Homer ?on dem Titaresios spricht als einem Flufs, 
der gebildet werde aus den Gewässern des Styx. Ich stelle mir 
for, der Titaresios sei die Quelle, die unter dem Styx hervor- 
kommt, und in welche der Styx herabregnend sein Gewässer 
mischt. Wir wollten die Quöllen selber untersuchen und von dem 
tödtlichen Wasser schöpfen. An einem Schneefelde hin gingen 
wir aus der Höhle die Felswand vorbei und klimmten am Berge 
mit Händen und Füfsen, nachdem wir schon einmal wegen eines 
Schneefeldes 5 das am Abhang unbetretbar den P/ad sperrte, um- 
gekehrt waren, dicht bei der Felswand hinauf, indem wir uns an 
Moos in Steinen über dem Abgrund hielten. Es war der gefähr- 
lichste Weg, den wir je betraten. Es glückte mit Hülfe unsrer 
unermüdlichen Führer^ die als Schäfer gewöhnt an Felsenwege 
sind. Am Rande der Felswand entspringen 3 Quellen, von denen 
sich 2 durch einen selbstgebildeten Kanal zur grofsen Wassersäule 
vereinigen; dicht dabei fällt die andere herab und vergeht schon 
halben Weges in der Luft. Die reichste mittelste Quelle kommt 
unter einem grofsen Felsenstück hervor. Ich schöpfte und trank 
mit der Hand aus der Quelle, das Wasser war kalt und hell. 
Den ]^^amen Mavroner hat es wahrscheinlich erhalten, weil es den 
Felsen unter der Wassersäule schwarz gefärbt hat. Wir liefsen 
aus der gröfsten Quelle 2 Flaschen füllen, die wir mitnehmen, 
denn sie zersprangen nicht. Mit dem Glauben daran hat auch 
das Wasser die poetische Kraft verloren^' wie in vielen ähnlichen 
Fällen die ganze griechische Nation. 

Da es leichter ist an der andern Seite des Chalmos herab- 
zusteigen, so konnten wir nun auch die Gipfel ersteigen ^ von 
dem wir die Küste von Hellas über den ganzen korinthischen 
Meerbusen hin sahen und auf der andern Seite weit über Arkadien. 
Auf den niedrigem Felsen sahen wir Schäferhütten noch im Schnee 
steckend y der in grofsen Feldern dalag. Auf der andern Seite 
des Chalmos ist ein grofser jäher Abhang, ganz mit Steingerölle 
bedeckt; da hier der Schnee abgeschmolzen war, kamen wir 
schnell mit dem Steingerölle^ gleitend herab, und nach 9 Stunden 
Marsches gelangten wir in der Nacht das Dorf gegenüber von Solos 
hinab durch die anmuthigsten Baumpartieu beim Gesang der 
Nachtigallen in unsre Wohnung, wo man in Besorgnifs um uns war. 
Heute früh ging ich wieder zum Styx hinauf, den Wasserfall 
in der Nähe zu zeichnen. Ich nahm nur einen Mann mit mir, 



298 STACKELBKRG 

der das Mittagsbrod trog. Es überraschte mich ein Gewitter. 
Die Wolken schlössen die Gegend ein; es ward so kalt, dafs mir 
mein Pelz nicht hinreichte. Von einer Fichte vor dem heftigen 
Platzregen geschützt, brachte ich den Tag zu, indem ich wenn 
die Wolken vorüberzogen mit starren Fingern meine ZeichnoDg 
zu vollenden suchte, deren Genufs mir Kraft gab. Der Dosoer 
schallte dazu in dem Tosen der Gei^ässer tausendfältig von den 
Felsen, so dafs mich das schaoenrolle Gefühl dieser bedeutsaneo 
Gegend recht inniglich erschütterte, die über die Menschheit so 
weit entfernt in die Nähe des Himmels gestellt ist. 

Den 26sten bereiteten wir uns zur Ruckkehr zum Kloster vod 
Phouia. Ich blieb zurück und zeichnete in ein Paar Stunden die 
Ansicht des Chalmos, wo er sich zuerst so überraschend dem 
Auge darstellt, wenn man sich ihm nähert. Dann ritt ich allein 
das Thal der Kutsines hinauf über den Fufs des Krathis ins 
Kloster zurück. Hier empfing man mich mit tausend Bewill- 
kommnungen. Ich fand Brondsted wieder. Man hatte ein fettes 
Klosteressen bereitet. Ich zeichnete diesen Abend eine Aussicht 
von Pheneos und dem hohen Tortowaoa unterhalb des Klosters 
bei den höchsten Ulmen, die mir viel Freude machte. Es ist ein 
gewaltiger Ausdruck von Höhe und Tiefe darin. 



Biographischer Anhang. 



') Wobei jedoch einige hier benutzte briefliche Mittheilangen 
Kestner*s dankbar zu rühmen sind. 

') Dieses, für seine Angehörigen abgefafste, Tagebuch ist mir 
bereits vor längerer Zeit zur Hinsicht vergünstigt worden. 






Ueber Stackeibergs Lebenslauf ist unseres Wissens bisher nur 
im Conversationslexikon der Jahre 1834 und 1836 einige, nicht sehr 
genügende, Nachricht gegeben worden, welches Werk jedoch in 
einer „der Gegenwart" geltenden, vom Jahr 1840 datirenden, Fort- 
setzung Stackeibergs Namen bereits nicht mehr kennt. Einige da- 
hin einschlagende Nachrichten, wie sie ohne viel Vorbereitung uns 
zu Gebote stehn*), dürften daher an dieser Stelle nicht unwillkommen 
sein, zumal sie, durch Benatzung von Stackeibergs Tagebuch seiner 
griechischen Reise ^)> wenigstens in Betreff dieser archäologisch u 
wichtigsten Zeit seines Lebens eine gewisse YollstäAdigkeit bean- 
spruchen dürfen. 



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III 



1 



BIOGRAPHISCHES. 299 

Otto Magnus Freiherr von Stackeiberg, geboren am ü{5. Jali 
1787, war einer der angesehensten Familien Esthlands entsprossen; 
er war der jüngste von zwanzig Kindern einer yon ihm innig ver- 
ehrten und dorch die Zueignung zu den Gräbern der Hellenen, wie 
durch Ulyfs Antikleia, auch für die Nachwelt von ihm yerherrlichten 
Mutter. Sein begüterter Vater hinterliefs, wenn wir recht yernah- 
oien, jedem seiner Söhne ein Landgut; das seinige, zugleich sein 
Geburtsort, hiefs Worms bei Royal. Im elterlichen Hause, dann 
seit 1801 auf dem Pädagogium zu Halle erzogen, trat er mit früh 
und erfolgreich erworbener yielseitiger Kenntnifs, fiir bildende 
Kunst und Musik nicht minder empfanglich und yorgebildet, schon 
früh in die Welt Bereits im Jahre 1803, sechzehnjährig, besuchte 
er in Begleitung eines seiner Brüder Göttingen, wo Fiorillo für 
Kunstgeschichte ihm belehrend war. Die darauf folgenden Jahre yer- 
lebte er in Rufsland, theils in Moskau theils in seiner Heimath, wo 
er mit Morgenstern yerkehrte, mehr aber der ausübenden Kunst als 
gelehrten Beschäftigungen, diesen hinwiederum mehr als der diplo- 
matischen Laufbahn, welche die Seinigen yergeblich ihm anzumuthen 
versuchten, sich zuwenden mochte* Seine weitere Kunstbildung er- 
langte er auf den im Jahre 1803 angetretenen Reisen, denen bereits 
in seiner ersten Uniyersitätszeit ein Aufenthalt in Genf and ein Be- 
such Oberitaliens yorangegangen war. Im gedachten Jahre 1808 begab 
er sich yon Dresden aus, wo ein längerer Umgang mit Dissen ihn 
philologisch fortbilden half, mit dem jetzigen Professor Tölken zu 
Berlin als Fufsgänger nach Rom, wo er ausschliefslich der Kunst 
sich zu widmen gedachte; in der That kam als schöner Beleg 
seiner productiyen Kunst ein ohne Zweifel noch jetzt erhaltner 
Carton zu Stande, eine Madonna mit Umgebung darstellend, ydU 
raffaelischer Eindrücke, in Styl und Anlage jedoch selbständig^). 
Bald aber und durch raschen Entschlufs ward Stackeiberg für die 
griechische Reise gewonnen, die, mit yierj ähriger Erweiterung seiner 
Eindrücke und Anschauungen neue und gröfsere Lebensaufgaben ihm 
stellte. Diese nicht nur für ihn selbst und seine Genossen, sondern 
auch für die Gesammtheit der Kunst- und Alterthumsforschung so 
ergiebig gewordene Reise konnte in Stackeibergs Plan und Gedan- 
kenkreis ursprünglich nicht liegen; so sehr ihn die kaum ausge- 
sprochene Möglichkeit einer solchen ergriff, so wenig war doch bei 
den allbekannten damaligen Schwierigkeiten, nicht nur jeder Berei- 
sung Griechenlands, sondern auch der durch die Kriegsumstände 



^) „Eine Madonna (schreibt Kestner) der zwei Engel das Christ- 
kind entgegenbringen — , sehr schöner Carton, mit Raffaelischen Re- 
miniscenzen nur in Styl und Behandlung der Formen, yon Erfin- 
dung ganz sein eigen**. 



300 8TACKELBERG 

erschwerten Schiifalirt dortbin, jene Möglidikeit abzusehen. Dea 
dänischen Gelehrten Brimdsted und KoeSy so wie der eifrig fiir sie 
beniiUiten dänischen Regier ong , ist es nachzurühmen dafs durch ihre 
Umsicht and Knergie die Reise dennocii besdilossen und festge- 
halten, Ferman und Pässe gescliaift ond bei deren Eintreffen auch 
neue und thätige Genossen der Reise alsbald erworben wurden. 
Diese waren der Architekt von Haller aas Nürnberg, sodann der 
Kunstfreund und Landschaftsmaler Linckh aas Canstadt und, haopt- 
sächlich durch Linckh*s Zureden und Mitwirkung dazu bestimmt, auch 
Stackeiberg, obwohl für ihn der Entschlufs eine so gefahrliche und 
kostspielige Reise schleunig zu unternehmen, aus Pietät fiir seine 
Mutter und bei dem schwierigen, wenn nicht gehemmten, Verkehr 
mit seiner ferner liegenden Heimath ungleich schwieriger war als 
fiir seine Gefährten. Man reiste am 13. Juni 1810 Ton Rom ab, ver- 
weilte so lange es nöthig war in Neapel, wo Banquier Heigelin, als 
Vasensammler bekannt, die Kunstfreunde gastlich aufnahm, und 
miethete sodann einen Vetturin, mit welchem man am 4. Juli in 
Otranto anlangte. Hier begann, ehe die Abreise zu Stande kam, 
eine Reihe yon Fährlichkeiten wie sie dieser ganzen Reise nicht 
fehlten und vorzugsweise auf Stackelberg*s Haupt sich häuften. Bei 
einer ersten Ausfahrt erlitt man Schiffbruch im Hafen; dann trat 
theils der Mangel guter Fahrzeuge, theils die Farcht in damaliger 
Kriegeszeit von feindlichen Schiffen gekapert zu werden, allen Reise- 
plänen dergestalt einschüchternd entgegen, dafs man nach Rom zu- 
rückgekehrt wäre, hätte nicht BrÖndsted's Beharrlichkeit gesiegt 
So aber reiste nichtsdestoweniger die Gesellschaft am %&, Juli auf 
einer mit Knoblauch beladenen Barke nach Corfu ab, von wo aus 
man nach längerem, zum Theil durch Krankheit Stackelberg's ver- 
anlafsten, Aufenthalt am 25. August in Patras anlangte und sich dem- 
nächst nach Athen begab. Nach mancherlei Fährlichkeiten in üb- 
licher Weise vormaliger grieclüscher Schiffahrt, durch wechsebde 
Barken und Winde geprüft, an unfreiwilligen Stationen nicht ungern 
verzögert um Krissa, Korintli, Aegina und Salamis kennen zu lernen, 
langte Stackeiberg mit Haller und Koes am 28. September zu Athen 
an, wo Bröndsted und Linckh bereits vierzehn Tage früher einge- 
troffen waren. Es war die Zeit der Weinlese, die, mit dem Anblick 
des Parthenon und des Theseustempels zugleich^ beim ersten Durch- 
schreiten der attischen Ebene die Eindrücke römischer Umgebung 
und Anschauung in ihm erneute; ein gleiches thaten die Berge die 
er sofort als Künstler empfand und aufzeichnete. „Die Gegend von 
Athen (lesen wir in seinem Tagebuch) trägt das Gepräge seiner 
Kunstwerke, stille einfache Gröfse. Man sieht in den Gebirgslinien 
keinen schroffen Absturz, nichts was frappirte oder Erstaunen er- 
regte; alles ist auf das Sanfteste abgewogen, recht was man so*'' 



BIOGRAPHISCHES. 301 

attisch nennt ist auch in Athens Natur zn finden. Wer zuerst nach 
Athen kommt, wird daher gar nicht durcli dessen Umgegend be^ 
troifen. Wie die grofsen Felder und Waldungen am Cephissns, 
lassen auch die sanften Linien der Berge deii Kindruck der Rnhd 
zarack die in ihnen herrscht. Erst nach einiger Zeit des Aufent- 
halts fühlt man sich mit dieser Gröfse nnd Ruhe vertraut und hin- 
länglich zu ihr erhoben um sie zu yerstehn: dann erst steigen die' 
Berge kühner herauf, die Felder dehnen sich aus und das Meer 
strahlt glänzender daneben. Es bleibt ein Gefiihl zurück wie bei' 
dem Gedanken an die Thäler der Kindheit nnd des Vaterlandes, als 
hätte man dies Land schon yor diesem Leben gesehn. Vom günstigsten 
Punkte, dem Pnyxhügel aus, habe ich ein Panorama Athens ge~ 
zeichnet. Ich kam auf den Gedanken dazu, indem ich eine Ansicht- 
mir erwählt hatte die ein schönes Bild gab; was daran gränzte fand 
ich auch sehr schön, und so zeichnete ich fort bis ich rings herum' 
gekommen war und das Panorama > ohne es anfangs beabsichtigt zu 
haben, bereits yollendet hatte'\ 

In Athen angelangt eilte Stackeiberg , nachdem er nur eben den 
ersten Eindruck seiner Tempel in sich aufgenommen, auf die Höbe 
des (damals noch als Anchesmos benannten) Lykabettos hinauf um 
einen Ueberblick der Gegend zu gewinnen , deren Mittelpunkt dieser 
Berg ist; er stieg fiebernd herunter und hatte eine schwere Krank- 
heit zu bestehen, bis er am 9. December sich genesen und eigentlich 
nun erst in Athen eingezogen erklärte. Er ging nun näher in die 
Anschauung athenischer Denkmäler und in die Zeichnung atlienischer 
Landschaft ein, deren umfassendste Ausbeute, das Panorama Athens, 
wir so eben erwähnten. Seine Reisegesellschaft war durch die 
brittischen Architekten CochereU und Foster verstärkt, von denen 
der erstere (durch seine erfolgreiche Nachweisung griechischer Gie* 
belsculpturen allen Freunden der griechischen Kunstgeschichte auch 
aufserhalb seiner brittischen Bauthätigkeit rühmlichst bekannt) ge- 
genwärtig der einzige noch lebende Genosse jener für Kunst* und 
AUerthumsforschung so reichlich bethätigten Gesellschaft ist*). Auch 
mit den für gleiche Zwecke kunstsinnig und regsam bemühten Consuln 
Fanvel und Gropius war diese Gesellschaft alsbald eng verbunden. 

Von Athen aus verfolgten die Reisenden, mannigfach getrennt 
und dann wieder zusammentreffend, ihre in der Hauptsache allzeit 



*) Von jenen Reisegefährten starb zuerst Koes^ im Jahre 1811 
auf Zante, sodann Haller im Thal Tempe am 5. November 1813; 
während des letzten Jahrzehends sind' Bröndsted in Kopenhagen, 
Linckh in Stnttgard, Foster in Liverpool, Stackeiberg in St. Peters- 
burg verstorben. Möge dem trefflichen CocJcerelt ein längeres Leben 
vergönnt sein! 



304 STACKELBERG 

ähnliclie Af>sichten auf ihre Weise verfolgt za haben, ohne mit jenem 
in sich zufriedenen Kreis in nähere Berahmng g;elangt zu sein. 

Als erste antiquarische Ausbeute des gedachten Jahrs 1812 fand, 
in den ersten Monaten desselben yon Haller und Stackeiberg unter- 
nommen', eine kleine Ausgrabung athenischer Gräber statt; allerlei 
daher rührende kleine Funde, namentlich bemalter Lekythen und 
Thonfiguren, bewahrte Stackeiberg, der kaum irgend einmal sonst 
sein Glück in ähnlicher Weise versucht hat, als werthen Besitz. 
GrÖfsere und kleinere Ausflüge zerstreuten die Freunde: Haller folgte 
den äginetischen Statuen nach Zante, wo sie nächstdem rersteigert 
werden sollten, Bröndsted liefs in Keog graben und sammelte die 
Materialien zum künftigen ersten Band seines Reisewerks, Linckh ■ 
und Stackeiberg besuchten Salamis (wo der jetzt im Dresdner Mo- 
seum befindliche Amazonentorso erworben ward) und befanden am ' 
23. April, am Jahrestag des vorjährigen Statnenfundes, sich zu 
Aegina. Allmählich ergab sich die Möglichkeit im phigalischen j 
Apollotempel zu Bassä zu graben: Gockerell, Haller, Linckh ^ 
und Foster waren die vier Unternehmer dieser Grabung, denen ] 
nachher noch zwei andre Theilnehmer sich beigesellten. Am 21. Jani ! 
wollte man in Megalopolis sich zusammentrefiPen , und war in der 
That schon am 7. Juli im Stande die Ausgrabung zu eröffnen. 
Stackeiberg bereiste mit Bröndsted auf dem Wege dorthin die nörd- 
liche Seite des Peloponnes: seine Reise ging über Eleasis, MegaraF^ 
Korinth Sikyon Trikala Stymphalos Pheneos Mantinea. Andritzensr 
und wurde sorgfaltig geführt, wie sie denn namentlich auch, von'^'^ 
Pheneos aus, einen Besuch der Styxquelle in sich begriff, deren 
wunderbaren Anblick in Stackelberg^s Landschafts werk dargestellt 
ist; den schmucklos lebendigen Bericht, den Stackelberg*s Tageback 
über diese gefahrvolle Bereisung eines für griechische Natur iii<! 
Mythologie gleich anziehenden, unseres Wissens sonst nicht beschri^ 
benen noch bereisten*), Ortes enthält, haben wir als sprechend« 
Beleg seiner energischen und erfolgreichen Wanderlust bereits ob« 
ausführlich gegeben. 

Unter den Zelten am Apollotempel zu Bassä verlebte noi 
Stackeiberg in den Monaten Juli und August des Jahres 1812 dien 
vollster Beschäftigung genufs- und erfolgreich besetzte Zeit, u 
welcher jenes edle Monument attischer Baukunst und Bildnerei mit 
einer planmäfsigen Sorgfalt, wie sie nur wenig anderen Aasgn* 
bnngen in gleichem Mafs und mit gleichem Erfolge zu statten kam, 
angeschaut, ausgebeutet und in Stackelberg^s Zeichnungen darg^ 



'^) Mit Ausnahme einer ganz neuerdings von Hrn. Ch. Schwik 
aus Stuttgard auf selbstgebahnter Spur dorthin gerlohtetem Rei*^ 
Vgl. Arch. Anzeiger 1851 S. 59. 



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BIOGRAPHISCHES. 305 

stellt ward. Das Werk, in welchem die Frudit seiner Arbeiten dem 
Pnblikam Torliegtj gibt zugleich auch eine lebensTolle Beschreibung 
jener durch Naturgenufs Kunstliebe und Freundschaft verschönten 
Tage, die er wol for die glücklichsten wie für die erfolgreichsten 
seines Lebens zu erkennen berechtigt war. Nachdem dies arkadische 
Leben, den damals yereinten Freunden und der ihnen dankbaren 
Nachwelt nicht minder unTergefslich als den arkadischen Landesbe- 
wohnern die man an dessen Thätigkeit und Behagen Theil nehmen 
liefs, am Ende des Augustmonats seinen Abschlufs* gefunden hatte, 
endete es mit einem Volksfest und mit Vernichtung der bereits on- 
nöthig gewordenen Zur'üstungen. „Ich zündete (heifst es in Stackel- 
berg's Tagebuch) meine Hütte in hellen Flammen auf und weidete 
mich noch herzlich am prächtigen Anblick der letzten Freude die 
sie mir in diesem poetischen Aufenthalt gewährte, und dann sah ich 
sie plötzlich hinter mir verschwinden, wie alle die glückliche sor- 
genlose Zeit unsres arkadischen Lebens**. „Sei mir ein Trost (fugt 
er weiter hinzu) der Spruch der unser ^eivi^Xov gründet: die Frende 
ist nur beständig, wenn sie gestorben in der Erinnerung lebt**. 

Von der phigalischen Ausgrabung aus ging die Gesellschaft nach 
Zante, wo die dort hingebrachten Sculpturen gesondert, geordnet 
und aufgestellt, von Gropius für den bevorstehenden Verkauf be- 
schrieben, von Stackeiberg aber mit aller Sorgfalt zu Vervollstän- 
digung seiner an Ort und Stelle begonnenen Zeichnungen verwandt 
Wurden. Weiter ward dieser Aufenthalt mannigfach von den dort 
Vereinigten Freunden benatzt. Das Grab des dort beerdigten 
. Koes ward mit einem Verse der Ilias^) bezeichnet, den Stackeiberg 
bei Troja in sein Taschenbuch gezeichnet, zu seiner eigenen Grab- 
ftchrift sich ausersehn hatte. Bröndsted ging nach dem südlichen 
Peloponnes, wo er geplündert ward, und trat nächstdem seine 
Hückkehr nach Dänemark an "O. Linckh ging nach Ithaka und stellte 
dort Grabungen an; eben dahin folgte ihm Stackeiberg, der, wie sein 
^andschaftswerk zeigt, dieser Insel, wie auch dem benachbarten 
ICephallenia, einen längeren Aufenthalt widmete. Erst gegen An- 
fang des neuen Jahrs 1813 kehrte er über Missolonghi und Patns 
Stach Athen zurück. 

Hier sollte ihm nun noch der letzte und verhängnifsvollste Theil 



*) Hat denn keiner von Stackelberg*s noch lebenden Freunden 
«liesen Vers (11. 22, 304?) aufgezeichnet, oder kann sonst jemand, 
^er von des frühverstorbenen Koes Grabstätte (aof dem Militär- 
Kirchhof zu Zante) Kenntnifs nahm> diese Stelle unsres Berichtes 
ergänzen? 

'') Worüber Bröndsted*s mehrgedachte, zu Kopenhagen 1844 in 
^wei Theile von N. V. Dorph mit vorangestellter Biographie Brond- 
%ted*8 herausgegebene, „Reise i Graekenland** ausführlich handelt 



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306 STACKELBBRG 

seiner griechischen Keise bevorstehn. Den Winter sahen die, mit 
Ausnahme Bröndsted*s, wieder vereinten Freunde in beharrlichef 
Fortsetzung ihrer Stadien , dem Abschlnfs derselben und damit ver- 
knüpfter Heimkehr mehr als nenen Unternehmongen zugewandt, 
schnell verstreichen; von nachhaltigen Bindracken desselben finden 
wir antiquarisch die Grabungen North*s im Zeastempel za Olympia, 
bei denen Reliefs mit stehenden Göttergestalten und allerlei Rö- 
misches zum Vorschein kamen, in Bezug auf südliche Rindracke der (i 
Tanz im Theseastempel am spat, gegen Ende Aprils, gefeierten 
Osterfeste hervorgehoben. Für Stackeiberg war das Gelingen seiner 
Stadien über Griechenland, insonderheit «seiner landschaftliches 
Zeichnungen, zum mafsgebenden Umstand für eine durchgängige k 
Bereisung jenes Landes geworden, und obwohl jede sonstige Erwa- 
gang — die allmähliche Aaflösang seiner Reisegesellschaft, die Er- 
innerung an die Seinigen, sein grofser und wenig geordneter Kosten- 
aufwand — zur Heimkehr ihn drängten, so vermochte er doch Grie- 
chenland nicht zu verlassen, ohne die von ihm noch anbesuebt 
gebliebenen Theile desselben, namentlich Böotiens und des Pelo- b^ 
ponnes, gründlich bereist zu haben. Zu diesem Behuf trat er am /^^ 
6. Mai 1813 ohne andre Reisebegleitung als der seines Dienen Ihjq 
Dimitri eine Reise an, welche von Theben and Lebadea anhebend W 
die Umgegenden des Helikons und Parnasses ihm vorführte, voi te 
Delphi aus aber, über den Golf nach Patras gewandt, in den Pelo-Le 
ponnes ihn versetzte. Von Patras aus wurden Olenos und Megt- men 
spileon, Psophis, Pyrgos und Olympia besacht; annehmliche Aoh iga 
grabangen, die der Consul Strane in Patras zu Olympia gemeinsaa eise 
za unternehmen ihm vorschlug, lehnte er ab, obwohl es an dortiges |^ e 
Fanden — namentlich diei Helme , in Pirgo verkäuflich , einer da- 
von ward behandelt und mag der nächstdem von Bröndsted erläu- 
terte mit dem jvQccvtcTioxvfias sein — gerade damals nicht fehlte Niki 
Ferner wurden Herea, Thelpnsa, Gortys, Megalopolis, Kalamtti ^ij 
besacht; an letzterem Orte rüstete der russische Consal Comeli« Eck 
zur ferneren Reise ihn aus. Die Landspitze Tänaron war samt d« i^^ 
Westküste Lakoniens and der ganzen Umgebung des Taygetongebiifi bwo 
das natürliche Ziel dieser Reise, und einen so beträchtlichen ak|ettu 
gefahrvollen Theil derselben legte Stackeiberg auch zurück; du 
Land der Mainotten vermochte er, empfohlen an einen ihrer yo^ 
nehmsten Häuptlinge Murzino, den er am 16. Juli in seiner Boig itran 
zu Kardamyle aufsuchte, in den Kreis seiner Anschaaong aofin^ |(rgs 
nehmen; weiter jedoch za gehn ward theils aas Besorgnifs vor dtf jicji 
Pest, theils in der Abneigung aufgegeben eine so gefahrliche Reift ^ , 

ohne einen der Freunde fortzusetzen. Ohnehin kostete es Mnhe t 

in dieser durchaus rauberhaften Gegend — Brondsted*s Uhr i 
Tittoring nahm er, bei gütlichem Verkehr von ihm wieder erkaiali Lse 



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BIOGRAPHISCHES. 307 

m Räuber ab der jenen Freand früher hier aasgeplandert hatte — 
Ibst bis nach Sparta za gelangen. Jener gefahrvolle Uebergang 
n Kalamata aber das Gebirg nach Sparta, dessen genauere An- 
ben deshalb auch in der französischen Karte Morea*8 fehlen *), 
trd, da sein mainottischer Beschützer ihn sicher stellte, von Stackel- 
rg gewagt und zurückgelegt, so jedoch dafs er nicht nnr eine 
loberbande za durchschreiten, sondern auch die grafslichsten An- 
icke ihrer zum Theil noch am Wege liegenden Opfer zu bestehen 
.tte. Glücklich indefs ward Sparta von ihm am 24. Juni erreicht, 
y er eine Woche lang verweilte und zeichnete; nachstdem Tegea 
id, mit Lerna, Tirynth, Mykena, Nemea, die Umgegend von Argos, 
dann Epidauros, TrÖzen und Kalaurea; die Rückkehr über Aegina 
ich Athen erfolgte am 25. Juli. Hier genossen Haller und Cockereli 
ndliche Abgeschiedenheit im Olivenwald, der Stackeiberg noch 
nige Wochen im Genufs der Natur, der Kunst und der Freund- 
ihaft sich anschlielsen konnte; Linckh war mit Gropius vorher nach 
onstantinopel gegangen, wo er die Pest zu bestehen hatte und 
l>erstand. Von einer schweren Krankheit ward in Athen auch 
ockerell befallen; als kaum Genesenden verliefs ihn Stackeiberg, 
idem er am 21. September Athen verliefs um auf möglichst geradem 
'ege in seine Heimath zurück zu kehren. Haller gab ihm das G«* 
it bis Dekelia; von dort aus wandte sich Stackeiberg, nur von 
ineni Diener geleitet, nach Negropont, Aulis und Trikieri. Da 
aen weiteren Landweg zu machen durch die Pest unräthlich blieb, 
sah er in jenem unheimlichen Hafen nach einem Fahrzeug zur 
dise nach Salonichi sich um und fuhr am ersten Oktober im ersten 
4i er fand, des widerwärtigen Aufenthalts müde, von dannen. 

Dieser Entschlufs trug ihm die schwersten Folgen: die Barke 
Leb, in Art saumseliger Küstenfahrer, bereits vier Stunden von 
rikieri, unter Tisaro liegen, und als Stackeiberg, dem Scbiffer 
iXstrauend, bereits entschlossen war zu Lande nach Trikieri zu- 
ick zu gehn, befand er sich am Morgen des zweiten Tags in den 
änden von Piraten, deren Nähe und Ankunft sein Schiffsmann, 
»^ohl der Küste ganz nahe, erst in dem letzten, für jedwede 
sttung verspäteten, Augenblick, ihm wissen liefs. Die Räuber, 
Yes Fanges froh, forderten für dessen Freilassung die ungeheure 
:imme von 60000 türkischen Piastern und sandten mit dieser For- 
^Tung einen Boten, dessen Vater aU GeiXbel zurückblieb, an Stackel- 
ergs Freunde nach Athen; ihn selbst schleppten sie unterdefs erst 
^ch der Insel Pondikonisi „der Mäuseinser*, einem zwischen EubÖa 
lad der thessalischen Spitze gelegenen an Höhlen und Verstecken 



^) Noch im Jahr 1837, in welchem ich ihn zurücklegte, galt 
l^eter Weg für ungangbar. 



308 STACKELBRR6 

reichem Orte, wo man zur Theilung der Beate schritt, dann auf 
eine Nebeninsei von Skiatho den Thermopyien gegenüber , wo man 
in ein Kloster ansznsteigen und dessen den Räubern befreundete 
Mönche zu sprechen ihm gestattete. In ähnlicher Weise krenzten 
die Räuber, zom Theii unter Stürmen nnd unter Behandlungen denen 
Stackeibergs Gesundheit bald unterlag, an den Landungsplätzen 
oberhalb EubÖa^s umher und waren zuletzt auf Leukonisi nnweit 
Mandusi angelangt , als etwa nach vierzehn Tagen athenische Bot- 
schaft anlangte. Haller, der mit einem Dragoman zu Stackelberg^s 
Befreiung persönlich herbeigeeilt war> hatte bereits mehrere Tage 
nach einer Spur yon ihm gesucht, als ein freigelassener Schiffer, ' 
durch Schuhe erkannt die er aus Stackeibergs Beute an sich trag, ; 
ihrer ansichtig und als Wegweiser zu den Piraten gebraucht ward. ; 
Trotz der Gefahr selbst gefangen zu werden eilte Haller zu seinem 

■ 

unglücklichen Freund; Stackeiberg, an Kräften erschöpft, vermochte ! 
hinsinkend die Freude des Wiedersehens so wenig zu ertragen dafii ! 
selbst einer der Räuber ihm zurief: „hüte dich, es stirbt der Mensch j 
auch Yor Freude**. Die Unterhandlung jedoch schien unüberwind- j 
liehe Hindernisse zu finden: yon 4000 Piaster die Fauyel anfangs 
für seine Befreiung geboten hatte, gelangte man bis auf 11000 welche 
den Räubern jedoch immer noch nicht genügten. Man trennte sieh [ 
zornig, und Stackelberg*s Behandlung war fühlbar schlimmer ge- 
worden, als plötzlich im Laufe der nächsten Nacht sein Geschick 
eine günstigere Wendung nahm. Eine türkische Fregatte war den 
Piraten seit mehreren Tagen auf der Spur; die Furcht vor derselben 
machte ihre Forderungen bescheidener, sie waren zu Haller anii' 
Land gegangen und hatten s^in letztes Gebot angenommen. Narr 
ein Mäkelgeld ward obenein für den Hauptmann der Räuber begehrt; r 
Stackeiberg mufste seinen Freunden deshalb schreiben und that tsn 
auf einem Papier, in welchem er ein Stück seiner zum Theil Ur* 
Patronen verbrauchten Zeichnungen , ein Schnitzel seines Panorama'm^ 
der Gegend von Patras, erkannte. Hierauf erfolgte" die Zahlon;.'!^^ 
unter einem Felsensturz der euböischen Küste fand Haller die Gel^* '^ 
sacke schleppend ohne Begleitung sich ein, an einer Stelle wo du 
verabredete Rauchsignal durch das auflodernde Feuer vier gebratener 
Lämmer gegeben ward. Die Zahlung erfolgte; nur kostete es nadi- 
her noch Mühe die wiedererkaufte Freiheit Stackelberg*8 vor der 
Räuber Gastlichkeit zu schützen: während sie mordlustige Lieder 
— vierzig Räuber auf dem Olymp, 40 kalte Nächte — sangen, sollte 
ihr Gast nun auch nicht ungespeist und nicht unrasirt von dannei 
gehen: letzteres wenigstens mufste er sich von einem der Räuber 
geduldig gefallen lassen^ und fühlte dann endlich, dieser dämonisches 
Umgebung entrückt, sich in Freiheit. Ans Land gesetzt ward er 
nach EJleniko und Xerochori mühsam fortgeschafft; einige Rast war 



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BIOGRAPHISCHES. 309 

seiner Gesandheit nothwendig, ehe er an weitere Reise denken 
konnte > nnd war aach zor Wiedererlangung seiner Papiere und 
Zeichnungen nothwendig. Diese waren bei Stackeibergs Gefangen- 
nehmang dem Schififer übergeben worden nnd worden nnn aas 
Demochori wieder zarückgehoit; Gemmen und Münzen seines Be- 
sitzes hatte Stackeiberg für besonderes Geld yon den Räabern zu- 
rückerkanft. 

Seine Gesundheit herzasteilen, seine Schulden zu ordnen und 
seine Heimkehr neu vorzubereiten ging Stackeiberg nun nach Athen 
zurück, wo Cockerell, unterdefs wieder genesen und blühend, den 
erschöpften und neu erkrankten Freund zuerst wieder aufnahm. Zur 
Regelung seiner Angelegenheiten handelte es sich zuerst um Tilgung 
der Schuldenlast, welche durch hohen Zins und sonstige Nebenaus- 
gaben bis auf 14500 Piaster gestiegen war. Zur Deckung dieser 
Summe wandte sich Stackeiberg an die russische Gesandtschaft in 
Konstantinopel; der damalige Chef derselben war nicht nur durch 
Stackeibergs noch in Konstantinopel verweilende Freunde, Gropius 
und Linckh, und durch den schwedischen Gesandten von Palin, als 
Hieroglyphenforscher bekannt, dessen Anhänglichkeit für Stackeiberg 
noch später in Rom sich bewährte, sondern durch seine eignen 
persönlichen Eigenschaften zum thätigsten Eifer für Stackeibergs 
Sache gestimmt. Herr von Italinsky, welcher, des geringen Rufs 
unbeschadet den seine Erklärungsversuche Tischbein*scher Vasen 
geniefsen, als wissenschaftlicher und wohlwollender Diplomat im 
Orient und noch später in Rom die verdienteste Achtung genofs, 
that sein Möglichstes um in einem der allgemeinsten Theilnalime 
versicherten Fall einen Ersatz des ganzen Verlustes Seitens der 
Pforte zu erwirken. Die Monate welche vergingen bis eine Ent- 
scheidung hierüber erfolgte, wuTste Stack elberg, von seinem in den 
Regionen der Kunst alsbald wieder heimischen und durch sie neu 
gestärkten Naturell unterstützt, durch neue und schöne Beschäfti- 
gungen zu täuschen: er zeichnete manche vorher ihm entgangene 
antike Denkmäler, nahm Landschaftliches neu in seine Mappen auf 
und entwarf ein Bild, Orithyia*s Raub durch Boreas darstellend, 
mit dem landschaftlichen Hintergrund der Ilissosufer. Im Januar 
1814 wurden durch Italinsky 18000 Piaster in Livadia angewiesen; 
das Geld mufste persönlich eingeholt werden, Stackeiberg begab 
sich zu diesem Behufe in Cockereirs Begleitung dorthin. Auch die 
athenische Geselligkeit bot ihnen noch einige Monate hindurch manche 
neue Erscheinung: sie hatten die Genugthuung, einen Verein grie- 
chischer Philomusen, mit bestimmten Zwecken für junger Griechen 
Bildung, gewissermafsen als eine Frucht ihres eignen Vereins, er- 
stehen zu sehn und begaben sich dann im Anfange des April nach 
Zante, wo zu bevorstehender Versteigerung des phigalischen Frieses 



310 STACKBLBERG 

die am denselben verdiente Reisegesellschaft, Linckh, Haller nnd 
Foster mit einbegriffen, noch einmal sich zasammenfand; anch Hen 
Bargon^ unter den athenischen Alterthamsfrennden jener Zeit einer 
der sorgsamsten nnd glücklichsten, war aaf der Rückkehr Ton 
Smyrna, wo er sich verheirathet hatte, nach England anter ihnen. 
Die Versteigern ng fand am I.Mai statt; der pbigalische Fries ward 
dem Prinz Regenten zugeschlagen and zar Einschiffung nach Eng- 
land bestimmt« Zwei Tage daraaf schiffte Stackeiberg nach Triest 
sich ein; er yerweilte einige Tage in Cefallonien, wo eben Major 
Bosset sich antiquarisch bethätigte, hielt sieben Tage dalmatische 
Quarantäne zu Lissa um Spalato zu sehn, besuchte Pola und er- 
reichte am 8. Juni Triest, Ton wo aus er über Wien seinen Rück- 
weg in die Heimath nahm. 

Nach vollendeter griechischer Reise kehrte er zuerst in seine 
Heimath zarück und verlebte zwei Jahre bei den Seinigen. Aach 
St. Petersburg besuchte er and fand auch in der kaiserlichen Familie 
Anerkennung; alle Ehre die ihm dort erwiesen ward galt ihm jedoch 
nar als Mann von Stande, als Reisendem und als Künstler, dagegen 
die dortigen Gelehrten weder damals sich um ihn und seine griechi- 
schen Anschauungen gekümmert zu haben scheinen, noch auch später- 
hin, etwa durch akademische Ehren, sich ihm höflich erwiesen — , 
ein Verhältnifs welches um so mehr zu bedauern bleibt, je mehr 
Stackeiberg nach den Opfern , die er mit Geld und Gesundheit for 
seine Reisezwecke eingesetzt, und nach den Kunstschätzen die er 
in seinen Portefeuilles heimbrachte eine weitere Förderang aas 
Staatsmitteln eben so sehr hätte beanspruchen als bei gestörten Finanzen 
brauchen können. Weit entfernt dergleichen zu suchen wäre er selbst 
zwar, mit aller Unabhängigkeit eines wahrhaften Edelmanns, eher 
spröde gewesen Subsidien anzunehmen. Die Veröffentlichung des 
phigalischen Frieses , die bereits in Gedanken ihm lag und zu einem 
kaiserliclien Prachtwerk sehr wohl sich geeignet hätte, betrieb er 
in einem nicht minder freigebigen Sinn als eigene nächste Aofgabe 
seines sofort zu erneuenden Aufenthalts in Rom. Dorthin im Jalir 
1816 zurückgekehrt gehörte er zunächst einem Stamm früherer Freunde: 
bereits seit dem ersten dortigen Aufenthalt ihm befreundet standen die 
Gebrüder Riepenhausen ihm nahe, von seinen griechischen Reisege- 
nossen fand er mit Linckh, mit BrÖndsted erst später sich dort za- 
sammen; sehr bald, schon im Jahre 1817 fand in gesandtschaftlicher 
Stellung auch Kestner zu Rom sich ein, wo Stackeiberg bereits 
neun Jahre früher Freundschaft mit ihm geknüpft und mit einem 
römischen Landschaftsbild der Aussicht von Villa di Malta ihn ent- 
lassen hatte, auf welchem man die beliebte Staffage zwei einander 
umarmender Freunde als wohl erfüllte Weissagung nachmals oft Ton 
neuem betrachten mochte. Einer der schönsten Orte Roms, die ge- 



BIOGRAPHISCHES. 311 

daclite Villa di Malta, bot wiederam eine Zeitlang ihnen gemeinsane 
Wohnang dar, bis die Ankunft des zeitweilig durch Kestner ersetztes 
hannoverschen Gesandten Freiherrn Ton Reden jene Räume in Ab« 
sprach nahm. Der Aufenthalt dieses trefflichen Mannes und seiner 
hochachtbaren Familie in Rom gereichte seitdem, yon den Hohes 
des Monte Pincio aus, den gedachten Freunden sowohl als auch dem 
sonstigen Publikum deutscher Kunstfreunde und Künstler zu einem 
anziehenden und yieUach erspriefslicl^en Mittelpunkt — , einem Mittel- 
punkt, welchem mit nicht geringerer Anziehungskraft, für Gelehrte 
zumal und für die in christlicher Richtung erneute Kunst, Niebubr*s 
enggezogener Kreis im Marcellustlieater und Bunsen*s kapitolinische 
Gastlichkeit erst etwas spater sich beigesellten. Die Hausgenossen« 
Schaft Kestner*s, welche Stackeiberg hiedurch yerlor, ward ihm 
durch Zusammenleben mit seinem griechischen Reisegefährten Linckb, 
einer oft humoristischen Künstler- und Dilettantennatur, bis zu Linckh*s 
Verheirathnng im Jahr 1826 ersetzt. 

An der yielseitigsten Anregung zu gewählter Geselligkeit, Viel- 
fachem Kunstgenufs und fortgesetzter Kunstübung konnte es unter 
solchen Umständen nicht fehlen, woneben jedoch, langsam gepflegt, 
auch der phigalische Fries trotz Wagner*s rasclf edirter Umrisse 
desselben ihn beschäftigte. Der Wunsch seine vortrefflichen Zeich- 
nungen dieses Frieses mit einem nicht ganz ungenügenden Text zu 
begleiten, führte ihn auf antiquarische Studien, denen gleichzeitig die 
Lesung von Creuzer*s Symbolik eine eigenthümliche, durch mannigfache 
Anregung das phigalische Werk sehr verzögernde, Richtung gab. Die 
Erscheinung dieses Werks endlich zu beschleunigen mahnte Kestner, 
mitwirkend aufs treulichste; doch fand der in Stackeiberg neu erwachte 
Drang zu gelehrter, namentlich mythologischer, Sacherklärung der 
yon ihm gezeichneten Kunstwerke überdies neue Nahrung durch neu 
befreundete Theilnehmer gleicher Studien. Im Spätherbst des Jahres 
1824 langte Panofka zu Rom an und machte als jugendlich regsamer 
neuer Gast um römische Geselligkeit wie nm dortige Alterthumt- 
forschung sich verdient: namentlich wufste er mit Stackelberg, 
Kestner und mir abendliche Zusammenkünfte inKestner*s Behausung auf 
dem Pincio zu gemeinsamer Lesung des Pausanias zu veranstalten. 
Diese Lesungen wurden zwei Winter hindurch beharrlich fortgesetzt, 
nur dafs sie kurze Zeit mit Lesung des Hygin , dann und wann auch 
mit Berathungen über den Text zum phigalischen Apollotempel 
wechselten. Ein so häufiger Verkehr mit apollinischen Heiligthümem, 
Kunstwerken und Sagen mochte es denn auch sein, der dieser kleinen 
archäologischen Genossenschaft alsbald zur doppelsinnigen Benen- 
nung römischer Hyperboreer yerhalf. Wie hierauf die gedachte G^ 
nossenschaft in einem mehrere Jahre hindurch gepflogenen täglichen 
Umgang sich mannigfach gefördert empfand, ward auch Stackeiberg 



312 STACKELBKRG 

Ton der Zerstreuung werther Geselligkeit fortan, bb zu seiner Ab- 
reise von Rom, mehr nnd mehr auf ernste Verfolgung kanstgeschicht- 
lieber nnd knnsterklarender Stadien, auf endliche Ansbeotang seiner 
Reisefruchte und auf die Beseitigung der Obliegenheiten gefahrt, 
die ihn an einer längst yerhofften und zugesagten Heimkehr zu den 
Seinigen hinderten. Was ihn hierin unterbrach, war seinen mehr and 
mehr erkannten Lebenszwecken in deren Gesamtheit grÖfstentheils 
forderlich: so, aufser den täglichen spazierend bereicherten Anschan- 
ungen Roms, eine im Sommer 1825 mit Kestner nnd Panofka unter- 
nommene zweimonatliche Reise nach Sicilien, dann und wann Streife- 
reien in Roms Umgegend, Ton denen die im Herbst 1826 auf dem 
Monte CaTo unter Gewitterschauern mit Kestner und mir yollführte 
ihm yielleicht am eindrücklichsten blieb, zuletzt im Maimonat des 
Jahrs 1827 eine mit denselben Freunden ins Etruskerland unter- 
nommene Reise, die über Corneto, Orrieto, Chiusi, Perugia, Gubbio, 
Urbino, Rieti geführt binnen kaum drei Wochen uns zwanzig und 
etliche Städte, voll reicher Ausbeute für Alterthum Kunst und Natur, 
zu sehen gab. 

Schwerere Unterbrechungen hatte über Stackeiberg auf der RBcIl- 
kehr von seiner sicilischen Reise eine in Neapel bestandene tÖdt- 
liche Krankheit gebracht, von welcher er zwar unter Kestner's auf- 
opferndem Beistand^) allmählich genas, ohne jedoch, nach desselben 
Freundes Versicherung, seine frühere Gesundheit und Frische je 
wieder zu erlangen. Mittlerweile reiften seine Arbeiten sehr all- 
mählich, und während das vorzugsweise erstrebte Ziel, die Heraus- 
gabe des Apollo tempels, trotz gesteigerten Umfangs nnd unaufhör- 
licher Feilung des Textes endlich erreicht zu haben ihm und dem 
hülfreichen Kestner zu grofser Genugthuung diente, sonderten ans 
den unerschöpflichen Mappen seiner griechischen Reise allmählich 
die Materialien noch anderer unabweislicher Werke sich aus — , die 
Denkmäler hellenischer Gräber, die landschaftlichen Ansichten grie- 
chischer Natur, nebenher und zunächst selbst die neugriechischen 
Trachten. Diese letzteren rasch ins Publikum gelangen zu lassen, 
war ein durch die grofsen Geldaufopferungen des phigalischen 
Werks yeranlafster glücklicher Gedanke Kestner*s: zur Camevals- 
zeit des Jahrs 1825 erfolgten die ersten dieser Blätter nnd fanden 
im kunstgebildeten Publikum der Besucher Roms den erwünschtesten 
Beifall. Die ferneren Zeichnungen zum Behuf des Stichs auszuführen 
und diesen wie dessen farbige Ausführung demnächst zu überwachen; 
gewährte unserem Freund eine behagliche, im Ganzen wohlthätige 
und gedeihliche, obwohl neben andern Obliegenheiten und neben 



') Während sechs Wochen» schreibt Kestner: „in denen ich 
Öfter bei Nacht den Mond als bei Tage die Sonne sah.** 



BIOGRAPHISCHES. 313 

dem Drange zur Heimath nicht leicht yerschmerzte , Besehaftignng. 
Manches Andere, immer Schönes nnd seinen besten Zwecken Er- 
spriefsliches, fesselte zeitraubend ihn gleicherweise: so die ägyp- 
tischen Alterthumer, welche sein vormaliger Diener auf griechischen 
Reisen, der Grieche Demetrio Papandriopolo , zn mehreren malen 
nach Rom einführte nnd, bevor Dodwell nnd andre Kunstfreunde sie 
sahen, ihm nnd Kestnern zur Auswahl der zierlichsten Gegenstände 
uberliefs; so die Zeichnung und Erklärung einer nachher durch 
Rochette bekannt gewordnen bronzenen Cista mit der Darstellung 
Ton Achills blutigem Todtenopfer für Patroklos; so die bei Lesung 
des Pausanias veranlafsten Herstellungsversuche der Throne des 
amykläischen Apoll und des Zeus von Olympia; so seit dem letzten 
Jahr seines römischen Aufenthalts das mythologische Gedicht dem 
unsre obige Notiz galt; so endlich auch, (nachdem Panofka bereits 
im Herbst 1825 seinen römischen Aufenthalt mit einer Stellung bei 
dem Herzog von Blacas in Neapel und Paris vertauscht hatte^ Gerhard 
seit dem August 1827 nach Deutschland verreist war), die in seinem 
Freundeskreis nur von Kestner getheilte, von diesem aber auch 
um so eifriger geforderte, Entdeckung und Zeichnung tarquinien- 
sischer Grabgemälde des entschiedensten Kunstwerths. Das volle 
Bewufstsein der Wichtigkeit jenes für spätere Entdeckungen ver- 
wandter Art mafsgebend gewordnen und durch diese nicht überbo- 
tenen Fundes, eines Fundes dem die schon von Winckelmann emsig 
verfolgte Spur altgriechischer Malereien aus Gräberwänden Etruriens 
zum Anlals und Anhalt grofser Kunstanscbauungen geworden war, 
durchdrang beide Freunde, den aller echten Kunst mit enthusias- 
tischer Liebe zum Schönen aller Zeiten und Richtungen zugewandten 
Kestner sowohl, als den bei gleicher Liebe zur Kunst mit einer 
Art Andacht far jeden Nachklang hellenischen Lebens und Geistes 
erfüllten Stackeiberg, mit ruhmwürdigem Eifer — , einem Eifer, den 
sie zunächst vermöge Kestners diplomatischer Stellung zu erfolg- 
reichen Verwendungen für fernere Aufräumung und Erhaltung der 
aufgefundenen Gräber und Wandgemälde, sodann aber auch zur 
Ausführung sorgfaltiger Zeichnungen des ganzen Fundes mit einer 
Wochen hindurch im feuchten Dunkel etruskischer Grabeskammem 
geübten Ausdauer benutzten. Leider sind jene wohl ausgeführten 
Zeichnungen, d€nen beide Freunde demnächst, zugleich mit Ab- 
fassung einer gedrängten Erklärung, oblagen, trotz aller dazu ge- 
troffenen Vorbereitungen unveröffentlicht geblieben; nach München 
gesandt, wo Cotta mit gewohnter Bereitwilligkeit deren lithogra- 
phische Ausführung sofort besorgte, blieben sie langer als billig, 
theils wegen ZÖgerung des Textes theils wegen unerwartet hohen 
Betrags des gehabten Aufwandes, liegen; diesen durch Absatz des 
beabsichtigten Werkes zu decken, war späterhin um so weniger 



314 STACKELBERG 

möglieb, als es an Concarrenz nicht fehlen konnte, um die eine 
Zeitlang ihren Entdeckern yorbehaltenen Wandgemälde zu öffent- 
licher Kenntnifs zu bringen, wie solches nach einem yergeblichen 
Versuch Raoul-Rochette*s theils durch unedirte Zeichnungen franzö- 
sischer Künstler theils durch Micali*8 etruskischen Atlas alsbald ge- 
schah. So blieb dies schön vorbereitete Werk der archäologischen 
Litteratur rorenthalten, die allerdings durch die damalige Schwierig- 
keit des Verkehrs zwischen Deutschland und Rom wie durch die 
oftmals beklagte, einer bindenden Zeitmessung nur selten gewachsene, 
Regellosigkeit römischer Studien manche ähnliche Kinbufsen, nament- 
lich auch Yon Stackeibergs Seite, erlitten hat. 

lieber die Genossenschaft der mit Stackeiberg befreundeten römi- 
schen Hyperboreer noch etwas Näheres als bereits' oben geschah hier 
nachzutragen, dürfte nachErwähnungjener allein yon Stackeiberg und 
Kestner durchgeführten, nicht minder wichtigen als müheyollen, 
archäologischen Arbeit hier um so mehr in der Ordnung sein, als 
dem für seine Freunde nah liegenden Vorwurf, es habe yielleicht 
durch deren yereinte Mitwirkung jene beklagenswerthe Versäumnifs 
des tarquiniensischen Werkes yerhutet werden können, mit allem 
Recht widersprochen werden darf; nicht nur weil ein Theil jener 
Freunde damals abwesend war, sondern auch weil Stackeiberg in 
seiner stets würdigen, selten planmäfsigen , Kunst- und Alterthums- 
forschung auch yon seinen Freunden nicht leicht sich bestimmen 
liefs. Ueberhaupt aber hatte diese löbliche Genossenschaft weniger 
sitzend als peripatetisch sich bewährt; nur zwei Winter hindurch 
zur Lesung alter Schriftsteller yereinigt^ blieb sie nächstdem in er- 
spriefslichster auf Kunst und Alterthum gerichteter Wechselwirkung, 
wozu theils der Vortheil benachbarter Wohnung, theils die Sitte 
täglicher Spaziergänge in Roms weniger als jetzt ausgebeuteten 
oder mifsgönnten Trümmerstätten behülilich war. Kestner, zu dessen 
Rom überragender Wohnung auf der Malteser Villa, dem anfäng- 
lichen Ziel gemeinsamer Lesung und Verständigung, allenfalls auch 
durch eine die Gärten yerbindende Leiter sich gelangen liefs, und 
der in seiner später bezogenen Wohnung in Via Gregoriana den yer- 
einigten Freunden noch näher gekommen war, gewährte durch seine 
schönen Sammlungen wie durch seine Gastlichkeit den dauerndsten 
Anlafs und Mittelpunkt belebter Gespräche über die tagtäglich neo 
yermehrten Gegenstände alter Kunst, wie denn auch persönlich sein 
bei yielseitigster Empfänglichkeit ungetrübter Geschmack den Freun- 
den oft leitend war; seit dem Jahr 1827 jedoch nahm seine selbstän- 
dige diplomatische Stellung, zumal zur Zeit des Fremd enyerkehrs, 
ihn mehr als früher in Anspruch. Stackeiberg dagegen, der sein 
yollgültiges Recht, diesem Öfter zerstreuenden als lohnenden Verkehr 
sich zu entziehen, mit wenig Ausnahmen in Anspruch nahm, war für 



BIOORAPHISCHBS. 315 

tägliche Spaziergänge > aa denen zweimal in der Woche auch der 
Besuch des Vatikans gerechnet wurde, in der Regel bereit, und 
irgend ein wenig beachtetes Monument näher betrachtet, den Sinn 
manches altbekannten schärfer gefafst, oder ein YÖllig ungekanntes 
herrorgezogen zu haben, galt als billige Ausbeute jedes gemein- 
samen Ausgangs. Da man nun überdies Sammler wie Thorwaldsen, 
Dodwell u. A. '") nicht unbesucht liefs, auch den Kunsthandel anfangs 
zwar wenig, allmählich aber mit steigender Aufmerksamkeit beachtete, 
and zu den Neuigkeiten alter Kunst, die Vescoyali oder Capranesi 
hauptsächlich für Kestners Sammlungen zur Stelle brachten, mancher 
Zuwachs Tom Orient und ron Aegypten sowohl als Tom so eben mehr 
und mehr sich erschliefsenden Etrurien her sich gesellte, so blieb 
der Reiz archäologischer Gespräche stets neu belebt; eben so blieb 
er es vermittelst der sporadisch nach Rom gelangten neuen und 
älteren Schriften, welche Stackeiberg für seine zum Druck Torbe- 
reiteten Arbeiten benutzte. Von Haus aus ein Dilettant behielt er, 
auch bei dem Gehalt dessen durch eigenen Eifer und durch seiner 
Freunde Prüfung seine Arbeiten mehr und mehr sich rühmen durften, 
die Freude am sichtlichen Fortschritt, welche der Dilettant vor dem 
regelrecht auferzogenen Forscher gemeinhin voraus hat, und Boten- 
sendungen mit einem neuen, Bildwerke oder Mythen betreffenden, 
evgrixa gingen geraume Zeit hindurch von SaWator Rosa*s Hause, 
wo Stackeiberg wohnte, belehrend oder zu Widerspruch reizend 
in die benachbarten Wohnungen seiner Freunde. 

Der in sich sowohl einverstandenen und zu Herausgabe ihrer 
Arbeiten mehr und mehr ausgerüsteten Genossenschaft einen und 
den andern kunstgerechten Ausdruck ihrer Vereinigung zu geben, 
war zuerst Stackeibergs sinnige Künstlerhand geschäftig. Mit der- 
selben bedeutsamen Zierlichkeit, mit welcher auf dem Titelblatt von 
Gerhardts Antiken Bildwerken die Attribute der vornehmsten Gottheiten 
griechischer Kunstbildang auf Festwagen von seiner Hand zusammen- 
gje^eiht erscheinen, ward die Verbindung des hyperboreischen Greif 
mit der römischen Wölfin von ihm zu der, nachgehends auch einem 
Siegel zugewandten, Gruppirung gestaltet, welche in meiner 18126 
zu Fiesole durch Fr. Inghirami gedruckten Venere-Proserpina der 
Zueignung dieser Schrift an die hyperboreisch-römisehen Genossen 
zur Vignette dient. Während nun der hiedurch angedeutete archäo- 
logische Bienenstock auf Monte Pincio in Stackeibergs Apollotempel 
und Hellenengräbern, Gerhards Arbeiten für Vatikansbeschreibung 
und die antiken Bildwerke, Panofka*s Vasi di premio und Museo 
Bartoldiano, in Kestner*s ausgewähltem Antikenschatz und darauf 



*") Der früheren Sammlungen, namentlich Poniatowsky*s und 
ßartholdy*s, zu geschweigen. 



316 STACKELBKRG 

bezuglichen Erläaterungen , im oft besprochenen Polygnot der be- 
freundeten Gebrüder Riepenhausen und in manchem Torübergebend 
durch des Griechen Demetrio Einkäufe wie durch M. A. Lancias 
und des enthusiastischen Hieroglyphikers Palin**) zur Besprechung 
gebrachte Denkmäler, etliche Jahre hindurch seinen ergiebigen Spiel- 
raum gehabt hatte, kam den yereinigten Freunden die Erscheinung 
eines Ton Panofka ihnen zugefuhrten auswärtigen Kunst- und Alter- 
thumsfreundes, des Herzogs von Luynes, in Rom gar wohl zu statten, 
der in zwei rasch auf einander gefolgten Reisen nach Unteritalien 
die Materialien seines Werks über Metapont und seiner eindrin- 
genden Forschungen über grofsgriechische Münzen eben sammelte. 
Kunst- und Alterthumsfreund mit einem fein ausgebildeten und, wie 
bei Stackeiberg, zugleich reproductiyen Gefühl für echt griechische 
Kunst, deren Bauwerke und Münzen er zum besonderen Gegenstand 
seiner Studien erwälilt hatte, war er es hauptsächlich, welcher in 
Hinblick auf die tagtäglich sich mehrenden Funde und Forschungen 
die Publikation auserlesener Denkmäler künftighin mit vereinten 
Kräften, in würdigster^ Ton yerschiedenen Ländern Europa*8 her za 
unterstützender, Weise und in geregelter periodischer Form zu unter- 
nehmen ermuthigte. Mittel und Theilnehmer hiezu beiznschafifen 
blieb allerdings ein Gegenstand längerer Berathung; es schien bereits 
Tiel gewonnen , wenn es gelang zunächst ein Heft von zwölf Platten 
in klein Folioformat als „Monumenti della Societk Iperboreo-Romana'* 
ans Licht zu stellen, wie solches, yon Stackeiberg mit den Zeich- 
nungen der Achilles-Cista (Leichenopfer für Patroklos) ausgestattet, 
in der That auch zu München in Cotta*schem Verlag ausgerüstet 
ward, nächstdem aber nur in den ersten zwölf Abdrücken zur Ver- 
breitung gelangt ist. Bald jedoch erschien diese Ausstattung unge- 
nügend; umfassend und kunstgerecht, zumal von Rom aus^ sie zu 
begründen, bedurfte es anderer Kräfte und Mittel als aach der 
wohlwollendste Verleger sie zu verbürgen im Stande war; erst da- 
durch dafs man auf Societätskosten zu publiciren und zum Behuf 
dieser Publikation eine erweiterte Societät zu gründen bereit war, 
gelangte man endlich zum Ziel. Die entscheidenden Vorschläge 
hiezu verdankte man, zugleich mit dem Anerbieten eigner werth- 
voller Kupferplatten> dem Herzog von Luynes : dafür und dafs dieser 
stets mit geschmackvoller Einsicht leitende Kunstfreund auf dem 

*0 Vormals schwedischen Gesandten in Konstantinopel, von wo 
aus er mit Stackeiberg Troja bereiste und wo er, wie oben bemerkt, 
auch nach dessen Gefangenschaft thätig füj* ihn wirkte; in seinen 
späteren Lebensjahren als antiquarischer Eremit auf Villa di Malta 
wohnhaft und hochbetagt von mehrfacher Bereisung Aegyptens glück- 
lich dorthin zurückgekehrt, ist er in diesem schönen Asyl zuletzt ein 
Opfer römischer Mordlust geworden. Was ist aus seinen schönen 
Sammlungen geworden? 



BI06RAPH1SCHBS. 317 

gröfseren Format bestand, welches er, baaptsächlich in Widerspmoh , 
mit Miiiingen's Ansicht, auch späterhin für die Monnmenti dell* 
Institoto in mehreren schwierigen Krisen des Instituts hartnackig 
festhielt, haben alle diejenigen ihm zn danken, welche seitdem die 
mehr als zwanzigjährige Thätigkeit des archäologischen Instituts als 
bestes Unterpfand für die Veröffentlichnng gewählter und würdig 
dargestellter Kunstwerke zu schätzen wissen. Die Gründung dieses 
Instituts ist bald nach dem zweiten Besuche des Herzogs Ton Luynes 
in Rom erfolgt; begünstigt durch Gerhardts im Anfang des Jahrs 1838 
erfolgte Rückkehr nach Rom wie durch Panofka*s gleichzeitigen 
regsamen Aufenthalt in Paris ^ ist es hauptsächlich durch des da- 
maligen Kronprinzen, jetzigen Königs, Ton Preussen Erscheinung in 
Rom und durch Bunsen*s energische Leitung ins Leben gerufen 
worden, ohne doch alle diejenigen welche einen solchen Unternehmen 
am wirksamsten vorgearbeitet hatten, namentlich Stackeiberg, sa 
seinen thätigen Theilnehmern zählen zu dürfen *'). Für diesen 
schlofs allzu bald die bisher so glücklich gepflegte Alterthumsfor- 
schung sich ab ; die großen Funde Etruriens hat er in ihren Anfangen 
zwar gesehen, aber etwa zur Zeit des Processes schon damit auf- 
gehört > den Lucian Bonaparte und Hofrath Dorow über die ersten 
Vorläufer des unterirdischen Kunstreich thums yolcentischer Grabungen 
führten. Seine geistige Richtung war von den täglichen Eindrücken 
der klassischen Welt abhängig: sie konnte nicht gewinnen sobald er 
von Winckelmanns Boden zu jenen kunstweisen Landen und Menschen 
yerlockt ward, zu denen unter der Firma nnsres „ideenreichen 
Nordens** damals noch Böttiger einlud. 

Als Stackeiberg im Spätsommer 18^ einem längst beabsichtig- 
ten Vorhaben gemäfs Rom TerliejQi, bestimmte ihn hiezu aufser dem 
steten und durch yorzeitigen Tod seiner Mutter bedeutend abge- 
schwächten Drange nach seiner Heimath hauptsächlich die Ausfüh- 
rung seiner zu naher Erscheinung mehr oder weniger reifen Werke. 
Nach Vollendung des Werks über den Apollotempel waren es haupt- 
sächlich die landschaftlichen Ansichten Griechenlands und die Gräber 
der Hellenen, welche baldmöglichst yerÖif entlicht werden sollten; 
da aber jenes erstgedachte Werk neben aller sonstigen Mühsal auch 
durch die einem unerfahrenen Privatmann > fern von Mittelpunkten 
des Buchhandels, doppelt fühlbare Einbufse groJben Kostenaufwands 
ihm eindrücklich geblieben war, so ward für den Verlag folgender 
Werke eine Reise nach Norden ihm unerläfislich. Er wandte sich 



*^ Nur ein paar briefliche Mittheilungen Stackeibergs, die ur- 
sprüngliche Bestimmung des Talthybiosreliefs und eine äginetisohe 
Vase in Astragalosform betreffend bezeugen im Jahrgang 1829 der 
Annali Stackeibergs Mitwirkung. 



318 STAGKKLBRRG 

defshalb nach Paris and yerlebte erfreut über die reichen dortigen 
Kunst- und Personaleindrücke dort einige Zeit; eine launige Streit- 
schrift zur Abwehr gegen RaouURochette, (Quelques mots sur nne 
diatribe anonyme. Paris 1830. 8), die mit einer parodischen Vignette 
im Vasenstyl, Eos-Pbeme und Kephalos-Rochette, begleitet*') ist, 
bezeugt in deren selten gewordenen Abdrücken sein« damalige heitere 
Stimmung. Indefs ward sein Hauptzweck glücklich genug yerfolgt um 
«eine landschaftlichen Ansichten Griechenlands — La Gr^ce. Vues 
pittoresques — in gelungener Ausführung, durch einen geachteten 
Verleger unterstützt, alsbald erscheinen zu lassen'^). 

Dem Pariser Aufenthalt folgte ein anderer .mehr wöchentlicher 
in London, dessen Kunsteindrücke zugleich mit dem Wiedersehn 
seines Freundes Cockerell ihn neu erhoben. Nächstdem begab er 
sich nach Deutschland, besuchte Berlin, wo er über den Verlag 
seiner noch übrigen Werke mit Reimer unterhandelte, und verweilte 
dann länger in Dresden, wo es, zumal im Tieck^schen Kreis, an 
Entgegenkommen wie an geistreichem Tagesgespräch ihm nicht 
fehlte : in einem rühmlich bekannten Bild Hrn. Vogel von Vogelstein*s, 
welches den Dichterfürsten umgeben yom gewähltesten Personal seiner 
Gesellschaft darstellt, ist auch Stackeibergs Bildnifs einbegriffen. 
Hierauf fand Stackeiberg im Jahr 1831 zu einem längeren Aufenthalt 
in Mannheim und Heidelberg sich veranlafst, wo als geistreicher 
junger Dichter Freiherr von Ungern-Sternberg der jüngere zu längerem 
Umgang ihn anzog. Die anfängliche Absicht dieses Aufenthalts, die 
Vollendung seiner in Frankreich und Deutschland erscheinenden 
Werke theils zu überwachen, theils durch Erledigung des rückstän- 
digen Textes yon einem centralen und behaglichen Wohnsitze aus 
zu beschleunigen, ging indefs langsam von statten und ward über- 
dies durch manches Mifsgeschick durchkreuzt. Der Text zu den 
Landschaften Griechenlands war, wenn wir nicht irren, noch un- 
Tollendet , als die Pariser Verlagshandlung einer damaligen schweren 
Krise des Buchhandels unterlag. Glücklicher waren die Umstände 
seines deutschen Verlags: sowohl die Gräber der Hellenen hatte Reimer 
zugleich mit den für Stackeiberg als Selbstverlag lästig gewordnen 
Werken, dem Apollotempel und den neugriechischen Trachten, als auch 
eine Fortsetzung dieser letzteren sich willkommen geheifsen. Leider 
jedoch vermochte Stackeiberg, von welchem zunächst der Text seines 
vorzüglich wichtigen Gräberwerks erwartet ward, seine angeborene 
Säunmifs in Deutschland noch weniger als vormals in Rom zu über- 



") Mit den Inschriften 'Pfifti? und ixäs nal xali. Als antik ab- 
gebildet und erklärt, durch eine andre Platte erst später ersetzt, 
in Inghirami*s Vasi fittili I, 13. p. ^s. 

^'*) La Gr^ce. Vues topogr. et pittoresques. Paris 1834. Fol* 



BIOGRAPHISCHES. 31 9 

winden. Ergänzt ward dieser Uebelstand zum Theil darch seine 
Frennde, namentlich durch den in aufopfernder Hingebung seiner 
Geschäftsverwaltung obliegenden badischen Geheimerath , Freiherr 
von Ungern-Sternberg den älteren, welchem Stackeiberg nicht nur 
in Folge einer sehr schweren Krankheit seine Rackfiihmng nach 
Dresden, sondern an diesem, mit Vereinigung seines Bucher- und 
Kunstbesitzes *'') behaglicher ihn empfangendem, Orte in der That 
auch die Erscheinung des Gräberwerkes zu danken hatte: denn 
Sternberg war es, der Stackeibergs niemals sich selbst genügendes 
Zandern hinsichtlich des mangelnden Textes aberwand, indem er, 
Ton andern Freunden Stackeibergs unterstützt, endlich seine Ge- 
nehmigung dafiir erhielt, dafs die vorläufige und dem dringendsten 
BedürfniTs eines so lange yerzögerten Werks genügende Erklärung 
der Abbildungen statt des gröfseren und reiferen Textes erscheinen 
durfte, welcher ohnehin von Stackeibergs Seite wohl schwerlich 
noch hätte erfolgen können. Diesem hatte sein nun bereits mehr- 
jähriger, zwischen Mannheim und Dresden mit stetem Vorbehalt der 
russischen Reise getheilter, durch Kränklichkeit und Geschäftsgründe 
von Jahr zu Jahr verlängerter deutscher Aufenthalt in keiner Art 
wohlgethan: dem Antäos vergleichbar hatte er die Hälfte seiner 
Gesundheit sowohl als seiner Lebenszwecke verloren, seit er des 
gewohnten römischen Bodens und Umgangs entbehrte. Der tägliche 
mit den Genossen seiner besten Bestrebung getheilte Drang römischer 
Arbeiten und Anschauungen war minder erhebenden Oertlichkeiten 
und geselligen Rücksichten gewichen, welche dem gutmuthigen 
Reisenden allzuoft seine besten Stunden raubten, nm einer müTsigen 
Neugier mit Vorweisung seiner Werke dienstbar zu sein. Jede rück- 
standige gelehrte Arbeit trat unter so zerstreuenden Umgebungen, 
wie Mannheim und wie allerdings auch Dresden sie ihm gewährten, als 
halb unmöglich vor ihm zurück; er suchte in Beschäftigungen neu 
sich zu sammeln, welche, wie die sehr gelungenen Zeichnungen neu- 
griechischer Gruppen oder wie die dann und wann neu versuchte 
Beendung des mythologischen Gedichts, in Rom allerdings mit ge- 
ringer Anstrengung in die Mitte erhebender Stimmungen und grÖfserer 
Obliegenheiten ihn zurückversetzt hätten, während Gesundheit, Luft 
und Umgebung nun nicht mehr zureichen wollten. Als wesentlicher 
Fortschritt durfte daher ihm selbst und der unermüdlich fdrsorgen- 
den Pflege des oben genannten treuen Freundes es erscheinen, dafs 
endlich die Reise nach RuTsland^ gegen Ende des Jahrs 1833, ihm 
möglich wurde: dort haben liebende Verwandte, von denen er 



") Dieser gewählte Kunstbesitz ist, als drängende Umstände 
eine übereilte Versteigerung desselben veranlafsten , grofsentheils 
ins Museum zu Dresden gelangt» 



320 STACKBLBERG 

längst erwartet worden war, seine letzten Lebenstage Yerschönt, 
seine Gesondheit jedoch dem Siechtham nicht mehr entziehen können, 
welchem er, Yon den Seinigen gepflegt, zu St Petersburg im Laufe 
des folgenden Jahrs 1834 unterlag. 

Stackeiberg war eine durchaus künstlerische Natur, and wenn 
wir deren wohlthätige Einwirkung auf Darstellung der griechischen 
Kunst, auf die Beurtheilung einzelner Kunstwerke und auf das Ter- 
ständnifs mancher dahin einschlagenden Sage einerseits aufs dank- 
barste rühmen, so yermÖgen wir eben so wenig blind zu sein gegen 
die dilettantische Richtung seiner Natur, welche zugleich mit Eifer 
and Phantasie eine raschere Abmüdung, zugleich mit einem oft be- 
wundernswürdig rasch treffenden Scharfblick eine unzulängliche 
Ausführung^ zugleich mit wohl ausgerüsteten Vorsätzen eine das 
Ziel fast nie erreichende, bald durch ängstliche Feile bald darch 
planlose Zeitabmessung yeranlafste, Säumnifs mit sich führte. Wie 
er yon Haus aus eine achtbare harmonische, aber keine gelehrte 
Bildung in seinen zum Künstlerleben geneigten Lebenslauf einsetzte, 
wie er nächstdem in mannigfachem Wissen , in bildender Kunst und 
Musik mit Glück sich yersuchte, jedes glänzendere Loos aber, 
welches durch edle Geburt, yornehme Verbindungen und persön- 
liche Anmuth etwa ihm offenstand, dem Reiz eines Künstler- und 
Wanderlebens aufopferte — , wie er diesem unbestimmten Drang 
nach steigender Erkenntnifs und Anschauung des Wahren und Schönen 
gemäfs jede yom Lauf des Tages gebotne Belehrung, Anschauung 
oder Aufgabe als Manifestation und Erfüllung seines besten Lebens- 
berufs freudig ergriff, dem „Nützlichen** edelsten Sinnes sofort hin- 
gegeben, ohne nach höher berechtigten und strenger bindenden 
Ansprüchen yor- und rückwärts zu sehen — , so allzeit angezogen 
and abgestofsen zugleich, der Götter Gaben in Glück and Beruf 
yon Tag und Stunde dankbar hinnehmend, hat er in Kunst und Er- 
kenntnifs die Frucht sowohl als auch die Anerkennung, die solcher 
Begabung und solcher Hingebung unfehlbar gesichert schienen, allzu oft 
eingebüfst. Klar und scharfblickend im sinnlichen Reich der Natur 
und der Kunst, ahndangsreich im Gebiet des Gefühls, liefs er eine 
gleiche Schärfe und Klarheit im Reich des Gedankens dann und 
wann sich und Andern zu wünschen übrig und yermochte alsdann, 
was bei erstem Anlauf ihm nicht gelangen war, durch ängstliche 
Feile nicht leicht zu ersetzen. Diese Mühsal der Ausarbeitung, bei 
fortgesetzter Lesung und Nachgrübelung über einen schwierigen 
Stoff durch Bleistiftnotizen am Rand seiner Handschrift oft sehr 
weit getrieben, hat ihm sowohl für sein phigalisches Werk als auch 
für das unyoUendet gebliebene mythologische Gedicht den wesent- 
lichsten Schaden gethan. Hingebende Freunde, wie er seiner an- 
üiii/hreichen Begabang und Mittheilung, mit rackhaltlosem Wohlwollen